M. DER SOHN DES JAHRHUNDERTS/M. IL FIGLIO DEL SECOLO

Der wuchtige Auftakt zu Antonio Sculatis romanesken Mussolini-Biographie

Man muss Irrtümer eingestehen können. Hier also ein Eingeständnis: Als Antonio Scurati ankündigte, eine mehrteilige Biographie Benito Mussolinis in Romanform zu schreiben, ein Unterfangen, das zugleich aber auch episch aus dem Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dessen politischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen erzählen sollte, stellte sich bei diesem Rezensenten spontan Widerwillen ein. Warum einem Faschisten, der ungeheures Leid über die Italiener gebracht hat, zugleich aber immer noch in Teilen verehrt wird, ein solches Werk widmen? Spielt da nicht doch unterschwellig Faszination, gar Begeisterung eine Rolle? Wird da nicht – gewollt oder ungewollt – ein Jahrhundertverbrecher verherrlicht? So beäugte man das Werk immer aus der Ferne, eben doch interessiert, aber unschlüssig, ob man es wagen solle.

Mittlerweile sind alle fünf Teile auf Italienisch erschienen, vier davon auch auf Deutsch. Und schließlich konnte man nicht widerstehen. Und so kommt es, dass an dieser Stelle ein Irrtum eingestanden werden muss: Nach der Lektüre des ersten Teils – M. DER SOHN DES JAHRHUNDERTS (Original 2018; Dt. 2020) – kann von Begeisterung oder gar Verherrlichung, nicht einmal von heimlicher Faszination die Rede sein. Man kann dem Werk durchaus literarisch hier und da Kritik angedeihen lassen, nicht aber an seiner Haltung. Scurati ist da durchaus Großes gelungen, die Lektüre lohnt.

Nahezu akribisch widmet sich der Autor seinem Gegenstand und darüber hinaus der Bewegung, den Fasci, der faschistischen Partei, die Mussolini – zwar nicht allein, jedoch im Wesentlichen – begründete und schnell auch führte. Doch ähnlich den Entwicklungen um die NSDAP und deren späteren Alleinherrscher Adolf Hitler in Deutschland, war auch der Aufstieg des später so genannten Duce kein direkten, gerader und unwidersprochener. Scurati versteht es recht gut, die Rangeleien, die politischen Irrungen und Wirrungen und die innerparteilichen Machtkämpfe der frühen Phase des Faschismus nachzuzeichnen und somit auch zu erklären. Er verdeutlicht, dass die Faschisten eben lange keine Partei im herkömmlichen Sinne waren, sich vielmehr als Bewegung verstanden. Und als solcher gelang es ihnen, den Staat, der sich nach dem Weltkrieg, dem „großen Krieg“, der 1918 zu Ende gegangen war, vergleichbar dem Deutschen Reich in einer prekären Situation befand, massiv unter Druck zu setzen. Es mangelte auch in Italien an wirklichen Demokraten. Es gab, ähnlich wie in Deutschland, eine starke sozialistische Partei, es gab die Kommunisten, es gab die Monarchisten und es gab eine kleine, wenig überzeugende und vielleicht nicht einmal überzeugte Schar demokratisch Gesinnter, die der Gewalt, die vor allem die Faschisten ausübten (aber nicht nur sie), wenig bis nichts entgegenzusetzen hatten.

Scurati geht streng chronologisch vor. Er unterteilt diese gut 800 Seiten Fließtext in die einzelnen Jahre, die dieser erste Band umfasst, beginnend mit dem Jahr 1919 und da der Gründung der Kampfbünde in Mailand am 23. März, endend mit dem 3. Januar 1925 in Rom, als Mussolini nach dem Mord an dem Abgeordneten Matteotti und den darauffolgenden Anwürfen gegen ihn und seine Regierung das Parlament mit Artikel 47 des Handbuchs für Abgeordnete konfrontiert, der es erlauben würde, einzelne Minister anzuklagen und dem obersten Gericht zu überstellen. Statt eines Aufbegehrens gegen die zunehmend diktatorische Regierung Mussolinis und seiner Getreuen, bricht Jubel aus und fast alle Mitglieder des Hohen Hauses klatschen und brüllen Beifall. Mussolini hat die Macht errungen, gefestigt und konsolidiert.

Dass es bis dahin ein sehr weiter Weg war und wie dieser Weg beschritten wurde, davon erzählt Scurati im ersten Teil seines Zyklus. In der ersten Hälfte des Romans nimmt vor allem Mussolinis Gebaren bezüglich der Besetzung Fiumes durch den Schriftsteller, Dichter und Anführer einer Gruppe Freischärler Gabriele D´Annunzio breiten Raum ein. Anhand dieser Auseinandersetzungen, bei denen Mussolini sich gleichzeitig als kämpferischer Unterstützer, zurückhaltender Zweifler und journalistischer Beobachter gab – zu diesem Zeitpunkt war er hauptberuflich Herausgeber und Chefredakteur des Popolo d´Italia, einer von ihm gegründeten, rechtsgerichteten Tageszeitung – kann Scurati hervorragend herausarbeiten, wie prekär die italienische Rechte gerade in diesen frühen Jahren des Faschismus gewesen ist. Und vor allem kann er hervorheben, wie stark die Linke war und dass es durchaus die Möglichkeit gegeben hätte, einen starken, linksgewandten Staat zu errichten, der sich möglicherweise sogar an der Sowjetunion ausgerichtet hätte.

Dass Mussolini ein vielschichtiges Spiel auf unterschiedlichen Ebenen spielte, ein intrigantes Spiel, bei dem er immer bereit war, auch enge Weggefährten und Unterstützer zu opfern, um die Bewegung – eine Partei wurden die Fasci tatsächlich erst in den Folgejahren –, bzw. seine Rolle darin zu stärken, ein Spiel, bei dem er sich häufig auch als feige erwies, feige, weil ratlos und dann auch entscheidungsschwach, wird in der ersten Hälfte des Romans überdeutlich. Ebenso deutlich arbeitet Sculati die Gewalt und das doppelte Spiel heraus, das Mussolini mit dem Staat und seinen Institutionen spielte. Denn die Gewalt, die ab dem Herbst 1920 strategisch gegen die Linke, aber auch gegen den Staat als solchen eingesetzt wurde und immer grauenvollere Ausmaße annahm – Scurati erspart es seinen Leser*innen nicht, einige dieser Gewaltakte sehr deutlich zu schildern, was aber, darauf wird noch zu sprechen zu kommen sein, seine Berechtigung hat – hatte den Sinn, die Faschisten zugleich als Bedrohung der staatlichen Ordnung als auch deren einzige Rettung zu etablieren. Eine Art der Erpressung, die als Notwehr gegen eine angeblich immer bevorstehende, von diesen auch als solche wahlweise angekündigte oder angedrohte Revolution der Linken verkauft wurde. Mussolini wurde nicht müde, zu behaupten, dass der Faschismus keine Gewalt liebe – eine glatte Lüge – als auch, den Faschismus mit Italien gleichzusetzen, zu einer historischen Bewegung, ja, zu einer Bewegung, einer Geste der Geschichte selbst gegenüber der Wirklichkeit. Pathos hat schon immer geholfen, Macht zu erringen. Eine Strategie übrigens, die Hitler ab Mitte der 20er Jahre und später, sobald er die Macht wirklich in Händen hielt, genau so umzusetzen pflegte. Der deutsche Diktator hat vieles von seinem italienischen Vorbild gelernt.

Der zweite Teil des Romans wird natürlich maßgeblich von jenem Marsch auf Rom bestimmt, den die Faschisten alsbald zu verherrlichen und damit in den Rang eines Gründungsmythos zu heben wussten. Eine ungeheure Gewalt ging auch von dieser physischen Bewegung aus, die natürlich kein einheitlicher Marsch im engeren Sinne gewesen ist, sondern eine sich über Wochen hinziehende Eskalation Richtung Rom und der Vertreter dessen, was heute gern als „Mitte“ deklariert wird. Es erstaunt in diesem Zusammenhang allerdings, dass Hitlers Putschversuch in München im November 1923 – schnell und in Anlehnung an das italienische Vorbild zum Marsch auf die Feldherrnhalle verklärt – im Roman nicht einmal Erwähnung findet. Doch wurde er womöglich von Mussolini wirklich nicht wahrgenommen, obwohl dieser, und Scurati belegt das, seinen Blick oft und gern ins Ausland und auf die ehemaligen Alliierten richtete, vor allem auf die Versuche des U.S.-Präsidenten Wilson, eine vernünftige Nachkriegsordnung herzustellen.

Der italienische Duce kam in der historischen Betrachtung immer besser weg als der deutsche Führer. Das hat sicher ganz unterschiedliche Gründe. Sicher auch den, dass Mussolini im Vergleich zu Hitler trotz seiner Schreckensherrschaft nicht gänzlich verbrannte Erde zurückließ. Und obwohl die Italiener sich ihres Diktators selber entledigten, blieb Mussolini im italienischen Verständnis trotz allem ein zumindest beachtenswerter Mann, was man von Hitler, von den Ausnahmen der Ewiggestrigen, die selbst in der sogenannten „Neuen Rechten“ kaum Gehör finden, nun nicht gerade behaupten kann. Mussolini, so will es die Legende, sei ein Intellektueller gewesen, ursprünglich ein Sozialist, der dann nach und nach die Seiten gewechselt habe, bedingt durch den Weltkrieg und die als katastrophal wahrgenommene Lage des Landes, das nominell ja zu den Gewinnern des Kriegs gerechnet wurde, nachdem es sich 1915 der Entete angeschlossen hatte. Einiges daran mag stimmen. Mussolini hatte tatsächlich im sozialistischen Lager begonnen, er war Journalist gewesen, hatte für Avanti!, das Zentralorgan der sozialistischen Partei Italiens, gearbeitet und war dort sogar bis in die Position des Chefredakteurs aufgestiegen.

Zuvor war der ehemalige Lehrer Mussolini 1902 in die Schweiz emigriert und dort nachweislich mit den Schriften Karl Marx´ und anderer Kommunisten, aber auch mit jenen der Syndikalisten und anderer, damals wichtiger Theoretiker in Berührung gekommen. Mussolini darf also zumindest als gebildet gelten, ob er wirklich ein Intellektueller im klassischen Sinne des Worts gewesen ist, sei dahingestellt. Scurati charakterisiert ihn zumindest als einen oft nachdenklichen, aber eben vor allem berechnenden Mann, der sich Theorien und Gedankengänge vor allem strategisch zu eigen, zunutze machte. Doch wird Mussolini in Scuratis Roman vor allem zu einem Macho par excellence, einem Mann der Tat. Der politischen wie der sexuellen Tat, ein Mann, der zwar Familie hat, der aber ununterbrochen Affären und Liebschaften eingeht und mit Margherita Sarfatti eine Langzeitgeliebte hatte. Sie, eine jüdische Schriftstellerin, nutzte wiederum die Nähe zur faschistischen Macht, um sich als Förderin originär faschistischer Kunst, namentlich der Gruppe Novecento, einen Namen zu machen. Das Image des dauergeilen, sexuell immer bereiten Führers scheint sich später übrigens Silvio Berlusconi von Mussolini abgeschaut zu haben.

Ähnlich wie sein Anführer, wird der italienische Faschismus gern als weniger schlimm, als theoretisch dem Nationalsozialismus nicht einmal verwandt betrachtet. Der Nationalsozialismus, so eine gängige, wenn auch nicht mehr allzu frische These, sei eher dem sowjetischen Totalitarismus verwandt, weil beide den Versuch unternommen hätten, den „neuen Menschen“ zu schaffen, nach je eigenem Ideal. Einerseits der „Sowjetmensch“, andererseits der völkisch gedachte „Arier“. Hingegen habe der italienische Faschismus eher absolutistische Züge aufgewiesen, habe zwar allumfassend die Macht beansprucht, darüber hinaus aber keine eliminatorischen Züge aufgewiesen, weshalb er zwar rassistische, jedoch keine antisemitischen Aspekte gehabt habe. Man kann über all diese Details und rein ideologie-theoretischen Einzelheiten trefflich streiten. Was Scurati – und das muss man ihm danken – überdeutlich herausstellt, ist, dass die Gewalt immer Gewalt ist, dass die Opfer von Gewalt immer leiden, dass der Tod, ob in der Gaskammer und also industriell, oder auf der Straße, erschlagen wie ein Hund, im Grunde immer dasselbe ist: Er ist und bleibt ein gewaltsamer Tod. Und es wird in diesem Roman mehr als deutlich, mit welcher ungeheuren Gewalt die Faschisten in Italien vorzugehen bereit waren. Viele von ihnen waren ehemalige Kämpfer des Kriegs, sogenannte Arditi, Angehörige einer Eliteeinheit der Sturmtruppen des Weltkriegs. Diese Männer waren – vergleichbar den Freikorps, die sich nach dem Krieg in Deutschland gebildet hatten – natürlich zutiefst brutalisiert, sie hatten die Gräuel der Schützengräben erlebt und die Sinnlosigkeit des Tötens und Sterbens. Und sie waren, es wurde bereits erwähnt, maßlos enttäuscht, weil sie sich von den anderen Siegern des Kriegs um ihre Pfründe betrogen fühlten. Diese Männer vertraten einen regelrechten Todeskult, und sie konnten mit den Ideen der Demokratie, des Aushandelns von Kompromissen wenig bis nichts anfangen. Sie waren es, die die ersten faschistischen Kampfbünde bildeten und deren maßgeblichen Führer stellten.

All diese Details und Einzelheiten bilden die wesentlichen Aspekte des Romans, der dadurch gerade in Zeiten, in denen sich eine extreme Rechte erneut aufmacht, die Demokratie offensiv zu bekämpfen, wichtig und wesentlich wird. Entwicklungen, historische Strömungen, wie sich einzelne in Szene zu setzen wussten und wie es funktioniert, mit Charisma Macht zu ergreifen, gerade in Zeiten der allgemeinen Unsicherheit und Verrohung – Scurati versteht es bravourös, diese Aspekte zu verdeutlichen. Ob dies aber wirklich ein guter Roman ist, in einem literarischen Sinne, steht auf einem anderen Blatt.

Klar ist, dass Scurati sich in alle Richtungen historisch absichern, nicht angreifbar sein wollte. So sind die einzelnen Kapitel meist mit dem Namen der darin hauptsächlich auftretenden Figur, einem Datum – Tag oder Monat, selten lediglich eine Jahreszeit – und dem Ort, an dem die Episode spielt, überschrieben. Die einzelnen Kapitel werden aber vor allem immer wieder von Zitaten – meist aus Reden vor dem Parlament, vor Parteimitgliedern, mit Briefen und Artikeln aus Zeitungen, Tagebucheinträgen und Telegrammen, also nachprüfbaren Quellen – voneinander abgegrenzt. Die betreffenden Zitate belegen meist noch einmal wortwörtlich, was im Kapitel zuvor erwähnt oder im Fleißtext erzählt wurde. Das mag anmuten wie Belege, doch es wirkt irgendwann tautologisch, ein sich selbst befeuerndes System aus Erzählung, Erzähltem und Quelle. Selten, eigentlich nie, bringen diese Zitate zusätzliche oder weiterführende, gar das Erzählte erhellende oder reflektierende Gedanken oder Ideen. Sicher, man möchte sie nicht missen, doch sind sie nicht wirklich nützlich. Und da sie als Teil des Textes präsentiert werden, nicht als Belegfußnoten, weisen sie auch über die reine Funktionalität hinaus, die sie in einem historischen Sachbuch einnähmen. So bleibt ihr Nutzen unklar.

Scurati lässt eine ungeheure Anzahl an Personen auftreten, was natürlich der Geschichte und den historisch verbürgten Ereignissen geschuldet ist, keine Frage. Ein kleiner Apparat am Ende des Buchs soll Aufschluss und Überblick über all diese verschiedenen Personen geben. Doch allein Gewicht und Umfang des Buchs machen es schwierig, dauernd vor und zurück zu blättern, um nachzulesen, wer nun wer ist. Zudem sind die Personenbeschreibungen dann doch nicht so umfangreich (es fehlen bspw. die Daten von Geburt und Tod), dass man wirklich nachvollziehen kann, welche Rolle wer in der Geschichte wirklich gespielt hat. Generell ist festzuhalten, dass, wer sich an Scuratis Mammutwerk wagt, besser gewisse Vorkenntnisse nicht nur zu den zeitlichen Abläufen, sondern auch zu den wesentlichen Figuren jenseits von Mussolini oder d´Annunzio mitbringen sollte, sonst könnte man sich ein wenig in diesem Wust verlieren.

Das schwierigere Problem aber liegt darin begründet, dass die meisten Figuren, sieht man einmal von Mussolini, Gabriele d´Annunzio, der Sarfatti, vielleicht noch Giacomo Matteotti, einem der wesentlichen Arbeiter-, vor allem aber Bauernführer, dessen gewaltsamer Tod Mussolini und seine Regierung 1924 in tatsächlich arge Bedrängnis brachte, und vielleicht noch dem Gründer der Sozialistischen Partei Italiens Filippo Turati ab, eher blass bleiben. Es dauert, bis man so wesentliche Figuren wie Italo Balbo, Leandro Arpinati, Roberto Farinacci, Massimo Rocca oder Albino Volpi – die alle wichtige Rollen in der Frühphase des italienischen Faschismus einnahmen – auseinanderhalten kann und richtig zuzuordnen weiß. Dabei sind die Geschichten und die Lebensläufe dieser Männer interessant und vor allem sehr, sehr aufschlussreich. Denn einige von ihnen, wenn auch beileibe nicht alle, waren bspw. – wie Mussolini ja auch – vor dem Krieg Sozialisten, manche hatten den Kriegsdienst verweigert oder waren desertiert, andere gehörten zu den weiter oben beschriebenen, durch den Krieg brutalisierten und durch die Nachkriegswirren enttäuschten und desillusionierten Kämpfern.

Scuratis ungeheure Akribie wurde eingangs bereits erwähnt. Allerdings drängt sich irgendwann der Eindruck auf, die sei vor allem eine ungeheure Fleißarbeit. Zwar erzählt Scurati chronologisch und sicherlich auch den Fakten entsprechend, vor allem auf Fakten basierend, doch erzählt er eben auch immer wieder dasselbe. Man wähnt sich in einer Endlosschleife aus Gewalt, Ansagen, Selbstzweifeln, sexuellen Abenteuern, erneuter Gewalt, erneuten Ansprachen, Reflektionen, sexuellen Abenteuern ad infinitum. Nun kann man natürlich behaupten, gerade in dieser ewigen Wiederholung von Attentaten, Prügeleien, Morden, Parteiveranstaltungen und gelegentlichen Privatvergnügungen, erneuten Morden, Aufzügen und Märschen von Faschisten läge der eigentliche Erkenntnisgewinn. Denn sicher wird dadurch den Leser*innen vermittelt, wie bleiern jene Zeit – sowohl im wortwörtlichen als auch im übertragenen Sinne – gewesen ist, weshalb schließlich immer mehr Menschen bereit waren, den letztlich hohlen Versprechungen Mussolinis und des Faschismus Glauben zu schenken und ihm schließlich sogar zujubelten. Doch stellt sich eben auch die Frage, ob man das nicht anders, weniger umfangreich, weniger repetitiv hätte erzählen können. Eine gewisse Ermüdung, das muss man zugeben, stellt sich während der Lektüre irgendwann ein.

Aber Scurati gelingt eben doch auch das Portrait einer tief verunsicherten, auch etwas resignativen, zutiefst brutalisiertes Gesellschaft, er erklärt die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge und er vermittelt ein grundlegendes Gefühl dafür, wie dieses Land als eine ähnlich „verspätete Nation“ wie es Deutschland laut des Soziologen Helmuth Plessner ja gewesen sein soll, an sich selber litt und nach einer vermeintlichen Größe strebte, die es nie besessen hatte – außer eben in der Antike, auf die sich Mussolini und die Faschisten ja auch gern und häufig beriefen. Literarisch bleibt dabei einiges auf der Strecke, vieles wird schlicht behauptet, stark ist Scurati immer dann, wenn er nah an seiner Hauptfigur ist und wenn er – wenn auch sprachlich gelegentlich etwas uneindeutig – das schildert, was Mussolini als Größe und Wesen des Faschismus beschreibt.

Scurati – und Dank an die Übersetzerin Verena von Koskull, der es gelingt, eine kongeniale deutsche Fassung zu liefern – findet aber auch eine gute Distanz zu seinem Gegenstand, manchmal sogar in ironischer Brechung, er hat Sinn für die Dramatik der Situation des Landes und vor allem für die Tragik derer, die unter den Entwicklungen leiden mussten. Und Scurati entwickelt einen Sog, man versteht gar nicht genau, worin der besteht, er zieht die Leser*innen hinein in die Dynamik der Geschehnisse und sorgt dafür, dass man dann auch weiterlesen will, wenn man diesen ersten – und umfangreichsten – Band seines Quintetts gelesen hat. Also – auf ein Neues, in Band zwei.

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