SHAFT – NOCH FRAGEN?/SHAFT

John SIngleton transferiert den Kultfilm der frühen 70er in das neue Jahrtausend

Detective John Shaft (Samuel L. Jackson) wird zu einem Tatort in Manhattan gerufen. Ein junger schwarzer Mann wurde vor einem Restaurant übel zugerichtet. Offenbar hat ihn jemand mit einem Absperrpöller den Schädel eingeschlagen. Dank eines verdeckten Hinweises der Bardame Diane Palmieri (Toni Collette) kann Shaft Walter Wade Junior (Christian Bale) als Tatverdächtigen festnehmen. Als Wade selbst für den sterbenden jungen Mann, den er verprügelt hat, nur rassistische Sprüche übrig hat, schlägt Shaft zu und bricht ihm die Nase. Aufgrund der Aussage der weißen Freundin des jungen Mannes weiß Shaft, daß der ganze Streit, der der Prügel vorausging, rassistisch motiviert war.

Trotz recht eindeutiger Indizien, wird Wade auf Kaution freigelassen. Er setzt sich in die Schweiz ab und ruft Shaft von dort aus an, um ihn zu verhöhnen.

Shaft wird aufgrund seiner Tätlichkeit gegen Wade zwangsversetzt. Er gehört ab nun zu einem anderen Revier und ist vornehmlich für Drogendelikte zuständig.

Zwei Jahre gehen ins Land. Bei einer Razzia in East Harlem wird Shaft auf den Drogendealer Peoples Hernandez (Jeffrey Wright) aufmerksam, der sich über die Polizisten lustig macht. Shaft provoziert ihn und kann ihn dann wegen Bedrohung eines Beamten festsetzen. Kurz nach der Razzia bekommt Shaft einen Hinweis, daß Wade am selben Abend aus Europa zurückkehren wird. Er fährt zum Flughafen und nimmt den Flüchtigen dort fest.

In der Arrestzelle, in die Wade verbracht wird, trifft er auf Hernandez. Der zeigt sich zunächst beeindruckt von Wade, als dieser sich mit äußerster Gewalt gegen einen anderen Mann, der seine Schuhe haben will, zur Wehr setzt. Doch vor allem zeigt Hernandez sich an einem Kontakt zu Wade interessiert, weil dieser ihn in die Clubs in Manhattan bringen kann, zu denen er sonst keinen Zugang erhält. Ob Hernandez diesen Zutritt will, um „dazu zu gehören“ oder lediglich, um sein Koks besser absetzen zu können, bleibt unklar.

Shaft trifft sich abends gern in einer Bar mit seinem Onkel John Shaft (Richard Roundtree). Wie immer versucht dieser, Shaft in seine Detektei zu lotsen. Er hält nichts von dessen Job beim NYPD. Doch Shaft glaubt trotz seiner Erlebnisse vor Gericht, daß er einen wichtigen Job macht.

Erneut wird Wade gegen eine Kaution von einer Million Dollar laufen gelassen. Da er der Sohn eines reichen Immobilienhais ist, spielt das Geld keine Rolle. Diesmal ist die Freilassung von Wade zu viel für Shaft und er quittiert den Dienst. Er schwört, Wade auf eigene Faust zur Strecke zu bringen. Auf der Treppe vor dem Gerichtsgebäude gibt Shaft Wade zu verstehen, daß er an Diane Palmieri dran sei, die untergetaucht ist. Sie scheint die einzige echte Augenzeugin des Mordes an dem jungen Mann gewesen zu sein.

Wade wendet sich an Hernandez, der für ihn Palmieri ausfindig machen und töten soll. Dafür bietet er ihm den Schmuck seiner toten Mutter an. Doch Hernandez kommt darauf zurück, daß er Zugang zu bestimmten Kreisen will, um seinen Absatzmarkt zu erweitern. Um Wade in der Hand zu haben, beauftragt er ihn, Koks zu verkaufen.

Hernandez setzt zwei korrupte Polizisten, die sonst mit Shaft zusammengearbeitet haben, auf Palmieri an. Die beiden hängen sich an Shaft, da sie zurecht annehmen, daß der die Barfrau finden wird. Mit der Hilfe seiner Ex-Kollegin Carmen Vasquez (Vanessa L. Williams) gelingt es Shaft schließlich, Palmieri aufzustöbern. Als er sie in Sicherheit bringen will, tauchen die korrupten Polizisten auf und es kommt zu einem Duell zwischen ihnen und Shaft. Shaft und Vasquez töten die beiden und bringen Palmieri mit Hilfe eines Freundes in Sicherheit.

Hernandez ist Shaft aber ebenfalls gefolgt und versucht nun, ihn zu töten. Doch Shaft ist gewiefter und tötet seinerseits Hernandez.

Nun steht einer Verurteilung von Wade nichts mehr im Wege, da Palmieri bereit ist auszusagen, obwohl sie einst Schweigegeld von Wades Vater angenommen hatte. Shaft begleitet die Mutter des toten schwarzen Mannes zum Gericht und versichert ihr, diesmal könne nichts schieflaufen. Die alte Frau lächelt und entgegnet, da sei sie sicher. Als Wade vorgeführt wird, zieht sie schließlich einen Revolver und tötet ihn auf den Treppen des Gerichtsgebäudes.

Einige Tage später besucht Shaft seine Exkollegen auf der Wache. Vasquez versucht, ihn zu überreden, in den Dienst zurück zu kehren. Doch Shaft will nicht mehr. Da betritt eine junge Frau das Revier und fragt dezidiert nach ihm. Sie wurde von ihrem Freund verprügelt. Ihr sei gesagt worden, daß Detective Shaft sich besonders gern solcher Fälle annehme. Shaft versucht, sie an andere Kollegen zu vermitteln, doch die Frau sagt, dann gehe sie lieber wieder. Er betrachtet sie, sieht ihre Verletzungen und bittet sie, ihr den Namen des Kerls zu geben, der ihr das angetan hat.

Shaft´s his name. Shaft´s his game – so lautete einer der Slogans auf den Werbeplakaten zu Gordon Parks SHAFT (1971). Einer der wenigen Filme des Blaxploitation-Kinos der 70er Jahre, die es wirklich in den Mainstream geschafft haben und einem breiten Publikum – auch einem weißen Publikum – bekannt wurden. Richard Roundtree spielte die Titelfigur, einen schwarzen Privatdetektiv, als eine Art Superheld, bewußt einem James Bond als schwarzes Pendent entgegengesetzt. Damit wurde Roundtree – wenn auch nur für kurze Zeit – zu einem echten Star und Sexsymbol. Der Film hatte zwei Kinofortsetzungen und wurde auch als Serie ins Fernsehen transferiert; Roundtree spielte auch hier den Detektiv.

Shaft´s his name. Shaft´s his game – wollte man jemals eine Neuverfilmung anstreben, müsste man sich vor allem fragen, welcher Schauspieler der unterschwelligen sexuellen Botschaft gerecht werden könnte? Welcher Schauspieler könnte die Aura, die Virilität, die Präsenz von Roundtree, seine Coolness auf der Leinwand ersetzen, ihr etwas hinzuzufügen oder ihr etwas entgegensetzen? Etwas Eigenes, etwas ebenso Kräftiges, das eine eigene Wucht entfalten kann? John Singleton, der schon mit seinem Debut BOYZ N`THE HOOD (1991) ein klares Zeichen hinsichtlich eines dezidiert schwarzen und selbstbewußten Kinos gesetzt hatte, sah diese Kraft in Samuel L. Jackson, als er kurz vor der Jahrtausendwende eine Neuverfilmung des Stoffes anzugehen gedachte. Jackson, bereits seit den frühen 70er Jahren im Business, war in den 90ern vor allem durch Quentin Tarantinos Gangster-Farce PULP FICTION (1994) selbst in den Status eines Stars aufgestiegen und konnte einen Film alleine tragen. Und er hatte ganz sicher die nötige Coolness, um der Figur des John Shaft gewachsen zu sein.

Singleton wollte aber mehr als eine reine Neuverfilmung, er wollte eine Neuinterpretation. Er schrieb also mit der Unterstützung u.a. des Schriftstellers Richard Price (CLOCKERS, erschienen 1992) ein Drehbuch, das dem Original und Vorbild aus den 70ern nicht nur Tribut zollte, sondern es auf sehr geschickte Weise in die Gegenwart übersetzte. Die von Jackson gespielte Hauptfigur ist der Neffe des Original-John-Shaft, den auch in SHAFT (2000) wieder Richard Roundtree spielt. Singleton gibt ihm aber nicht nur einen schlichten Cameo-Auftritt, sondern integriert die Figur in die aktuelle Geschichte. Er wird zu einer Art Mentor des neuen John Shaft und zugleich auch ein intellektueller Antagonist, da er ununterbrochen dessen Arbeit in Frage stellt. Denn der eigentliche Unterschied zum Originsal-Shaft besteht darin, daß, Jacksons Figur bei der New Yorker Polizei arbeitet.

Er ist Detective beim NYPD, wo er nicht nur intern vehement gegen Rassismus vorgeht. Mit rassistischen Tätern kennt er nur wenig Erbarmen. Und der geschilderte Fall – das ist wesentlich – dreht sich zentral um ein rassistisches Motiv. Singleton war immer eine Art Aktivist mit der Kamera. Seine Filme sind meist engagierte Werke, die sich mit Rassismus, aber auch generell dem Leben Schwarzer in einem von den Weißen geprägten Amerika auseinandersetzen. Da sieht er sich offenbar in der Tradition des Blaxploitation-Kinos. Seinen Werken haftet bei allem filmischen Können immer auch eine gewisse didaktische Methodik an. So etwas kann Filme schwergängig machen, wenn nicht gar zerstören, weil die Message dem Publikum gelegentlich mit zu viel Vehemenz eingehämmert wird. Es ist vor allem Jacksons Performance zu verdanken, daß dies im Falle von SHAFT nicht allzu sehr der Fall ist. Er verleiht der Figur genug street credibility, daß der Zuschauer die Anliegen des Mannes nicht nur versteht, sondern auch gutheißt.

Doch wäre das alles nur die Hälfte wert, hätte er nicht mindestens einen Gegenspieler, der ihm zumindest in Sachen Charisma das Wasser reichen könnte. Diesen dramaturgischen Antagonisten spielt Christian Bale. Und er spielt ihn mit einer Hingabe, einer Überzeugungskraft, die den Kerl nicht nur glaubwürdig macht, sondern geradezu greifbar widerlich und abstoßend. Er gibt Walter Wade Junior, Sprössling einer Immobilien-Dynastie und wirklich einer der ekelerregendsten Schnösel, die man je auf der Leinwand sah. Er ist ein verwöhnter Bengel, der in dem Glauben lebt, daß Gesetze, auch und gerade moralische, für ihn nicht gelten. Er beschimpft einen Schwarzen, Trey, in einer angesagten Bar, macht sich über ihn lustig und will ihn dem Gespött der Leute preisgeben. Als Trey sich wehrt, erschlägt Wade ihn mit einem Absperrpöller vor dem Restaurant, in dem sich diese Szene zuträgt. Ein ihm wohlgesonnenes Gericht setzt ihn auf Kaution frei, was er nutzt, um sich aus den Staaten abzusetzen. Natürlich vergisst John Shaft ihn nicht und ist zwei Jahre später zur Stelle, als der Jungspund zurückkehrt. Er verhaftet ihn und setzt damit – eher zufällig – eine Spirale in Gang, die schließlich zu den Verwicklungen des Films führt. Denn Wade Junior trifft in der Arrestzelle, in die Shaft ihn nach der neuerlichen Verhaftung steckt, auf Peoples Hernandez, einen Drogendealer, der zwar jede Menge Geld und Koks, aber leider ein mangelndes Selbstbewußtsein besitzt und nur begrenzte Vertriebswege hat und sich an den weißen Kerl mit dem teuren Anzug ranmacht.

Hernandez ist die eigentlich interessante Figur des Films. Denn der von Jeffrey Wright gespielte Hispanic wurde vom Drehbuch ambivalent angelegt und offenbart weitaus tiefere Beweggründe, als herkömmliche Gangsterfiguren in modernen Thrillern. Wright gelingt zudem eine kongeniale Performance. Nie ist man sich bei diesem Kerl sicher, ob er wirklich den speichelleckerischen Charakter besitzt, den er zu haben vorgibt, oder ob er einfach berechnend genug ist, um zu wissen, wie man gerade einen Mann wie Wade umschmeicheln muß. Denn zunächst ködert Hernandez Wade, dann hat er ihn in der Hand. Die beiden gehen eine Art Teufelspakt ein – der eine verschafft dem andern Zutritt zu jenen Kreisen in Manhattan, wo man sein Koks im großen Stil absetzen kann, der andere bittet hingegen darum, einen Mordauftrag auszuführen. Denn es gab eine Zeugin für den Mord an Trey und diese kann Wade nun gefährlich werden. Es ist ein ausgeklügeltes Spiel, in das sich Wade und Hernandez gegenseitig verstricken.

Ein Spiel, das sich vor allem durch die Eitelkeit der beiden Protagonisten auszeichnet. Beide sind Alphamännchen in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld. Dem einen gehören die Straßen von East Harlem, dem andern steht das Imperium eines Immobilienhais zur Verfügung. Der eine leitet seine Stellung aus seinem Hang zur Gewalt ab, der andere geht vom Klassenrecht aus. Der eine hat sich seine Position erkämpft – zumindest muß man davon ausgehen – , der andere glaubt sich qua Geburtsrecht an der Stelle eines Prinzen. Daß sein Vater, der König, ihm zwar jeden Wunsch erfüllt, ansonsten aber mit extrem jungen Damen turtelt, durch die der Sohnemann sich bedroht fühlt und das Erbe seiner Mutter in Gefahr sieht, erklärt zumindest ansatzweise ein wenig, wieso dieser Walter Wade Junior solch ein Kotzbrocken wurde. Mehr psychologische Deutung gönnt Singleton ihm allerdings nicht, wodurch die Figur hinlänglich psycho- und soziopathische Züge trägt. Das entspricht auch der Interpretation durch Bale.

Shaft überstrahlt beide – an Charisma, vor allem aber an Coolness. Wobei die Coolness von Wade Junior so oder so eher aufgesetzt wirkt. Bale gibt ihn als reichen Sprössling, der sich aus den Medien ein gewisses Repertoire an coolen Haltungen und Sprüchen zugelegt hat, aber keine wirkliche Verbindung zu den Dingen um sich herum aufbauen kann. So wirkt er in Hernandez´ Welt auch wie ein Fremdkörper – mindestens so sehr, wie der ein Fremdkörper in den angesagten Clubs Manhattans wäre, zu denen er so gern Zutritt hätte. Shaft, in seinem schwarzen Mantel, mit seinem kahlen Schädel und dem stechenden Blick, ist überall und nirgends zu hause. Er kann überall auftreten, da er natürliche Autorität besitzt und jede Umgebung allein durch sein Auftreten und seine Haltung beherrscht. Das Buch lässt wenig Zweifel daran, daß seine Autoren die Figur lieben und genau so haben wollen. Shaft ist unangreifbar, auch, weil er das moralische Gesetz auf seiner Seite hat. Er geht keiner Konfrontation aus dem Weg und tritt auch seinen Kollegen entgegen, wenn diese – vielleicht unbewußt, vielleicht aus Unachtsamkeit, vielleicht aus Überzeugung – in rassistische Muster verfallen. Das nimmt dem Film ein wenig die Spannung, da den Zuschauer nie Zweifel befallen, daß dieser Mann seine Mission zu Ende bringen könnte oder gar in ernsthafter Gefahr schwebt. Andererseits bietet die Figur des John Shaft Jackson jede Menge Gelegenheiten, ultracoole Sprüche abzusondern und eine Lässigkeit zur Schau zu tragen, die es in sich hat. Und dennoch spürt man bei ihm immer, daß es ihm ernst ist.

Möglicherweise geht es Singleton aber gar nicht darum, eine realistische oder wirklich spannende Story zu erzählen. Dem Film ist das didaktische Moment, was die Frage des Rassismus angeht, überdeutlich anzumerken. Das kann nerven, andererseits ist es, wie bereits erwähnt, das zentrale Motiv des gesamten Films. Es braucht eine coole Sau, wie Sam Jackson sie zu spielen in der Lage ist, um ein probates Gegengewicht zu schaffen, einen Prototypen des selbstbewußten schwarzen Mannes, der auch im neuen Jahrtausend funktioniert. Shaft ist der Mann, der die ganze gesellschaftliche Frage nach Status und Hautfarbe persönlich längst hinter sich gelassen hat. Gerade in den Auseinandersetzungen mit seinem Onkel wird diese Seite des Themas deutlich. Denn der originale Shaft glaubt nicht an Gerechtigkeit, er hat in seinem Leben zu oft gesehen, wie Schwarzen übel mitgespielt wurde, egal ob sie im Recht waren oder nicht. Daher auch seine Abneigung gegen das Betätigungsfeld seines Neffen. Diese Haltung spiegelt sich in der der Mutter des toten Jungen. Sie ist bei den Anhörungen vor Gericht anwesend und nimmt das Recht schließlich – obwohl Shaft ihr versichert, diesmal werde Wade verurteilt – selbst in die Hand und erschießt ihn vor dem Gerichtsgebäude. Singleton inszeniert dies – und die Reaktion der Umstehenden, also auch die von John Shaft – ohne Genugtuung, ohne daß das Publikum hier Selbstjustiz als gültige Form von Vergeltung guthieße. Nein, dieser Akt ist ein Akt reiner Verzweiflung. Vielleicht wird sich etwas bessern für die Männer und Frauen in Shafts Generation, die seines Onkels und der trauernden Mutter wird an den Veränderungen nicht mehr partizipieren, zu oft wurden sie enttäuscht.

Damit markiert Singleton exakt das Verhältnis des Originalfilms in seiner Zeit und seines Films, nahezu dreißig Jahre später. Und er markiert den Weg, den die schwarze Community in dieser Zeit zurückgelegt hat. Roundtrees Shaft arbeitet auf eigene Rechnung, er kann sich nicht darauf verlassen, daß irgendwelche Institutionen ihm helfen. Er greift schließlich auf Angehörige einer militanten Bürgerrechtsorganisation zurück. Samuel L. Jacksons Shaft ist Teil der Institutionen. Er hat den „langen Weg“, den die 68er einschlagen wollten, bereits hinter sich. Er ist Detective, er kann gegenüber seinen Vorgesetzten eine dicke Lippe riskieren und wird zwar für eine Tätlichkeit strafversetzt, doch stoppen lässt er sich nicht. Daß er als Schwarzer im Jahr 2000 diesen Status einnehmen kann, liegt auch an Männern wie seinem Onkel, der dreißig Jahre zuvor ein Selbstbewußtsein entwickelte, auf dem ein Mann wie der moderne Shaft aufbauen konnte. Und er weiß das. So wie Singleton weiß, auf wessen Schultern er (kulturell) steht. Zu diesem Eindruck trägt auch die Nutzung des Original-Soundtracks von Isaac Hays bei. Der wurde legendär und sein funky Rhythmus zur Vorlage etlicher typischer Soundtracks von Großstadt-Krimiserien wie THE STREETS OF SAN FRANCISCO (1972-1977) oder KOJAK (1973-1978). Andererseits wäre es ein Frevel gewesen, einen Film namens SHAFT zu drehen und den Score nicht mindestens zu zitieren. Doch geht Singleton weiter und mischt ihn mit den um die Jahrtausendwende angesagten Hip-Hop- und Rap-Tracks, die ebenfalls einer dezidiert schwarzen Subkultur entstammen. Ein weiterer Hinweis auf den langen Weg, den die Community seit den 70ern und den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung zurückgelegt hat.

Singleton inszeniert zugleich aber auch eine Utopie. Eine Utopie als eine Art Friedensangebot. Denn Trey, der junge Mann, der zu Wades Opfer wird, kommt mit einer weißen Freundin und einem befreundeten weißen Paar in das Restaurant. In dieser Konstellation gibt es die Frage nach der Hauptfarbe nicht, wenn man sich gemeinsam an einem Freitagabend in die Restaurant- und Klubszene begibt. Vielmehr entspricht es bereits einer vom Film behaupteten Normalität. So wirkt Walter Wade Junior auch hier wie ein Fremdkörper, nicht Trey. Und genau als solch ein Fremdkörper wird Wade auch im Rest des Films inszeniert. Er passt – und das könnte man dann bestenfalls als tragisch betrachten – weder in seine eigene Klasse, noch auf die Straßen Harlems. Genauso fremd ist er auch in der Sprache, derer er sich befleißigt. Die Art, wie er Tray zu Beginn des Films anmacht und verhöhnt, zeigt seine angeeignete Gang-Sprache, die dem Jargon der Hoodies untereinander entspricht, bei einem Weißen hingegen – vor allem einem der Oberschicht – schlichtweg aufgesetzt wirkt.

Singleton greift damit ein weiteres Thema auf, daß gerade in den 90ern virulent geworden war, als immer mehr weiße Jungs, zumeist aus der Mittelschicht, sich die Terminologie schwarzer Gangsta-Rapper oder auch politischer Gruppen wie dem Wu Tang Clan oder Public Enemy aneigneten, was deren Vertreter als uneigentlich und vor allem komplett unauthentisch identifizierten. Eine weitere Übernahme schwarzer Subkultur, wie es einst mit dem Blues, dem Soul, dem Gospel durch Elvis geschah. Schwarze Kultur wird ihrer Wurzeln beraubt und geweißt. Dann ist sie kommerziell verwertbar. Die schwarzen Elemente werden dafür allerdings maximal zurückgedrängt. Allerdings funktioniert diese Aneignung eben nur vordergründig und oberflächlich. Denn wenn Schwarze untereinander das N-Wort nutzen – und sie tun es in diesem Film ununterbrochen – ist dies eben etwas fundamental anderes, als wenn dies ein weißer Mittelklassejunge tut. Die Frage danach: Wer spricht? wird hier überdeutlich konnotiert. Zwischen Shaft und seinen verbrecherischen Widersachern hingegen gibt es dieses Gefälle nicht. Zwar hält er sich zurück, gerade, was das N-Wort betrifft, doch ist sein Sprechen authentisch und weist ihn trotz seines Jobs als Mitglied der Community aus. Ein Status, den Walter Wade Junior nicht erreichen kann. So bleibt er auch hier der Fremdkörper, der er in seinem ganzen Leben ist.

Es ist natürlich immer die Frage, was man mit einem Film, einem Kunstwerk, erreichen will. Da Film zumeist kommerziellen Erfolg braucht, da der Regisseur sonst ein Problem bekommt, ist auch SHAFT in erster Linie ein Produkt des amerikanischen Kinos, nicht direkt Hollywoods, doch in modernen Zeiten lässt sich das so eindeutig nicht mehr sagen. So hat man es hier schon mit einem Kriminalfilm, einem Thriller zu tun. Und deshalb braucht es Spannung, Action und eine gewisse Fallhöhe. Singleton bietet all das, doch ist zu konstatieren, daß es auch im Jahr 2000 durchaus spannendere Filme und als Thriller durchdachtere Werke gab. SHAFT nimmt teils unnötige und komplizierte Umwege – die ganze Handlung um die Zeugin, die zufällig sah, was Wade Trey antat, die dann untertaucht und von Shaft ebenso gesucht wird, wie von Hernandez, der sie im Auftrag Wades aufspüren und töten soll, ist ein wenig aufgesetzt und umständlich. Einige Ereignisse wirken unmotiviert. So provoziert Shaft Hernandez unnötigerweise, die Dramaturgie braucht dies aber, um den Großdealer überhaupt in die Handlung zu bekommen. Auch der Strang um zwei Kollegen Shafts, die sich als korrupt entpuppen und schon lange für Hernandez arbeiten, wäre nicht nötig gewesen. Viele dieser Wendungen dienen scheinbar auch nur dazu, den Helden in einem noch helleren Licht, moralisch noch überzeugender darstellen zu können. Die Figur John Shaft steht nie in Zweifel. Nicht einmal da, wo seine Methoden zweifelhaft werden. So verpasst er Wade noch am Tatort vor der Bar, wo alles seinen Ausgang nimmt, zweimal einen Faustschlag – die Tätlichkeit, für die er versetzt wird – als der sich auch angesichts seines   sterbenden Opfers einen weiteren rassistischen Spruch nicht verkneifen kann. Doch da ist SHAFT dann – seinen herkömmlichen Thriller-Kollegen in nichts nachstehend – hinreichend manipulativ, damit wir vollkommen einverstanden sind. Im realen Leben würden wir wahrscheinlich über Polizeigewalt etc. debattieren, im Kontext dessen, was Singleton zeigt, sind wir zutiefst befriedigt, daß das Großmaul Walter Wade Junior selbiges gestopft bekommt. Auf dieser Ebene funktioniert SHAFT dann auch nicht anders, als Filme wie DIE HARD (1988) und Konsorten.

SHAFT ist als Polizeithriller also nur leidlich überzeugend, als Genrefilm mit einem gewissen Hintergrund und Anliegen allerdings hochinteressant. Er bietet mit seiner Montage und seinen Schnittstellen, den Überblendungen, dem Rhythmus und der musikalischen Untermalung ein fiebriges Großstadtfeeling und ist damit auch ein überaus gelungenes Portrait der Stadt New York. In der bewegen sich alle drei Protagonisten – Shaft, Wade und Hernandez – wie Fische im Wasser, wenn auch auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Kreisen. SHAFT als Film zeigt, wie sich diese Kreise in einer Metropole wie dieser berühren und überschneiden, wie sie einander aber auch bedingen. So gesehen, ist dies auch ein vortrefflicher Film über (post)modernes Großstadtleben. Über eine multikulturelle Gesellschaft, die die Bedingungen des Zusammenlebens immerzu austarieren, ständig neu verhandeln muß.

Dies sind die Subtexte des Films, an denen er sich abarbeitet, die er ausstellt und die er mit teils rabiaten Mitteln zu forcieren sucht. Geschickt dreht Singleton Herrschaftsverhältnisse um, wenn er Wade Junior als den eigentlichen Außenseiter in einer Umgebung darstellt, die doch Männer wie sein Vater definieren und dominieren. Doch dort, wo er sich hinbegibt, zählen die Mittel und Methoden, die Männern wie ihm zur Verfügung stehen, eben nur bedingt. So brutal ein Mensch wie Hernandez dargestellt wird, eine gewisse Sympathie für diesen kleinen Gernegroß kann sich SHAFT nicht verkneifen. So ist Singletons Film selbst Teil eines Diskurses, den er abbildet und zugleich befeuert und in den er auch ein utopisches Moment einfügt, wenn er Paare darstellt, die über die Grenze der Hautfarbe hinweg zueinanderstehen, wenn er funktionierende Subkulturen präsentiert und Weiße als Außenseiter und in ihrer Haltung überkommen zeigt. Wenn der Film also als Thriller nur hinlänglich überzeugt, so tut er es umso mehr als Porträt einer Stadt und ihrer Gesellschaft. Und als Markierung der Rassismus-Debatte im neuen Jahrtausend.

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