KILL CREEK

Scott Thomas bietet in seinem Debütroman durchaus originelle Ansätze zum Sub-Genre der Spukhausgeschichte

Dem Horrorfach, respektive Geister-Genre, noch Neues hinzuzufügen, dürfte generell schwierig sein. Erst recht aber, wenn man sich als Debütant ans Schreiben macht. Nun kommt es bei Genre-Literatur vielleicht gar nicht (mehr) so sehr auf Originalität an, was Geschichte und Handlung betrifft, eher muß man bekannte Versatzstücke auf originelle Art und Weise neu zusammensetzen und miteinander verknüpfen. Scott Thomas hatte eine grundlegend gute Idee, wie er dies in seinem Erstling KILL CREEK (Original 2017 erschienen) bewerkstelligen könnte.

Der Betreiber eines Online-Portals für Fans des einschlägigen Genres bringt vier führende zeitgenössische Autoren aus dem Grusel-Sektor in einem als Geisterhaus verschrienen, einsam in der Einöde von Kansas gelegenen Gebäude zusammen, um sie hier im Livestream zu ihrer Arbeit zu befragen. Nach anfänglichem Zögern finden sich Sam McGarver, Samuel Cole, T.C. Moore und Daniel Slaughter bereit, an dem Experiment teilzunehmen. Und so kommt es in einer langen Nacht zu jenem Interview in dem alten Haus in der Prärie. Doch obwohl alle Beteiligten – neben den Autoren auch der Betreiber der Plattform, Mr. Wainwright und seine Assistentin Kate – sich für auf- und abgeklärte Geister halten, muß jeder in dieser Nacht durchaus beängstigende Erfahrungen machen. Stimmen, dunkle Gestalten in düsteren Ecken, Schatten, wo keine sein dürften – allerhand Erscheinungen treten auf. Am folgenden Tag verlassen alle das Haus wieder und kehren in ihre Leben zurück. Allerdings – und das merken sie erst nach und nach – haben sie aus dem Haus etwas mitgenommen, das sie fürderhin nicht mehr loslassen wird…bis sie sich erneut im Haus einfinden, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Es ist eine durchaus originelle Idee, gleich jene zu Hauptfiguren der Story zu machen, die sonst hinter dem Titel der Werke verschwinden – die Autoren von Horrorliteratur. Thomas hält sich dabei an die Konventionen des Genres: Er macht die Figuren hinreichend interessant, um den Leser zu fesseln, verpasst einigen von ihnen dunkle Geheimnisse der Vergangenheit, bzw. verdrängte und verborgene Geschichten, die im Laufe der Handlung relevant werden, dringt dabei aber nicht zu tief in die einzelnen Protagonisten vor und bietet damit ein Personal, das sich problemlos in jenes einordnet, das diese Autoren selbst wahrscheinlich ihrem Publikum bieten. Noch keine Klischees, aber haarscharf daran.  Interessant werden diese vier Figuren natürlich auch dadurch, daß der Leser in ihnen Versatzstücke wirklicher Literaten erkennen kann. Da ist der Nestor der Gruppe, der durchaus Züge von Howard Phillips Lovecraft trägt, ohne dessen rassistischen Eigenschaften aufzuweisen, da ist mit T.C. Moore die einzige Frau des Schriftsteller-Kleeblatts, deren Schreiben an Clive Barker erinnert, da ist der christlich geprägte Autor, der sich hauptsächlich an ein jugendliches Publikum wendet und dessen Werk Ähnlichkeiten mit der TWILIGHT-Saga von Stephanie Meyer aufweist, und last but not least gibt es mit McGarver den „König des Provinz- und Kleinstadthorrors“, der natürlich an Stephen King angelehnt ist.

Scott Thomas beschreibt das Werk der Vier nur andeutungsweise, wodurch dem Leser genügend Interpretationsspielraum bleibt, sie einzuordnen. Aus den vier unterschiedlichen Herangehensweisen an das Genre bastelt er in durchaus gelungenen Dialogen thesenhafte Versatzstücke zur fantastischen Literatur und lässt die Schriftsteller natürlich einander auch entsprechend beharken. Moore, die offenbar eine S/M-Literatur produziert, zeiht ihre Kollegen der Mittelmäßigkeit, Cole, der als eleganter Autor geschildert wird, droht, langsam in Vergessenheit zu geraten, Slaughters Horror für Jugendliche mit christlicher Botschaft kommt bei seinen Lesern nicht mehr so gut an und McGarver leidet nicht nur an einer Schreibblockade, sondern auch an seinem Ruf, ein Mainstream-Autor zu sein. So verspricht sich ein jeder hier natürlich auch kommerziellen Schub durch den Auftritt im Internet.

Thomas bietet lange Zeit eher zurückhaltenden und stillen Grusel. Da Stimmen und Schatten nun schon hunderttausendfach durch Spukgeschichten gehallt und gewandert sind, bläht er den ersten Teil seines Romans nicht weiter auf, als nötig. Es ist ein geschickter Zug, diese Figuren alle auf das reflektieren zu lassen, was ihnen widerfährt, wodurch sie die Geschehnisse natürlich dort einordnen, wo der gewiefte Leser dies ebenfalls tun würde: Entweder man hat es mit wirklichen Erscheinungen zu tun, die dann eben all jenen entsprächen, die man aus der einschlägigen Literatur bereits kennt und die damit viel von ihrem Schrecken verlieren, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der eigene Geist, die eigene Phantasie spielt einem einen Streich. Und was läge näher bei Menschen, die ihr Geld damit verdienen, anderen Schrecken einzujagen? Daß sich ein Ort aber mit den Phantasien, den Projektionen und Geheimnissen derer, die es beherbergt, auflädt und daran wächst, ist ein durchaus feiner Zug, den Thomas seiner Geschichte beimengt. Nichts ist einfach böse, kein Mensch, kein Ort, kein Geschehen. Alles wird erst böse – durch Handlungen und Taten, oder aber durch  Gerüchte, Geraune und Geheimnisse.

Wirklich spannend wird KILL CREEK also erst dann, wenn die Schriftsteller wieder zuhause sind und wie wahnsinnig schreiben, allerdings alle am selben Buch. Wobei sich dann die Frage stellt, wer dieses Buch schreibt? Die jeweiligen Autoren? Oder doch eher das Haus, daß sich an den psychischen Dispositionen seiner Bewohner und den dunklen Geheimnissen, die es in den 150 Jahren seines Bestehens in sich aufgesogen hat, labt und ergötzt? Dieser Frage nachzugehen, ist schließlich die eigentliche Bestimmung der Autoren und ihres ehemaligen Gastgebers Wainwright.

Wie so häufig in der Grusel-Literatur, ist auch hier der Fall, daß dem Autor zwar gute Ausgangspositionen eingefallen sind, er dann aber eben auf recht konventionelle Mittel zurückgreifen muß, um zu Eskalation und abschließendem Höhepunkt zu gelangen. Der leise Schrecken der ersten Hälfte wird so zugunsten eines eher grellen und expliziteren Horrors aufgegeben, was den Actiongehalt der Geschichte zwar erhöht, im Inhalt und dessen Beschreibung aber arg herkömmlich gerät. Zudem – ein Einwand, den man mittlerweile nicht nur beim Genrekino, sondern leider auch bei der Genreliteratur immer häufiger erheben muß – ist das alles zu lang. Mit 540 Seiten Umfang mag das Schmökerbedürfnis des Publikums und der kommerziell preisliche Anspruch der Verlage bedient sein, ob die Länge aber der Geschichte und ihren Figuren gerecht wird, sei einmal dahin gestellt. Es ist leider nicht von der Hand zu weisen, daß sich Thomas, wie viele seiner erfahrenen Kollegen, doch immer wieder zu Wiederholungen und Überbetonung längst bekannter Tatsachen hinreißen läßt.

Doch wie dem auch sei – für ein Debüt ist KILL CREEK ein durchaus gelungener Beitrag, der auch dem Sub-Genre der Spukhausgeschichte Neues abgewinnen kann, bzw. Altbekanntes auf durchaus packende Art neu anzuordnen versteht.

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