LANDLÄUFIGER TOD

Der August ist der Monat der Toten

Eines vorweg: Ein Roman im herkömmlichen Sinne – Spannungsaufbau, Story, Haupt- und Nebenfiguren etc. – ist dies nicht! Und die wichtigste Erkenntnis, die man vielleicht aus dem Buch ziehen kann, die zu kennen aber auch am Beginn der Lektüre nicht schaden kann, ist die, daß Zeit alles mögliche ist, nur eines nicht: etwas, das chronologisch vergeht. Zeit ist keine Zeit, Zeit ist Raum.

Womit hat man es denn hier eigentlich zu tun, mag nun der Leser fragen und die ehrlichste Antwort ist: mit einem direkten Livebericht aus dem Inneren, der Welt, dem Innenleben eines „Irren“, eines „Verrückten“, eines „Anstaltlers“. Franz Lindner, dem geneigten Leser schon ansatzweise aus Roths DER STILLE OZEAN bekannt, ein Schweiger, einer, der mit seinem imkernden Vater die Bienestöcke abfährt, einer, der genau beobachtet und zuhört, dessen Erkenntnisse jedoch keineswegs so dargebracht werden, daß wir daraus eine narrativ aufeinanderfolgende Geschichte folgern könnten, ist (größtenteils) der Autor dieser Aufzeichnungen. Er will die Welt neu gestalten, will uns aus seinen überreichen Innenwelten erzählen, will der Zeit ein Gesicht geben und all dies.

Zunächst kann man dem auch folgen, wenn er lange Einführungen gibt darüber, wie er und sein Freund, Jenner, der Jurastudent, den Zirkus aufsuchen udn den Direktor des selbigen und wie dieser die Freunde einerseits in einige seiner Geheimnisse einweiht (über die Tricks, die Zuschauer zu täuschen), andererseits versucht zu überreden, in den Zirkus einzutreten. Überhaupt sind die im ersten Buch dieses Romans versammelten Kapitel nachweisbare Erzählungen aus dem Dorf. Uns begegnen die bekannten Figuren aus dem STILLEN OZEAN, wir erfahren, was aus dem Arzt Ascher geworden ist, der aus der Stadt kam und sich im Dorf niederließ, Lindner nimmt uns mit in dessen Haus und unter dessen Mikroskop, in welchem er (und wir und zuvor schon Ascher) die Entsprechung der Welt fanden in unendlichen verzweigten Labyrinthen und Verästelungen und Spiegelungen. Das zweite Buch „Berichte aus dem Labyrinth“ fasst direkte Innenräume des Franz Lindner zusammen – Briefe, die man inhaltlich noch verstehen kann, dann aber auch „Die Schöpfung“, „Das gefrorene Paradies“ und schließlich (und hier liegt die höchste Hürde des Buches) „Das Alter der Zeit“, ein über 40seitiges Konglomerat von…ja, was?…Merksätzen? Aphosrismen? Bibelstellen? „Bei Rauhreif tötet der Fleischer sich selbst“ – ist noch einer der kürzeren dieser Sätze. Durchnummeriert bis zur Nummer 697 folgen wir diesen oft unverständlichen Aussagen. Dann bricht Lindner mit seiner „Schöpfung“ und eröffnet uns im weitaus längsten Buch „Mikrokosmos“ ein Sammelsurium aus Beobachtungen, Träumen, Geschichten, Aufgefasstem und Erzähltem, Dorfchronik und Welterzählung, Schicksalen und manchmal auch Komischem. Hier wird uns die Welt des Dorfes zur Welt generell. Hier werden wir Zeugen und Beobachter des Lebens eines Dorfes in der Steiermark.

Das vierte Buch löst diesen Mikrokosmos auf, fasst den Makrokosmos mit ein und gibt uns Überblick über die Verbindungen des einen mit dem andern anhand einiger (wichtiger) Figuren des Textes. Und darauf folgen 200 Seiten lang „Märchen“ (aufgezeichnet von den Brüdern Franz und Franz Lindner) – Erzählungen, oft phantastischer Natur aus der Anstalt (so scheint es, werden wir doch oft genug darüber belehrt, was der Märchenerzähler innerhalb der Anstalt für eine Position einnimmt).

Abgeschlossen werden diese sieben Bücher des Romans durch einige Tagebuchaufzeichnungen, die ein wenig Licht in die „Handlungen“ bringen und einen Teil mit „Dokumenten“, Zeichnungen Lindners.

Vor allem der lange „Mikrokosmos“ und der kürzer ausgefallene „Märchen“-Teil sind für den Leser ergiebig. Hier zeigt uns einer seine Welt, was in ihr passiert und passierte, wobei das Passierte definiert, was passiert. Da gehen Erzählungen aus den Weltkriegen gleichberechtigte Verbindungen mit Traumaufzeichnungen ein, da wird hahnebüchene Geschichten die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie sehr ernsthaften Berichten aus der Untiefe des dörflichen Geschehens. Es gibt schon „Handlung“, nur zersplittert diese und wir müssen sie uns aus dem Wust der Erzählungen zusammensuchen und immer auf der Hut sein, wann eine der Handlungsstränge wieder einsetzt. Und wir erfahren unüberschaubare Massen von Details zur Geschichte des Dorfes. Und einiges dessen, was uns in den 697 Merksätzen oft unverständlich begegnete, wird hier wieder aufgegriffen und erklärt sich, selbst, wenn es (wie der Titel dieser Rezension) zunächst keinen Sinn zu machen scheint. Und hier greift auch, was oben beschrieben wurde: Dies ist keine chronologische Narration! Hier tauchen auch Figuren, deren Tod schon ausgiebig geschildert wurde, wieder auf. Zeit ist kein Fluß, Zeit ist Raum, Zeit sind Räume (besser so, vielleicht), Texträume.

Franz Lindner, dieser Stumme, der zugleich ein ganz genauer Hörer ist, und auch ein Hellsichtiger, setzt für uns das Dorf zusammen, lebendig, kaleidoskopisch. Wie unter dem Mikroskop wird manchmal klar und deutlich, was eben noch nach dramatischem Durcheinander aussah. Folgen wir Lindner macht alles Sinn, seinen Sinn. Fast möchte man meinen, dieses Buch muß man nicht von A nach Z, von Seite eins bis Seite 784 lesen, es reichte, es einfach aufzuschlagen und zu lesen, nein, zu schmökern. Vieles ist unterhaltsam, wenn man bereit ist, sich auf Lindners (Roths) Stil einzulassen, manches wirklich witzig und einiges erschütternd, v.a. die Passagen, die von den Kriegen erzählen. Der Umgang mit dem Tod (der Titel deutet es ja schon an) ist eh – ähnlich wie in DER STILLE OZEAN – eine der auffälligsten Eigenarten des Roth’schen Schreibens. Hier, in dieser doch oft archaisch anmutenden Welt, ist der Tod einerseits immerzu gegenwärtig, andererseits ein Bekannter, der droht und verängstigt und dem man versucht, aus dem Wege zu gehen. Und dennoch wird fast beiläufig mit ihm umgegangen. Tiere sterben (v.a. Katzen kommen in diesem Kosmos nur vor, um gequält, verstümmelt und getötet zu werden), Menschen aber eben auch. Und ab und an wird einer umgebracht (das Buch „Mikrokosmos“ wird unterbrochen von der „Schilderung des Freundes“, die in zehn Einschüben in den Text gesetzt ist; Jenners Erzählung darüber, wie er nach dem Tod seines Vaters dessen Eigentümer, u.a. das Sägewerk, zu verkaufen gedenkt).

Roth durchdringt in den ARCHIVEN DES SCHWEIGENS eine österreichische Welt, die zumindest in den 70er und 80er Jahren noch Ewigkeiten von der Moderne (oder gar Postmoderne) entfernt gewesen ist. Dies ist der dritte Band, nach dem Bildband „Im tiefen Österreich“, welcher Roths Photographien dieser Welt, die er selbst 12 Jahre bewohnte, widergibt, DER STILLE OZEAN war der zweite Band. LANDLÄUFIGER TOD ist der umfassendste Band in diesem siebenteiligen Zyklus. Bezeichnend, daß es der Bericht eines „Irren“ ist, der diesen mittleren und breitesten Platz des Zyklus einnimmt. Eine Welt, die zerbricht, eine Welt, die sich ob des Wahns zweier Weltkriege und ob der nichtvorhandenen Fähigkeit menschlicher Gnade und menschlichen Mitgefühls, aufzulösen beginnt in Einzelteile, deren Ausbreitung und Verbreitung der Einzelne nicht mehr in der Lage ist zu folgen. Sie zusammenzuhalten oder überhaupt zunächst zusammenzubringen bedarf es schon eines…Verrückten.

Das alles ist Literatur. Aber nicht im herkömmlichen und ganz sicher nicht im zugänglichsten Sinne des Wortes. Aber – großartig!

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