AM ABGRUND

Welterfassungssysteme

Nach DER STILLE OZEAN und LANDLÄUFIGER TOD liegt mit AM ABGRUND der dritte reine Prosaband der ARCHIVE DES SCHWEIGENS vor.

Wer den LANDLÄUFIGEN TOD gelesen hat, der weiß, daß Franz Lindner, dieser stumme Beobachter des dörflichen Lebens, neben seinen sehr genauen und zugänglichen Beobachtungen und seinen sehr genauen Widergaben der gehörten Geschichten der Verwandten, der Dorfbewohner und auch der Fremden, wie des Landarztes Ascher, der Hauptfigur des Bandes DER STILLE OZEAN, auch der Schöpfer der Welt ist. Er entwirft sie neu und findet mehr und mehr heraus, daß nicht nur alles mit allem zusammenhängt, sich entspricht und einander bedingt, sondern er stellt zusehends fest, daß er selbst die Welt erschaffen kann. Waren es im LANDLÄUFIGEN TOD die 697 Merksätze/Aphorismen/Weisheiten des Abschnitts „Das Alter der Zeit“, die nur Sinn ergaben, wenn der Leser bereit war, sich den Gesetzen einer physikalischen, zeitlichen, kausalen Welt zu entziehen, Chronologie nur als eine von mehreren möglichen Welterfahrungen und Weltwahrnehmungen einzuschätzen, so sind es hier die „Aufzeichnungen des Franz Lindner“, die einerseits sprachlich näher an der Gesellschaft sind, der Lindner entstammt (also auch derber, ländlicher, gossensprachlicher), andererseits trotz ihrer scheinbaren Sinnlosigkeit dann doch nachvollziehbarer sind, als jene Schöpfungskapitel des Vorgängerbandes. Hinzu kommt, daß wir es diesmal nicht fast ausschließlich mit der Hermetik des Lindner’schen Denkens zu tun haben, sondern ebenso mit Gedanken seines Freundes Jenner, sowie mehreren auktorialen Erzählebenen. Der vorliegende Band ist dadurch weitaus zugänglicher als sein Vorgänger.

Schon in LANDLÄUFIGER TOD wurde uns in Lindners sehr spezieller Art und Weise mitgeteilt, daß sein Freund Jenner wohl ein Mörder sei und daß Lindner dies wisse. Hier nun wird diese Ebene der „Handlung“ sehr viel stärker ausgearbeitet. Jenner streift durch Wien, wohin er mit Lindner gezogen ist, nachdem er diesen auf eigene Faust aus der Anstalt geholt hat, und tötet. Es gibt kein ersichtliches Motiv für diese Tötungen. Sie scheinen willkürlich und auch seltsam emotionslos. Weder hat man es mit „Verbrechen aus Leidenschaft“, noch mit solchen der niederen Art zur Bereicherung zu tun. Jenner, Jurastudent und dies gerade deshalb „weil ich nicht an Gerechtigkeit glaube“, wie er Lindner gegenüber einmal zu verstehen gibt, scheint einfach nur wissen zu wollen, wie dieses Töten vor sich geht und das, was es nach sich zieht, sich auswirkt. Er bleibt unentdeckt und ist unbetrübter Zuschauer bei der Verurteilung eines Unschuldigen, der für seine, Jenners, Taten für Jahre im Gefängnis verschwindet.

Der Leser folgt dem sprachlich an sich einfach gehaltenen Roman mit einer distanzierten Faszination. Eine Reihe „neuer“ Figuren, die später im Zyklus noch eine Rolle spielen werden, v.a. der Untersuchungsrichter Sonnenberg, werden eingeführt. Dieses Kapitel, „Der Nachmittag des Untersuchungsrichters“ und auch das nachfolgende „Ein kurzer Prozeß“ gehören neben einigen Passagen aus den Vorgängerbänden mit zum Besten, was die ARCHIVE bis hierhin zu bieten haben.

Sicher, diese Passagen sind zugänglicher als Lindners „Aufzeichnungen“, oder seine „Schöpfung“ oder die „Portraits“. Alle diese sehr subjektiven Momente der ARCHIVE sind oft sprachlich schön und doch schwer zu lesen in ihrer Konstruktion und der Künstlichkeit ihrer Syntax und ihrer Semantik. Und doch machen sie im Kontext des Gesamttextes Sinn. Die erwähnten Kapitel nun ergänzen hervorragend und geben in ihrer Zugänglichkeit ein Kontrastbild ab, das allerdings nur in diesem Zusammenhang funktioniert. Die Bedingung der Unzugänglichkeit des einen ist die Zugänglichkeit des andern. Lindner erfasst die Welt so vollständig anders als „wir“, daß wir die Rückbesinnung auf „unsere“ Wahrnehmung zwingend brauchen. Und dennoch wissen wir ja, daß auch an dieser „normalen“ Wahrnehmung einiges nicht stimmt, wenn keiner der Prozeßbeteiligten – nicht der Richter, nicht der Staatsanwalt und auch der Verteidiger – nicht wirklich am Vorgang interessiert sind, sondern eigentlich nur an den Ideen, die ein Prozeß (vermeintlich) zum Ausdruck bringt. Ebenso ist es um unser Wissen um Jenners Taten bestellt. In einer Welt, in der diese so einfach zu vollbringen und zu kaschieren sind, scheint die Grammatik menschlichen Zusammenseins an sich gestört.

Und Lindners zwar schöne aber unverständliche Welterfassungsprosa wird immer sinnvoller, stellt sie doch zumindest offen aus, was alle anderen, die „Normalen“, ständig zu vertuschen suchen: gnadenlose Subjektivität.

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