MAX, MISCHA & DIE TET-OFFENSIVE/MAX, MISCHA & TETOFFENSIVEN

Ein gewaltiger Wurf des Norwegers Johan Harstad

Der Vietnamkrieg der Amerikaner, der Mitte der 60er Jahre offiziell als solcher deklariert wurde und bis 1975 ca. 58.000 Amerikaner und mindestens 2,5 Millionen Vietnamesen, meist Zivilisten, das Leben kostete, scheint erneut die Aufmerksamkeit einer jungen Generation zu erregen. Nachdem die späten 70er und die 80er Jahre eine Art Hoch-Zeit des Vietnamkriegs in Kino und Literatur erlebt hatten, gelegentlich revisionistisch, häufiger kritisch, das Interesse dann aber abflachte, sind es nun jüngere europäische Autoren, die sich des Sujets erneut annehmen.

Steffen Kopetzky, 1971 geboren, imaginiert sich in PROPAGANDA (2019) in einen Deutsch-Amerikaner hinein, der nicht nur als sehr junger Mann an der Schlacht im Huertgenwald, einer der blutigsten und brutalsten Schlachten an der Westfront im 2. Weltkrieg, teilgenommen hatte, sondern, nachdem er selbst in Vietnam seinen Dienst freiwillig geleistet hat, begreift, daß hier die einst moralisch überlegene Siegermacht all ihrer Werte verlustig geht und selbst zu einer faschistoiden Todesmaschine wird. Ein Buch, das bewußt mit dem Skandalpotential spielt, das in einer Gleichsetzung der Schrecken des Weltkrieges mit jenen des Vietnamkriegs spielt, sich dabei vor allem auf medial vermitteltes Wissen stützt und letztlich nicht verhehlen kann, daß es schlicht ein Abenteuerroman ist.

Geschickter stellt es da Johan Harstadt an. Acht Jahre jünger als Kopetzky, wird der Krieg ihm nun wahrlich nur und ausschließlich sekundär vermittelt worden sein. Und genau daraus bezieht er die zentrale Metapher seines Mammutwerks MAX, MISCHA & DIE TET-OFFENSIVE (Original erschienen 2015; Dt. 2019). Dessen zentrale Hauptfigur, der Ich-Erzähler Max Hansen, hat ein schon als obsessiv zu bezeichnendes Interesse an Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW (1976/79), jenem Werk zum Vietnamkrieg, das vielleicht als einziger Film überhaupt in das Wesen des Krieges selbst eingedrungen ist; ein Meta-Film, dessen Produktionsgeschichte mittlerweile fast so mythenbeladen und sagenumwoben ist, wie der Krieg, den er einzufangen sucht.

Coppola, der seinen Film immer als work in progress begriffen hat, bot zweieinhalb Stunden lang all den Wahnsinn, die Drogen, den Rock´n´Roll, das Chaos, die Gewalt und den Irrsinn, die diesen Krieg angeblich ausgemacht haben. Man kann nicht mehr von Verherrlichung oder Verdammung sprechen, nicht mehr festlegen, ob dies ein Anti-Kriegsfilm ist oder eine Huldigung, eine Vergötterung des Stahlgewitters im Jünger´schen Sinne oder schlicht eine Abbildung der conditio humana am Ende des 20. Jahrhunderts. In der Postmoderne angekommen, bleibt dem Menschen nach der Ideologie, dem Massenmord, nach der Psychoanalyse, nach dem Fall der Zeichen, nur noch der freiwillige Rückzug in den Wahnsinn, um überhaupt noch eine Chance zu haben. Fragt sich nur: Eine Chance worauf?

Als Metapher funktioniert dieses Dokument des Wahnsinns allerdings hervorragend für eine Generation, die, folgt man Max Hansens Erzählung, vollends verloren ist, heimatlos, weitestgehend ideenlos, eine Generation im Wartestand, die, Samuel Becketts Motto entsprechend, eigentlich nicht mehr weiß, worauf sie eigentlich wartet oder warten soll. In APOCALYPSE NOW kann man eine Menge Zitate und One-Liner finden, die das eigene Unbehagen an der Kultur prächtig – und zynisch – zum Ausdruck bringen. I love the smell of napalm in the morning; Charlie don´t surf; Stay in the boat; The horror! The Horror! – einige Beispiele für Sprüche, die Jungs, die diesen Film zu früh zu Gesicht bekommen, gewaltig beeindrucken können. Max, dessen Eltern aus der ultralinken Ecke der 68er-Bewegung kommen, wird mit etwa 10 Jahren aus seinem Heimatort Stavanger in Norwegen in die USA verpflanzt, da sich sein Vater, mittlerweile Pilot bei einer großen Fluggesellschaft, dort bessere Arbeitsbedingungen verspricht. Zwar lebt die Familie nun im idyllischen Long Island, doch Max fühlt sich fremd, entfremdet und heimatlos. Doch hier lernt er auch Mordecai kennen, der sein engster Vertrauter, sein bester Freund werden wird. Hier setzt ein engagierter Lehrer die beiden Jungs auf die richtige Spur in ihr späteres Leben. Mordecai wird ein anerkannter Schauspieler auf der Bühne und beim Film, Max aber wird ein bekannter Theaterregisseur, dessen Inszenierungen getrost unter dem Label „postmodern“ eingeordnet werden dürfen.

Und genau dort darf man auch Harstads Roman einordnen. Er nutzt alle bekannten und einige weniger bekannte Erzählmuster der Postmoderne: Er erzählt anti-klimaktisch, er nutzt eine äußerst komplizierte Konstruktion aus Verschachtelungen, Assoziationen, scheinbaren Abschweifungen, die aber erstaunlich stilsicher an ihre Ausgangspunkte zurückführen, scheinbar Unwichtiges steht gleichberechtigt neben äußerst Wichtigem – oder dem, was man als gemeiner Leser für wichtig erachtet. Weitestgehend chronologisch erzählt, gibt es Einschübe, die schlaglichtartig das Leben von Max´ Onkel Ove, nun Owen, beleuchten, der Jahre, bevor Max das Licht der Welt erblickte, Norwegen und seine Familie verließ, nach Amerika ging, um hier ein großer Jass-Pianist zu werden und doch einsehen musste, daß es dafür nicht reicht. Und der sich schließlich, um die green card zu bekommen, freiwillig für ein Jahr nach Vietnam verpflichtete, immer in der Annahme, der Krieg sei eigentlich bereits vorüber, was sich 1970 als grobe Fehleinschätzung erwies. Das Ganze wird in eine Rahmenhandlung eingebettet, die im Herbst 2012 angesiedelt ist und dem Leser Max als tief verunsicherten Theater-Regisseur zeigt, der mit seiner neuesten (und, wie er hofft, letzten) Produktion durch den Kontinent tingelt, wobei er dazu übergegangen ist, allein mit einem Leihwagen hinter seiner Crew herzureisen, was ihm erst die Möglichkeit bietet, so ausschweifend über sein Leben zu räsonieren. Immer wieder – vor allem im ersten Drittel des Romans – kehrt die Erzählung auch in diese Gegenwart zurück, die sich eben auch an Max´ Erinnerungen messen lassen muß, an dem Glück und den Schicksalsschlägen, an den Freundschaften und den Verlusten.

1242 Seiten sind eine lange, lange Strecke für einen Roman und man ist versucht, zu behaupten, daß es schlicht keinen 1000-Seiten-und-mehr-Roman gibt, der nicht irgendwann unterwegs seine Durststrecken und Längen aufweist. Matthias Brandt wird auf dem Cover allerdings dahingehend zitiert, daß dieser Roman nur eine Schwachstelle habe – er sei zu kurz. Und man kann dieser Einschätzung seltsamerweise zustimmen. Das wiederum liegt an Harstads Kunst, einen Ton anzuschlagen, sich einer Sprache zu bemächtigen (und an dieser Stelle muß die Übersetzerin Ursel Allenstein gesondert erwähnt werden, denn es ist ihr gelungen, dieses gewaltige Text-Konvolut kongenial ins Deutsche zu übertragen), die einerseits leicht zu lesen ist, der man gern folgt, der es gelingt, dieser Stimme zu folgen, wie man der eines alten Freundes folgen würde, den man ewig nicht gesehen hat und der nun erzählt, was ihm in den letzten 30 Jahren zugestoßen ist – und dies in angemessener Art und Weise tut. Weil er immer schon ein hervorragender Erzähler gewesen ist und nichts von seiner Befähigung verloren hat in all den Jahren.

So gelingt es Harstad, scheinbar weit auseinanderliegende und komplexe Themen allein dadurch glaubhaft miteinander zu verweben, weil sie für Max wesentlich sind. Das Gefühl der Entfremdung, der Heimatlosigkeit, der Verlust der Familie und den Ersatz derselben durch Freunde und Freundschaften, Kunst und Kunstdiskurse, Überlegungen und Gedanken zu Filmen, Literatur, Medien, aber auch zum politischen Tagesgeschehen – all das und noch viel mehr wird hier abgehandelt. Und erstaunlicherweise langweilt Harstad nie. Allerdings mag dies im Auge des Betrachters, respektive des Lesers, liegen. Auch da, wo der Autor scheinbar abschweift und sich seitenlang über postmodernes Kunstschaffen auslässt, wo er wie nebenbei Namen fallen lässt wie Kim und Thurston – Gordon und Moore sind Gründungsmitglieder der progressiven und selbst eng mit dem New Yorker Kunstbetrieb verbandelten Rockband Sonic Youth – oder wenn er immer wieder auf das Gesicht von Shelley Duvall abhebt und ihren Stellenwert in der Geschichte des Hollywood- und Off-Hollywood-Films der 70er Jahre, als sie vermehrt mit Robert Altman arbeitete, gelingt es ihm nahezu durchgehend, dies einerseits so zu gestalten, daß der Leser folgen kann und will, zugleich aber auch die Relevanz begreift, die diese Betrachtungen für den Erzähler in seinem Kosmos haben. Selten ist es einem Autor gelungen, auf einer solch langen Strecke Personen und Figuren zu erschaffen, die so lebensnah und -echt erscheinen und sie in einen Kontext einzubinden, der glaubwürdig und nachvollziehbar ist, selbst für denjenigen, der mit der Kunstszene vielleicht noch nie in Berührung gekommen ist.

Es wirkt geradezu organisch, wie Figuren in diesem Roman auftreten, lange eine gewisse Wichtigkeit haben, um dann wieder aus dem Fokus zu verschwinden. Wie im realen Leben, in dem wir uns gelegentlich auch fragen, wie es sein konnte, daß dieser oder jener, der doch einmal so wesentlich für uns war, und so einfach entgleiten konnte? Und wir im realen Leben taucht der eine oder andere später wieder auf, andere bleiben nur eine Erinnerung. Ebenso glaubwürdig ist Max´ Schilderung eines Künstlerlebens und der Beziehung zweier Künstler zueinander. Er, der Theatermann, und Misha Grey, die als bildende Künstlerin reüssiert und deren zunehmender Erfolg es Harstad erlaubt, mit allen möglichen Formen der Kritik zu spielen – Auszügen aus Besprechungen in Fachzeitschriften oder der New York Times, Katalogzitaten und Studien zu einer Künstlerin, die sich irgendwo zwischen Rothko, Pollock und Gerhard Richter verortet. So ist dies nebenher auch ein großer Künstlerroman. Ein Künstlerroman, der auch davon lebt, daß es sein Autor schafft, auf einem schmalen Grat zwischen Ironisierung und ernsthafter Auseinandersetzung mit Kunst und dem Kunstbetrieb entlang zu tänzeln, dabei selbst allerlei (wiederum postmoderne) Spielereien mit verschiedenen Formen sprachlicher Kunst anzustellen usw.

Man denkt im Vergleich gelegentlich an Romane von Andrea de Carlo, der mit ZWEI VON ZWEI (1989; Dt. 1991) und WIR DREI (1997; Dt. 1999) ebenfalls große Werke über die Kraft der Freundschaft geschrieben hat, dem es dabei aber weniger gelang, diese in ein Setting einzubetten, das offen genug ist, um den Figuren glaubhaften Anschluß an die Realität zu gewähren. Man denkt aber auch an Harold Brodkeys Jahrhundertroman DIE FLÜCHTIGE SEELE (1991; Dt. 1995), wo auf einem extrem hohen literarischen Niveau ebenfalls die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mannes erzählt wurde. Anders als Brodkey, der sich nicht scheut, gleich ganze Kapitel in schwer nachvollziehbaren Meta-Ebenen anzusiedeln, der nicht nur durchgehend reflektiert, was er schreibt, sondern auch; wie man schreiben kann, was er schreibt, verlässt sich Harstad auf die Kunst des verständlichen Erzählens, ohne dabei einen gewissen Anspruch zu vernachlässigen.

Und schließlich, um ein Werk jüngeren Datums als Referenz heranzuziehen, kann man auch einen Vergleich zu Meg Wolitzers DIE INTERESSANTEN (2013; Dt. 2014) ziehen. Denn gerade in diesem Roman wird nicht nur eine ähnliche Geschichte erzählt, die sich ebenfalls über Jahrzehnte hinzieht, sondern die Autorin müht sich auch um eine ähnliche Fallhöhe hinsichtlich der Diskurse, die sie streift und aufgreift. Und genau daran kann man messen, wie gut es Harstad gelingt, seine Geschichte in einen lebensnahen Rahmen einzubinden. Blieben die Protagonisten in Wolitzers Roman seltsam unberührt von den Zeitläuften, so sind die Menschen in MAX, MISCHA & DIE TET-OFFENSIVE in die Geschichte, die sie durchlaufen, eingebettet. Sie reagieren – müssen reagieren – auf das, was geschieht, am deutlichsten wird dies natürlich in Bezug auf 9/11, leben Max, Mischa und Onkel Owen – und zeitweise auch Mordecai – doch alle in Manhattan und sind unmittelbar betroffen.

Johan Harstad ist da ein großer Wurf gelungen, anders kann man das nicht sagen. Allerdings kann man alles, was an diesem Roman gefällt, auch gegen ihn wenden. So gibt es hier keinen wirklichen roten Faden, also auch keine kohärente Story. Dementsprechend fehlt natürlich auch der herkömmliche Spannungsaufbau. Man muß also nicht nur einen langen Atem mitbringen, um dies wirklich goutieren und genießen zu können, sondern man sollte auch eher an den Nebenwegen einer Geschichte Interesse zeigen, man sollte sich an Feinheiten orientieren können und schon die Sprache eines Romans allein als Grund betrachten, ihn zu lesen. Denn wenn all dies nicht der Fall ist, steht zu befürchten, daß ein Buch wie dieses den Leser vor allem in große Langeweile stürzt. Gerade an Romanen wie diesen kann man also herrlich herausarbeiten, was einem selbst an Literatur gefällt – und wie unterschiedlich verschiedene Leser ein und dasselbe Buch lesen und bewerten. Kaum etwas dürfte subjektiver gehandhabt werden. So, wie auch Max Hansen uns hier eine rein subjektive Sicht auf den Ausklang des 20. und die ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts bietet.

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