SUPER 8
J.J. Abrams bietet ein gelungenes Potpourri etlicher Monster-, Alien- und Coming-of-Age-Filme
Eine Kleinstadt irgendwo in Ohio, Ende der 70er Jahre. Eine Gruppe Jugend-Freunde – Joe Lamb (Joel Courtney), Charlie Kaznyk (Riley Griffiths), Cary MacCarthy (Ryan Lee), Martin Reed (Gabriel Basso) und Preston Scott (Zach Mills) – wollen in ihrer Freizeit einen Zombie-Film drehen. Charlie ist die treibende Kraft hinter dem Projekt, er führt die Regie und ist derjenige mit dem filmischen Wissen, welches es braucht, um einen einschlägigen Horrorfilm herzustellen. Joe kümmert sich vor allem um die Schminke, die anderen stehen hauptsächlich als Schauspieler zur Verfügung, alle miteinander sind für die Kamera, ein Super-8-Format, verantwortlich.
Joes Mutter ist kürzlich ums Leben gekommen, als ihr Kollege Louis Dainard (Ron Eldard) wegen eines Alkohol-Katers nicht zur Arbeit erschienen ist und sie, übermüdet, dessen Schicht übernommen hat. Joes Vater Jack (Kyle Chandler), der in der Stadt das Amt des Deputys neben Sheriff Pruitt (Brett Rice) bekleidet, zürnt Louis und macht ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich.
Umso komplizierter werden die Dreharbeiten, als Charlie Joe gegenüber erklärt, das Drehbuch verlange nach einer starken Frauenfigur, weshalb er nun Alice Dainard, die Tochter von Louis, gefragt habe, ob sie an dem Projekt mitarbeiten wolle. Und sie zugesagt habe. Heimlich finden sowohl Charlie als auch Joe das etwas ältere Mädchen aufregend, beide verlieben sich schnell in sie, doch wird auch bald deutlich, dass ihre Zuneigung eher Joe gehört.
All diese zwischenmenschlichen Verwerfungen werden allerdings zurückgestellt, als die Gruppe eines Nachts, als sie – verbotenerweise – Dreharbeiten vor den Toren der Stadt an einem alten Bahnhof durchführt, einen heranrasenden Zug mit ins Bild bekommt, der laut Charlie eine sagenhafte Kulisse für die gerade zu drehende Szene abgibt. So werden sie Zeugen, wie der Zug entgleist. Die Gruppe wird zerstreut und bevor sich alle – zum Glück lebend – wieder finden, sieht Joe, wie etwas nicht näher Definierbares aus einem der halb zerstörten Wagen entkommt. Zudem liegen überall verstreut kleine Würfel an der Unfallstelle herum, von denen Joe einen an sich nimmt.
Bevor die Polizei eintrifft – später dann das Militär, welches die Ermittlungen an sich reißt – sehen die Freunde, dass es ihr Biologielehrer Dr. Woodward (Glynn Turman) gewesen ist, der den Unfall, scheinbar absichtlich, verursacht hat.
In den kommenden Tagen geschehen merkwürdige Dinge in der Stadt. Zunächst verschwinden die Hunde, dann einzelne Metall- und Eisenteile, darüber hinaus Bauteile aus Elektrogeräten und Motoren. Der Würfel, den Joe mitgenommen hatte, beginnt, zunächst unbemerkt, sich zu bewegen, dann durchschlägt er die Außenwand des Hauses, in dem die Familie Lamb lebt, und wird mit rasender Geschwindigkeit vom lokalen Wasserturm angezogen.
Schließlich verschwinden auch Menschen, darunter Sheriff Pruitt. Joes Vater Jack ist nun Leiter der Polizei und damit der Ermittlungen zum Zugunglück und den Vorkommnissen in der Stadt. Doch lässt das Militär, das tagelang die Stadt durchkämmt auf der Suche nach irgendetwas, von dem sie nicht preisgeben wollen, worum es sich handelt, keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hat.
So muss Jack sich auf eher nebensächliche Aufgaben konzentrieren, darunter auch darauf, dass sein Sohn keinen Umgang mit Alice pflegt. Doch Joe und Alice haben sich mittlerweile ernsthaft ineinander verliebt, was sogar Charlie akzeptiert, begreift er doch, dass es sich um mehr als eine Schwärmerei handelt.
Als dann auch Alice verschwindet, beschließen die Jungs, sie zu suchen. Auf dem inzwischen entwickelten Film können sie sehen, dass eine riesenhafte, fremde Kreatur aus einem der Waggons entkommen ist. Als das Militär unter einem Vorwand die Stadt evakuiert, fahren die Jungs zurück in die Stadt und suchen in der Schule nach Hinwiesen auf ihren Biologielehrer, den sie in die Sache verwickelt vermuten.
Tatsächlich arbeitete dieser in den 60er Jahren in einem Forschungslabor, wo ein auf der Erde gelandetes Alien gefangen gehalten und untersucht wurde. Da Dr. Woodward mit dem Wesen in Berührung gekommen ist und dadurch per Telepathie Einblick in dessen Gefühlswelt erhielt, wusste er, dass der Alien im Grunde nur sein Schiff – das aus den Würfeln besteht, die Joe gesehen hat – zusammenbauen und von der Erde fliehen wollte. In all den Jahren, die Woodward nach seiner Entlassung in der Stadt gearbeitet hat, wartete er auf eine Gelegenheit, dem Wesen zu helfen. Als er erfuhr, dass der Zug durch die Stadt fährt, hat er ihn entgleisen lassen.
Die Jungs werden von Militärpolizisten entdeckt und verhaftet. In einem Bus sollen sie in eins der Lager gebracht werden, die für die Bewohner vor der Stadt aufgeschlagen wurden. Doch das Ungeheuer, das während seiner jahrelangen Gefangenschaft die Menschen zu hassen gelernt hat, greift den Bus an, tötet die Soldaten und lässt die Freunde nur mit Ach und Krach entkommen.
Joe hat die Kreatur einige Nächte zuvor auf dem Friedhof graben sehen. Nun kehren er und seine Freunde also erneut in die Stadt zurück und suchen auf dem Friedhof. Hier entdecken sie schließlich den Eingang zu einer unterirdischen Höhle. Dort hat das Monster seine menschliche Beute, die es offenbar als Nahrung nutzt, in ein Koma versetzt und aufgehängt.
Während die Air Force die Stadt bombardiert, um das fremde Wesen mit allen Mitteln zu töten, entdecken Joe und die andern, dass es hier an seinem Raumschiff arbeitet. Es gelingt den Jungs, die noch lebende Alice zu befreien. Auch den Sheriff und ein weiteres Opfer des Monsters können sie retten, doch auf der Flucht durch die labyrinthischen Gänge treibt das Alien sie in eine Falle. Es ergreift Joe und will ihn offenbar töten. Joe beginnt, auf es einzureden und ihm klar zu machen, dass er und die anderen nicht gegen es sind, ihm vielmehr helfen wollen. So lässt das Wesen sie laufen.
Das Wesen startet sein Raumschiff, welches sich vor allem unterhalb des Wasserturms befindet. Während dieses Prozesses werden etliche Metallgegenstände angezogen, bis das Schiff abhebt und im All verschwindet.
Während des Versuchs, ihre Kinder zu retten, sind sich Jack und Louis nähergekommen. Jack vergibt Louis, sodass der Liebe zwischen Joe und Alice nichts mehr im Wege steht.
Die aufgrund ihrer Instinkte geflohenen Hunde kehren aus den nahegelegenen Wäldern zu ihren Besitzern zurück.
Der fertige Super-8-Film, den die Gruppe schließlich fertiggestellt hat, läuft während des Abspanns.
Wenn jemand versteht, wie man Blockbuster bastelt, die ganze Familien ansprechen, die gediegen unheimlich und doch herzerfrischend sind, dann ist dies sicherlich Steven Spielberg. Er war es, der dem Publikum in den 70er, mehr noch den 80er Jahren mit Filmen wie CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (1977), E.T. THE EXTRA-TERRESTRIAL (1982) oder, später, HOOK (1991), wunderbare Familienfilme bescherte, die zugleich unterhalten, spannend sind und zumeist eine, wenn auch meist sentimentale, so doch immer humanistische Botschaft vermitteln. Spielberg verstand es, sich in die Gemüter von Kindern, oft Außenseitern, hinein zu versetzen, er wusste um die Ängste, aber auch die Freuden, die in Kindern und Jugendlichen erblühen und ihre Welt ebenso in einen Albtraum wie auch in ein Wunderreich verwandeln können.
Als Spielberg älter wurde, wurden seine Filme düsterer, widmete er sich immer häufiger durchaus brutalen Themen, eher den Albträumen Erwachsener als jenen eines Kindes. Doch als Produzent fühlte er sich weiterhin auch den Träumen von Kindern und Jugendlichen verpflichtet. Und half dabei oftmals seinen Epigonen – wie u.a. J.J. Abrams, bevor der sich des STAR WARS-Universums annahm und auf eigenen Beinen stand. Für Abrams dritte eigene Regiearbeit SUPER 8 (2011) fungierte Spielberg als ausführender Produzent und man sieht dem Film deutlich an, dass er ganz im Sinne des Meisters entstanden ist.
SUPER 8 erzählt die Geschichte einer Clique von Jungs, die Ende der 70er Jahre, als das Super-8-Format noch der letzte Schrei gewesen ist, kurz bevor Video auf den Markt kam, bzw. massenkompatibel wurde, einen eigenen Film, in diesem Fall einen Zombie-Film, drehen wollen. Offensichtlich beeinflusst von der damals grassierenden Welle harter Zombiefilme aus Italien, geben sie sich alle Mühe, ihre Untoten und die Spezialeffekte gekonnt eklig aussehen zu lassen. Als sie eines Nachts verbotenerweise eine Einstellung außer Haus an einem alten Bahnhof der Kleinstadt, in welcher sie leben, drehen, werden sie ungewollt Zeugen eines fürchterlichen Zugunglücks. Es dauert nicht allzu lange, bis nicht nur ihnen, sondern auch der ganzen Kleinstadt, in der sie leben, klar wird, dass da irgendetwas aus dem Zug entkommen ist, das besser versteckt geblieben wäre.
SUPER 8 spielt mit Versatzstücken etlicher Filme und Geschichten, wie sie die 70er und die 80er Jahre reihenwiese hervorbrachten. Im Kern ist es eine Coming-of-Age-Geschichte um ein paar Jungs und ein Mädchen, es geht um Unverständnis der Eltern und um erste Liebe und darum, wie man miteinander klarkommt, wenn man plötzlich Rivalität zum besten Kumpel empfindet. Und natürlich geht es darum, wie man sich an der Schwelle zum Erwachsenenalter scheinbar unüberwindlichen Aufgaben stellen muss und dabei über sich selbst hinauswächst. Da schwingt ein wenig von Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung STAND BY ME (1986) mit, überhaupt kann man hier einige Anleihen bei King finden, der immer wieder Kinder oder Jugendliche in den Mittelpunkt seiner Geschichten gestellt hat. Immer wieder ging es dabei um genau die Themen, die auch hier angesprochen werden: Erwachsenwerden, Schmerz verarbeiten, sich seinen inneren Dämonen stellen, erste Liebe, Freundschaften etc. Da treffen sich Spielberg und King auf erstaunliche Weise, was womöglich der Tatsache geschuldet ist, dass der König des Blockbuster-Kinos nur ein Jahr älter als der King of Horror ist und beide von ähnlichen, wenn nicht denselben Filmen, TV-Serien, Comics und Büchern geprägt sein dürften. Erstaunlich, dass ihre Kreativität sie nie direkt zusammengeführt hat.
SUPER 8 sieht also in vielem wie eine Hommage an eben diese Vorbilder aus – Spielberg und King. Im Kern ist seine Story eine abgewandelte Form dessen, was Spielberg in E.T. erzählt hat: Eine Gruppe Jugendlicher trifft auf einen Außerirdischen, der verzweifelt versucht, nachhause zu gelangen, den die Menschen – also die erwachsenen Menschen – nicht verstehen und der schließlich mit Hilfe seiner juvenilen Freunde in die Weiten des Alls entkommen kann. Der Unterschied ist vor allem das „Monster“. War E.T. ein knuffiger kleiner Kerl (oder war „er“ vielleicht sogar eine „sie“?), den nicht nur sein Freund Elliott, sondern Millionen etwa Gleichaltriger ab 1982 einfach lieben mussten, so entspringt der Extraterrestrische in Abrams´ Film doch eher dem Universum, das Stephen King geschaffen hat.
Dieses Wesen – irgendwo zwischen Godzilla und einem Rieseninsekt angesiedelt – ist doch furchteinflößend, wobei der Film, darin ganz der alten Schule verhaftet, die Klugheit besitzt, es nie wirklich und eindeutig zu zeigen. Überhaupt sieht man erst vergleichsweise spät, womit die Stadt, womit es die Freundesgruppe da überhaupt zu tun hat. Zuvor nutzt Abrams, nutzen Buch (ebenfalls Abrams) und Regie etliche – ebenfalls aus einer ganzen Reihe von Vorbildern adaptiert – Momente und Möglichkeiten, um auf ganz klassische Art und Weise Spannung aufzubauen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Da hockt ein Arbeiter auf einer Hochbühne und ahnt lediglich, da er in der Dunkelheit der Nacht nichts sehen kann, dass sich da etwas durchs Unterholz nähert; während des Zugunglücks, das der Held Joe Lamb, der seinem Freund und baldigen Rivalen um die schöne Alice Dainard, Charlie Kaznyk bei dessen Film helfen will, beobachtet, schlüpft etwas Undefinierbares und nur schlecht Ersichtliches aus einem der Waggons; der Biologielehrer, den die Kids in seinem Auto finden und der das Unglück scheinbar absichtlich ausgelöst hat, weist etliche blutende Wunden auf und hier und da erlaubt sich Abrams doch sehr eindeutige Schock- und Jump-Scare-Momente, um sein Publikum zu packen. Und das Militär, das bald auftaucht und die Stadt übernimmt, ist ähnlich furchteinflößend wie jenes in George A. Romeros Katastrophen-Dystopie THE CRAZIES (1973) und damit als eigentliches Monster gebrandmarkt.
Der eigentliche Clou des Films besteht allerdings in der Beschreibung der Freundesgruppe, die mit Witz, Kreativität und eisernem Willen ihren Film umsetzt. Abrams hatte da ein gutes Ensemble an Kinderdarstellern – darunter die damals 13jährige und filmisch schon nicht mehr ganz unerfahrene Elle Fanning – zur Verfügung, die den Figuren Leben einhauchen. Man muss wohl konstatieren, dass die nicht ganz die Tiefe und Authentizität derer aus den weiter oben genannten Filmen – allen voran STAND BY ME – aufweisen, doch sind sie als Charaktere genügend ausgeprägt, um dem Film ihren Stempel aufzudrücken. Die leise und eher nebenher erzählte Geschichte jugendlichen Verliebtseins – Charlie holt Alice nicht nur in den Film, weil der „eine Frauenfigur“ bracht, wie der angehende Regisseur besserwisserisch behauptet, sondern, weil er sie kennenlernen möchte; später muss er aber einsehen, dass sich Alice nun einmal eher für Joe interessiert – ist hier mindestens so wesentlich für das Gelingen des Films, wie das Monster oder die Spannung. Dass Alice´ Vater Louis für den Tod von Joes Mutter verantwortlich ist, weshalb Joes Vater, Deputy bei der Polizei, Louis hasst, ist dann klassisches Spielberg-Territorium. Im Grunde hätte es eine solche Verwicklung nicht gebraucht, sie schafft aber eine zusätzliche emotionale Fallhöhe für alle Beteiligten. Und natürlich verbrüdern sich die beiden Väter schließlich, um die Kinder zu retten.
SUPER 8 ist ein überzeugendes Cross-Over aus Science-Fiction, Monster-Horror (wenn das Monster schließlich auftaucht, ist es überzeugend) und Jugendfilm. Man sieht dem Werk an, dass er epigonal auf seine Vorbilder schielt, doch tut er dies so charmant, verweist so deutlich auf sie, dass man es seinen Machern nicht verübeln kann. Zudem gelingt es denen – die ja immerhin in Spiritus Rector Steven Spielberg einen Erschaffer dieser Vorbilder direkt mit an Bord haben – ihrem Film genug Eigenes hinzuzufügen, damit dieser bestehen kann. Und so bleibt auch der letzte im Publikum während des Abspanns sitzen, um den schließlich fertiggestellten Zombie-Film zu betrachten, der währenddessen gezeigt wird. Und allein der ist es schon wert, SUPER 8 zu schauen.