ANNETTE, EIN HELDINNENEPOS

Anne Weber ehrt eine große Frau des 20. Jahrhunderts

ANNETTE, EIN HELDINNENEPOS (2020) trägt bereits die Form im Namen, in der Anne Weber ihrer Heldin, der französischen Kommunistin, Résistancekämpferin und später für die FLP – der Front de Libération Nationale, eines Teils der algerischen Befreiungsarmee – zumindest als Botin arbeitenden Annette Beaumanoir, zu huldigen gedenkt. Ein Epos also, jene im Versmaß des Hexameters verfasste, eigentlich antike Form der mythischen Heldenverehrung. Und sie will es einer Heldin widmen – womit schon der Titel dieses Buches, das damit kein Roman ist, andeutet, daß die Autorin die Form, wenn nicht zu sprengen, so doch in weiter Auslegung zu gestalten gedenkt.

Es ist zunächst eine leichte Irritation für den Leser, den sich dem Blocksatz widersetzenden Zeilen zu folgen, doch sei dies vorweggesagt: Es gibt sich. Nach wenigen Seiten hat man sich daran gewöhnt und liest den Text, wie man einen herkömmlichen Roman lesen würde. So bleibt die Form als Lesewiderstand belanglos, allerdings darf man sicherlich darüber streiten, ob es die richtige Art und Weise ist, über eine Figur zu schreiben, die an den großen Kämpfen des 20. Jahrhunderts, zumindest aus französischer Sicht, teilhatte und damit auch den Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen unterliegt, die nahezu jeder kennt, der in diesen Dekaden bereit war, Partei zu ergreifen.

Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, ihren Eltern folgend trat sie früh der kommunistischen Partei bei, fand so ihren Weg in den französischen Widerstand, übernahm Botendienste und später auch gefährlichere Aufträge, verstieß gegen die geltenden Regeln, als sie zwei jüdische Jugendliche rettete und versteckte, wurde ausgeschlossen und begnadigt, studierte nach dem Krieg Medizin und wurde Neurologin, heiratete und bekam zwei Kinder, führte einige Jahre ein bürgerliches Leben in Frankreichs Süden und kam auf Umwegen dazu, in Frankreich die algerische Befreiungsbewegung zu unterstützen. Sie erledigte auch hier wieder Botengänge, wurde allerdings gefasst und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Während eines Hafturlaubs gelang ihr die Flucht nach Tunesien, wo sie einige Jahre lebte, ging nach dem Rückzug der Franzosen nach Algerien, wo sie beim Aufbau des Gesundheitssystems half, floh, als nach einem Staatsstreich auch ihr Leben bedroht war, und ging schließlich in die Schweiz, wo sie jahrelang die neurophysiologische Abteilung eines Krankenhauses leitete.

Ein Leben wie geschaffen für einen Roman, keine Frage. Beaumanoir war eine unglaublich mutige Frau, die mehrfach ihr Leben riskierte, aus ihrer Sicht immer im Dienst einer humanitären Sache. Natürlich ist es auch keine Frage, daß das Engagement in der Résistance ein gerechtes war, auch wenn wir heute sehr viel genauer wissen, daß es auch dort Flügelkämpfe gab, daß sich einzelne Fraktionen der Widerstandsbewegung – gerade was Kommunisten und Nichtkommunisten betraf – fast ebenso gnadenlos bekämpften, wie sie den gemeinsamen Feind, die deutschen Besatzer, bekriegten. Dennoch – gerade die Bereitschaft, sich gegen die gültigen Regeln aufzulehnen, im Notfall eigene Entscheidungen zu treffen und dafür auch einzustehen, gibt Beaumanoir durchaus „Heldenstatus“, auch, wenn der heutige Leser mit dem Begriff „Held“ vielleicht nicht mehr gar so viel anzufangen versteht.

Anders sieht die Sache allerdings bei Beaumanoirs Engagement für die algerische Widerstandsbewegung aus. Daß das französische Regime in Algerien ein Unrechtsregime war, ist sicher keine Frage. Auch die Methoden, die die französische Armee und mehr noch die Geheimorganisation OAS (Organisation de l´Armée Secréte) in Algerien anwandten – darunter fürchterliche Folter – diskreditierte den französischen Staat nachhaltig. Allerdings gingen ihre Gegner, allen voran die FLN, nicht minder brutal auch gegen Zivilisten vor, folterten ebenso und scheuten sich nicht, auch in Frankreich selbst Bombenattentate zu begehen, ohne dabei sonderlich viel Rücksicht auf Einheimische zu nehmen. Lange – bis zu den Fraktionskämpfen in Algerien und dem folgenden Staatsstreich, bei dem sich ein Militärregime, das sich auf islamistische Kräfte stützen konnte, durchsetzte, welches die Geschicke des Landes auf Jahrzehnte hinaus prägen sollte – die Augen vor den Realitäten im Land zu verschließen, zu glauben, man könne seinen durchaus humanistischen Beitrag leisten und sich ausschließlich darauf konzentrieren, zeugt von einer gewissen Naivität – oder von Zynismus. Diesen Vorwurf muß sich Beaumanoir gefallen lassen.

Anne Weber sieht diese Widersprüche und Brüche, keine Frage. Das Epos erlaubt dem Autor eben auch Überzeitlichkeit, eine auktoriale, gottgleiche Position, aus der heraus man später erst Bekanntes bereits in den Text und auch die Beurteilung der Geschehnisse einfließen lassen kann. So ist es Weber möglich, die Ambivalenzen der Figur Annette Beaumanoirs aufzudecken und kenntlich zu machen. Mehrfach wird im Text markiert, wo und in welchem Maße sie Irrtümern unterlag, mehrfach wird im Text auch die Frage aufgeworfen, ob die Heldin nicht wissen wollte, was sie hätte wissen können. Es sind dies die Momente in diesem Buch, in denen die Autorin die eigene Arbeit, zumindest die Form, unterläuft, gar in Frage stellt. Denn das Epos mündet seiner klassischen Form nach im Mythos. Und der, das weiß, wer seinen Roland Barthes aufmerksam gelesen hat, ist immer auch eine Geschichtsklitterung, ein Geradebiegen unliebsamer historischer Wahrheiten, um eine Geschichte so zu erzählen, daß sie als gesellschaftlicher Kitt funktioniert. „Gründungsmythen“ ist nicht zuletzt ein Begriff, der genau diese Funktion umschreibt.

Ist da also ein Unbehagen am eigenen Text zu spüren? Vielleicht kein Unbehagen, doch Weber muß aufgefallen sein, daß sie der von ihr sehr offensichtlich bewunderten Annette Beaumanoir, mittlerweile 98jährig, nicht ohne eine gewisse Distanz huldigen kann. So bricht sie also schon im Titel die Form, gibt es doch weder in der antiken noch in der germanischen Form des Epos – bis auf wenige Ausnahmen – keine weiblichen Helden. Treten starke Frauen auf – man denke an Brunhilde und, wenn man so will, auch Krimhild in der Nibelungensage – umgibt sie auch immer eine Aura von Gefahr, etwas Düsteres, Bedrohliches. In den antiken Epen sind Frauen oft – Helena allen voran – Grund für kriegerische Auseinandersetzungen und somit Grund für Not und Leid. So oder so sind sie meist Objekte, selten Subjekte. Brunhilde mag da eine der wirklich seltenen Ausnahmen sein. So emanzipiert sich Weber bereits mit der weiblichen Form, dem „Heldinnen-„ im Titel, ein Stück weit vom Korsett der von ihr gewählten Form. Es setzt sich in der Sprache fort, die gelegentlich ausgesprochen modern, manchmal sogar ein wenig ordinär ist und damit ganz bewußte Kontrapunkte wider die Strenge setzt. Aber sie schafft eben auch Distanz zum Objekt ihres Schreibens. Denn sie weiß zu genau, daß Beaumanoirs Wirken in Algerien sich eben nicht so makellos als Heldinnengeschichte preisen lässt. Wer in jenen Jahren für die Widerstandsbewegung in dem nordafrikanischen Land arbeitete, konnte schwerlich einfach „sauber“ bleiben, musste Entscheidungen auch wider die eigenen Ideale treffen und sich auf eine der vielen Seiten schlagen, die hier Teil hatten am Kampf.

Und doch merkt man dem Text eben auch immer an, daß Weber tiefe Verehrung für Beaumanoir empfindet. Sie möchte dieser Frau ein Denkmal setzen und so wirken ihre Einlassungen, die die Ambivalenzen markieren, oftmals ein wenig halbherzig. Vielleicht der einzige wirkliche Kritikpunkt, den man diesem Epos entgegensetzen kann. Doch der Mehrwert – einmal abgesehen davon, daß das erstaunlich gut zu lesen und dazu auch noch spannend ist – ist doch weitaus überwiegend. Denn man lernt viel, selbst der, der sich recht genau mit der Geschichte des Widerstands im 20. Jahrhundert auseinandergesetzt hat. Natürlich ist dies keine Biographie, kein Sachbuch, das mit Quellen und deren Angabe arbeitet, es steht dem Leser kein Apparat zur Verfügung (was eigentlich schade ist), doch gelingt es, das Portrait einer ausgesprochen mutigen Frau zu zeichnen, die der Gewalt, der Willkür und dem Antihumanismus des 20. Jahrhunderts schlicht ihr Leben entgegengesetzt hat. Das ist allemal eine Würdigung wert.

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