GNADE SPRICHT GOTT – AMEN MEIN COLT

Michael Striss widmet sich erschöpfend dem Genre des Italowestern unter besonderer Berücksichtigung der theologischen Aspekte dieser Spielart der Gattung

Der Italowestern gehört zur europäischen Spielart Western, allerdings dreckiger, brutaler und in mancherlei Hinsicht auch ehrlicher als die amerikanischen Vorbilder. Seine Blütezeit hatte er Mitte bis Ende der 60er Jahre, als Regisseure wie Sergio Leone, Sergio Corbucci, Sergio Sollima, Tonio Valerii und viele, viele andere sich aufmachten, eine eigene Lesart des Westens zu produzieren. Heute sind die meisten dieser Filme längst der Vergessenheit anheimgegeben, sieht man von den wenigen Filmen ab, die es in den Kanon der Filmgeschichte geschafft haben, wie Leones Dollar-Trilogie (FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR/1964; FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR/1965; ZWEI GLORREICHE HALUNKEN/1966) oder natürlich sein Meisterwerk SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (1968), Corbuccis DJANGO (1966) oder LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG (1968) vom selben Filmemacher.

Der Western all`italiana erzählte von Männern, die sich nicht mehr in den Dienst der guten Sache stellten, sondern nur noch für sich selbst kämpften, meist um Gold, oft aus Rache, im Sub-Genre des „Revolutionswestern“ gelegentlich für die Armen, aber eher aus Versehen denn aus gutem Vorsatz. Die Art des Kämpfens war dreckig, selten fair und immer tödlich für die Unterlegenen. Hier wurden die Gegensätze von Gut und Böse aufgehoben, die Helden waren Anti-Helden, ihre Mittel oft noch gemeiner als die ihrer Gegner. Der Italowestern zeigte gern ausführlich, wie Menschen vom Leben zum Tode gebracht wurden und gab sich reichlich Mühe, dafür möglichst originelle und blutige Wege zu finden. Die Welt, in der diese Filme spielen – meist das texanisch-mexikanische Grenzland, da sie in Almeria, im Süden Spaniens, billig produziert wurden und diese Gegend mit jener in den USA vergleichbar ist – ist eine grausame Welt, in der ein jeder nur noch nach den eigenen Vorteilen schielt, in der Recht und Gesetz mit Füßen getreten werden und der „normale“ Bürger entweder längst verzogen oder aber an Korruption, Brutalität und Gier selbst nicht zu überbieten ist.

Tendenziell eher im linken politischen Spektrum verortet (was durchaus auch seiner Zeit geschuldet war), brachte der Italowestern im Lauf der Zeit seine eigene Typologie hervor, setzte eigene Themen, fand vor allem eine ganz eigene Filmsprache, die sich unbedingt von der seiner Vorbilder unterschied, und emanzipierte sich so von seinen amerikanischen Verwandten, auf die er dann schließlich auch wieder Einfluß nahm, der sich in den Spätwestern eines Sam Peckinpah oder Clint Eastwood – der seinerseits seine Film-Karriere in Leones frühen Werken begonnen hatte – niederschlug.

Lange wurde der Italowestern recht stiefmütterlich behandelt, gerade bei Liebhabern des klassischen Western konnte er nur vereinzelt punkten. Das mag mit seinem düsteren Weltbild zu tun haben, damit, daß seine Geschichten oft vom Mythischen ins Transzendentale wandern und nicht mehr Western-spezifisch sind, sondern eher allgemein menschliches (Fehl)Verhalten thematisieren. Auffällig oft bringt der Italowestern den lieben Gott in Stellung, meist, um die grenzenlose Boshaftigkeit und brutale Härte seiner Helden auszustellen. GOTT VERGIBT – DJANGO NIE! (DIO PERDONA…IO NO!; 1967) könnte paradigmatisch für etliche Titel stehen, die im Original wie in der deutschen Übersetzung genutzt wurden. Wobei gerade die deutsche Titelvergabe eine ganz eigene Geschichte aufweist und es lohnte, schon allein diese zu untersuchen.

Der evangelische Pfarrer Michael Striss hat mit GNADE SPRICHT GOTT – AMEN MEIN COLT den Versuch unternommen, den Italowestern nahezu enzyklopädisch nach Figuren, der Topographie, in der er meistens spielt, nach seinen Konfliktfeldern, aufgrund der Requisiten und Rituale, denen hier immer eine besondere Bedeutung zukommt, und schließlich nach spezifisch christlichen Themen zu untersuchen. Auf Letzterem – dem theologischen Blick auf das Genre – liegt allerdings im ganzen Buch sein Schwerpunkt. Das verwundert einerseits nicht, bedenkt man Striss´ Profession, andererseits aber bietet der Italowestern eine solche Lesart geradezu an, sind die Bezüge zur Religion, der Kirche oder christlichen Ritualen doch Legion, nicht nur in den Titeln.

Striss bietet neben der minutiösen Analyse der oben genannten Felder, die dem erfahrenen Italo-Liebhaber durchaus noch Neues zu bieten hat, wenn auch gerade die Figuren und die Landschaften, in denen sie sich bewegen, geradezu ins Auge stechen und bekannt sind, auch sehr genaue Einblicke in die christliche Theologie, untersucht die Querverweise, die Hinweise und direkten Zitate der Filme bis hin zu echten und falschen der Bibel, er schaut mit dem Blick des Liebhabers auf das Genre und analysiert die kritische Haltung gegenüber der institutionalisierten Religion im Italowestern, erklärt aber zugleich auch, warum dieser nicht per se anti-religiös ist. Gerade hier wird das Zusammenspiel aus pessimistischem Weltbild, einer eher linken politischen Haltung vieler Filmemacher, einer kritischen Einstellung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft und einem letzten Rest an Hoffnung auf Erlösung überdeutlich. Daß Figuren wie Django Erlöser-Charakter haben, vermittelt sich auch dem unbedarften Zuschauer, wie sie einzuordnen sind, erklärt Striss gut nachvollziehbar und ohne eine professionell-paternalistische Haltung eines Kirchenvertreters einzunehmen. Da obsiegt der Film-Liebhaber deutlich über den Geistlichen.

Kritischer ist Striss´ Anspruch zu bewerten, die Differenzen zum amerikanischen Western heraus zu arbeiten. Denn den betrachtet er doch sehr einseitig und gelegentlich schlicht zu oberflächlich. Längst ist auch die Filmwissenschaft inklusive der Filmgeschichte zu differenzierteren und tiefer blickenden Urteilen gekommen, als daß es im klassischen Western immer um strikt getrennte Bereiche des Guten und des Bösen ginge, die Helden edel, die Banditen schurkisch seien. Im Gegenteil – mittlerweile wird der klassische Western längst in Hunderten von Publikationen nach seinem subtextuellen Gehalt untersucht, es wird analysiert, ob er wirklich immer nur das Hohelied des weißen Siedlers sang, es werden seine Widersprüchlichkeiten, seine allerdings eher milde antikapitalistische Haltung, sein Ringen um den schmalen Grat zwischen Mythos und Historie beschrieben und es wird herausgearbeitet, wie gebrochen schon einige der Figuren bei John Ford (Ringo in HÖLLENFAHRT NACH SANTA FÉ/1939 oder Ethan Edwards in DER SCHWARZE FALKE/1956), Howard Hawks (Tom Dunson in RED RIVER/1948) oder die meisten von James Stewart dargestellten Männer bei Anthony Mann waren. So bleibt bei Striss dahingehenden Untersuchungen immer der etwas schale Beigeschmack, daß er die US-Western nicht zu mögen scheint, sich mit ihnen auch bei Weitem nicht so intensiv beschäftigt hat, wie mit ihren italienischen Bastard-Verwandten und so eher an der Oberfläche und damit im Klischee verhaftet bleibt.

Gänzlich kompliziert wird es, wenn der Autor den Italowestern im Mythos verortet, dem amerikanischen Western aber attestiert, eher dem Historien-Epos zu entsprechen, mithin also Geschichte (nach-)zu erzählen. Genau das hat er nämlich nie getan. Der amerikanische Western konstruiert Geschichte, nie hat er sich bemüht, sie genau zu rekapitulieren. Erst sehr spät wurde diese Seite aufgegriffen und thematisiert. Nein, im amerikanischen Western kann man sehr genau beobachten, wie der Mythos kreiert wird, wie aus Wahrheit Legende wird und wie die Legende ihrerseits genutzt wird, um einer jungen Gesellschaft Basiserzählungen über sich selbst zu vermitteln. Richtig ist, daß dies sehr lange die Narrative des weißen, christlich geprägten Mannes waren. Der klassische Western bewegt sich immer im komplexen Schnittfeld von Mythos, Mythisierung und einer einstigen Realität, die es – wie es alle Mythen immer schon taten – zu begradigen gilt. Striss, der dies lange in Abrede stellt, kommt sich da selbst ins Gehege, wenn er schließlich dem Italowestern zugutehält, den klassischen Western zu ent-mythisieren und zu dekonstruieren. Wie aber wollte man etwas ent-mythisieren, das gar nicht im Mythos beheimatet ist? Daß der Italowestern den klassischen Western dekonstruiert kann man getrost so stehen lassen, die Frage nach dem mythischen Gehalt sollte aber neu gestellt werden.

Wirklich interessant sind seine Vergleiche und die Analyse dort, wo er den unterschiedlichen religiösen Grund der Genre-Ableger verortet. Entspringt der klassische Western eher einem calvinistisch-puritanischen, ist der Italowestern zutiefst durch ein katholisches Weltbild geprägt. Daraus leitet Striss nicht nur Erklärungen für die unterschiedlichen Blicke auf den Menschen ab, sondern erklärt auch ebenso eine gewisse Bildsprache – bspw. das Vorhandensein, bzw. Nicht-Vorhandensein christlicher Symbolik – als auch ganz profane Dinge wie die Tatsache, daß im Italowestern ununterbrochen und mit Hingabe gegessen – manche würden sagen: gefressen – wird, während Essen, Nahrungsaufnahme, im klassischen Western selten an Völlerei und also etwas Lustvolles erinnert, sondern eher einer reinen Notwendigkeit entspricht. Solche und ähnliche Vergleiche bietet das Buch zuhauf und diese machen es dann auch wirklich lesenswert.

Striss´ Werk ist eine gute Ergänzung in der noch immer recht übersichtlichen Literatur zum italienischen Western, es ist mit viel Liebe geschrieben, voller Kenntnis des Sujets, es bietet wahrlich erschöpfendes Wissen, nimmt Bezug auf etliche bessere und schlechtere Vertreter des Genres und ist gut zu lesen. Die letzten Kapitel widmen sich dann wirklich ausschließlich dem theologischen Aspekt und könnten als solche auch für sich stehen, da sie einen sehr guten Überblick über christliche Rituale, auch nach-biblische Entwicklungen, Texte und Verbindungen und einen unüberschaubaren Fundus an Bibel- und Apokryphen-Zitaten bieten. Daß der Italowestern im Kontext theologischer Fragen zu analysieren ist, das ist Striss definitiv nicht abzusprechen. So ist GNADE SPRICHT GOTT – AMEN MEIN COLT eine echte Bereicherung sowohl für den religiös Interessierten, als auch für den Liebhaber einschlägiger Genrefilme.

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