DIE KÄLTE IM JULI/COLD IN JULY (Roman)

Joe R. Lansdale liefert einen perfekten, bösen Noir-Thriller

Das ist Noir! Joe R. Lansdale liefert ein Paradestück des schwarzen Kriminalromans, wie es ein Jim Thompson oder Dashiell Hammett kaum hätten besser machen können. COLD IN JULY (erschienen 1989, dt.: DIE KÄLTE IM JULI) bietet genau die Zutaten, die ein Noir-Thriller braucht. Ein Familienvater und ehrlicher Bürger schießt einen Einbrecher, der ihn mit der Waffe bedroht, über den Haufen. Die Polizei erklärt ihm, wer der Tote sei – ein lang gesuchter Krimineller. Dann taucht der Vater des Toten auf, eben aus dem Knast entlassen, um sich für den Tod seines Kindes zu rächen. Und plötzlich ist alles anders: Der Tote war nicht der Sohn, stattdessen liegt offenbar ein vollkommen anderer Mann mit falschem Namen im Grab. Aber der nicht tote Sohn ist dennoch kein unbescholtenes Blatt. Und mit einem Mal findet sich der unbescholtene Familienvater in einer fürchterlichen Geschichte wieder, in der er sich kaum auf andere verlassen kann. Er muß Entscheidungen fällen, weitreichende Entscheidungen, die auch sein eigenes Leben, sogar seine Familie in Frage stellen. Und schließlich fließt eine Menge Blut.

In der mittlerweile etliche Dutzende Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher und Adaptionen umfassenden Autoren-Karriere von Joe R. Lansdale gehört dies nicht nur zu den früheren, sondern auch zu seinen besten Werken. Wie aus einem Guss kommen hier die Geschichte und die Protagonisten daher, alles – fast alles – ist stimmig, die Entwicklungen sind hanebüchen und grausig und dennoch kann man als Leser gut nachvollziehen, wie und weshalb die Hauptfigur Richard Dane – eben jener unbescholtene Familienvater – tut, was er tut und sich vom braven Bürger zu einem schlußendlich kaltblütigen Killer entwickelt. Bis auf ein, zwei etwas holprige Momente, um die Handlung voranzutreiben – aber welcher Noir-Thriller, auch der klassischen Schule, hätte die nicht? – gelingt Lansdale eine äußerst kohärente und vor allem sehr dynamische Geschichte, die dem Leser kaum Zeit zum Durchatmen lässt. Temporeich wird das alles vorangetrieben und doch ist jeder Schritt hier nachvollziehbar und in sich logisch. Intrigen des FBI, das Wegschauen der Polizei, falsche Identitäten, moralische Verkommenheit und moralische Impulse, um ein verpfuschtes Leben vielleicht noch einmal in die richtige Richtung zu biegen, Schuldgefühle und heiliger Zorn, Lansdale bringt all das wie selbstverständlich zusammen.

Dies gelingt vor allem, weil Lansdale  – wie so oft – alles in eine perfekt austarierte Atmosphäre kleidet. Die Schwüle und Hitze des ost-texanischen Sommers, die mit der inneren Kälte dieser Männer kontrastiert, die amerikanische Provinz, die Monster gebiert, die derbe Sprache, ein manchmal zynischer, gelegentlich hintergründiger Humor, die oft nur skizzierten und dennoch eingängigen Figuren – das Settiing seines Romans ist sehr genau und oft, fast unmerklich, detailreich ausgestaltet. Realistisch und anschaulich wird das Leben in diesem Kaff geschildert, ein wenig langweilig, friedlich und sensationslüstern, wenn sich ein Skandal andeutet. Wenn die Gewalt hier einbricht, ist dies ein Schock. Noch schockierender für den Leser und die Protagonisten aber ist die Gewalt, die in allen Figuren schlummert, gerade in jenen, die das nie für möglich gehalten hätten. Lansdale ist vor allem ehrlich genug, diesen Figuren eine Ebene des Gewissens beizumischen, die es ihnen nicht erlaubt, die eigenen Abgründe abzutun. Im Gegenteil – sie oszillieren zwischen Abscheu vor sich selbst und der Faszination an der Grenzüberschreitung. Und zumindest Richard Dane droht in diesem Zwiespalt zerrieben zu werden.

Wie nebenbei gelingt Lansdale aber auch eine hübsche, kleine Parabel über Väter und Söhne, begangenes Unrecht zwischen den Generationen und fast biblischen Verdammungs- und Erlösungsszenarien, um Unrecht wieder gut zu machen, zumindest weiteres Unheil zu verhindern. Wie die Väter, so versagen hier auch die Söhne. Und am besten kommen letztlich die weg, die es sich leisten konnten, über den Dingen zu stehen, weil sie sich auf das „Abenteuer Elternschaf“ gar nicht erst eingelassen haben. Die schlimmen Fehler des einen Vaters spiegeln sich in den fürchterlichen Untaten des Sohnes, der andere Vater, dessen Sohn noch klein und unverdorben ist, kann die eigenen Fehler – die schon begangenen und die noch nicht begangenen – exemplarisch beobachten und hat vielleicht die Möglichkeit, es besser zu machen…vielleicht. Denn wer sich mit Schuld belädt – und diese wenigen, aber intensiven reflexiven Passagen machen die Figur des Ich-Erzählers Richard Dane so glaubwürdig – kann dieser Schuld nicht mehr entkommen. Da spielt es keine Rolle, ob die begangene Schuld einem höheren, guten Zweck diente. Wenn man Blut an den Händen hat, dann klebt es dort, egal, wie oft man diese Hände gewaschen hat. Mühelos gelingt Lansdale also auch der für viele Noir-Thriller – vermeintliche Werke des Trivialen – oftmals übliche Schwenk zur Hochkultur, indem Lady Macbeths Wahnsinn zitiert und dem Leser recht banal vor Augen geführt wird. Hier ist eben kein Supermann am Werke, der den Mörder eh in sich trägt und problemlos die Rollen wechseln könnte, sondern vielmehr ist Dane ein Mann, der durch widrige Umstände und weitestgehen unverschuldet in eine fürchterliche Geschichte hinein gerät, die ihn mehrfach vor moralische Dilemmata stellt.

Daß es Lansdale gelingt, seiner Parabel diesen moralischen Subtext zu verpassen und dann zu zeigen, daß man nicht sauber bleiben kann, wenn man beginnt, das Recht zu beugen, zugleich aber kaum eine andere Möglichkeit hat in einer Welt, in der das Recht scheinbar immer beugbar ist, vor allem von den Institutionen, will man den eigenen moralischen Ansprüchen genügen, macht COLD IN JULY so lesenswert. Genau so muß Noir sein: Schwierige Konflikte in harte Handlung überführen und den Leser dabei mit etwas konfrontieren, das ihn selbst in moralische Schwierigkeiten bringt.

In einem Nachwort hat der Autor beschrieben, daß ihm die Idee für diesen Roman wie ein fertiges Script gleichsam in den Schoß gefallen sei. Anders, als bei anderen Werken, bei denen er sich vortaste und die Räume der Story nach und nach erkunde, habe er bei COLD IN JULY alles – Handlung, Haupt- und Nebenfiguren – in einem Guss fertig im Kopf gehabt. Man merkt das. Und wahrscheinlich gehört dieses Buch auch deswegen zu den besten im immer grausigen, immer doppelbödigen Kosmos dieses in Deutschland immer noch viel zu wenig gelesenen Krimi-Autors.

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