MITTERNACHT ZU SEIN IST NICHT JEDEM GEGEBEN/NÃO É MEIA NOITE QUEM QUER

Ein - leider - nicht ganz so starkes Werk des portugiesischen Nobelpreisanwärters

Es gibt diese Bücher, denen man Respekt zollt, bevor auch nur eine Zeile gelesen wurde. Allein, weil man weiß: Das wird ein Angang. Joyce´ ULYSSES ist immer das Beispiel, daß nahezu jedem einleuchtet. Ohne nun gleich ganz so hoch ins Regal greifen zu wollen, kann man aber auch gewisse Autoren nennen, bei deren Romanen man sich jedes Mal vor Beginn der Lektüre so fühlt, als stünde man im Basiscamp kurz vor der Besteigung eines Achttausenders. Viele Autoren der Moderne sind auf diese Weise herausfordernd – egal, ob Faulkner, Cortázar, Musil oder Döblin. Und auch die Postmoderne brachte immer wieder Autoren hervor, deren Schreibstil den Leser – bewußt – an den Rand der Verständigung, des Verständlichen brachte – Thomas Pynchon könnte stellvertretend genannt werden, aber auch JG Ballard,

Auch der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes sollte in die Riege der genannten Autoren eingereiht werden. Sein Stil ist durchgehend eine Herausforderung und manchmal eine – bewußte – Überforderung. Er lässt oft in einem einzigen, über eine halbe Seite mäandernden Satz mehrere Stimmen/Personen zu Wort kommen und gelegentlich sprechen sie aus verschiedenen Zeiten zum Leser, nehmen Bezug aufeinander, wispern sich Wahrheiten zu, die manchmal Jahre und Jahrzehnte durchwehen. Der Leser ist in den Prozeß des Schreibens insofern immer mit eingebunden, als daß er die Wirklichkeit dieser Geschichten selbst konstruieren, zusammensetzen und immer interpretieren muß. Fehler werden in Kauf genommen. Manchmal in endlosen Assoziationsketten, manchmal in durchaus sich ergänzenden, auch aufeinander aufbauenden, manchmal als reiner Gedankenstrom wiedergegebenen Wort- und Textkaskaden, immer wieder durch Dialoge und Satzfetzen unterbrochen, auch durch Wiederholungen, lässt Lobo Antunes den Leser in die Innenwelten seiner Protagonisten eintauchen, liefert den Leser diesen Figuren aber auch gnadenlos aus. Denn nie halten sie sich an die Regeln des Romans, oft unterlaufen sie das herkömmliche Benehmen von fiktivem Personal. Sie sind widerständig – gegen die um sie herum beschriebene Umwelt, aber auch gegen den Leser und den Akt des Lesens.

Sich auf ein Werk von Lobo Antunes einzulassen, bedeutet also immer, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Und eben nicht nur inhaltlich, sondern vor allem formal. Stilistisch. Es ist immer eine Herausforderung – aber in den allermeisten Fällen auch ein Genuss.

Inhaltlich kreist Lobo Antunes immer wieder um gesellschaftliche Themen, um die Deformationen einer unter der Diktatur leidenden Gesellschaft, bzw. der Beschädigungen, die eine solche Diktatur in den Menschen hinterlässt, mag sie auch überwunden sein. Vor allem in den sogenannten „einfachen“ Menschen, den Jedermanns in ihrem Alltag. Es sind diese ganz normalen Menschen, die ihn interessieren, selten bis nie sind es die Mächtigen und Schillernden. Vereinzelung, manchmal Wahnsinn, auch Todessehnsucht als Ausweg aus einem Leben, das in Sackgassen geführt hat, aber auch soziales Leid, Verarmung (auch emotionale) und Vereinsamung spielen in seinem Erzählen eine bestimmende Rolle. Eingebettet sind die individuellen Schicksale, die er beschreibt, fast immer in die Geschichte Portugals, seines Heimatlandes, wobei er immer wieder auf den fürchterlichen Kolonialkrieg zurückkommt, den Portugal seit den frühen 60er Jahren und weit in die 70er hinein vor allem in Angola geführt hat. Lobo Antunes musste selbst daran teilnehmen, nachdem er eingezogen worden war und – zum Mediziner mit dem Spezialgebiet der Psychiatrie ausgebildet – als Militärarzt diente.

Die Verarbeitung all dieser Themen, die Art, wie sie miteinander verbunden und verknüpft werden, wie sie ineinander verwoben sind, wie sie einander bedingen, funktioniert gerade durch Lobo Antunes´ Stil. Der erlaubt es ihm, permanent zwischen dem Innen einer – oder mehrerer – Figur(en) und einem Außen zu wechseln, welches immer nur als wahrgenommen, so gut wie nie „objektiv“ beschrieben wird. Umso erstaunlicher ist es im Übrigen, daß sich dieser Stil, das, was Lobo Antunes seinen Lesern mitteilen will, diesen meist wirklich erschließt. Hält man durch, wundert man sich nach einiger Zeit, daß man durchaus folgen kann und versteht, was da erzählt wird. Und es wird zu einem elementaren Moment dieser Literatur, daß einiges auch unverständlich bleibt oder derart mehrdeutig, daß sich aus den Ambivalenzen, dem Unscharfen, bereits neue Bezüge ergeben. Man kann hier durchaus der Verfestigung der Gedanken beim Sprechen folgen (um einmal Kleist zu paraphrasieren) – und lernt einiges darüber, wie Erinnerung funktioniert, wie uns unser Denken auch täuschen, ja hintergehen kann. Und man lernt etwas über die Lücke zwischen dem Denken und der Rede. Über diesen Graubereich, der immer unerschlossen bleibt.

MITTERNACHT ZU SEIN IST NICHT JEDEM GEGEBEN (NÃO É MEIA NOITE QUEM QUER; Original erschienen 2012; Dt: 2015) weist nun all die Merkmale auf, die einen Text von Lobo Antunes so typisch und so einzigartig machen.  Ein wenig abgemildert, ein wenig stringenter als in früheren Werken, folgt man der Erzählerin durch ein langes Wochenende, an welchem sie Abschied nehmen will. Vordergründig ist es das Haus am Strand, in dem sie Teile ihrer Kindheit verbracht hat, vor allem die Ferien. Nun steht es leer und ist verkauft worden. Hier hat es Momente voller Glück gegeben in einer Familie, die man aus psychologischer Sicht wohl dysfunktional nennen würde. Der Vater ein Trinker, die Mutter – mit einer nicht näher definierten Schuld belastet, möglicherweise der Tatsache, daß nicht alle Kinder von ihrem Mann abstammen – schwankend zwischen Überforderung und einer tiefen Abneigung gegen ihre Familie (und damit das Leben selbst?). Die 52jährige Erzählerin wird geradezu überflutet von Erinnerungen an ihre drei Brüder – den ältesten Bruder, den nicht tauben Bruder und den tauben Bruder, alle namenlos im Roman – , an ihre Freundin Tininha, deren Familie ebenfalls im Ort zu urlauben pflegte, an etliche Bewohner des Küstenstädtchens, an Geheimnisse, kindliche wie erwachsene, unschuldig die einen, von furchtbarer Tragweite die andern. Aber all dies stellt sich immer auch in Bezug zu aktuellen Ereignissen in ihrem Leben: Die Ehe, wenn nicht zerrüttet, so doch in prekärer Verfassung, eine Affäre mit einer älteren Kollegin, geprägt von Machtspielen und Unterwerfungsphantasien, eine Liebelei mit einer jungen Referendarin an der Schule, an der sie arbeitet. Hinzu kommen die Schrecknisse des erwachsenen Lebens: Eine Krebserkrankung, der Verlust des eigenen Kindes, die Verlorenheit der mittleren Jahre. Und über allem schwebt der Freitod des ältesten Bruders, der sich einst, aus Sorge, in einen fürchterlichen Krieg hineingezogen zu werden, hier vor Ort von einer Felsklippe ins Meer stürzte.

Je länger man diesem Text folgt, desto genauer erkennt man, daß diese Frau hier eine Lebensbilanz zieht, die schließlich, nahezu folgerichtig, darauf hinausläuft, daß sie selbst am Abend des Sonntags dieses langen Wochenendes, ihrem ältesten Bruder zu folgen gedenkt. So kunstvoll, wie oben beschrieben, mischen sich in diese Gedankenfetzen, die Assoziationen und Erinnerungssplitter Querverweise und Ideen, die vielleicht reine Phantasie, vielleicht Ahnungen, vielleicht auch schlicht Realitäten sind. Hat die Erzählerin, als sie wegen ihrer Krebserkrankung im Krankenhaus lag, wirklich in der behandelnden Ärztin ihre Kindheitsfreundin Tininha wiedererkannt? Oder sind jene immer wiederkehrenden Momente jenes Krankenhausaufenthalts nur Anker der Seele, um einen Halt zu finden in einem Strudel aus Schmerz und Hilflosigkeit dem eigenen Schicksal gegenüber? Und warum kehren sich dann diese Erinnerungen immer wieder gegen die Erzählerin? Die Erzählung bleibt überwiegend bei der Erzählerin, folgt ihren Gedanken, was schon schwierig genug ist. Unterbrochen und klar markiert wird der Text durch zwei Berichte von außen, die ihn geradezu auseinanderreißen. Es sind dies Berichte der Kollegin und des nicht tauben Bruders, der von seiner Militärzeit in Afrika erzählt und einen Einblick in die verheerenden Folgen gibt, die diese Einsätze auf jene hatten, die sie durchführen mussten. Ein grauenerregendes Protokoll der Verrohung. Doch fast unmerklich schieben sich hier und da – ganz Lobo Antunes´ Gepflogenheiten folgend – eben doch die Stimmen einiger anderer Figuren in den Text hinein. Mal ist es die der Mutter, mal jene der nun erwachsenen Kindheitsfreundin, mal die der Kollegin, mal eine Stimme aus dem Ort, an dem die Erzählerin Abschied nimmt von der Kindheit, vielleicht dem Leben. Mal die des Zeitungsverkäufers, mal die des Metzgers usw. Manchmal ist es nur ein Einschub von wenigen Zeilen, manchmal ein ganzer Absatz, der sich erst nach und nach erschließt, dessen Erzählstimme sich der Leser gleichsam er-arbeiten muß.

Ein Meisterwerk in seiner kunstvollen Konstruktion (erwähnt sei an dieser Stelle die kongeniale Leistung der Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann), in der Vielzahl der ineinander verwobenen Ebenen, der flirrenden Atmosphäre der Erinnerungen an heiße Sommer, kindliche Ungläubigkeit und erwachsene Mutlosigkeit, einmal mehr die sprachliche Höhe, auf der der Autor sich bewegt und den Leser doch einbindet. Und dennoch will sich diesmal etwas im Leser sträuben. Bleibt da ein Widerstand gegen diesen Text. Es ist schwierig, diesen Widerstand zu konkretisieren. Es ist ein schleichender Prozeß während der Lektüre, ein Unwohlsein. Ist es die Tatsache – ohne nun in aktuelle Diskussionen um Identität und die Frage, wer was erzählen darf, eingreifen zu wollen – daß hier ein Mann die Erzählposition einer Frau einnimmt und sich in gewisser Weise anmaßt, selbst von psychischen Orten zu berichten, die Männer möglicherweise gar nicht erfassen können? Wie will ein Mann, ob Arzt oder nicht, jemals die Identitätsprobleme oder die Verunsicherung ermessen, die der Verlust einer Brust infolge einer potentiell tödlichen Erkrankung bedeuten? Ist es also dies: Die falsche Position, die falsche Verortung des Erzählenden, der Erzählenden, die ja doch ein Erzählender ist? Mag sein.

Doch es ist noch etwas anderes, das sich hier in den Leseprozeß schiebt. Und es tut weh, das so deutlich sagen zu müssen, nicht zuletzt, weil man diesen literarischen Berg der Vielstimmigkeit und der zahlreichen Metaphern bestiegen hat und dieses Buch mögen will: Das Erzählte ist in dieser Form schlicht nicht relevant. Die eher herkömmliche Geschichte einer Frau in den mittleren Jahren, die sich ihren Erinnerungen und dem zumindest von ihr empfundenen Scheitern stellt – ein Thema, zu dem es Tausende Bücher, Novellen und Essays gibt, viele davon im Kern tiefgreifender als dieses, weil bspw. von Frauen geschrieben und damit weitaus authentischer. Und damit erhält Lobo Antunes´ Stil hier erstmals den Geschmack der Verschleierung. Denn dieser Stil ist für viele der Themen, mit denen der Autor sich auseinandersetzt, mehr als passend, oft ist es erst dieser Stil, der uns die Bodenlosigkeit historischer Zusammenhänge erfassen lässt. Hier aber wird uns – trotz der durchaus vorhandenen gesellschaftlichen und historischen Bezüge – eine sehr individuelle Geschichte präsentiert, die dann doch exemplarisch sein will. Und die, nimmt man es genau, heillos überfrachtet ist mit Unglück. Was ist dieser Frau nicht zugestoßen? Krankheit, Verlust des Bruders, Verlust des Kindes, Eheprobleme, offenbar spielerische lesbische Erfahrungen in den mittleren Jahren, deren Grund und Motivation nie näher beleuchtet werden und damit nahezu typisch und alltäglich wirken, Depressionen und Lebensangst – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist schlicht zu viel und zugleich zu wenig, was hier geboten wird. Es rechtfertigt nicht, den Leser über nahezu 575 Seiten in diesen sprachlichen Sog hineinzuziehen und ihm auszusetzen.

Stil, Sprache und Inhalt kommen diesmal nicht zur Deckung. Anders kann man es nicht sagen. So bleibt zu hoffen, daß Leser, die sich bisher nicht an Lobo Antunes herangewagt haben, nicht gerade mit diesem Werk den Einstieg suchen. Es würde abschrecken und weitere, bessere Lektüren wahrscheinlich verhindern. Und das wäre schade. Denn dieser Autor ist zweifelsohne eine der wesentlichen Stimmen der Gegenwartsliteratur, einer der wenigen, denen es gegeben ist, an einer Schnittstelle zwischen Moderne und Postmoderne zu operieren. Denn oft muß man auch hier an einen Autor wie William Faulkner denken. Es gibt Momente, in denen die Erinnerung an das erste Kapitel von SCHALL UND WAHN (THE SOUND AND THE FURY) hervorgerufen wird. Zugleich beweist Lobo Antunes aber auch das Geschick und die Komplexität eines William Gaddis, eines Meisters der Dialogform. Und doch findet Lobo Antunes einen vollkommen eigenen Zugang zur Welt, zur Sprache und zur Ordnung der Dinge. Das ist – großes Wort – Weltliteratur. Aber selbst ein Weltliterat befindet sich nicht immer auf seiner spezifischen Flughöhe. Und das ist das Problem dieses Romans. Er erreicht nicht die anspruchsvolle Höhe, die Lobo Antunes selbst längst definiert hat.

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