HERR DES WILDEN WESTENS/DODGE CITY

Ein Edelwestern und Klassiker jenes legendären Hollywood-Jahrs 1939

Im Jahr 1865, der Bürgerkrieg ist eben erst vorbei, erreicht die Eisenbahn erstmals die nach dem federführenden Ingenieur der Gesellschaft benannte Stadt Dodge City in Kansas. Colonel Dodge (Henry O´Neill) hofft darauf, dass die Stadt prosperieren möge und einst das Tor in den Westen sein solle. Friedlich, ordentlich und wirtschaftlich erfolgreich.

Für Wade Hatton (Errol Flynn) und seine Kumpels Rusty (Alan Hale Sr.) und Tex Baird Dodge (Guinn „Big Boy“ Williams) bedeutet die Ankunft in der Stadt das Ende ihrer Tätigkeit für die Bahn. Sie waren dafür verantwortlich, die Arbeiter mit Fleisch zu versorgen und schossen dafür Büffel.

Gerade als sie sich verabschieden wollen, fällt ihnen Jeff Surrett (Bruce Cabot) mit seinen Männern in die Hände. Diese führen massenweise Büffelhäute mit sich, besitzen jedoch keine Lizenz, um Büffel zu jagen. Da dies ein Vergehen gegen die Vereinbarung mit den Indianern darstellt, nur so viele Büffel zu schießen, wie die Gesellschaft tatsächlich braucht, nimmt Hatton Surrett die Häute weg und übergibt sie an die Behörden, damit die Indianer die Felle bekommen und Handel damit treiben können.

Sieben Jahre sind vergangen. Hatton und seine Begleiter treiben eine Herde Rinder nach Dodge City, das sich mittlerweile zu einem der großen Umschlagplätze für Vieh entwickelt hat. Unterwegs hat sich ein Treck der Herde angeschlossen. Unter den Siedlern befindet sich auch das Geschwisterpaar Abbie (Olivia de Havilland) und Lee (William Lundigan) Irving, die in Dodge City von ihrem Onkel und ihrer Tante erwartet werden.

Lee erweist sich als etwas unerfreulicher und durchgehend gelangweilter Pennäler, der ununterbrochen Unsinn treibt und vor allem viel zu viel trinkt. Mehrfach muss Hatton ihn ermahnen vorsichtig zu sein, vor allem, weil der junge Kerl wahllos in der Gegen herumballert. Als Lee erneut nicht zu bändigen ist und mit dem wilden Geschieße eine Stampede unter den Rindern auslöst, will Hatton ihn bändigen, trifft ihn dabei aber unglücklich. Lee stürzt und wird von den durchgehenden Rindern zu Tode getrampelt. Abbie, die Hatton sehr anziehend findet und mit der er gern flirtet, nimmt seine Entschuldigung für den Tod des Bruders nicht an und kann auch nicht begreifen, dass Lee selbst schuld an seinem Schicksal gewesen ist.

Als der Treck und die Herde in Dodge City ankommen, muss Hatton feststellen, dass Colonel Dodge´ Wunsch in gewisser Weise in Erfüllung gegangen ist: Die Stadt prosperiert. Doch wie so häufig zieht der Erfolg auch allerlei finstere Gestalten und Glücksritter an. Und auch die Viehtreiber, die Cowboys, suchen ihren Spaß, Ablenkung und Unterhaltung. So sind die Straßen der Stadt zwar voller Menschen, doch sind sie auch voller Saloons, Bordelle und Spielcasinos. Allenthalben wird geschossen, gerauft und geprügelt. Und heimlicher Herr über die Stadt ist ausgerechnet Jeff Surrett, dem einige der größten Saloons gehören. Er und seine Kumpane sind zurückgekehrt und haben sich zu den Herren der Stadt gemacht. Was auch immer sie treiben, sie kommen damit durch.

Wie schlimm die Lage ist, muss Hatton feststellen, als er sich weigert, die Herde an Surrett zu verkaufen und stattdessen einen Vertrag mit dem Rancher Mr. Orth (Russel Simpson) abschließt. Umgehend lässt Surrett den Mann ermorden. Hatton bleibt auf seinen Rindern zunächst sitzen. Dafür schließt er Freundschaft mit dem jungen Harry Cole (Bobs Watson), dessen Vater ebenfalls von Surrett und seinen Leuten umgebracht wurde.

Im Saloon kommt es zu einer wüsten Massenschlägerei, wobei sich die unterschiedlichen Seiten aus einstigen Nord- und Südstaatlern zusammensetzen. Vor allem Hattons Leute kämpften einst für die verlorene Sache des Südens. Als der Saloon kurz und klein geschlagen ist, wollen Surretts Leute Rusty als angeblichen Rädelsführer aufhängen. Gerade eben noch kann Hatton den Mord an seinem Freund verhindern. Hatton will Surrett wegen versuchter Selbstjustiz an den Sheriff übergeben, muss aber feststellen, dass das Amt nicht besetzt ist.

Dr. Irving (Henry Travers), Abbies Onkel, bittet gemeinsam mit einigen anderen Honoratioren der Stadt Hatton, als ihr Sheriff zu fungieren. Es bräuchte einen mutigen Mann wie ihn, um gegen Surrett und dessen Spießgesellen vorzugehen. Doch Hatton lehnt ab, er sei nicht geeignet für das Amt.

Auf der Straße kommt es erneut zu einer Schießerei, bei der die Pferde durchgehen, die Harry gerade in den Stall bringen will – er verdient sich ein paar Cent damit, dass er die Pferde Fremder versorgt. Obwohl Hatton sofort einzugreifen versucht und todesmutig auf das dahinrasende Gespann springt, gelingt es ihm nicht mehr, den Jungen zu retten. Er kann ihn nur noch zu Füßen seiner verzweifelten Mutter, Mrs. Cole (Gloria Holden) legen.

Hatton ändert seine Meinung, Er wird zum Sheriff, seine Kumpel Rusty und Tex Baird zu Hilfssheriffs ernannt. Umgehend richten die drei eine „waffenfreie Zone“ in der Mitte der Stadt ein. Hier dürfen Waffen nicht getragen werden, man muss sie beim Sheriff abgeben, erhält eine Nummer und kann sie sich später, wenn man die Stadt wieder verlassen will, abholen. Das befriedet die Stadt ungemein.

Unterstützt wird Hatton in seinen Bemühungen von den braven Bürgern der Stadt. Dazu zählt auch Joe Clemens (Frank McHugh), der Chefredakteur der lokalen Zeitung, der schon länger unermüdlich gegen Surrett und dessen Tyrannei in der Stadt anschreibt. In seiner Redaktion findet auch Abbie Anstellung, sie kümmert sich um alle „weiblichen“ Themen – Kochen, Backen, Stricken und die Wohlfahrtsveranstaltungen. Sie setzt sich sowohl gegen ihren Onkel, der die Anstellung anrüchig findet, als auch Clemens selbst und letztlich auch Hatton durch. Letzterer hofft immer noch, Abbies Herz erobern zu können, findet eine arbeitende Frau allerdings auch etwas degoutant.

Derweil, die Stadt wird immer friedlicher, findet sogar Rusty Gefallen an seinem neuen Leben. Er wird von den Damen des Frauenclubs umschwirrt und schwört darob sogar dem Alkohol ab. Tex Baird hingegen langweilt sich. Je friedlicher Dodge City, desto weniger fühlt er sich hier wohl und erwägt, nach Texas zurück zu gehen. Hatton und Rusty wenden einen Trick an, um ihren Kumpel vor Ort zu halten. Surrett seinerseits versucht, Hatton zu bestechen, prallt bei ihm aber auf pure Abneigung.

Joe Clemens recherchiert schon länger in einigen Zusammenhängen, darunter Korruption, gegen Surrett. Hatton will Surrett unbedingt zur Strecke bringen. So arbeiten die beiden zusammen. Und auch die Annäherung mit Abbie wird intensiver.

Als es soweit ist und Clemens ankündigt, einen Bericht über Surretts Machenschaften zu veröffentlichen, wird er nachts in der Redaktion von Yancey (Victor Jory), einem von Surretts Handlangern überfallen und getötet, der Bericht wird gestohlen. Doch schnell gelingt es Hatton, den Mann zu überführen. In der Stadt kommt es zu einem Aufruhr, die Bewohner wollen Yancey kurzerhand aufhängen. Es kostet Hatton einiges, seine Mitmenschen zu überzeugen, dass auch ein Mörder ein ordentliches Verfahren verdient hat.

Doch die Situation bleibt brenzlig, Yanceys Anwalt schlägt vor, ihn aus der Stadt zu bringen. Dies ist natürlich eine List: An Bord des Zugs warten Surrett und seine Leute, sie wollen Yancey befreien. Es kommt zu einer Schießerei im Postwagen, bei der der dort seine Arbeit verrichtende Angestellte im Schusshagel getötet wird. Dann merkt Surrett, dass auch Abbie an Bord des Zugs ist. Sie ist die Einzige, die den Inhalt des Berichts kennt. Sie sollte ebenfalls vor Gericht aussagen und zu ihrer Sicherheit aus der Stadt gebracht werden. Nun nimmt Surrett sie als Geisel. Hatton lässt Yancey laufen und die Verbrecher springen vom mittlerweile brennenden Zug auf für sie bereit gestellte Pferde. Hatton, Rusty und Abbie gelingt es, sich zu befreien; Hatton beginnt, auf die Fliehenden zu schießen und tötet dabei sowohl Yancey als auch Surrett.

Nun kehrt Frieden in Dodge City ein. Für Rusty und Tex Baird etwas zu viel Frieden. Die beiden wollen nun endgültig zurück nach Texas. Hatton, der Abbie bald heiraten will, ist ein wenig wehmütig. Da taucht Colonel Dodge auf und bittet Hatton, für ihn nach Virginia City zu gehen, eine Stadt, die sich mit noch schlimmeren Problemen rumschlägt als Dodge City. Hatton, der Abbie nicht durch den halben wilden Westen schleifen will, lehnt ab. Da stößt seine Braut hinzu und sagt, sie werde mit Hatton mitgehen, weil der Westen besiedelt und befriedet werden müsse.

Nachdem sie im Vorjahr gemeinsam einen enormen Erfolg mit THE ADVENTURES OF ROBIN HOOD (1938) feiern konnten, setzte Regisseur Michael Curtiz seinen Star Errol Flynn für DODGE CITY (1939) in einen Sattel und ließ ihn erstmals in einem Western auftreten. Es sollte der nächste große kommerzielle wie künstlerische Erfolg der beiden werden und ihre Zusammenarbeit weiter festigen.

Das Jahr 1939 gilt vielen Filmhistorikern als der vielleicht beste Jahrgang, den die Traumfabrik je hervorgebracht hat. Nimmt man Eskapismus und Träume in Technicolor als Maßstab, ist diese Einschätzung wohl richtig. Doch es stimmt schon – die Liste der Klassiker, die dieses Jahr hervorgebracht hat, ist beeindruckend. Über allem schwebt natürlich unangefochten das Bürgerkriegsdrama GONE WITH THE WIND, das für immer mit dem Produzenten David O. Selznick verbunden bleiben wird, doch steht dem das Musical THE WIZARD OF OZ in kaum etwas nach, ebenso Frank Capras MR. SMITH GOES TO WASHINGTON, Ernst Lubitschs NINOTSCHKA oder George Cukors Komödie THE WOMEN. John Ford, von dem weiter unten noch zu reden sein wird, fügte der Liste das Gerichtsdrama YOUNG MR. LINCOLN und den Abenteuer- und Revolutionsfilm DRUMS ALONG THE MOHAWK hinzu. Alles wegweisende, teils bahnbrechende Filme.

Aus gutem Grund wurden einige weitere Filme noch nicht genannt, die ebenfalls für immer mit dem Film-Jahr 1939 verbunden sind. Denn dieses Jahr bedeutete auch den Aufstieg des uramerikanischen Genres des Western aus den Niederungen der Serials, der schnell heruntergedrehten One-Reeler, die Woche für Woche in den Kinos in Fortsetzung liefen. Der Western der 30er Jahre kannte nur sehr wenige echte Großproduktionen, darunter Cecil B. DeMilles THE PLAINSMAN (1936), der sein gewaltiges Budget wohl vor allem dem Renommee des Regisseurs verdankte. Doch das Jahr 1939 bot dann gleich mehrere Produktionen, die dem Western seinen zukünftigen Weg wiesen. An erster Stelle ist hier natürlich John Fords STAGECOACH zu nennen, der die langjährige Zusammenarbeit zwischen dem Meisterregisseur und seinem Star John Wayne begründete[1] und den Grundstein für jene Reihe an Western legte, für die der Name John Ford auch heute noch steht. Der Meisterregisseur hatte im Jahr 1939 mit den weiter oben genannten also gleich drei Filme vorzuweisen – und sie alle gelten heute als Klassiker. Henry King fügte der Liste der außergewöhnlichen Filme dieses Jahres mit JESSE JAMES, in dem er den damaligen Superstar Tyrone Power und den aufkommenden Superstar Henry Fonda in den führenden Rollen einsetzte, ebenfalls einen Western hinzu, der unter den Bedingungen einer Top-Produktion entstanden war. Cecil B. DeMille wiederum drehte den epischen Western UNION PACIFIC und erzählte vom Projekt, mit der Eisenbahn den Kontinent zu durchqueren. Und schließlich war da Michael Curtiz´ DODGE CITY, der ein ähnliches Thema behandelte. Und Errol Flynn ein weiteres Metier erschloss, in welchem er fürderhin glänzen konnte.

Curtiz´ Western, mit gut einer Million Dollar ebenfalls erstaunlich hoch budgetiert[2], kann in vielerlei Hinsicht als stellvertretend für den Western der 40er und frühen 50er Jahre betrachtet werden. Dieser Zeitraum wird oft als Ära des klassischen, des unverfälschten Western betrachtet. Die Filme erzählten zumeist ungebrochene Heldengeschichten von Pionieren, Siedlern, Cowboys und Ordnungshütern, die dafür sorgten, dass die Indigenen nicht mehr aufmuckten, die bösen Buben mit den schwarzen Hüten ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden und generell Recht und Gesetz durchgesetzt wurden. „Edelwestern“ ist eine leicht abwertende Bezeichnung für diese Werke, die von einem allzu weißen, allzu sauberen, allzu guten Westen und seiner allzu glatten Eroberung – respektive Erschließung – berichteten. Die Verteilung der Sympathien in diesen Werken war eindeutig. Und auch wenn der hier von Flynn gespielte Wade Hatton die Dame seines Herzens, Abbie Irving – einmal mehr eine Rolle für Olivia de Havilland, die in acht Filmen gemeinsam mit Errol Flynn auftrat; die beiden waren eins der klassischen Traumpaare Hollywoods – erst erobern und dafür von seiner Güte und Reinheit überzeugen muss, die Zuschauer*innen – vor allem die Zuschauerinnen – wissen von Anfang an, dass in dieser stolzen Brust nur ein edles Herz schlagen kann.

So hält sich DODGE CITY nicht lange mit unnötiger Psychologie auf. Hatton und Irving lernen sich auf einem von ihm als Zugführer begleiteten Treck kennen, sie gibt sich, ähnlich wie ihr Bruder Lee, recht widerspenstig und unnahbar. Als der unberechenbare Lee einmal mehr nicht zu kontrollieren ist und mit seiner ewigen Ballerei eine Stampede der mitgeführten Rinderherde auslöst, kommt es zwischen ihm und Hatton zu einer Auseinandersetzung in deren Folge der Jungen zu Tode kommt, nachdem Hatton in Notwehr auf ihn geschossen hatte. Zur Grammatik eines Western wie diesem gehört dann eben auch, dass Hatton und jeder, der ihn begleitet, weiß, dass es eben Notwehr gewesen und daran auch nichts mehr zu ändern ist. Hattons Herz wird nicht dadurch beschwert, dass er den Tod eines sehr jungen Mann verschuldet hat, sondern dass dessen Schwester sich nun seine Flirtereien verbittet. Doch natürlich wird sich das im Laufe der Handlung ändern.

Curtiz treibt eben diese Handlung atemlos voran, obwohl der Film episch angelegt ist und einen Zeitraum von nahezu sieben Jahren umfasst. Er ist actionreich, zugleich aber auch voller humorigem Dialog. Buch und Regie halten gekonnt die Balance zwischen Tempo und ruhigen, manchmal schon fast lyrischen Passagen. Es wurde in Technicolor gedreht, so dass die enormen Schauwerte, die in etlichen Set Pieces, in Totalen und Establishing Shots immer wieder vorgeführt werden, hervorragend zur Geltung kommen. DODGE CITY ist eine teure Produktion und will das ununterbrochen unter Beweis stellen. Gleich zu Beginn werden wir Zeuge eines rasanten Wettrennens zwischen der neu gebauten Eisenbahn und einer Postkutsche; der bereits erwähnte Treck wird lang und breit in Szene gesetzt; die Stampede ist beeindruckend; im Showdown des Films gibt es eine wilde Schießerei in einem dahinrasenden Zug, von dem einige Männer, nachdem sie ihn in Brand gesetzt haben, direkt auf ihre Pferde springen. Die Hauptstraße der Stadt wird mehrfach in Totalen in Szene gesetzt, mal ist sie vom Gewusel der Menschen erfüllt, mal – als Ausdruck der einkehrenden Ruhe, nachdem Hatton als Sheriff tätig wurde – fahren die Kutschen der braven Bürger friedlich hindurch.

In die Filmgeschichte eingegangen ist eine Saloon-Schlägerei, bei der das gesamte Interieur des Establishments in Grund und Boden gerichtet wird. Die Sequenz dauert sehr lang und wurde von Kameramann Sol Polito – der etliche Filme gemeinsam mit Curtiz drehte – wie auch die oben angeführten Einstellungen, Szenen und Sequenzen atemberaubend agil eingefangen. Die Kamera ist beweglich, nah am und im Geschehen, sie nimmt äußerst ungewöhnliche Winkel und Perspektiven ein und nicht von ungefähr wird diese Szene immer wieder zu jenen wilden Raufereien in Bezug gesetzt, die vierzig Jahre später die Spaghetti-Western mit Terrence Hill und Bud Spencer auszeichneten. Denn die dürften sich nicht nur in der Choreographie, sondern eben auch in der Wahl der Kamerapositionen einiges bei Politos Arbeit abgeschaut haben.

Im Kern – und das ist dann sehr typisch für den Western der 40er Jahre, ist gleichsam der Kern dieser „Edelwestern“ – wird davon berichtet, wie und auf welche Art und mit welchen Methoden diese riesige Landmasse zwischen den Küsten von Weißen in Besitz genommen wurde. Flynns Wade Hatton wird eingeführt, wie er nach getaner Arbeit für die Eisenbahnergesellschaft, für die er Büffel gejagt hat, um die Bauarbeiter mit Fleisch zu versorgen, mit zwei Kumpeln überlegt, was sie als nächstes tun könnten. Zunächst setzen sie erst einmal Wilderer fest, die weiterhin Büffel töten, was Hatton schlimm findet, da sie damit den Indianern die Nahrungsgrundlage nehmen. Das Drehbuch von Robert Buckner erklärt damit das systematische Töten von Büffeln, gerade um gegen die indigene Bevölkerung vorzugehen – ein systemischer und so auch gewollter Hungertod – zum Vergehen einiger böser Buben. Der gute Amerikaner hatte sowas natürlich nicht nötig. Was hier betrieben wird, ist tatsächlich reine Geschichtsklitterung. Wenn also die Bahn von sea to shining sea gebaut und der Kontinent damit durchquert, erschlossen ist, die Küsten miteinander verbunden, dann muss als nächstes natürlich dafür gesorgt werden, dass Gesetz und Ordnung einziehen und durchgesetzt werden.

Doch darf man sich nicht täuschen: Darin steckt auch ein Euphemismus. Denn das Dodge City, das der Film beschreibt, ist ein Sündenpfuhl par excellence. Es herrschen Suff, das Glücksspiel, Hurerei und letztlich Gewalt. Und obwohl Hatton, nachdem er die Herde und den Treck hier herbegleitet hat, sofort erkennt, dass eine Stadt, die unter der Fuchtel eines Kerls wie des in diesem Film verantwortlichen Bösewichts Jeff Surrett steht, sich nicht wird entfalten können, hat er doch kein Interesse, als Ordnungshüter tätig zu werden. Bis er Zeuge wird, wie Harry Cole – ein netter Junge, mit dem Hatton sich angefreundet hatte, was dem Drehbuch Gelegenheit zu einigen witzigen Dialogen bot – zwar aus Versehen, aber doch skrupellos getötet wird. Nun ist er bereit, das Amt anzunehmen und durchzugreifen. Dieses Durchgreifen bedeutet zunächst, dass er das Tragen von Waffen in den Saloons und auf den Straßen der Stadt verbietet. Nach und nach allerdings vertreibt er so auch das Amüsement aus Dodge City. Das fällt sogar seinen Kumpeln auf, die darob gen Texas entfliehen wollen, da sie vor Langeweile umkämen.

DODGE CITY vertritt auf eine charmante Art eine recht reaktionäre gesellschaftliche Position. Natürlich wird das Treiben von Surrett und seinen Leuten entsprechend und hinreichend dargestellt, damit wir sofort auf der Seite der braven Bürger sind – auf Hattons Seite sind wir aufgrund von Flynns Charme und Ausstrahlung sowieso – und natürlich sind wir erst zufrieden, wenn Surrett, den Bruce Cabot – oft abonniert auf die Rolle des Schurken – routiniert widerlich gibt, seiner verdienten Strafe zugeführt wurde. Es spricht natürlich für Hatton und auch für den Film, dass der Sheriff einen Verdächtigen auch dann verteidigt, wenn der Mob in der Stadt kurzen Prozess mit ihm machen will. So kann DODGE CITY beweisen, dass er es ernst meint mit der Domestizierung des Wilden Westens, in jeder Hinsicht. Und damit entspricht er eben exakt dem, was dem Western seiner früheren Schaffensperiode aufgetragen war: Den Mythos eines ordentliche weißen Amerikas zu verkaufen, in dem sich das Publikum – zu 90% ordentlich und weiß und meist männlich – wiederfinden kann.

Da wird die Tatsache, dass Hatton und seine Männer allesamt ehemalige Südstaatler sind, zu einem zwar interessanten, aber doch zu vernachlässigenden Nebenaspekt der Geschichte. Es ist die Linie zwischen Nord und Süd, zwischen Mason und Dixon, die auch die Konfliktparteien in der berühmten, bereits erwähnten Saloon-Schlägerei markiert. Dass der Film Wert darauflegt, dies zumindest hervorzuheben und damit die ehemaligen Rebellen hier nun in der Folge als die Durchsetzer von Recht und Gesetz zu präsentieren, während Surrett und seine Leute – so sie denn nicht eh zu feige waren, in den Krieg zu ziehen – als Anhänger des Nordens nun die bösen Buben stellen, zeigt einmal mehr eine gewisse revisionistische Haltung, die aber ebenfalls charmant verpackt wird.

Auf der Figur des Wyatt Earp beruhend, der seinerzeit tatsächlich in Dodge City tätig war, in Hollywood allerdings eher für die berühmte Schießerei am O.K. Coral berüchtigt wurde, können sich Buch und Regie, wenn auch wirklich nur rudimentär, auf historische Begebenheiten berufen. Doch all das spielt im Kontext dessen, was dieser Film sein soll und sein will keine große Rolle. DODGE CITY ist ein farbenprächtiger Western, laut und rasant, voller Leben, voller Action und Humor und ein Paradebeispiel dafür, dass Michael Curtiz eben zu jenen Regisseuren des klassischen Hollywoods gehörte, die in allen Genres zuhause waren, die es verstanden, mit Stars umzugehen und sie immer dem jeweiligen Metier entsprechend einzusetzen wussten.

Man sollte einen Film wie diesen natürlich nicht allzu ernst nehmen. Und man sollte sich natürlich klar darüber sein, dass man ihn eben auch ganz anders betrachten kann – als reaktionär, chauvinistisch und Verherrlichung eines Amerika, welches es so nie gegeben hat. Er ist aber in seiner formvollendeten Inszenierung, mit seinem Tempo, der Action, dem Witz und überzeugenden Haupt- und Nebendarstellern eben auch ein Paradebeispiel für die goldenen Jahre Hollywoods und zeugt von der enormen erzählerischen und produktionstechnischen Ökonomie, die die Traumfabrik über viele, viele Jahrzehnte hervorzubringen im Stande war.

 

[1] Die beiden hatten zuvor bei diversen Serials zusammengearbeitet, doch sind diese Arbeiten nicht mit der an A- oder selbst B-Filmen zu vergleichen.

[2] Das durchschnittliche Budget für eine A-Produktion belief sich in den 30er Jahren auf ca. 1,5 Millionen Dollar.

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