NIGHTMARE ALLEY (Roman)
Ein leider etwas vergessenes Meisterwerk des Noir: Düster, brutal und unfassbar ehrlich
Was als allererstes ins Auge sticht, liest man William Lindsay Greshams Noir-Klassiker NIGHTMARE ALLEY (Original erschienen 1946, hier in der Übersetzung von Christian Veit Eschenfelder und Anja Heidböhmer, 2019/22), ist der völlig unverblümte Umgang und die explizite Benennung von Sex. Es wirkt, als wolle der Autor auch stilistisch die Enthemmung nachvollziehbar, geradezu spürbar machen, die seinen Protagonisten Stanton Carlisle in immer gefährlichere Höhen des Betrugs treibt – bis er gleichsam notwendigerweise abstürzen muss. Selbst der große Jim Thompson, mit dem Gresham häufig verglichen wurde und wird, bediente sich allerhand Umschreibungen, als er in seinem 1954 erschienenen Roman THE NOTHING MAN von einem Kerl erzählte, der im Krieg sein Gemächt verlor. Gresham geht in die Vollen und benennt nicht nur den Akt als solchen, sondern auch die dafür notwendigen Körperteile. Man wundert sich, dass dies zu seiner Zeit durch die Zensur kam und wundert sich weniger, dass der Roman als unverfilmbar galt – obwohl er 1947 mit Tyrone Power in der Hauptrolle tatsächlich verfilmt wurde, was dann wiederum verwundert. 2021 nahm sich Guillermo del Toro des Stoffes erneut an und erschuf eine zu lange, aber atmosphärisch dichte Bearbeitung.
Wie so häufig in der populären amerikanischen Literatur – und in jener Art von Literatur, die sich als populär tarnte, um von Dingen erzählen zu können, die Viele lieber ungesagt und unbesprochen ließen – überdeckt die derbe Sprache und das manchmal tatsächlich ordinäre Geschehen der Handlung die tieferliegende Ebene. Man muss, wie eine Art literaturwissenschaftlicher Goldgräber, freilegen, was sich unter der Oberfläche des als Spannungsroman markierten Werks anbietet. Denn spannend ist NIGHTMARE ALLEY achtzig Jahre nach seiner Veröffentlichung nicht mehr wirklich, dafür haben sich das Leseverhalten, haben sich die zu erzählenden Storys und vor allem die Erwartungen an diese Storys tatsächlich zu stark verändert. Aber der Roman bietet eine vortreffliche Analyse und Diagnose der amerikanischen Gesellschaft kurz nach dem Krieg und, wenn man denn die Zeichen an der Wand lesen und verstehen will, auch der aktuellen.
Stanton Carlisle – wahlweise auch „der große Stanton“ genannt; Gedankenleser, Medium, Vorsteher der ‚Kirche der Himmlischen Botschaft‘ sowie vermeintlicher Anhänger der Lehren Ramakrishnas – verdingt sich zunächst auf einem Jahrmarkt, wo er das Grundzeug seiner späteren Karriere erlernt. Zugleich lernt er hier die Unbedingtheit einer Wahlfamilie kennen, die er aber verrät, als es ihm zupasskommt. Gemeinsam mit Molly, einer jungen, sehr naiven Frau, verlässt er den Zirkus nach ein paar Jahren und macht sich auf, an der Ostküste das ganz große Geld zu verdienen. Innerhalb weniger Jahre gelangt er mit seinen Betrügereien in den Besitz eines ansehnlichen Hauses in New York, wo er die oben benannte Kirche einrichtet. Doch all das reicht Stanton nicht, der zusehends gelangweilt von seinem Leben und von der Beziehung zu Molly ist. Er lernt die Psychoanalytikerin Lillith Ritter kennen, die über weitreichende Informationen zu ihren Patienten verfügt und bereit ist, diese gegen eine gewisse Beteiligung am Geschäft an Stanton weiterzugeben. Der wittert seine ganz große Chance, als der Industrielle Ezra Grindle unbedingt Kontakt zu einer Frau aufnehmen möchte, die er einst in jungen Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hatte, die sie nicht überlebte. Diesen Mann zu schröpfen, soll Stantons letzter, größter und einträglichster Coup werden. Ein Meisterwerk des betrügerischen Handelns, sozusagen. Und der geht – nach alter Noir-Tradition – gründlich schief, was bedeutet, dass Stanton alles verliert, begreift, dass letztlich er, der doch alle an der Nase herumzuführen verstand, einem großen Bluff seiner angeblich großen Liebe Lillith aufgesessen ist, und dessen Niedergang dementsprechend furchtbar ausfällt.
Ein Jahr nach dem Krieg erschienen, kündet NIGHTMARE ALLEY von einer Gesellschaft, die aller moralischen Standards verlustig gegangen ist, die sich allerdings, um sich in Sicherheit zu wiegen, gern täuschen lässt. Was auf der Ebene ordinärer Unterhaltung auf dem Jahrmarkt beginnt, setzt sich in höheren Sphären und in Angesicht des großen Geldes unumwunden fort. Stanton ist ein Mann, der gierig nach Geld ist, Punktum. Gresham lässt sein Publikum immer wieder rätseln, was Stantons wahres Motiv ist, ob da mehr dahinterstecken könnte als die reine Gier, macht aber an einigen Stellen im Roman doch über die Maßen deutlich, dass es immer nur der schnöde Mammon war, der diesen Mann angetrieben hat. Allerdings bietet er uns durch die Sitzungen, die Stanton selbst bei Dr. Ritter nehmen muss – sie besteht darauf – immerhin eine Erklärung, wenn er dessen Elternhaus beschreibt, wo Stanton sich unwohl und unwillkommen gefühlt haben mag.
Dass dieser Mann sich schließlich als Hohepriester einer damals in esoterischen Kreisen angesagten „Religion“ ausgibt, zugleich aber bei einer Analytikerin – die Psychoanalyse war in den 40er Jahren in den USA en vogue – auf der Couch liegt und tatsächlich ein „Zauberer“, „Magier“, letztlich also ein Trickbetrüger ist (daran lässt Gresham keinen Zweifel aufkommen, nichts hier ist übernatürlich, nicht einmal ansatzweise), der mit all seinem Zinnober einfach Geld verdienen will, verdeutlicht die Absichten des Romans. Es ist die Bloßstellung der Glaubensgrundsätze einer Gesellschaft, die sich dem Motto des „American Dream“ verschrieben hat, der Idee also, dass ein jeder es schaffen könne, sei er nur bereit hart genug zu arbeiten. Gresham macht sich über alle drei Ansätze lustig – den Glauben als solchen, die Psychologie als rationale Erkenntnisstruktur und die Magie, die dem „einfachen Mann“, für den Stanton Carlisle letztlich steht, vormacht, an diesem Traum vom Aufstieg teilhaben zu können, wohl wissend, dass eben nur sehr wenige es „schaffen“ können. Diesen Weisheiten der amerikanischen Wirklichkeit zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzt Gresham ganz einfache Wahrheiten entgegen.
So sind die wahren Psychologen Zeena und Pete, eine Wahrsagerin und ein Gedankenleser, die Stanton – da noch einfach „Stan“ – unter ihre Fittiche nehmen und ihm das Rüstzeug beibringen, welches ihm später zu seinem Aufstieg verhilft. Sie wissen, wie man Menschen liest, um herauszufinden, was sie beschäftigt, welche Sorgen sie umtreiben. Es ist, das durchschaut der Alkoholiker Pete sehr genau, meist die Angst ihr innerer Motor, es ist die Angst, die die Menschen besetzt, die sie antreibt. Die Angst ist der Schlüssel zu ihren Seelen und Herzen. Und zu ihren Portemonnaies. Zeena ihrerseits kann aus sehr allgemeinen Ansätzen individuelle Eigenheiten ableiten, die es ihr ermöglichen, die Geheimnisse ihres Gegenübers zu erraten. Etwas, das tatsächlich nur in einer weitestgehend konformen Gesellschaft möglich ist. Einer Gesellschaft, wie sie nach dem Krieg noch herrschte und für die kommenden gut fünfzehn Jahre auch noch herrschen sollte. Es sind noch nicht die postmodern extrem individuellen Sorgen und Ängste, die die Menschen beschäftigen, es sind ganz allgemeine, alltägliche.
So entsteht die paradoxe Situation, dass die Betrüger, die Magier, die Täuscher letztlich die Wahrheit ans Licht bringen, wenn sie die kleinen Vergehen ihrer Klienten aufdecken, das Fremdgehen, das heimliche Trinken, die kleinen Steuerbetrügereien. Petes „Code“, mit dem er Zeena die Fragen der Leute kommuniziert, so dass es wirkt, als könne sie deren Gedanken und Sorgen lesen, entzaubert schließlich deren tiefsten Ängste und Geheimnisse. Durch Zauber entsteht Entzauberung. Durch Täuschung gelangen einige zur Wahrheit.
Die andere „Entzauberung“, die im Roman stattfindet und den amerikanischen Grundüberzeugungen aus Glauben, Rationalität und der magischen Erzählung vom Aufstieg entgegengesetzt wird, sind die Ideale des Sozialismus. Man mag es kaum glauben, doch genau so ist es. Zum Ende des Romans hin, der Große Stanton ist wieder Stan und treibt sich wie die Hobos der 30er Jahre auf den Güterzügen rum, trifft er eines nachts auf einen Schwarzen, der gen Norden fährt, um bei eben jenem Ezra Grindle Arbeit zu finden, vor dem Stan seit seinem misslungenen Coup um dessen einstige Liebe fliehen zu müssen meint. Stan probiert bei dem Mann einige seiner billigen Tricks aus, um an dessen geringe Schnapsvorräte zu gelangen, doch lässt der andere ihn durchgehend abblitzen. Er durchschaut Stan und erklärt ihm, dass nicht seine Tricks die Zukunft seien, sondern nur die Gewerkschaftsarbeit, die Vereinigung der Arbeiter, das Zusammenstehen tatsächlich dazu beitragen könnten, dass in Amerika so etwas wie Gerechtigkeit und Partizipation am „Amerikanischen Traum“ entstünden. Dann hält der Zug und wird durchsucht. Und Stan glaubt, nun habe man ihn ergriffen – doch nichts da. Es ist der junge Schwarze, den die Männer suchen, denn Grindle hat Wind davon bekommen, dass ein kommunistischer Agitator auf dem Weg in seine Werke sei, wo neuerdings nur Schwarze eingestellt werden, da die in Grindles Augen einfacher zu lenken und zu manipulieren sind. Ein zutiefst rassistisches Motiv, das sich – darin ganz modern – als menschenfreundlich tarnt.
Stan hingegen muss begreifen, dass er und seine Betrügereien nicht einmal dazu taugen, ein gesuchter Mann zu sein. Nein, er ist ein Vergessener. Ein Zeitungsbericht setzt ihn davon in Kenntnis, dass Lillith letztlich wohl Grindle geheiratet hat. Alle sind zu ihrem Recht und ihren Millionen gekommen – nur er nicht. Er wurde von Lillith Ritter mit Ein-Dollar-Scheinen abgespeist, als er dachte, sie händige ihm seinen Anteil von 150.000 Dollar an den gemeinsamen Betrügereien aus. Er sitzt auf einem Güterzug, wird angehalten und nicht einmal gesucht. Ja, nicht einmal der Mord an einem Streifenpolizisten scheint die Meute auf seine Fährte zu setzen. Er ist einfach nur ein Alkoholiker, der sich seine Rationen zusammengaunern muss, während Molly – ein kurzes Kapitel setzt uns davon in Kenntnis – einen reichen Mann geheiratet hat und glücklich mit ihm und dem gemeinsamen Kind ihr Leben lebt.
Und so kehrt Stan also zu einem Zirkus zurück. Dort wird ihm die Stelle des „Geek“ angeboten. Das, so erklärte ihm einst Clem Hoately, der Besitzer des Jahrmarkts, auf dem alles begann, ist ein Alkoholiker, den man mit grausigen Tricks derart abhängig macht, dass er als eine Art Steinzeitmensch auftritt, der coram publico einem lebenden Huhn den Kopf abbeißt. Stan, der große Stanton, ist da angekommen, wo ihn die Gesellschaft eigentlich immer schon gesehen hat. All seine Geschäftigkeit, all sein Geschick und seine Intelligenz haben ihn im Grunde kein Stück weitergebracht. Es war immer nur die Gier, die ihn getrieben hat. Und die Angst, im Leben nicht das Stück vom Kuchen abzubekommen, dass ihm seiner Meinung nach zusteht. An Stantons Schicksal beweist sich die Richtigkeit von Petes These.
William Lindsay Gresham ist mit NIGHTMARE ALLEY ein abgrundtief böses und düsteres Buch gelungen, das ein Schlaglicht auf Amerika an einem (scheinbaren) Nullpunkt wirft. Er lässt seine Leser*innen bewusst über Vieles im Unklaren, nicht nur über die Motive der Protagonisten, sondern oftmals auch ganz konkret bspw. über den Standort der Handelnden. Gelegentlich überspringt er in einem Satz Zeit und Raum und man muss sich regelrecht erschließen, wo in der Handlung man sich eigentlich befindet. Dadurch bekommt das Ganze etwas Unnatürliches, Geheimnisvolles, Vages, das immer wieder mit einer brutal genau und konkret geschilderten Realität kollidiert. Darin tatsächlich Thompson nicht unähnlich (wobei möglicherweise letzterer mehr von Gresham gelernt hat, denn umgekehrt), beschwört Gresham ein Amerika herauf, das albtraumhaft anmutet, unwirklich, schemenhaft. Und in gewisser Weise immer etwas hysterisch grell. Der Jahrmarkt, der Zauber, die Magie als Metapher einer Gesellschaft, die ihre Träume an den künstlichen Himmel Hollywoods gehängt hat und sich nur allzu gern täuschen lässt, leuchtet nicht nur ein, sie ist fast zwingend. Denn das Billige, das Dekorhafte, das dieses Wander-Zirkus verströmt, entspricht genau den billigen Kulissen, die ein B-Movie immer schon nutzte.
Und so leuchtet schlussendlich auch die explizite Nutzung von sexuellen Motiven ein. Denn Stanton Carlisle wird spätestens, als er Molly dazu drängt, mit Grindle notfalls auch ins Bett zu gehen, zum Zuhälter und damit selbst zu einer Metapher für eine Gesellschaft, in der nahezu alles käuflich ist – eben auch die Liebe, auch das Glück. Und sogar die Toten, wenn man nur genug dafür bezahlt. Und wenn man bereit ist, zu glauben. Glaube, was die anderen dir vorsetzen, dann klappt das schon mit dem American Dream…