MAN NENNT MICH HONDO/HONDO

Ein untypischer Wayne-Western

1874 – der Kurierreiter Hondo Lane (John Wayne) kommt auf einem seiner Ritte zur Ranch der Lowes, wo Angie (Geraldine Page) und ihr Sohn Johnny (Lee Aaker) auf die Rückkehr ihres Mannes Ed (Leo Gordon) warten. Hondo fordert sie auf, sich ihm anzuschließen, er brächte sie in Sicherheit, da die Apachen unter dem Häuptling Vittorio (Michael Pate) auf dem Kriegspfad seien. Angie weigert sich, da sie und ihre Familie immer gut mit den Indianern ausgekommen wären. Hondo reitet mit enem der Pferde der Lowes weiter, sein eigenes hatte er in der Wüste tot zurücklassen müssen. Die Ranch wird von den Apachen überfallen, Johnny wirft sich den Indianern entgegen, um seine Mutter zu beschützen. Vittorio erkennt den Mut des Jungen an, verschont die beiden und macht Johnny zu seinem Blutsbruder. Damit stehen die Lowes unter dem Schutz der Indianer, solange Vittorio lebt.

Hondo hat derweil die Stadt erreicht und will auf die Farm zurückkehren, um das Pferd zurück zu bringen, doch auch, um nach der Frau und dem Jungen zu schauen, die es ihm angetan haben. Schon in der Stadt ist er mit einem Mann aneinandergeraten, der sich als Angies Ehemann Ed entpuppt hatte, unterwegs muß er genau diesen aus einer potentiell tödlichen Situation retten. Doch Ed zeigt sich undankbar und versucht, Hondo zu erschießen, da er ihn für einen Pferdedieb hält.

Hondo fällt den Indianern in die Hände, die ihn martern; als Vittorio jedoch ein Bild des jungen Johnny bei Hondo findet (das dieser dem Gepäck Ed Lowes entnommen hatte), hält er ihn für den Vater des Jungen. Da er selber schon auf der Ranch war und Angie drei seiner Männer angeboten hatte, da er findet, der Junge brauche einen Vater, bringen seine Leute den Verletzten zu Angie – allerdings ist der zweite Häuptling Silva (Rodolfo Acosta) dagegen, so daß es zwischen ihm und Hondo zu einem Zweikampf kommt, bei dem der siegreiche Hondo seinem Widersacher das Leben schenkt.

Nachdem die Verantwortung Hondos für den Tod ihres Mannes durch Zufall herausgekommen ist, gesteht ihm Angie, daß sie wusste, daß ihr Mann ein Tunichtgut gewesen sei und sie längst ihn, Hondo, begehre. Sie wolle ihm gern folgen auf seine Farm in Kalifornien.

Doch zuvor werden sie in die voll entbrannten Kämpfe zwischen der Kavallerie und den Indianern verstrickt. Es kommt zu einem wilden Showdown, den die Weißen jedoch für sich entscheiden können. Hondo, Angie und Johnny ziehen westwärts, nach Kalifornien.

John Farrows Western HONDO (1953) wird generell unter die besseren der guten John-Wayne-Western eingeordnet, die dieser nicht mit dem Großmeister des Genres John Ford drehte. Dem Urteil kann man sich anschließen. Auch ist es einer der ungewöhnlichsten Western, die der Duke je realisiert hat. Es ist ein romantischer Indianerwestern, der Ideale wie Freundschaft, Mut, Loyalität und Tapferkeit besingt.

Ein Mann kommt, begleitet von einem Hund, aus der Wüste. Die ersten Bilder des Films korrespondieren auf interessante Art und Weise mit zwei anderen, äußerst wichtigen Filmen Waynes: In STAGECOACH (1939) steht der Outlaw Ringo zu Beginn am Wegesrand und hält die Postkutsche an, in THE SEARCHERS (1956) steht Ethan Edwards am Ende des Geschehens einsam und allein vor dem Haus und schaut durch die Tür hinein, aus der die Kamera – wir, die Zuschauer – herausschauen, dreht sich um und geht in die Wüste. Stehen – Kommen – (Fort)Gehen. Als würde dieser Film, HONDO, derjenige der drei, der nicht von Ford gedreht wurde, eine Art Übergang im Schaffen Waynes markieren, zugleich jedoch auch eine Antithese zu den Ford’schen Waynefiguren formulieren. Bei Ford ist Wayne jeweils ein Weißer, der in Bezug zu den Indianern steht. In STAGECOACH sind diese in der naivsten Westerntradition schlichtweg eine gesichts- und geschichtslose Bedrohung für die Reisegemeinschaft in der Kutsche, kaum zu unterscheiden von Naturbedrohungen wie Wind und Wetter. In THE SEARCHERS ist – wie alles an jenem Film – auch die Rolle der Indianer eine äußerst ambivalente, sind sie doch sowohl Fremdes, Bedrohliches, Wildes als auch gleichberechtigte Widersacher und Gegner, durchaus im Sinne des Subjekts. In HONDO ist alles anders: Der Hauptprotagonist erzählt schon in der langen und die Ranch genau vorführenden Szene am Anfang, daß er Indianerblut habe und deshalb wisse, daß Indianer andere Menschen differenziert wie Tiere riechen könnten; in der gleichen Szene läßt er Angie wissen, daß er nicht glaube, daß sich die Apachen noch an etwaige Verträge oder Nichtangriffspakte gebunden fühlen müssten, da die Weißen eben diese Verträge gebrochen hätten; Weiße sind hier meist primitiv, feige und bereit, andere hinterrücks zu töten, die Indianer sind nicht nur ausgesprochen fair – selbst ein klarer Feind, wie es Hondo in Silvas Augen ist, muß in einem offenen Zweikampf besiegt werden – , sie legen auch Wert auf Ehrlichkeit. So bittet Vittorio Hondo, den Kavalleriesoldaten die falsdche Richtung zu nennen, sollten diese fragen, wohin die Apachen geritten sind. Hondo sagt, daß er das nicht könne und Vittorio das auch wisse, woraufhin dieser lächelt – er wollte Hondo lediglich auf die Probe stellen. Für Hondo ist die Tatsache eine schwere Bürde, daß er Angie nicht sofort den Mord an ihrem Mann gebeichtet hat. Und auch das ist anders in diesem von Wayne auch mitproduzierten Film: Er ist hier noch einmal in einer romantischen Rolle zu sehen. Danach wurde zumindest sein Westernimage immer mehr das des raubeinigen Haudegens, für weibliche Reize eher unerreichbar.

Der „Duke“ John Wayne befindet sich auf dem Weg des Transfers von den jugendlich-romantischen zu den ersten Rollen des Alterns. Und dies mittels eines für ihn vollkommen ungewöhnlichen Parts in einem recht ungewöhnlichen Western. Ist das eigentliche Thema des Films doch die Freundschaft und die Bedingungen unter denen eine Freundschaft ent- und bestehen kann. Doch sind es lange die Indianer, die die Kriterien erfüllen, die eine Freundschaft ausmachen. Sie definieren diese sogar nahezu. Und in diesem Konzept gehört der Respekt, den man vor dem Freund haben kann, der Mut, den der Freund aufzubringen bereit und in der Lage ist unbedingt, immanent, dazu. Wenn am Ende auch Hondo, Angie und Johnny auf der Seite der Weißen in die Auseinandersetzungen einbezogen werden (wobei der Film im letzten Drittel Hondos indianische Abstammung und die Freundschaftsfrage zugunsten der Action zurückstellt und dabei auch ein wenig seine sehr liberalen Grundsätze aufgibt), sind es kleine Gesten, die viel ausmachen: Hondo bittet, nein, eher ordnet er den Scout Lennie an, einen Trupp zusammenzustellen. Zuvor wurde uns in einer ebenso kurzen wie prägnanten Szene mitgeteilt, daß Hondo Lennie nicht leiden kann – es sind diese Verhältnisse, die unter den Männern Freundschaft definieren: Wie verhält man sich in Ausnahmesituationen? Wie eine erweiterte Studie in Sachen ‚Freundschaft‘ wirkt dies und so wie eine Fußnote zu Filmen wie RED RIVER (1948), RIO BRAVO (1959) oder THE COMANCHEROS (1961), großen Studien zu Fragen der Männerfreundschaft unter ihren jeweiligen spezifischen Bedingungen.

Hondo Lane hat einen Traum, ein Ziel, einen Sehnsuchtsort. Er findet im Laufe der Handlung eine Frau und praktischerweise auch einen Sohn – obwohl er etwas Wildes im Herzen trägt, das Erbe des nativen Landes, ist er nicht nur – als Mann – domestiziert worden, er will es auch sein. Die amerikanische Kleinfamilie, der Traum des Mittelklasse-WASP, dessen Idol John Wayne war, ist (wieder)hergestellt. Exemplarisch kommt er in ihr an, als Hondo Lane. Und dieser „überwindet“ damit wiederum auch sein indianisches Erbe. Es ist Regisseur John Farrow, der den Transfer in Waynes Karriere restlos vollzieht. Er findet die dafür angemessenen Bilder, er weiß Wayne zu inszenieren, gibt ihm die Möglichkeiten, seine Physis auszuspielen, diesen damals noch eher schlanken, biegsamen Körper zu zeigen, der an den jungen Wayne aus STAGECOACH erinnert. Oft ist Wayne bildfüllend, doch von Kopf bis Fuß zu sehen. Seine Größe, das durchaus Erhabene, das seine Erscheinung haben konnte, kommen zum Tragen.

Farrow läßt den Zuschauer die immense Weite und Tiefe des Westens spüren. Der Film – ursprünglich in 3-D veröffentlicht (was zu einigen Regiesperenzchen führt) – bietet atemberaubende Aufnahmen der Wüste, immer wieder wirbeln die galoppierenden Pferde Sand und Staub auf; die Gebilde, die aus diesem in Kombination mit dem Wind über den weiten Flächen entstehen, haben manchmal nahezu abstrakten/abstrahierenden Charakter, wenn sie das Geschehen – v.a. im abschließenden Showdown zwischen den Siedlern, der Kavallerie und den Apachen – fast komplett ein- und verhüllen. Distanziert blickt die Kamera auf diese Momente, so wie der Film generell weniger an Action, mehr an Ritualen der Freundschaft und der Liebe interessiert ist.

Ein außergewöhnlicher, ein romantischer John-Wayne-Western. Ein schöner Film.

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