POLTERGEIST

Ein Trendsetter seiner Zeit, der selbige gut überdauert hat

Eines Nachts erwacht Steven Freeling (Craig T. Nelson) wie so oft vorm Fernseher und wird Zeuge, wie seine jüngste Tochter Carol-Anne (Heather O’Rourke) vor selbigem sitzt und offensichtlich mit der Mattscheibe, die lediglich graues Gegrissel zeigt, spricht. Sowohl Steven, als auch seine Frau Diane (JoBeth Williams) tun diese wie auch weitere Hinweise auf seltsame Vorkommnisse in ihrem Haus in einer kalifornischen Wohnsiedlung zunächst als Zufälle ab. Erst als sich die Spukerscheinungen massiv häufen und Carol-Anne ihre Eltern wissen läßt: „Sie sind hier!“, nehmen die beiden die Geschehnisse ernst. Doch da ist es fast schon zu spät: In einer stürmischen Nacht sind Steven und Diane damit beschäftigt, ihren Sohnemann Robbie (Oliver Robins) aus den Fängen eines Baums zu befreien, der sich seiner bemächtigt hat, als in der Kammer neben dem Kinderzimmer ein übernatürlich helles Licht erscheint und Carol-Anne in den Raum zieht.

Ab nun können die Freelings nur noch über den Fernseher mit ihrer Tochter kommunizieren, die offenbar irgendwo im Haus von einer Spukerscheinung festgehalten wird, jedoch aus dem TV-Set redet. Die Freelings holen sich die Hilfe einer Parapsychologin und derer Assistenten. Doch nachdem auch diese von den Erscheinungen nachhaltig beeindruckt wurden, holen Dr. Lesh (Beatrice Straight) und die Familie das Medium Tangina Barrons (Zelda Rubinstein) zur Hilfe. Und wirklich – mit ihrer Hilfe gelingt es, nicht nur das Phänomen zu entschlüsseln, sondern es gelingt Diane auch, ihre Tochter auf Anweisung des Mediums aus dem Schattenreich zu befreien.

Steven erhält Besuch von seinem Chef, der ihm ein neues Haus auf der Grund der Cuesta-Verde-Wohnanlage anbietet, denn Steven ist der beste Makler im Stall gewesen und sein Boss möchte ihn ungern verlieren. Wie nebenbei erfährt Steven so, daß die gesamte Anlage auf früheren Friedhöfen gebaut wurde. Er lehnt ab und will mit seiner Familie die Anlage verlassen, doch in der letzten Nacht im alten Haus bricht der eigentlich für beendet gehaltene Spuk stärker aus denn je. In der Kammer neben dem Kinderzimmer öffnet sich ein gewaltiger Schlund, der die Kinder zu verschlingen droht und aus dessen Fängen Diane die beiden so gerade noch befreien kann, während Steven in der Grube für seinen neuen Swimmingpool Bekanntschaft mit den vorherigen Bewohnern des Grundstücks macht: Zwar waren einst die Grabsteine des Friedhofs entfernt und versetzt worden, nicht aber wurden die Särge mit den Leichen ausgegraben und neu bestattet. Vom Regen aufgeweicht gibt der Untergrund nun die leblosen Körper derer frei, deren Seelen im Haus nach den Kindern der Freelings grapschen. So gerade gelingt es der Familie, dem Unglück endgültig zu entkommen – sie kehren in einem Motel ein und Steven schmeißt den Fernseher aus dem Zimmer. Ende.

Nicht allzu viele echte Geister- oder Spukfilme sind Klassiker geworden, Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel; Ausnahmen wie THE CANTERVILLE GHOST (1944), THE INNOCENTS (1961), THE HAUNTING (1963) oder in jüngerer Zeit THE SIXTH SENSE (1999) oder THE OTHERS (2001). 1982 wusste auch Steven Spielberg seinen Beitrag zu leisten, wenn auch – offiziell – „nur“ als Produzent. POLTERGEIST (1982) kam in jenem Sommer in die Kinos und wurde recht schnell ein Kassenerfolg, sicherlich auch, weil er die damals angesagte Härte mitbrachte, die aus den italienischen und amerikanischen Horror- und Splatteerfilmorgien in den Mainstream zu schwappen begann. Die späten 70er und frühen 80er Jahre waren geprägt von den ultrabrutalen Zombiefilmen italienischer Machart, aber auch den damals neuen, sogenannten Slasherfilmen wie FREITAG DER 13. (1980 )oder der HALLOWEEN-Reihe (ab 1978), mit deren erstem Teil John Carpenter 1978 dieses Subgenre überhaupt erst eingeführt hatte, der aber selbst gewisse Merkmale eines Geisterfilms aufwies. Als Spielberg, der die Idee zu POLTERGEIST hatte und auch maßgeblich am Drehbuch beteiligt war, den Regisseur Tobe Hooper engagierte, hatte er sich damit die Dienste jenes Mannes gesichert, der acht Jahre zuvor mit THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) jenen Film abgeliefert hatte, der zukünftig als Referenz für jeden Horrorfilm härtere Gangart herhalten musste. Doch ist es letztendlich ein Spielbergfilm geworden. Regisseur und Produzent hatten sich überworfen, der Großmeister des Blockbusters übernahm gelegentlich selber den Regiestuhl. Die Legenden über das, was sich am Set zu POLTERGEIST abgespielt haben soll, sind Legion, sicher ist, daß Spielberg Hooper vom Schnitt und aller sonstiger Post Production ausschloß, doch hält sich nachdrücklich das Gerücht, daß der Maestro auch selber Hand angelegt und ganze Szenen gedreht habe.

Sei es, wie es sei – herausgekommen ist ein bei aller Effekthascherei doch beeindruckender Gruselfilm, der den Zuschauer durchaus auch heute noch das Fürchten lehren kann. Gut abgehangen, hat POLTERGEIST nur wenig von seiner Wirkung eingebüßt, können doch sowohl die Spezialeffekte als auch die Härten des Films, aber auch der Plot und der Humor immer noch überzeugen. Es beginnt, wie wir es kennen in den Filmen Steven Spielbergs: Es wird uns die typische amerikanische Vorortfamilie – Eltern und drei Kinder – vorgestellt, die die typischen Steven-Spielberg-Diskussionen führen: Wer darf wo im Auto sitzen, muß man sein Frühstück aufessen oder zur Schule gehen, wie lang darf die älteste Tochter Dana das Telefon in Beschlag nehmen? Und es laufen in allen Zimmern Fernseher – the all american family of the eighties! Allerdings – es sind eben die frühen 80er – merken wir schnell, daß diese Durchschnittsfamilie – deren Name natürlich Bände spricht, Freeling, Freilinge – eben auch den libertären 70ern entstammt: Nicht nur muß man von zumindest antiautoritärer Erziehung sprechen, nein, man könnte die Erziehungsmethoden der Freelings auch als „überfordert“ bezeichnen, tanzen doch die Kinder zumindest Diane auf der Nase herum, spielen beim Frühstück mit dem Essen und lassen so ziemlich nichts aus, was Erwachsene meist nervt. Die Gleichmütigkeit ihrer Mutter könnte man neben einem stählernen Nervenkostüm vielleicht damit erklären, daß sich die Eheleute des Abends gern einen Joint durchziehen, dabei jede Menge Spaß haben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Hinzu kommt eine recht unbefangener Umgang mit den ersten paranormalen Erscheinungen. So z.B. findet Diane Freeling es durchaus amüsant, ihre Tochter mit einem Helm für American Footballer beschützt von unsichtbaren Kräften durch den Raum ziehen zu lassen. Erst als die Kräfte stärker und ihre Zieel deutlicher werden, kommen die Ängste.

Ist diese dem Zeitgeist der 70er entsprungene Familie nun also besonders empfänglich für Übersinnliches, sozusagen esoterisch gestählt, wie ja bekanntlich jeder, der in den 60er und 70er Jahren jung und nicht vollkommen verschlossen war? Oder ist diese Familie ob ihres laxen Umgangs mit Drogen, Autorität, Erziehung geradezu prädestiniert für den typischen Reflex der Horrorfilme jener Jahre: Allzu freiheitliche Bestrebungen (sonst meist sexueller Natur, v.a. in den Slasherfilmen) zu bestrafen. Sicher, Steven Spielberg will vorgeblich immer nur eines: Unterhalten. Doch ist gerade dies eine Ansage, die größtmögliche Skepsis nahezu erzwingt, denn weniges nur macht so unempfänglich und lenkt derart von politischen oder sozialen Realitäten ab, wie gut gemachte Unterhaltung. Und gerade die Filme eines Steven Spielberg sind zeitgenössisch eine Art Paradebeispiel, wie eine reaktionäre Politik mit einer metatextuell äußerst reaktionären Art von Kino Hand in Hand geht. Ob Lucas‘ STAR WARS-Filme (ab 1977) oder Spielbergs INDIANA-JONES-Reihe (ab 1981) – so viel Spaß all diese der Fantasy verhafteten Abenteuer beim Zuschauen immer wieder machen, es sind eben auch Werke fernab jeglicher Realität, die Comicuniversen einfachster Prägung bieten. Pulp. Ihre Botschaften schlummern in den Maschinenräumen dieser Werke, in den Subtexten: Sie erzählen auch immer von der Reaktion einer normativ gefassten Gesellschaft auf die Ausnahmen, die Ausreißer: Entweder diese schlagen irgendwann zurück, oder aber die Gesellschaft wird sie vernichten. Ob die Rednecks in EASY RIDER (1969), ob die Familie in THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder aber Jason Voorhees, der Killer der FREITAG DER 13.-Reihe, dessen Opfer im Camp Crystal Lake meist dafür büßen müssen, daß sie ob pubertärer Intimitäten unaufmerksam sind: In all diesen Filmen drängt sich auch eine Idee von Schuld und Sühne, von Buße und Bestrafung ins Bewußtsein. In Reaktion auf enorm liberale und libertäre Jahre zeugen all diese Werke auch immer von der Ratlosigkeit nach der großen Sause, davon, daß da vielleicht auch Werte und Tabus eingerissen worden sind, deren Sinn sich erst erschließt, wenn sie fort sind. Es ist eine tiefe Ambivalenz, die all diesen Filmen eingeschrieben ist. Eine Generation des Aufbruchs befragt sich selbst – bestenfalls; bestraft sich selbst – oft. Spielberg, man vergißt das leicht, war ein Kind dieses ‚New Hollywood‘. Und dessen Totengräber, als er mit JAWS (1975) den modernen Blockbuster „erfand“. Ambivalenz blieb eines seiner schöpferischen Merkmale.

POLTERGEIST weiß sich schließlich auf die „richtige“ Seite zu schlagen, wenn er letztlich die Schuld an dem, was den Freelings hier widerfährt, der korrupten, anonymen Baufirma zuschreibt. Das Kapital geht praktisch über Leichen – die Subversion funktioniert schon in beide Richtungen, auch das muß man Spielberg fairerweise zugute halten. Wer auch immer das Gros des Materials gefilmt hat, hat einen guten Job erledigt. Mag sein, daß Hooper für die eher schleimigen Szenen, Spielberg für die Atmosphäre und das Gefühl verantwortlich zeichnete, mag sein, daß das streckenweise gestückelt wirkt, doch im großen Ganzen geht es auf. Der Film verliert nicht mal bei den Spezialeffekten, worin für die meisten Effektfilme jener Jahre das eigentliche Problem gegenüber den heutigen CGI-gestützten Effektorgien liegt. Der Charme der Figuren, die Darstellungen durch einige jener heute fast vergessenen Semistars der 80er und 90er, wie Craig T. Nelson, das für Spielberg typische Gespür für jene Settings, die das ausmachen, was man Americana nennt – das richtige Haus für die Story, die Innenausstattung, was die Kids wollen – all das stimmt. Und es stimmt das Timing, ebenso die Mischung aus Goreffekten und einem gewissen Augenzwinkern bei all dem Dargebotenen. Der Auftritt des Mediums Tangina Barrons ist nicht der einzige humorvolle Einfall des Drehbuchs, sicherlich aber einer der besten.

Mit dieser sicherlich auf kommerziellen Erfolg ausgerichteten Mischung gelang dem Team zumindest ein Film, der für die folgenden Jahre Maßstäbe setzte, denn die Mischung aus Horror – durchaus auch der härteren Art – und dem Humor, den die Teenagerkomödie mit Suburbiahintergund zu bieten hat, wurde in Filmen wie FRIGHT NIGHT (1985) gnadenlos und oft überzeugend ausgeschlachtet.

POLTERGEIST setzt mit seiner ironisch-kritischen Art den Ton für die 80er Jahre und muß von heute aus betrachtet als Trendsetter für jenes Jahrzehnt des reaktionär-revanchistischen Kinos gesehen werden. Einmal mehr hat Spielberg es gut gemeint, gut gemacht und dennoch im Ergebnis schlecht getroffen: Was hier noch satirische Untertöne hat, driftete später nur noch in Zynismus ab.

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