REAL TIGERS. EIN FALL FÜR JACKSON LAMB/REAL TIGERS

Der dritte Einsatz für die vermeintlichen Versager aus dem Slough House

REAL TIGERS (Original erschienen 2016/Dt. 2020) von Mick Herron ist der dritte Fall für Jackson Lamb und seine „Slow Horses“. Einmal mehr wird die Verlierertruppe aus dem Slough House, wo sie ansässig sind, in eine wilde Geschichte um politische und institutionelle Machtkämpfe hineingezogen, einmal mehr müssen die ungewollten Mitglieder des Teams unter dem düsteren und immer unfreundlichen Lamb über sich hinauswachsen und einmal mehr beweisen sie dabei nicht nur Schlagkraft, sondern auch die nötige Kombinationsgabe.

So langsam, denkt sich der geneigte Leser, müssten aber doch zumindest River Cartwright und Louisa Guy, die hier eine wesentliche Rolle spielen, die beide seit dem ersten Band dabei sind, sich endlich mal rehabilitiert haben. Denn das ist der Witz an Herrons Serie: Ins Slough House werden jene Mitglieder des MI5, des britischen Inlandgeheimdienstes, abgeschoben, die im Dienst Mist gebaut haben. Die Rechnung geht so: Um Pensionsgelder zu sparen, sollen die Leute mit extrem langweiliger und letztlich unnützer Arbeit dazu gebracht werden, dem Dienst freiwillig den Rücken zu kehren. Staats-Mobbing sozusagen. Aber gerade die oben genannten – Cartwright, Guy, aber auch der Computernerd Roderick Ho oder Lambs persönliche Assistentin Catherine Standish – sind nicht bereit, so einfach aufzugeben. Und liefern Band für Band saubere Arbeit ab, auch wenn ihnen dabei häufig genug das Glück in die Hände spielt. Und mit Jackson Lamb haben sie einen Vorgesetzten, der in seiner ganzen Widerwärtigkeit dennoch seine schützenden Hände über sein Team hält – und der mit allen Wassern des Kalten Krieges, operativer Einsätze und etlicher dunkler Geheimnisse gewaschen ist.

Wie viel Lamb seine Mitarbeiter bedeuten, zeigt sich in REAL TIGERS einmal mehr. Standish wird entführt – und Lamb setzt alle Räder in Bewegung, um sie zu retten. Das tut er allerdings in seiner gewohnt schnoddrigen bis abfälligen Art. Die hohe Kunst der Mitarbeiterbeschimpfung gehört zu Lambs leichtesten Übungen, so hält er seine Untergebenen zugleich auf Abstand und bindet sie an sich, erstaunlicherweise. Denn sie sind bereit, noch die scheinbar blödsinnigsten Befehle zu befolgen. Denn eines ist mindestens so sicher, wie Lambs schlechte Manieren: Er steckt noch die meisten seiner Kollegen – und die meisten seiner Vorgesetzten – taktisch und strategisch in die Tasche. Und darauf läuft es auch diesmal hinaus: Machtkämpfe an der Spitze des Dienstes. Es dauert, bis Lamb und seine Leute die ganzen Zusammenhänge begreifen, es führt zu ebenso gefährlichen – diesmal auch actionreichen – wie illegalen, bzw. ungenehmigten Einsätzen und es führt dazu, Lamb und seine Mitarbeiter noch ein wenig besser kennen zu lernen.

Daß die Intrigen bis in höchste Regierungskreise reichen, liegt vor allem an dem neuen Innenminister Peter Judd. Der ist ein Intrigant ersten Ranges und schielt längst auf 10 Downing Street, Amtssitz des britischen Premierministers. Daß dieser Kerl einen stets verwuschelten blonden Haarschopf zu seinem Markenzeichen macht, sich als Clown gibt und hinter den Kulissen als reiner Zyniker entpuppt, der über Leichen zu gehen bereit ist – all das kommt nicht von ungefähr. Denn dies ist ein bitteres und von tiefer Abneigung geprägtes Portrait des momentanen britischen Premiers, Boris Johnson. Der bekleidete in den Jahren 2016 bis 2018 das Amt des Außenministers, forderte und kämpfte für den Brexit und hatte bei all dem kein Problem, der Bevölkerung Lügen zu erzählen, die ganz offen als solche zu erkennen waren. Und er mobbte gegen seine Vorgesetzte Teresa May. Hier nun schließt er eine Allianz mit der Chefin des MI 5, die ihrerseits glaubt, gegen ihre Stellvertreterin vorgehen zu müssen, da die auf ihren Posten strebt. Herron entwickelt eine komplexe, nicht immer wirklich stimmige Story um Geheimakten, die in wieder anderen Geheimakten versteckt sind, es gibt Rache- und Mordgedanken unter den Beteiligten, alte Rechnungen und die Bereitschaft, nötigenfalls auch die eigenen Leute über die Klinge springen zu lassen.

Und natürlich gelingt es Lamb, allen in die Parade zu fahren, seine eigenen Leute, die vermeintlichen Versager, derart abzurichten und anzuheizen, daß die – ganz seinen Wünschen gemäß – bereit sind, das eigene Leben zu riskieren, um größere Gefahren abzuwenden. Allerdings wirken diese Gefahren hier weniger staatsbedrohend, sondern eher wie Spielchen zwischen den Mächtigen, Schönen und Reichen. Lamb wirkt in diesem Reigen wie ein Anarchist, der aus purer Lust an Chaos und Zerstörung dazwischenhaut, das Spiel nicht nur kennt, sondern auch durchschaut und es nur deshalb stört und durcheinanderbringt, weil er sehen will, wohin es führt. Und – natürlich – ist da Catherine Standish, der er seine Zuneigung zwar auch nur durch Beleidigungen und Abwertungen zeigen kann und die ob dessen schließlich ihre Kündigung einreicht, die er aber im Grunde braucht, da sie sein, wie er es nennt, „Puffer“ ist zwischen ihm und seinen Untergebenen, die er augenscheinlich allesamt nicht leiden kann.

Jackson Lamb ist eine brillante Figur, die in einem anderen Setting einem zynischen Privatdetektiv entspräche, doch umgibt diesen Mann etwas raunend Düsteres. Er birgt Geheimnisse, die wir lieber nicht kennen wollen, er trägt etwas mit sich, das ihn sogar tragisch wirken lässt, trotz all der Rüpelei, Rülpserei, der Furzerei und dem Suff. Und es ist Herrons schriftstellerischem Geschick, seinem literarischen Können zu verdanken, daß diese Figur, wie auch die Romane, die sie beherrscht, immer den schmalen Grat hält zwischen sarkastischem Humor, manchmal bitterböser Ironie und einer fast versteckten Ernsthaftigkeit. Als könne man dem Irrsinn der Realität nur noch mit dieser Haltung begegnen. Dafür eignet sich der Agententhriller, das Geheimdienstmilieu, natürlich perfekt. Denn hier kann man der Paranoia freien Lauf lassen, hier ist jede Verschwörungserzählung wahrer, als die Wirklichkeit, hier ist jeder Verrat nahezu logisch. In diesem Milieu kann man von der Welt hinter der Welt erzählen. Und genau das tut Herron eben auf seine höchst eigene Art und Weise – scheinbar unernst, doch zutiefst in seine Geschichten verwickelt und mit einem scharfen Blick auf die britische Gegenwart. Und hier auch mit einem gesunden Hass auf jenen Mann, der Großbritanniens Zukunft mit eben jener Lust an Anarchie und Destruktion, die im Buch Jackson Lamb auszeichnen, um seine Zukunft zu bringen droht.

Nun vergleicht die Kritik, die sowas liebt, Herron also mit Graham Greene und John le Carré, mit zweien der Giganten des britischen Spionagethrillers. Man sollte das lassen. Einen Autor mit den Granden seines Fachs zu vergleichen, was natürlich Hochachtung suggerieren soll, ist immer ein zweischneidiges Schwert, gegen das sich die meisten Künstler auch verwahren. Es ist weitaus besser, eine eigene Marke zu sein, mit der andere verglichen werden, denn als Epigone gefeiert zu werden. Herron ist eine eigene Marke, er hat ein originäres Setting geschaffen, glaubwürdige und gut entwickelte Figuren eingeführt, er scheut die politische Ebene nicht, weiß sich ihr allerdings auf ganz eigenen Pfaden zu nähern. Dies ist originell, spannend und sehr, sehr unterhaltsam und Mick Herron sollte als eigenständiger und vor allem hervorragender Autor von Spionagethrillern wahrgenommen werden.

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