SEKUNDEN DER GNADE/SMALL MERCIES

Dennis Lehane beschwört das aufgeladene Boston von 1971 herauf und erzählt von einer furchtbaren Tat und den furchtbaren Folgen

Rund um den Beschluss aus dem Juni 1971, schwarze Kinder in überwiegend weißen, und weiße Kinder in überwiegend schwarzen Vierteln zur Schule gehen zu lassen, siedelt Dennis Lehane die Handlung seines bisher letzten Romans SEKUNDEN DER GNADE (SMALL MERCIES, 2023; Dt. 2023) an. Geschickt verwebt er dabei die Geschichte um diesen historischen Gerichtsentscheid und eine persönliche Rachegeschichte, die zugleich zu einer Abrechnung mit einem gelebten Leben wird, das man gut und gern als das nicht gelingende richtige im berühmt-berüchtigten falschen Leben bezeichnen kann.

Der zwanzigjährige Schwarze Auggie Williamson wird eines Nachts in einem rein weißen Arbeiterviertel von Boston bestialisch umgebracht. Detective Bobby Coyne wird mit den Ermittlungen beauftragt, obwohl alle Kräfte des Boston Police Departement in diesen Tagen auf die bevorstehenden Unruhen infolge des Schulbeschlusses gerichtet sein sollten. Schnell findet er heraus, dass Auggie offenbar von einigen Jugendlichen verfolgt wurde, nachdem sein Wagen auf dem Weg von seiner Arbeitsstelle nachhause liegen geblieben war. Bei seinen Recherchen stößt Coyne u.a. auf Mary Pat, deren Tochter Jules in jener Nacht ebenfalls unterwegs war und seitdem nicht mehr heim gekommen ist. Sie ist überhaupt nicht mehr aufgetaucht. Und da Mary Pat in ihrem mütterlichen Furor, herauszufinden, was Jules zugestoßen ist, die Kreise von Marty Butler, dem lokalen Gangsterboss, stört, laufen die Entwicklungen auf einen ebenso brutalen wie finalen Showdown hinaus.

So ließe sich das reine Handlungsgerüst von Lehanes Kriminalroman zusammenfassen. Doch Lehane wäre natürlich nicht Lehane, wenn es ihm nicht um mehr ginge, ihm nicht daran gelegen wäre, eine Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte ist einmal mehr die des amerikanischen Rassismus. Des historisch-strukturellen Rassismus, der sich tief in diese Gesellschaft eingegraben und dort verfestigt hat. So verfestigt, dass die Betroffenen nicht einmal mehr merken, wie sie auf Andere – in diesem Fall Schwarze – blicken und es für vollkommen normal halten, sie oder ihn mit allen möglichen mehr oder weniger widerlichen Schimpfwörtern zu belegen. Lehane scheut sich übrigens nicht, diese Worte – ja, auch das vielzitierte N-Wort – zu benutzen. Er verweist in einem kurzen Vorwort darauf, dass bestimmte Zustände nur zu beschreiben sind, wenn man auf ihre Merkmale zurückgreift, auch wenn man deren Inhalte keineswegs teilt. Das also ist das Mindeste, was aushalten muss, wer den Roman lesen will.

Mary Pat, aus deren Sicht der Großteil der Geschichte erzählt wird, muss darüber hinaus aber noch viel, viel mehr aushalten und lernen, denn für sie wird dies vor allem eine Erzählung der Entfremdung von den eigenen Leuten und schließlich von sich selbst. Je mehr sie begreift, dass sie, als Mutter, ebenfalls und erst recht Trägerin des Hasses war und ist, den ihre Tochter auf so fatale Art und Weise ausgelebt hat, desto deutlicher begreift sie, wie dieser Hass funktioniert und vor allem, welche Funktion er eigentlich hat in einem Viertel und in einer Gesellschaft, in der vor allem Armut herrscht. Auch das gelingt Lehane hervorragend: Die Strukturmerkmale Rassismus mit Klassismus kurzzuschließen und dem Leser begreiflich zu machen, wie und weshalb diese beiden Schemen einander so häufig bedingen. In den Schemen des Rassismus und des Klassismus gibt es auch keinen Raum für Ausnahmen oder dafür, das eigene Weltbild zu hinterfragen. Dass Auggie Williamson kein Dealer sein könnte, kein Mitglied einer Gang, kein eiskalter Killer aus einem der Schwarzen-Viertel, dieser Gedanke kommt seinen Verfolgern nicht nur nicht, sie sind ihm auch dann nicht zugänglich, als sie mit dieser Möglichkeit konfrontiert werden. Schwarze in einem weißen Viertel sind mindestesn Drogen-Dealer. Mindestens. Und wie nebenbei erzählt Lehane dann eben auch von den Drogen, die mit der Armut und dem Rassenwahn einhergehen. Und die in Mary Pats Leben direkt und indirekt eine große Rolle spielen und immer schon gespielt haben.

Problematisch an Lehanes Roman ist sein so überdeutlich didaktischer Auftrag. Wo in Werken wie MYSTIC RIVER (2001) Armut, Gewalt und auch Rassismus die Grundierung waren, auf die der Autor mit oft dicken Strichen seinen engeren Handlungs-Plot auftrug und vor allem spannende und auch ergreifende Geschichten erzählte, die ihren Sub-Plot eher subtil vermittelten, springt dieser den Leser hier förmlich an. Mary Pat ergeht sich in langen, durchaus gut geschriebenen Dialogpassagen gegenüber Detective Coyne in Selbstanklagen, in denen sie ihm und dem Leser ihre Selbsterkenntnisse hinsichtlich des Hasses mitteilt, den auch sie an ihre Kinder weitergegeben hat. Immerhin wirkt sie so authentisch, dass der Leser ihren Hass, den Zorn und vor allem die Trauer nachvollziehen kann. Der Verlust ihrer Tochter – sie ist das zweite Kind, dass „Southie“, wie das irische Viertel hier allseits genannt wird, ihr nimmt; ihr Erstgeborener, Noel, starb durch die Drogen, nachdem er aus Vietnam zurück-, aber nicht mehr in die Gesellschaft einkehrte – macht sie zu einer Art Racheengel, einer Frau, die wahrlich nichts mehr zu verlieren hat und deshalb das Unmögliche wagt und es mit den geheimen Kräften aufnimmt, die „Southie“ beherrschen – den Butlers und ihrer Organisation. Dass dieser Kampf für eine Einzelne nicht zu gewinnen ist, weiß Lehane und tischt dem Leser keine widersinnig heldenhaften Geschichten auf. Mary Peg kann den Kampf nur verlieren. Die Frage ist: Zu welchem Preis? Sie ist und war ihr Leben lang eine Kämpferin, was nun auch einige von Martys Leuten zu spüren bekommen, doch der Leser versteht auch, weshalb ein Mann wie Ken Fen, Mary Pats zweiter Ehemann, dem wir im Roman nur zweimal begegnen, nicht bei dieser so harten, fast abgefeimten Frau bleiben wollte. Denn es scheint so, dass Mary Pat schlicht nur den Kampf-Modus kennt.

Diesen allerdings teilt sie mit vielen Bewohnern ihres Viertels und dies führt zum dritten strukturellen Merkmal in dieser Gesellschaft: der Gewalt. Die nämlich – und das verdeutlicht Lehane brillant an seiner eigentlichen Geschichte um Auggie Williamsons Tod, das Verschwinden von Jules und Mary Pats Rachefeldzug gegen Gott und die Welt, sobald sie kapiert hat, was mit Jules geschehen ist – entwickelt immer eine Eigendynamik, die kaum mehr aufzuhalten ist. Einmal losgetreten, setzt sich die Lawine aus Gewalt, Gegengewalt und immer mehr Gewalt fort und fort. Allerhöchstens wird versucht, sie zu unterbinden, wenn noch mehr Gewalt die eigenen Geschäfte stören könnte. Dann wird Geld eingesetzt, um die Ergebnisse der Gewalt für ihre Opfer erträglicher zu machen. Was letztlich zu Korruption führt, emotionaler Korruption. Auch eine Form von Gewalt, wenn man so will. Gewalt ist hier ein Kommunikationsmittel: In den Familien, zwischen den einzelnen Bewohnern von „Southie„, zwischen den Cops und den Verdächtigen (und verdächtig ist hier grundsätzlich jeder) und auch unter den Cops selbst. Gewalt ist das gängige Mittel, um Konflikte zu lösen, was bedeutet, es gewinnt immer der Stärkere, der mit der größeren Feuerkraft, mit den meisten Schlägern auf seiner Seite. Oder eben dem meisten Geld.

Ähnlich wie im Meisterwerk MYSTIC RIVER zeichnet Lehane ein ausgesprochen düsteres Bild dieser Stadt an der Ostküste, Boston, die er selbst seine Heimat nennen darf. Es ist ein historisch akkurates Bild und es sind historisch akkurat wiedergegebene Ereignisse, die hier verhandelt werden. Es ist sein literarisches Verdienst, den Leser diese Verwicklung auch „ganz normaler Menschen“ in einem Viertel wie „Southie“ oder Dorchester mit dem Verbrechen, der Kriminalität, den Gangs spüren zu lassen. Mary Pat sagt auch dies deutlich an einer Stelle im Roman: Was hat der Einzelne, dieses Nichts, das sich Mensch nennt, denn, wenn nicht sein Viertel? Und es schwingt das berühmte „My Country, Right or Wrong“ darin mit. Umso schmerzhafter muss sie lernen, wie falsch, wie grundsätzlich falsch und widersinnig dieser Satz ist, wenn dieses „Country“ – sei es also dein Land, sei es dein Viertel – deine Kinder frisst. Bobby Coyne wird als eine Art positiver Antagonist aufgebaut, damit der Leser nicht vollends in dieser Tristesse versinkt. Er, ebenfalls ein Ex-Junkie, der in mit seinen Geschwistern – etlichen an der Zahl – gemeinsam in einem Haus lebt, baut sich eine zarte Beziehung mit einer Frau auf, die er einst auf der Straße hopsgenommen und in ein Entgiftungsprogramm vermittelt hatte. So gibt uns SEKUNDEN DER GNADE zumindest ein klein wenig Hoffnung mit auf den Weg, ohne dabei kitschig zu werden. Eher mutet dies wie eine der ruhigeren Balladen eines Bruce Springsteen an, wenn der Barde der amerikanischen Wirklichkeit von all jenen Frauen und Männern erzählt, die es Tag für Tag wieder versuchen und doch auch immer wieder scheitern, woran auch immer – den Bedingungen, den Ereignissen und sehr, sehr häufig an sich selbst.

Dennis Lehane macht es sich und dem Leser allerdings nicht ganz so leicht, wie das hier in der Analyse anmuten mag. Denn die Frage, ob der Beschluss des Gerichts, schwarze Kids in weiße Viertel und weiße Kids in schwarze Viertel zu verfrachten, sonderlich klug war, bleibt hier auf skeptische Art offen. Vor allem die Tatsache, dass es weiße Liberale sind, deren Kinder auf Privatschulen gehen und in deren vornehmen Vierteln so oder so keine schwarzen Mitbürger vorkommen – außer als Bedienstete, wie Mary Pat einmal bitter anmerkt – wird hier mehrfach deutlich angesprochen. Erzwungene Nächstenliebe ist eher hinderlich, als dass sie zu Gutem führt. Der Mord an Auggie Williamson und die Folgen sind zwar nicht originär auf die geplanten politischen Maßnahmen zurückzuführen, doch dass es so weit kommen kann, dass die Stimmung so aufgeheizt, die Atmosphäre so voller Hass ist, das hat ganz sicher mit den bevorstehenden Ereignissen zu tun.

So erzählt Dennis Lehane hier auch über das aktuelle Amerika, in dem ein Teil der Gesellschaft behauptet, der andere wolle ihm eine Lebensweise aufzwingen, die er nun mal ablehne. Die Problematik, die dahintersteckt, lässt sich in einem Roman natürlich nicht lösen. Doch beschreiben, wozu das alles führt, wie gefährlich aufgeladen die herrschenden Diskurse sind und wie gewalttätig diese Gesellschaft immer noch und immer wieder ist und werden kann, das kann ein Roman hervorragend verhandeln und darstellen. Und das tut Lehane, wenn auch diesmal etwas übereifrig mit der moralischen Keule, etwas zu direkt, auch etwas zu dick aufgetragen. Aber vielleicht sind die Zeiten so und vielleicht empfindet auch er die bevorstehenden Ereignisse – eine erneute Wahl Donald Trumps zum Präsidenten bspw. – als so dringlich, dass es auf Finesse, Subtilität und Hintergründigkeit nicht immer ankommt. Wer weiß…

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