DER JUNGE MR. LINCOLN/YOUNG MR. LINCOLN

Der junge Abraham Lincoln (Henry Fonda) lebt in New Salem, Illinois, wo er als Krämer arbeitet, sich aber Möglichkeiten ausmalt, sollte er ins Staatsparlament gewählt werden. Von einer Farmersfamilie, die ihre Waren nicht zahlen kann, erhält er ein Gesetzbuch, dessen Lektüre ihn für die Rechtswissenschaften begeistert. Seine Jugendliebe Ann Rutledge (Pauline Moore) ermuntert ihn, dementsprechende Studien anzustreben. Nachdem sie plötzlich verstirbt, entschließt sich Lincoln, diesem Wunsch nachzugeben. Er wird Anwalt in Springfield. Hier schafft er es, sich mit ebenso salomonischen wie gewitzten Verhandlungen Reputation zu verschaffen. Während eines „Veteranenfestes“ zum Unabhängigkeitstag wird Scrub White getötet. Er hatte eine Auseinanderstezung mit den Brüdern Adam (Eddie Quillan) und Matt (Richard Cromwell) Clay, die mit ihrer Mutter Abigail Clay (Alice Brady), Matts Frau Sarah (Arleen Whelan) und der Verlobtem von Adam, Carrie Sue (Judith Dickens) zu den Feierlichkeiten in die Stadt gekommen sind. J. Palmer Cass (Ward Bond) beschuldigt die beiden jungen Männer des Mordes an seinem Freund. Ein Mob versucht die beiden sich schuldig bekennenden Männer zu töten, was Lincoln gerade noch verhindern kann. Er bietet sich der Familie als Rechtsbeistand an. Es kommt zum Prozeß, den der Staatsanwalt John Felder (Donald Meek) als Bühne für seine mehr als theatralischen Auftritte nutzt. Er will Mrs. Clay zwingen, auszusagen, welcher ihrer Jungs den Mord begangen hat, denn sie soll es gesehen haben. Lincoln greift ein und verhindert, daß die Frau eines ihrer Kinder zugunsten des anderen an den Galgen bringen muß. Als Cass schließlich behauptet, genau gesehen zu haben, wer Scrub getötet habe, da Vollmond gewesen sei und er somit auch aus einhundert Metern Entfernung gute Sicht gehabt habe, weist Lincoln ihm nach, daß dies nicht sein könne – einem Farmerkalender konnte er entnehmen, daß am Tag des Festes allenfalls ein Viertelmond am Nachthimmel gestanden habe und dieser zur Tatzeit längst untergegangen war. Hingegen kann er aus den Indizien schließen, daß es vielmehr Cass selbst gewesen sei, der aus Gründen, die man noch verifizieren müsse Scrub White getötet habe. Mrs. Clay bedankt sich übermäßig bei Lincoln.

1939 gilt vielen ja als das „goldenen Jahr“ Hollywoods: THE WIZARD OF OZ, STAGECOACH, GONE WITH THE WIND, GOODBYE MR. CHIPS, MR. SMITH GOES TO WASHINGTON, THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME – und eben dieser großartige Film von John Ford, ein Hohelied auf Abe Lincoln, das unversehens zum Hohelied auf die Republik, das amerikanische Rechtssystem (sic!) und die Demokratie wird.

Orientiert hatten sich Ford und sein Drehbuchautor Lamar Trotti an einem realen Fall, bei welchem es Lincoln 1858 gelungen war, einen vermeintlichen Mörder feigesprochen zu bekommen, indem er dem Hauptzeugen der Anklage nachwies, gelogen zu haben. Im Film wird dies allerdings etwas ausgeschmückt, wenn es dem späteren Präsidenten der Union gelingt, auch gleich noch den Mörder zu überführen.

Der im besten Sinne überzeugte Republikaner John Ford dreht einen Film, der den für viele Amerikaner „größten Präsidenten“ der USA als einen Menschen zeigt, bevor dieser zur Legende wurde. Und dennoch weiß Ford genau, was er tut, denn natürlich will er zeigen, wie die Legende längst angelegt ist in diesem Manne. So läßt er Lincoln immer wieder eine Maultrommel spielen, bei der er ganz nebenbei bei einer Melodie hängenbleibt, aus der sein Kumpel schon mal den „Yankee Doodle“ generiert, also eines jener Lieder, mit dem die Soldaten der Union wenige Jahre nach den im Film geschilderten Ereignissen „für Lincoln“ in den Bürgerkrieg zogen.

Dieser Lincoln – hervorragend gespielt von einem kaum erkennbaren Henry Fonda, der die Manierismen, die vom großen Mann überliefert waren, teils schon enervierend zur Charakterisierung ausspielt – ist ein etwas ungelenker Schlaks, der mit Witz, gnadenlos scharfen Verstand und viel Mut ausgestattet ist und zudem die Menschen versteht. So kann er in der Szene, da der Mob versucht, die Polizeistation zu stürmen um kurzen Prozeß mit den Claybrüdern zu machen, vor allem mit viel Humor überzeugen, wenn er später die Geschworenen auswählt, ist es das tiefe Verständnis für „diese Menschen“ in Illinois, also damals einer Art „Außenposten“ der Zivilisation, die ihn kluge Entscheidungen treffen läßt, selbst bei jenen Männern, die scheinbar so gar nicht in sein Konzept der Verteidigung zu passen scheinen.

In der letzten halben Stunde wird dann dieser Film zu einer Art Blaupause für das, was wir heute „Gerichtsdrama“ oder „Justizdrama“ nennen. Das Gerichtverfahren wird also zu einer Schaubühne für die Juristen, es gibt die obligatorischen Tränen im Zeugenstand und was später zum Klischee wurde und Ausgangspunkt unendlich vieler Parodien und Verballhornungen – die Überführung des Mörders direkt im Gerichtssaal – kommt ebenfalls vor, hier noch ganz ernsthaft ausgespielt. Natürlich ist es die richtige Bühne, um Abraham Lincoln als das zu zeigen, was Ford in ihm sehen wollte und was er unbedingt propagieren will: Der einfache Mann aus dem Volke, der mit „gesundem Menschenverstand“ und der genauen Kenntnis der Gesetzestexte gerechte Urteile zu fällen in der Lage ist. Dieser Mann, so scheint der Film dem Zuschauer ununterbrochen zuzuraunen, musste Großes vollbringen. Und zwar auf die richtige Art und Weise.

Es wäre vielleicht interessant, John Fords Western – wegen derer er ja nunmal zu der Regielegende wurde, die er heute ist – vor dem Hintergrund seiner übrigen Filme zu lesen. Vor allem jener, die offensichtlich am gleichen, zumindest verwandten, Mythos arbeiten, wie die Wild-West-Filme. Denn wo diese, angesiedelt in einer mythischen Zeit, ein Bild Amerikas zeichnen, das zur Urerzählung des weißen Mittelstands beiträgt, in welchem jener Grundstein gelegt ist, der ein Land markiert, das hart ist und Härte erfordert, in dem bestimmte Männer, einsame, heldische Männer, dafür Sorge zu tragen haben, daß die „common people“ unbeschadet in die weiten Räume dieses scheinbar unbesiedelten Landes vorstoßen und diese in Besitz nehmen können, erzählen seine Nichtwestern – wie die Western natürlich auch – oftmals von jenen „common people“ selbst. Durchaus realitätsbewußt und kenntnisreich, treten diese Filme aus der rein mythischen Zeit heraus und gehen dem nach, was es braucht, ein Gemeinwesen aufzubauen und vor allem, es zivilisiert aufrecht zu erhalten. Und auch erzählen diese Filme davon, was passiert, wenn der „einfache Mann“ sich in dieser Gesellschaft nicht mehr wiederfindet. Dazu zählen Filme wie der hier vorliegende, aber auch HOW GREEN WAS MY VALLEY (1941), der anhand einer walisischen Bergarbeitersiedlung letztlich genau die gleichen Fragen stellt und Antworten sucht, aber auch der ein Jahr nach YOUNG MR. LINCOLN (1939) entstandene THE GRAPES OF WRATH (1940) nach Steinbecks eindringlichem und durchaus sozialistisch gedachten Roman.

Diese Filme sind sich nur allzu bewußt, daß es eben ab einem gewissen Moment – vielleicht dem, da „Mythos“ zu „Geschichte“ wird, in die Zeit eintritt – eben nicht mehr Männer mit Waffen und Mut und Willen und der Bereitschaft zur Gewalt, sondern jene Männer sind, die sich mit der Kraft des Wortes, mit Gesetzestexten, mit den Gesetzen einer funktionierenden Religion und eben dem schon zitierten gesunden Menschenverstand für die Gemeinschaft einsetzen und für sie einstehen. Zivilisierte Männer eben. Daß Ford es hier nur zu gern ausspielt, den Mythos zumindest anzudeuten, wenn im Kleinen alles angelegt ist, was Lincolns Leben dann bestimmen sollte – so ist Stephen A. Douglas (Milburn Stone) Vertreter der Gegenseite im Prozeß, eben jener Douglas, der später mit Lincoln die berühmte Lincoln-Douglas-Debatte ausfocht, in der es vor allem um Fragen der Sklaverei ging und der zeitlebens ein Gegner Lincolns blieb; zudem trifft Lincoln in Douglas` Geleit Mary Todd (Marjorie Weaver), die dann seine, Lincolns, Frau wurde – ist natürlich ebenso wahr und entspricht vollkommen Fords früher, idealistischer Phase, in der er ungehemmt jene Werte verherrlichte, die seines Erachtens Amerika ausmachten, groß machten. So spielt Ford hier, in einem seiner letzten Filme vor dem Krieg, noch einmal die ganze idealitische Programmatik hinsichtlich seines Heimatlandes aus. So, wie seine Western ebenfalls ein Hohelied auf die Siedler- und Pioniergemeinschaften sangen, so wie er Roosevelts New Deal, trotz seiner politisch eher konservativen Haltung, voll begrüßte und unterstützte, so legt er hier auch noch einmal einen Gründungsmythos Amerikas vor, dessen blutige Katharsis schließlich die Union rettete, das Land von unfassbarer Blutschuld rein wusch und der Nation eine Art „zweiten Gründungstag“ bescherte.

Daneben ist hier aber – rein filmhistorsich – noch etwas ganz anderes zu bewundern: Die unendliche Liebe zum Detail, die dem Rezesnenten die Filme Fords mit zu den liebsten überhaupt machen. Man denke an die Bergarbeiterstadt in HOW GREEN WAS MY VALLEY, man denke an die Planwagen in WAGON MASTER (1950), man denke an die Straßen in MY DARLING CLEMENTINE (1946) oder den Wagen der Familie Joad in THE GRAPES OF WRATH: Immer sind es diese Kleinigkeiten, die einem beim ein- oder erstmaligen Sehen gar nicht auffallen mögen, die das Bild dieser Filme bestimmen. So auch hier: Die Uferböschung, an der der junge Lincoln und seine große Liebe Ann stehen, wo später ihr Grab liegt und er dem Treibeis auf dem Fluß zuschaut, die Stadt am Abend des Festes, die diversen „Prüfungen“, die Lincoln abnimmt und mitmacht (Kuchenwettbewerbe, Bäume spalten usw) – immer sind die Bilder mit unendlich vielen Details und Kleinigkeiten ausgestattet, in jedem Bild meint man, sich verlieren zu können bis zur Unendlichkeit, so viel kann man in ihnen entdecken.

Natürlich ist das alles aus heutiger Sicht nicht mehr so ohne weiteres zu goutieren. Wir Heutigen wissen, wie sehr Amerika seine eigenen Ideale desavouiert hat, wie wenig man noch auf das geben kann, was aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kommt. Doch für die, die einer Generation heute über 40jähriger entstammen, die also noch mit einem gewissen Glauben an das, was Amerika einmal hätte sein können, aufwuchsen, ist ein Film wie der vorliegende dennoch ein Zeugnis dafür, daß es diesen Glauben einmal ernsthaft gab und daß man ihnen glauben konnte, den Idealen. Naiv, vielleicht – aber auch schön, denn ohne Ideale, ohne den Glauben an die „Stadt auf dem Hügel“, zerfließt alles in blankem Zynismus.

Ford hält dagegen, mit diesen wunderbaren Filmen.

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