DEAD LIONS

Teil zwei der Reihe um den alten Haudegen Jackson Lamb und seine Slow Horses

Teil zwei um die vermeintliche Verlierer-Truppe des MI5 unter der Leitung von Jackson Lamb. Aus den unterschiedlichsten Gründen ins sogenannte Slough House abgeschoben – ein jeder, der hier arbeitet, hat einen maßgeblichen Fehler im Dienst begangen – werden die Agenten, maximal vom Hauptquartier des britischen Inlandgeheimdienstes am Regent´s Park entfernt, mit todlangweiligen Aufgaben dazu gedrängt, zu kündigen, da dies dem Dienst Rentenansprüche ersparen würde. Wie im ersten Teil können aber auch hier, in DEAD LIONS (auf Deutsch erschienen 2019; Original 2013), einige der auf dem Abstellgleis Versammelten beweisen, daß mehr in ihnen steckt.

Während Lamb, der undurchschaubare, immer unmanierliche, immer unfreundliche und jederzeit zu einer Beleidigung aufgelegte Chef des Slough House, einem an sich unauffälligen Todesfall nachgeht – in einem Bus ist ein Passagier gestorben, den Lamb aus früheren Zeiten kennt – werden zwei seiner Leute abgezogen, um als Babysitter für einen russischen Oligarchen zu fungieren, den das Hauptquartier in Gestalt von James Webb, genannt ‚Spider‘, rekrutieren will. In einem komplizierten, weit in die Vergangenheit zurückreichenden Zirkelschlag verwebt Mick Herron, der Autor dieser ausgesprochen unterhaltsamen Reihe, verschiedene Handlungsstränge und Motive zu einer nahezu organisch sich entwickelnden, komplexen Geschichte, die bei allem manchmal leisen, manchmal derben Humor auch Raum für Tragik und vor allem Spannung lässt.

Einmal mehr bedient sich Herron einer teils feinen Ironie, die er zugunsten eines gelegentlich schon an Zynismus grenzenden Sarkasmus aufzugeben bereit ist. Anders, als es noch im ersten Teil der Fall war, zeigt er mehr Respekt für seine Figuren, von denen wir ja bereits wissen, daß sie durchaus mehr können, als ihnen das Hauptquartier des MI5 zutraut. Nach wie vor blickt man auf sie herab, Webb setzt seine Ex-Kollegen nur deshalb ein, um, wie er unumwunden zugibt, Sündenböcke zu haben, wenn etwas schiefläuft bei seinem Rekrutierungsversuch. Und natürlich sind es am Ende die Slow Horses, wie sie intern gern genannt werden, die das Schlimmste verhindern. Diesmal allerdings nicht, ohne eigene Verluste beklagen zu müssen.

Während Lamb, ein Dinosaurier aus den Tagen des Kalten Krieges, jederzeit den Durchblick zu haben scheint und deshalb auch früher als alle andern – vor allem früher als die Verantwortlichen im Regent´s Park, gegen die er immer noch genug in der Hand hat, um jederzeit Gefälligkeiten einfordern zu können – begreift, daß der Tote im Bus auf eine sehr alte Verbindung aus eben jenen Tagen des Kalten Krieges hindeutet, eine Legende, die offenbar reaktiviert wurde, rennen seine Leute, die sich von dem Leibwächterjob beim Russen eine Rückkehr ins Rampenlicht erhoffen, offen ins Verderben. Zumindest einer von ihnen. Herron kleidet den klassischen Agenten-Plot, wie ihn ein John le Carré zu entwerfen pflegt, geschickt in neue Gewänder, passt ihn an, verpasst ihm eine postmodern ironische Grundierung und nimmt ihn dennoch so ernst, daß dies nie als Parodie oder gar Satire erscheint. Im Gegenteil. Es gelingt Herron, diesen klassischen Plot – russische Schläfer, alte Seilschaften, traditionelles Agenten-Handwerk – so in der Gegenwart zu verankern, daß die Verbindung glaubwürdig und nachvollziehbar wirkt.

Hinzu kommt eine tiefe Verbindung zu London, das Herron in allen erdenklichen Farben malt. Mal dreckig und runtergekommen, mal imperial- erhaben, kontrastiert er das „alte“ London mit jenen spiegelnden Hochhausfassaden, die das Stadtbild seit dem Bauboom der späten 90er- und der 00er-Jahre prägen. Man spürt die Liebe des Autors zu dieser Stadt, von der einst schon Samuel Johnson sagte, daß, wer Londons müde sei, des Lebens müde sei. Lebendig fängt der Autor die Stadt ein und markiert ihre Gegensätze, ihre Härten, aber auch ihre Schönheit. Gelegentlich wirkt sie wie ein eigener Protagonist dieser Bücher. Denn diese literarische Art, mit der Stadt umzugehen, sie zu beschreiben, ihr ein facettenreiches Gesicht zu geben, war auch im ersten Teil der Serie schon zu spüren.

Es ist interessant, daß der Brite Mick Herron, wie so viele seiner Zunft, nicht von jenen alten Tagen loskommt, in denen der Feind so deutlich erkennbar war, als man sich auf eine gewisse Agentenehre meinte verlassen zu können, als die Zusammenhänge scheinbar einfach waren. Umso gelungener, wie Herron diese alte Zeit mit der Gegenwart verbindet, in der man sich seines Gegenübers nie sicher sein kann, in der nichts ist, wie es erscheint, in der hinter jedem Motiv ein weiteres Motiv aufscheint und am Ende der schnöde Mammon die Pläne und Handlungen, die Taten und Untaten bestimmt. Zugleich ist dies ein schönes Beispiel dafür, wie man auch in scheinbarer Unterhaltungsliteratur verdeutlichen kann, wie das Vergangene immer weiterwirkt, auch dann, wenn es eine abgeschlossene Vergangenheit zu sein scheint. Und am grausamsten sind letztlich die, die vielleicht wirkliche, weil ehrenhafte Motive vorweisen können – Rache bspw.

In den Gesprächen der Figur des River Cartwright, einer der wesentlichen Figuren der Reihe und des Personals im Slough House, mit seinem Großvater, einer Legende des Dienstes, wird ganz nonchalant die Grausamkeit und Brutalität aufgedeckt, mit der der Kalte Krieg geführt wurde, wie Kollateralschäden in Kauf genommen und mit einem Bonmot beim abendlichen Whiskey am Kamin nebenbei erwähnt werden, wie menschliches Leben zur Verhandlungsmasse wird, wenn man sich auch nur einen klitzekleinen Vorteil davon verspricht. Spionage und Gegenspionage, Information, Des- und Falschinformation – was auf dem Papier oft so elegant und hinlänglich wirkt, hat in der Wirklichkeit, dort, wo diese Informationen reelle Auswirkungen zeitigen, dramatische Folgen.

Herrons Kunst besteht darin, diese Tragik, die Brutalität und Skrupellosigkeit, die dieses Geschäft nicht nur begleitet, sondern bedingt, hinter der Schnoddrigkeit, derer er sich bedient und mit der er Jackson Lamb ausstattet, überdeutlich zum Vorschein kommen zu lassen. So sehr man punktuell lachen muß, so sehr bleibt dem Leser dieses Lachen im Halse stecken, sobald der Autor ihn ohne viel Aufhebens oder größerer Dramatik mit den weniger lustigen Folgen all dieses Tuns konfrontiert.

Das ist unterhaltsam, das ist komisch, das ist spannend – und das ist auf eine Art und Weise wahr, selbst wenn es weit von realer Geheimdienstarbeit entfernt sein mag, wie nur Literatur in der Lage ist, Wahrheit zu generieren. Das Agentengenre mag völlig ausgelutscht gewirkt haben, Mick Herron hat es zurück in den Fokus gerückt, hat es entstaubt, er hat eine maximale Distanz zu allen Supermännern eingenommen, die sich je im Geheimdienst Ihrer Majestät oder anderer Services getummelt haben mögen, und er hat es damit in eine mögliche Zukunft geführt. Man kann ihm kaum genug danken dafür.

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