ROTE KREUZE/KRASNY KREST

Das Debut des jungen russischen Autors Sasha Filipenko ist eher gut gemeint, denn wirklich gelungen

ROTE KREUZE (Original KRASNY KREST; erschienen 2017) malt Tatjana Alexejewa auf Türen und Möbel, um sich zu erinnern. Sie weiß, daß sie an Demenz leidet und will auf diese Art vor allem ihre gegenwärtige Umgebung in Erinnerung behalten, damit sie sich zurechtfindet. Das Rote Kreuz spielt aber auch in ihrem Langzeitgedächtnis eine wichtige Rolle, denn deren Listen mit Kriegsgefangenen liefen über ihren Schreibtisch im Außenministerium der Sowjetunion während des Krieges. Nun trifft sie im Hausflur in Minsk, wo sie mittlerweile lebt, den jungen Alexander, der neu hier gezogen ist. Sie beginnt, ihm ihre Geschichte zu erzählen – jeden Tag aufs Neue. Und nach und nach gibt Alexander seine inneren Widerstände auf, hört zu und erzählt seinerseits vom Verlust seiner Frau und den Schwierigkeiten, nun ein kleines Kind allein erziehen zu müssen.

Sasha Filipenko erzählt in seinem Debutroman eine anrührende Geschichte, in der ein junger Mann und eine alte Frau aneinander den Schmerz entdecken. Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft in schwierigen Zeiten, das scheint hier das Thema. Und es ist interessant, daß sich in Russland, bzw. Belarus, nun eine junge Generation aufmacht, die Geschichte des eigenen Landes aufzuarbeiten und dabei die zu Tage tretenden Schrecken klar zu benennen.

Denn Tatjana Alexejewa, die den Krieg hindurch ihre Arbeit im Ministerium verrichtet hat, dabei u.a. einige Listen so manipulierte, daß ihr Mann, der in rumänische Kriegsgefangenschaft geriet, nicht mehr auf ihnen auftaucht, da sie weiß, daß unter Stalin den Gefangenen kein gutes Schicksal zuteilwerden sollte, diese Tatjana Alexejewa sollte nach dem Krieg die Härten des Stalinismus am eigenen Leibe erfahren. Zehn Jahre Lagerhaft soll sie antreten. Getrennt vom eigenen Kind, im Ungewissen, ob ihr Mann noch lebt, fristet sie die Jahre im Arbeitslager und hofft auf ein späteres Wiedersehen mit ihrer Familie.

Was leider ebenso auffällt, ist, daß diese junge Generation russischer Autoren offenbar ähnliche Schwierigkeiten hat, das Grauen zu erfassen, wie dies in Deutschland in Bezug auf die Shoah der Fall ist. Filipenko, 1984 in Minsk geboren, denkt sich eine Geschichte aus, in der jemand, der dabei gewesen ist, erzählt. An sich das beste und gängigste Mittel, um von den Säuberungen des Stalinismus, den Härten im Krieg und der Unmenschlichkeit des Gulags zu berichten. Nur: Wie dies eben auch allzu oft im Fall der Beschreibung der Konzentrationslager der Nazis zutrifft, spürt man auch hier, daß das, was Filipenko erzählt, angelesen, bestenfalls aus berufenem Munde gehört wurde. Hier fehlt nicht nur das eigene Erleben, sondern auch eine wirkliche Vorstellung dessen, was die Lager bedeutet haben. Wie sollte ein heute nicht mal Vierzigjähriger dies auch wissen? Nur bleiben diese Schrecken dann in seinem Schreiben blass, fast nebensächlich.

So muß sich die russische Literatur den gleichen Fragen stellen, wie die deutsche Literatur: Wie erzählt man vom Grauen der Geschichte, wenn man es nicht erlebt hat und wenn eine Historisierung einsetzt, die das Geschehene natürlich auch vernebelt, verwässert, unklarer macht? Kann man überhaupt von diesen Erlebnissen berichten? Es gibt eine Fraktion, die dies klar verneint – wie sie auch verneint, den Holocaust bspw. im Film darstellen zu können. Eine andere Fraktion erklärt hingegen, daß es so oder so darauf hinauslaufen werde, daß sich jüngere Autoren und Künstler auch diese düstersten Kapitel der menschlichen Geschichte aneignen und von ihnen berichten werden – und wenn sie sie nur als Hintergrundkulisse für andere, persönlichere Geschichten nutzen. Dies ist ein nicht lösbares Dilemma und man wird darüber zumindest noch so lange streiten, wie es Augenzeugen gibt, die von den wirklichen Geschehnissen erzählen können.

Liest man Werke von Anna Achmatowa oder Lydia Tschukowskaja, so hat man beredte und erschütternde Berichte jener, die zurückblieben und lange nicht wussten, wie es ihren Lieben geht, liest man Waram Schalamow oder natürlich Alexander Solschenyzin, kann man direkte Berichte aus der Hölle der Gulags lesen. Es sich vorstellen kann man nicht. Und genau so scheint es Filipenko zu ergehen. Seine Beschreibungen bleiben oft im Vagen, manchmal wundert man sich, wie schnell seine erzählende alte Dame über einzelne Widrigkeiten hinweggeht. So wirkt dies wie eine Aneinanderreihung angelesener Fakten, doch eine Geschichte, etwas Packendes, entsteht nicht. Das ist oberflächlich, ohne je an den Kern der Dinge zu stoßen, Wahrheiten zu vermitteln.

Was entsteht, wenn der junge Alexander und die alte Tatjana sich aufeinander einlassen, ist dann leider allzu oft Kitsch. Das soll unser Herz erwärmen, das soll uns an die Mitmenschlichkeit, die Menschlichkeit schlechthin erinnern. Was ja ein durchaus ehrenwertes Anliegen ist. Nur entspricht es allzu oft nicht einer Wirklichkeit, in der viele in Russland den alten Zeiten nachtrauern, in der oft genug reine Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten herrschte und in der die Geschichte gern so zurechtgemodelt wird, wie es gerade passt. Die Abwesenheit dieser Gegenwart aber ist so auffällig, daß sich dem Leser die Frage stellt, was dieses Buch eigentlich bezwecken will? Versöhnung – wenn ja, womit? Soll es eine Allegorie sein auf die Gnade des Vergessens, rote Kreuze hin, rote Kreuze her? Hoffnung vermitteln auf eine Zukunft, in der auch die Gesellschaften der ehemaligen Sowjetunion sich mit sich selbst aussöhnen, wenn sie sich nur ehrlich ihrer Geschichte stellen?

All das mag sein, allein – es reicht nicht. Es ist gut, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und es ist vernünftig, sich dieser Geschichte zu stellen. Aber wie so oft bleibt die Frage: Wie? Und: Wer spricht da? Und: Aus welcher Position wird gesprochen. Vielleicht hat dieser Autor sich mit diesem Thema für ein Debut auch einfach übernommen. So kann man gespannt auf weitere Veröffentlichungen seines Werkes sein.

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