DIE GESCHICHTE DER DUNKELHEIT

Auflösungen...

Band sechs der ARCHIVE DES SCHWEIGENS von Gerhard Roth. Und mit Abstand der zugänglichste, wenn auch nicht der erträglichste. Es ist ein Bericht, den der Schriftsteller Roth bei Unterhaltungen mit dem jüdischen Remigranten Walter Berger niedergeschrieben hat. Es ist die Geschichte eines jüdischen Flüchtlings, der Österreich rechtzeitig verlassen konnte, Teile seiner Familie zurücklassen musste, den es nach England, auf die See, wieder ins Vereinigte Königreich getrieben hat, der es in Israel in einem Kibbuz versucht hat, der Frauen liebte, Vater wurde und dennoch und trotz allem ein seltsam Getriebener blieb, bis er nach Österreich zurück kehrte, um dort auch nicht glücklich werden zu können. Roth nennt diesen Bericht „modellhaft“, weshalb er ihn literarisch „unbehandelt“ gelassen habe. Und dies, so Roth, trüge dazu bei, die Grenze zwischen Dokumentation und Literatur aufzuheben.

Wer den ARCHIVEN gefolgt ist, wer das Personal – den „irren“ Franz Lindner, den Arzt Ascher, den Mörder Jenner oder den Untersuchungsrichter Sonnenberg kennen gelernt hat, der weiß, daß der Schriftsteller Roth, sich weigernd zwischen Realität (Was ist das? Welcher Gesetzmäßigkeit gehorcht sie?) und Fiktion(en) zu unterscheiden, nicht mehr sicher, ob das Schreiben als denkerischer Ausdruck noch funktionieren kann, wenn die Infragestellung sämtlicher semiotischer Systeme nur weit genug voran geschritten ist, daß dieser Schriftsteller an einem Nullpunkt angekommen war. In DER UNTERSUCHUNGSRICHTER funktionierte die Aufteilung in das, was real „gesund“ genannt werden kann und dem, was das Subjekt als „krank“ zu verstehen hat nicht nur nicht mehr für den titelgebenden Sonnenberg, sondern letztlich auch nicht mehr für den Autoren dahinter. Wer schreibt wen?, könnte man die zugrundeliegende Frage nennen. Daß der Autor Roth dann, mit dieser Geschichte in diesem klaren Ton, sich selbst und die eigene Geschichte und die eigenen Figuren zurückstellend (obwohl wir noch einige Zusatzinfos bekommen, was den Arzt Ascher betrifft, Hauptfigur des zweiten Bandes des Zyklus [DER STILLE OZEAN]) den Zyklus beendet, macht Sinn und erfüllt zumindest eine Erwartung: er kehrt zurück in eine politische, geschichtliche Welt, die zwar in allen Bänden vorhanden ist, in den letzten beiden jedoch immer mehr abhanden kam zugunsten einer philosophischen Befragung des Denkens/Schreibens. Und mit diesem Bericht über einen Emigranten, der bereit war, zurückzukehren, wird das ultimative Schweigen gebrochen: Das über die Vergangenheit. Gerade in Österreich…

In seinem Stil erinnert dieser 1991 veröffentlichte Text schon etwas an den Stil eines Erich Hackl. Er – noch einer von diesen österreichischen Schriftstellern, von denen dieses kleine Land ununterbrochen hervorragende hervorzubringen scheint – , der sich und sein Schreiben vollkommen in den Dienst des Erinnerns gestellt hat, könnte Pate gestanden haben für diese nüchtern widergegebene Lebensgeschichte. Bergers Bericht ist deswegen so eindringlich, obwohl jeder Lesende wahrscheinlich all die exemplarischen Berichte zur Shoah kennt, weil er, darin Sebastian Haffner nicht unähnlich, das Augenmerk weniger auf die absoluten Gräuel lenkt, sondern auf das Davor. Wir werden Zeugen jener Jahre, in denen noch nicht offen Mord und Totschlag propagiert wurden, sondern in denen der Ausschluß aus der Gesellschaft stattfand, als sich die Sicherheiten bürgerlichen Lebens auflösten, als jüdische Mitbütger erst aus ihren Berufen, dann aus den öffentlichen Institutionen, dann aus der Öffentlichkeit insgesamt gedrängt wurden und schließlich überhaupt verschwanden. Berger berichtet von all dem ohne Larmoyanz, ohne Selbstmitleid, nicht einmal sonderlich dramatisch. Es ist sein Leben, es ist so passiert, er musste es leben und wurde nicht gefragt, ob er es so wolle. Nüchtern, abgeklärt und bereitwillig gibt er Auskunft.

So endet denn der erzählende, narrative Teil dieses zyklischen Werkes DIE ARCHIVE DES SCHWEIGENS mit einem, der nicht zum Schweigen gebracht wurde, der redet und somit lebt. Und Gerhard Roth, der Schriftsteller, der sich in seinem Zweifeln und seiner Rückbesinnung auf sein ureigenes Handwerk nicht mehr sicher war, tritt zurück, für den Moment dieser 150 Seiten, um einem das Sprechen zu überlassen, der die Zweifel und Rückbesinnungen, die philosophischen Befragungen und Überlegungen, die Roth (und uns, seine Leser) über vier Bände begleitet haben, zumindest diesem Bericht zu Folge nicht hatte – dieser hier wollte nur eines: Überleben.
Denn es lohnt sich.

Es lohnt sich.

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