GOTHIKA

Ein leider verunglückter Mystery-Thriller von Mathieu Kassovitz

Dr. Miranda Grey (Halle Berry) arbeitet als Psychiaterin in einer Klinik, die von ihrem Mann, Dr. Douglas Grey (Charles S. Dutton) geleitet wird. Die beiden scheinen eine gut funktionierende Ehe zu führen.

Dr. Miranda Grey ist mit einem schwierigen Fall konfrontiert: Da der Großteil ihrer Patienten zugleich Häftlinge sind, die forensisch behandelt werden, muß sie sich mit Chloe (Penélope Cruz), einer Mörderin, auseinandersetzen, die beständig behauptet, nachts in ihrer Zelle vom Teufel heimgesucht und vergewaltigt zu werden. Miranda bespricht den Fall mit ihrem Mann und ihrem Kollegen Dr. Pete Graham (Robert Downey, Jr.). Graham macht ihr Avancen, die sie charmant abprallen lässt.

Eines nachts fährt sie von der Klinik heim und muß einen Umweg nehmen, da die Straße nach einem Wassereinbruch abgesackt sei. Sheriff Ryan (John Carroll Lynch), ein guter Freund von Mirandas Gatten, erklärt ihr, wie sie fahren soll, um heim zu kommen. Auf der einsamen Straße sieht sie plötzlich ein Mädchen stehen. Miranda weicht aus und landet mit dem Wagen im Graben. Sie steigt aus, rennt zu der jungen Frau und will dieser, die nur mit einem Nachthemd bekleidet ist, helfen. Da entflammt das Mädchen wortwörtlich. Miranda erleidet einen Schock.

Als sie aufwacht, ist sie in einer der „Beobachtungszellen“ in der Klinik am Bett fixiert. Dr. Graham eröffnet ihr, daß sie tagelang bewußtlos war. Vor allem aber steht sie unter Verdacht, ihren Mann getötet zu haben. Der wurde in ihrem gemeinsamen Heim auf grausige Art zugerichtet aufgefunden.

Miranda muß nun den Klinikalltag von einer ganz anderen Seite kennenlernen: Sie ist nun Insassin. Die bekommt natürlich die Härten zu spüren, die unter den Frauen dort herrscht. Chloe steckt ihr einen Zeitungsartikel zu, der sie als hauptverdächtige benennt und erklärt ihr zischend, daß sie nun eine der ihren sei, keinen Deut besser als diese.

Sheriff Ryan kommt in die Klinik und will mit Miranda sprechen. Er gerät außer sich, zeigt ihr Fotos des zerstückelten Douglas und wirft ihr offen vor, für dessen Tod verantwortlich zu sein. Immer mehr Indizien sprechen gegen Miranda: Fingerabdrücke und Zeugenaussagen bringen sie deutlich mit dem Mordgeschehen in Verbindung.

Während der Zeit, die sie nun als Patientin gilt, häufen sich seltsame Vorkommnisse. An der gläsernen Wand ihrer Zelle erscheint Atemhauch, in den die Zeilen „Not Alone“ geschrieben werden; in der Dusche sieht Miranda erneut das Mädchen von der Straße und wird dann von scheinbar unsichtbaren Klingen in den Arm geschnitten. Obwohl auch hier der Schriftzug „Not Alone“ erscheint, nimmt niemand Mirandas Hinweise, das etwas vorgeht, das sie nicht verstünden und daß sie unschuldig sei, ernst. Man hält die Schnitte für Selbstverletzungen, die ein unbewußtes Geständnis spiegelten, denn im Haus der Greys war mit Blut ebenfalls der Schriftzug „Not Alone“ an die Wände geschmiert worden.

Einer der behandelnden Ärzte ist Dr. Parsons (Bernard Hill). Bei einem Termin in seinem Sprechzimmer entdeckt Miranda das Foto einer jungen Frau. Diese ähnelt dem Mädchen auf der Straße passgenau. Dr. Parsons, ein ansonsten zurückhaltender Mann, hat offenbar emotionale Schwierigkeiten, Mirandas Behauptung zu folgen. Schließlich weist er sie darauf hin, daß dies seine Tochter Rachel sei – vor vier Jahren ist diese verstorben.

Miranda ist zutiefst geschockt und verstört. Sie ist eine absolute Verfechterin rationalen Denkens, in ihrer Welt gibt es für nahezu alles Erklärungen. Nun aber muß sie sich eingestehen, offenbar in Kontakt mit einem Geist zu stehen. Dieser Eindruck wird verstärkt, als sich ihre Zellentür wie von Geisterhand öffnet. So kann sie entkommen.

Miranda sucht ihr Büro auf und checkt alle Fakten, die sie über den Tod von Rachel Parsons herausfinden kann. Diese ist angeblich durch einen Suizid ums Leben gekommen. Miranda will nun aus der Klinik fliehen, wird aber entdeckt. Auf ihrer Flucht passiert sie auch Chloes Zelle und sieht für einen kurzen Augenblick das verschreckte Gesicht ihrer ehemaligen Patientin, die offenbar von innen gegen die Zellentür gedrückt wird, dann erkennt sie eine Männerbrust, die eine auffällige Tätowierung trägt: Eine Frau in Ketten, umgeben von Flammen.

Eingefangen und in eine Sicherheitszelle irgendwo im Bauch der Klinik verfrachtet, droht Miranda zu verzweifeln. In einem Gespräch mit Dr. Graham erzählt sie von ihrer Entdeckung. Die Tätowierung, so Dr. Graham, sei eine sogenannte Anima Sola, eine Darstellung des Leidens im Fegefeuer, symbolisiert durch die in Fesseln geschlagene Frau.

Miranda soll zunächst in der Sicherheitszelle bleiben. Auch hier wird sie von einem Geist besucht. Dieser greift sie an und schleudert sie durch die Zelle. Für die Männer vom Sicherheitspersonal, die die Zellen per Video überwachen, sieht dies aus wie ein Suizidversuch, da sie nur die gegen die Wände krachende Miranda sehen. Als sie sie aufsuchen und beruhigen wollen, kann sich Miranda losreißen und fliehen. Mit der Hilfe eines Portiers kommt sie an ein Auto und fährt zu sich nachhause.

Dort wird Miranda Opfer etlicher Visionen: Sie sieht sich selbst in einer Badewanne liegen, das Wasser blutrot; wieder und wieder wird sie von Bildfragmenten gepeinigt, in denen sie Douglas umbringt, geradezu mit einer Axt zerhackt. Sie sieht sich selbst, voller Zorn, ja Hass auf ihren Mann, den sie sich nicht erklären kann. Da ihr Gedächtnisverlust wirklich umfassend zu sein scheint, beginnt sie sich zu fragen, ob sie möglicherweise eine Affäre mit Dr. Graham gehabt haben könnte, von der sie nichts mehr weiß. Könnte dies der Auslöser für ihre Wut gewesen sein?

Allerdings kann Miranda in diesen Stunden in ihrem ehemaligen Heim auch erstmals zur Ruhe kommen. Sie wird von der Trauer um Douglas, um das tote Mädchen und die eigene Situation übermannt. Wie zufällig wird ein Fotoalbum aufgeschlagen – auch hier hat Rachels Geist eingegriffen – der eine baufällige Hütte in dem Örtchen Willow Creek zeigt, die Douglas gehörte. Wie in Trance fährt Miranda dorthin.

Angekommen, durchsucht sie das ganze Haus, bis ihr eine Kellerluke auffällt. Sie steigt hinab und findet ein kleines Filmstudio: Ein Bett, Fesseln, eine aufgebaute und zur Aufnahme bereite Kamera, in der erstaunlicherweise ein Sendesignal anzeigt, daß ein Film abgerufen werden kann. So wird Miranda Augenzeugin, wie ihr geliebter Douglas eine junge, ans Bett gefesselte Frau mißbraucht, quält und schließlich tötet. Dann kommt er auf die Kamera zu und richtet eine Botschaft direkt an Miranda. Die wird aufgestört, weil offenbar jemand im Haus ist. Es sind Polizisten. Bei einem Gerangel spürt Miranda plötzlich Hände, die nach ihr greifen: Im Keller ist ein Mädchen gefangen, das seit Wochen vermisst wurde.

Miranda kehrt in die Klinik zurück. Nun ist sie beides zugleich: Die Heldin, die das Mädchen befreit hat und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Mannes. Bei einem weiteren Gespräch mit Parsons eröffnet ihr dieser, daß auch er seine Tochter im Traum in Flammen habe aufgehen sehen. Offenbar hatten er und Miranda dieselbe Vision. Und auch wird immer deutlicher, daß der Schriftzug „Not Alone“ darauf hindeutet, daß Douglas nicht allein gehandelt hat. In weiteren Visionen erfährt Miranda, daß der Geist Rachels offenbar Besitz von ihr ergriffen hat und für den Mord verantwortlich gewesen ist. Auch diese junge Frau war einst ein Opfer von Douglas. Und auf diese Weise hat sie Rache genommen.

Miranda wird weiterhin festgehalten, nun jedoch im Sheriffbüro. Sheriff Ryan sitzt nun bei ihr, da auch er nicht mehr überzeugt scheint, daß sie die Mörderin ist. Gemeinsam erstellen die beiden ein Psychogramm des möglichen Täters. Dabei wird immer deutlicher, daß dieses exakt auf Ryan selbst passt. Der lässt die Masken fallen und greift Miranda an, da er Zeugen aus dem Weg schaffen muß. Er war Douglas Partner bei den grässlichen Taten in dem Keller.

Es gibt ein Handgemenge, bei dem Ryans Hemd aufreißt und das fragliche Tattoo preisgibt. Es gelingt Miranda zu fliehen, doch kann sie nicht aus dem nachts verschlossenen Sheriffbüro entkommen. Sie versteckt sich, nachdem Ryan auf sie geschossen und eine Gasleitung getroffen hat. Während der Sheriff nach ihr sucht und seine Waffe neu lädt, erzählt er von den Jahren mit Doug und daß beide bereits als Jugendliche – schon damals befreundet – Frauen gequält und getötet hätten. Dann offenbart sich dem Sheriff der Geist von Rachel. Er schießt auf die Erscheinung, trifft aber nur einen Computer, der in Flammen aufgeht. Durch die entstehende Verpuffung geht Ryan in Flammen auf. Miranda erschießt ihn.

Ein Jahr ist vergangen. Miranda und Cloe, beide auf freiem Fuß, verabschieden sich nach einem abendlichen Treffen. Miranda steht schließlich allein auf der Straße, wo sie mitten auf einer Kreuzung einen kleinen Jungen sieht. Dann kommt ein Feuerwehrwagen herangerast und fährt geradewegs durch den Jungen hindurch. Es ist der Geist eines seit Wochen vermissten Kindes…

Matthieu Kassovitz hatte im Jahr 2000 einen großen Kassenerfolg in Frankreich mit der Verfilmung des Thrillers LES RIVIÈRES POURPRES (2000), weshalb es vielleicht kein allzu großes Risiko für die noch recht junge Produktionsgesellschaft Dark Castle Entertainment gewesen ist, dem Regisseur die Arbeit an GOTHIKA (2003) anzuvertrauen. Kassovitz hatte mit dem Alpen-Thriller schließlich bewiesen, daß er Spannung und Atmosphäre erzeugen, eine Story auf den Punkt hin inszenieren kann, es aber auch versteht, genügend Geheimnis und Suspense in einen Film zu legen, um den Zuschauer zum Grübeln zu bringen. Zudem versteht er es, überwältigende Bilder zu inszenieren – sei es von Bergpanoramen oder wie Landschaften ausgestellten Leichen, wie in LES RIVIÈRES POURPRES. Und er kann mit Stars umgehen. Für Kassovitz hingegen war es ein mutiger Schritt und eine Chance in die amerikanische Filmindustrie einzusteigen. Halle Berry – für sie war es der erste Film, den sie mehr oder weniger alleine tragen musste – , Robert Downey Jr. und Penélope Cruz waren die Hauptdarsteller des Films, John Carroll Lynch und Charles S. Dutton wichtige Neben- und Charakterdarsteller. Ausführend produziert wurde der Film u.a. von Starregisseur Robert Zemeckis. Im Grunde also gute Voraussetzungen für ein Amerika-Debut.

Wie der Titel GOTHIKA schon nahelegt, hat man es hier mit einem Film zu tun, der sich zumindest teilweise an jene Schauergeschichten – gothic novels – anlehnt, die im 19. Jahrhundert so beliebt waren und den Stoff für die frühen Horrorfilme Hollywoods lieferten. Doch sollte dies keine Hommage an jene Filme werden, sondern ein moderner Mystery-Thriller, der den Zuschauer lange im Unklaren lässt, ob man es nun mit etwas Übernatürlichem zu tun hat, oder sich alles als Illusion, Halluzination oder Einbildung entpuppt. Eine Psychiaterin als Hauptfigur zu etablieren, ist da natürlich ein geschickter Zug, denn wer kennt sich besser mit dem feinen Grat zwischen Fiktion, Einbildung und der Wahrheit aus als jene, die tagtäglich mit Menschen umgehen, die selbst nicht mehr wissen, ob sie Wahres oder Erfundenes von sich geben? Und mit genau solch einem Fall hat es Berrys Figur Dr. Miranda Grey auch gleich zu tun: Chloe, Insassin der Klinik, die von Greys Gatten, Dr. Douglas Grey, geleitet wird, behauptet, nachts in ihrer Zelle vom Teufel heimgesucht und vergewaltigt zu werden. Als die junge Ärztin nach Tagen in einem komatösen Zustand selbst in einer der Zellen der Anstalt erwacht und von ihrem Kollegen Pete Graham aufgeklärt wird, daß sie ihren Mann getötet, ja regelrecht zerstückelt habe, beginnt sie, ihre eigene Profession in Frage zu stellen. Könnte Chloe doch recht gehabt haben? Könnte sie Opfer einer Verschwörung gegen die Patienten sein? Und was hat es mit den wiederkehrenden Bildern in Mirandas Kopf auf sich, die ihr eine junge Frau zeigen, die in Flammen aufgeht – und die sie offenbar kurz vor dem Mord getroffen haben muß?

An und für sich sind das alles passende Ingredienzien für einen guten Mystery-Thriller. Dazu ein unheimliches Setting – die Anstalt könnte mit ihren verwinkelten Fluren und einer beeindruckenden Außenfassade direkt einer jener oben erwähnten gothic novels entstammen – und angemessen undurchschaubaren Kollegen und Freunden, die bei Dr. Grey die Paranoia steigern. Hat sie es wirklich mit einer Verschwörung zu tun, deren Sinn sie nicht zu entziffern versteht? So sollte eigentlich ein schauriges Stück des Horror- oder Thrillergenres entstehen können. Aber leider geht die Sache nicht auf, ohne daß man auf den ersten Blick versteht, weshalb. Vielleicht, weil man allzu bald die „richtigen“ Leute in Verdacht hat? Schnell ist man sicher, nachvollziehen zu können, was sich da im Groben abspielt und – was der Sache wahrlich keinen guten Dienst erweist – stellt sich die Frage, ob es sich bei der jungen Frau, die andauernd brennend Dr. Greys Träume heimsucht, um einen wirklichen Geist handelt. Die Handlung ist zwingend darauf angewiesen, daß dieser Geist an entscheidenden Stellen Dr. Grey zur Hilfe kommt, auch, wenn immer wieder der Eindruck entsteht, er sei der Ärztin keineswegs wohlgesonnen. Die Dramaturgie bleibt dabei natürlich auf der Strecke.

Produzent Zemeckis hatte selbst einige Jahre zuvor einen ähnlich konzipierten Film gedreht – WHAT LIES BENEATH (2000) – der ebenfalls gescheitert war, da er sich allzu lange nicht entscheiden konnte, ob er nun ein wirklicher Horrorfilm, ein Mystery-Thriller oder doch ein Melodrama sein will. Kassovitz – oder vielleicht sollte man eher sagen: Das Drehbuch von Sebastian Gutierrez – ergeht es ähnlich. Ein Psycho-Drama bahnt sich an, welches eine Wendung hin zu einer Geschichte über Besessenheit nimmt, bevor es nach einigen waghalsigen Ausbruchs- und Verfolgungssequenzen – also den nötigen Actioneinlagen – zum zwar ekelerregenden, letztlich aber banalen Kriminalfall abflacht, den ein geschulter Ermittler möglicherweise auch ohne übersinnliche Hilfe hätte lösen können. Andererseits hätte es ohne die Hilfe des Geistes nie einen Hinweis gegeben, daß da überhaupt ein Fall vorliegt. Aber Chloes Halluzinationen über den Teufel wiederum…in etwa so geht es dem Betrachter, während er zuschaut. Was grundlegend ein schlechtes Zeichen ist. Wenn man über eine Story nachdenkt, während sie einem erzählt wird, fehlt es augenscheinlich an entscheidender Stelle. Entweder ist das alles nicht plausibel, oder es weist sogar Logiklöcher auf, die sich dem Publikum geradezu aufdrängen und somit unangenehm aufstoßen. Im Falle von GOTHIKA trifft das eine wie das andere zu. Deutlicher Punktabzug.

Bis hierhin könnte man es aber noch mit einem leicht verunglückten Versuch von Spannungskino zu tun haben. Ärgerlich wird der Film, weil er unterschwellig reaktionär ist. Nicht im ideologischen Sinne (allerdings wäre über die Verteilung der Figuren und der Art ihrer Präsentation durchaus zu streiten) ist dies gemeint, sondern in Bezug auf die Machart, derer Kassovitz sich bedient. Denn GOTHIKA gehört leider auch zu jenen Mainstreamfilmen, die dauernd etwas zu sein behaupten, was sie nicht sind. Ununterbrochen wird dem Zuschauer suggeriert, es mit einem wirklich harten Thriller zu tun zu haben.

Wir werden Zeugen einer psychiatrischen Einrichtung, die eher den Traumsequenzen eines gepeinigten Mannes wie Jacob Singer in einem Werk wie JACOB`S LADDER (1990) oder dem scheinbar schon zur Unterwelt gehörenden Zellentrakt in Jonathan Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS (1991) – also einer wahren Hölle – zu entstammen scheint, als jener ebenfalls nicht sonderlich realistisch dargestellten Anstalt, in die McMurphy in Miloš Formans ONE FLEW OVER THE CUCKOO`S NEST (1975) eingeliefert wird. Die ewig langen Flure, die frei hängenden Kabel, die Käfigen ähnelnden Aufenthaltsräume der Patienten, die viel zu engen, kargen Zellen, an deren Wänden immer etwas klebt, dessen Substanz wir lieber nicht genauer kennen wollen, dazu der Vergleich scheinbar hochmoderner Beobachtungszellen, aber auch Dr. Greys winziges, vollgestopftes Büro in einem Kellertrakt – diese Klinik verheißt vom ersten Moment an nichts Gutes. Hier scheint der Geist des 19. Jahrhunderts auf modernste Technik zu stoßen, um Menschen mundtot zu machen. Was an und für sich schon ein Klischee erfüllt. Aber so oder ähnlich verhält sich der Film ununterbrochen. Er zeigt uns den Geist des Mädchens, der offenbar in Dr. Grey fährt und sich ihres Körpers bedient, um Rache zu üben (Warum ausgerechnet jetzt, Jahre nach ihrem Tod? Warum Dr. Grey?); er zeigt uns immer wieder den Mord, aber nur in Andeutungen und schließlich führt er uns in eine (weitere) Unterwelt, in der wir dann mit den Spuren eines Verbrechens konfrontiert werden, wie man es sich schlimmer kaum ausmalen kann. Doch nie – in keiner dieser Szenen und auch in etlichen weiteren, die auf ähnliche Schocks setzen – geht der Film an einen Punkt, der ein auch im Jahr 2003 bereits an Härten gewöhntes und vor allem geschultes Publikum verstören könnte.

Man könnte eine ganze Abhandlung über diese Art von Filmen schreiben, die reaktionär sind in dem Sinne, daß sie bestimmte Reaktionen evozieren wollen, ohne dabei Grenzen zu überschreiten, die dem kommerziellen Erfolg des Ganzen im Wege stehen könnten. Nun ist Matthieu Kassovitz sicher kein Jonathan Demme oder gar ein David Fincher, der mit SE7EN (1995) bewiesen hat, daß man sein Publikum wahrlich schocken und dennoch in Scharen in die Kinos locken kann. Sowohl letzterer Film als auch Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS sind ähnlich angelegt – wenn auch ohne den übernatürlichen Aspekt – , bieten überraschende Wendungen, überwältigen jeweils mit einer Mise en Scene, die das Publikum in Atem hält, bieten Schockmomente, die dem Zuschauer eben diesen Atem dann auch zu rauben verstehen, und bewegen sich dennoch in den Grenzen des Mainstream. Sie sind Grenzgänger. Was sie manchmal auch ärgerlich macht in ihren Subtexten. Doch GOTHIKA behauptet auch diesen Willen lediglich, ohne ihn je zu erfüllen. So bleibt er wenig spannend, weil man viel zu schnell auf der richtigen Fährte ist, sich lediglich fragt, wie denn nun die Auflösung gestaltet wird, und bitter enttäuscht ist, wenn es dann am Ende eben der übernatürliche Faktor ist, der alles zusammenführt. Umständlich, oft unmotiviert, zu häufig unlogisch, kann GOTHIKA schon nach 20 Minuten kaum mehr überzeugen.

Kassovitz kann seine Fähigkeiten zur Bildproduktion zwar einbringen, er setzt die Anstalt, deren Räume und Gänge, aber auch und vor allem jenen geheimen Raum, den Dr. Grey am Ende des Films entdeckt und in dem die Auflösung all der vermeintlichen Schrecken in Form einer Videobotschaft wartet, durchaus beeindruckend in Szene; zudem schafft er mit den Gewittern, die ununterbrochen über diesem Teil des Landes niederzugehen scheinen, und den daraus resultierenden Licht-Schatten-Effekten eine Atmosphäre, die sowohl an die alten Horrorfilme der Universal Studios aus den 30er Jahren erinnert, als auch den dräuenden Schrecken symbolisiert, der da auf Dr. Grey (und uns) lauert. Halle Berry spielt diese Miranda Grey gut, man nimmt ihr ebenso die von rationalem Denken überzeugte Jung-Psychiaterin ab, wie man ihr auch die zusehends verunsicherte Frau abkauft, die sich ihrer selbst und der sie umgebenden Welt nicht mehr sicher sein kann. Daß diese Frau dann plötzlich Fähigkeiten entwickelt, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien – Fähigkeiten, die weitaus gewieftere Insassinnen wie Chloe offenbar nie entwickelt haben – , ist nicht Berrys Schuld. Zudem ist die Rolle viel zu eindimensional angelegt, um wirklich zu überzeugen. Penélope Cruz als Chloe und Robert Downey Jr. in der Rolle des Dr. Graham sind, bedenkt man ihre schauspielerischen Fähigkeiten, geradezu verschenkt.

So bleibt das Beste an diesem Film die Cover-Version von Behind Blue Eyes, eines Klassikers von The Who, den Limp Bizkit für den Abspann neu eingespielt haben. Das ist schade, denn es sind viele verschenkte Möglichkeiten, die GOTHIKA durchaus zu bieten gehabt hätte.

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