TROMMELN AM MOHAWK/DRUMS ALONG THE MOHAWK

Birth of a Nation

1776. Kaum hat Lana Borst (Claudette Colbert) ihren Mann Gilbert Martin (Henry Fonda) geehelicht und ist ihm auf sein Stück Land im Staate New York gefolgt, lernt sie auch schon die Härten des Siedlerlebens kennen: Regen und Sturm, die Arbeit bei der Ernte, unliebsame Überraschungen durch Indianer und die harte Hand ihres Gatten, der es nicht mag, wenn die Frau an seiner Seite zu starke Gefühle oder sich gar einer Situation wie einem Indianerangriff nicht gewachsen zeigt. Denn kaum sind die Martins in der kleinen Gemeinde, die sich rings um die Garnison im Mohawk Tal angesiedelt hat, angekommen und haben sich eingelebt, trifft die Nachricht ein, daß die Gegend, immerhin Grenzgebiet, von englischen Truppen und Indianern zu deren Unterstützung heimgesucht wird. Die amerikanische Revolution ist ausgebrochen und hat nun auch die äußeren Provinzen der Kolonien erreicht. Der ersten Angriffswelle fällt auch die Farm der Martins zum Opfer. Lana verliert in den Aufregungen ihr Kind. Das Ehepaar findet Unterschlupf bei der Witwe McKlennar (Edna May Oliver), die seit dem Tod ihres Gatten ihre Farm nur mit Hilfe bewirten kann. Erneut wird eine Miliz aufgestellt und gegen die Indianer vorgegangen. Schwer verwundet kehrt Gil von dieser Expedition zurück. Eine Zeit friedlichen Lebens zieht auf, doch bleiben sich die Siedler, die allesamt ihr Land im Mohawk Tal verlassen mussten, der Gefahr, die durch die Engländer und vor allem deren Helfer, die Irokesen, droht, stets bewußt. Und wirklich – erneut wird das Fort angegriffen. Nun ziehen sich alle gemeinsam ins Fort German Flatts zurück, wo es zu fürchterlichen Scharmützeln kommt, denen auch Mrs. McKlennar zum Opfer fällt. Verstärkung soll geholt werden, doch der Pfadfinder Joe (Francis Ford) erleidet einen fürchterlichen Tod, als die Indianer ihn einfangen und drohen, bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Der Prediger Rev. Rosenkrantz (Arthur Shields) – Prediger und Führer seiner Gemeinde in Personalunion – erschießt den angebundenen Joe. Gil erklärt sich bereit, es selber zu versuchen und liefert sich ein anderthalb Tage dauerndes Wettrennen mit drei Indianern, die ihn verbissen verfolgen. Schließlich gelingt es ihm, Hilfstruppen aus dem nächstgelegenen Fort heranzubringen, gerade, als den Siedlern und Verteidigern von Fort German Flatts die letzte Munition auszugehen droht. Endlich ist der Krieg zuende und die Briten haben sich zurückgezogen. Die Siedler können sich daran machen, ihr Land zu bewirtschaften, am Himmel weht die neue Fahne – das Sternenbanner.

John Ford inszeniert den Moment von Amerikas USA-Werdung. Nicht als Heldengemälde von wilden Flußüberquerungen oder gesetzten Herren in winterlichen Mänteln, die Kapitulationserklärungen unterschreiben, sondern als einen Moment der Gemeinschaft, des ‚common man‘, des ‚common sense‘. Die Fahne weht, die Arbeit kann wieder aufgenommen werden, man beginnt damit, die Nation zu erbauen. Greift man das Jahr 1939 – ein Jahrgang, der dem Connaisseur des klassischen Hollywoodfilms gemeinhin als sein allerallerbester gilt – aus John Fords Werkkatalog, kann man behaupten, daß er in den drei Filmen dieses Jahres sein Bekenntnis, sein Manifest und ein Programm dessen vorgelegt hat, das Auskunft darüber gibt, was „sein“ Amerika bedeutet. STAGECOACH, YOUNG MR. LINCOLN und DRUMS ALONG THE MOHAWK erzählen uns Wesentliches über Amerika, sein Werden und wie es sich selber sehen will. Wobei die Premierenfolge interessanterweise in umgekehrter Reihenfolge zur historisch erzählten Zeit steht – STAGECOACH hatte im März seine Erstaufführung, YOUNG MR. LINCOLN im Mai, DRUMS ALONG THE MOHAWK erst Anfang November 1939.

Historisch am weitesten zurück nämlich greift der vorliegende Film. YOUNG MR. LINCOLN hingegen, der „mittlere“ der drei, berichtet uns davon, wie jener Präsident wurde, was er dann war, welcher auf Nachfrage sowohl Republikanern als auch Demokraten gemeinhin als der größte, wahlweise wichtigste in den Sinn kommt. In beiden Filmen spielt Henry Fonda die Hauptrolle. Der damals 34jährige zeigt in beiden Filmen beeindruckend, daß er nicht nur einer der bestaussehendsten Hollywoodgrößen aller Zeiten war, sondern auch sehr, sehr gut spielen konnte. So gibt er diesem Gil etwas durchaus Hartes, Unverbrüchliches mit, das ihn dann auch Lara hart anfassen und sogar schlagen läßt. Doch erfüllt Fonda mit seinem natürlichen Pathos ebenso perfekt das Staatstragende, das sowohl den Farmer Gil Martin, eben jenen ‚common man‘, als auch die zukünftigen Lichtgestalt Lincoln umgibt. Das ist Amerika: Wo ein „Niemand“ wie Gilbert Martin gleichberechtigt neben Abraham Lincoln steht. Jene Nation, wo beide das Antlitz von Henry Fonda tragen. Ein Land, in dem der gemeine Mann der größte, und der Größte ein gemeiner Mann sein kann. Und wer immer dieser Mann sein will – er kann nur existieren dank der Gemeinschaft, die ihn trägt. Wie in allen seinen Filmen, wird auch DRUMS… von Szenen der Arbeit wie des Feierns mitgetragen. Für John Ford wesentliche Szenen, denn ohne diese so ausgiebig gezeigte Gemeinschaft gäbe es gar keinen Grund, da zu sein, wo man ist. Gerade dieser Film macht das sehr deutlich. Hier gibt es keine einsamen Wölfe, hier gibt es nur Farmer, die ihre Arbeit erledigen wollen, die einander unterstützen, die gemeinsam das Erntedankfest feiern.

STAGECOACH, der uns historisch am nächsten käme, angesiedelt irgendwann in den 1860er/70er Jahren, erzählt im Grunde keine „wahre“ Begebenheit mehr, er erzählt schon eindeutig davon, wie man sich einst davon erzählen wird, wie dieses Land besiedelt wurde. Mythensysteme. Metaebenen. Er tritt aus der Geschichte, die in den beiden anderen Filmen so wichtig ist, auch und gerade in ihrer wirklich datierten Verankerung, heraus, betritt mythischen Raum, verläßt die Zeit. STAGECOACH ist eindeutig ein Western, im engeren Sinne des Genres. Dort tritt ein anderer ‚common man‘ auf, der jedoch zugleich auch anders angelegt ist: John Wayne wirbelt sein Gewehr herum und läßt keinen Zweifel aufkommen, daß er, was immer da kommen mag, bewältigen wird. Diese Haltung prägte ihn und prägte er seine gesamte Karriere hindurch. Fonda hingegen zeigt in beiden Fällen einen Zweifler, hier in DRUMS… auch einen Mann, der Angst hat. Gil Martin ist nicht zum Kämpfen gemacht, anders als Ringo, der wiederum selber von einem bürgerlichen Leben träumt. Als die siegreichen Männer nach dem ersten Feldzug gegen die Indianer heimkehren und in einer nicht endenden Schlange nachts am Haus der Witwe McKlennar vorbeiziehen, dabei eher an eine geschlagene Armee erinnernd, berichtet er Lana im Fieber von den Kampferlebnissen und offenbart dabei einen zutiefst verstörten Mann, der solcher Gewalt ganz offensichtlich noch niemals ansichtig geworden ist.

Ford gelingen eindringliche Momente, indem er uns zunächst die Aktion vorenthält und lediglich mit anhören läßt, was Gil zu berichten hat, so daß die Schrecknisse in unserem Kopf entstehen. Später, während des großen Angriffs auf das Fort, präsentiert er uns für seine Verhältnisse und auch jene von 1939 teils drastische Bilder des Kampfes. Man kann auch hier, wie oft in den frühen Filmen von John Ford, über den Umgang mit den Indianern diskutieren und fände manches, das zu beanstanden wäre, nicht beanstanden kann man, daß er den Krieg beschönigen würde. Die Angst der Siedler, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, wird gut eingefangen. Wunderbar gelingt es dem Film, eine Balance herzustellen zwischen der Schönheit des Landes, die die Kamera immer wieder in Panoramabildern und Schwenks festhält, und deren gleichzeitiger Bedrohlichkeit, wenn wir den Blick der Siedler über die Palisaden des Forts bei Nacht einnehmen und den Wald auf der anderen Seite des im Mondlicht glitzernden Flusses dunkel dräuend wahrnehmen.

DRUMS ALONG THE MOHAWK ist ein äußerst gelungener Film, wenn man bereit ist, sich auf die ideologischen Implikationen einzulassen, die manchmal gerade mit dem Wissen, was danach geschah, nur schwer zu ertragen sind. Er hat ein gutes Tempo, bedenkt man, daß die Handlung zweimal nahezu zum Erliegen kommt. Ein gutes Beispiel für elliptisches Erzählen. In seinen Actionszenen ist er überzeugend, allerdings legt er weitaus weniger Wert auf Action, als STAGECOACH dies beispielsweise tut. DRUMS… ist eher ein Drama denn ein Western. Ein Epos, das uns davon berichtet, wie eine Nation anfing, zu sich selbst zu finden. Nimmt man die drei Filme dieses 39er-Jahres zusammen, hat man so etwas wie ein nachgereichtes filmisches Gründungsmanifest der amerikanischen Nation.

Wobei eines noch zu bedenken gegeben sei: Die Briten spielen hier, in Fords Version der Unabhängigkeit, kaum eine Rolle. In der Figur des Caldwell, den John Carradine mit Augenklappe als wahren Dunkelmann gibt, sind sie eher als Aufrührer zu sehen, als daß sie hier mit regulären Truppen gezeigt werden. Insofern hat man es bei DRUMS… eben doch mit einem Western zu tun, denn für Ford ist die Besiedlung dieses Landes der Kampf der Siedler gegen eine übermächtige Natur, die ebenso schön wie bedrohlich sein konnte, es wurde bereits erwähnt. Die Indianer sind für den jungen Ford immer Teil dieses Environments gewesen, eine gesichtslose Masse, die einer Plage gleich über die Siedler kommen. DRUMS… bewegt sich also schon vollkommen auf „amerikanischem Grund“, die Briten sind eigentlich nur noch eine lästige Pflicht, die es zu erledigen gilt. John Ford erklärt Amerika schlicht und einfach aus Amerika selbst heraus. Das allerdings macht er wie kein zweiter.

Abschließend einige Anmerkungen zur Musikuntermalung. Viele stören sich am Einsatz des ‚YANKEE DOODLE‚, den man gemeinhin mit den Unionstruppen im Sezessionskrieg verbindet. Doch ist dies eigentlich ein viel älteres Lied, ein Spottlied sogar, das bereits in er britischen Armee Anwendung fand. Etwas anderes ist der Einsatz der letzten Melodie im Film: Während die amerikanische Flagge gehisst wird, ertönen verhuscht einige Takte der britischen Nationalhymne, die dann von der amerikanischen sozusagen eingefangen und vereinnahmt wird. Dies war nicht geplant, sondern eine Konzession der produzierenden 20th Century Fox an die Tatsache, daß Anfang September 1939 der Krieg in Europa ausgebrochen war und man sich natürlich mit den Briten solidarisierte, die das Licht der Demokratie recht einsam in Europa am Brennen hielten. Da hatte man nahezu zwei Stunden lang die Briten als böse, zynisch und brutal hingestellt, musste aber dennoch seine Verbundenheit mit dem „Mutterland“ verdeutlichen. So kommt es, daß am Ende dieses amerikanischen Unabhängigkeitsepos der britischen Krone gehuldigt wird.

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