TEPEPA

Ein guter Revolutionswestern aus der radikalen Phase des Italowestern

Der englische Arzt Dr. Henry Price (John Steiner) rettet den Sozialrevolutionär Tepepa (Tomas Milian) vor dem Erschießungskommando. Tepepa kämpfte seinerzeit an der Seite des heutigen Präsidenten Madero, dessen Herrschaft jedoch nicht die Segnungen der Revolution über die Kleinbauern und Tagelöhner gebracht hat, sondern letztlich nur jenen Gewinnlern und Profiteuren wie den Oberst Cascorro (Orson Welles) nutzte, die schließlich einfach nur da weiter machten, wo sie vor der Revolution aufgehört hatten. Tepepa möchte den Arzt für seine Sache gewinnen, denn die Bauern brauchen jede helfende Hand. Der Arzt jedoch teilt Tepepa mit, daß er ihn ebenso zu töten gedenke, wie Cascorro dies wolle, da Tepepa für die Vergewaltigung und den anschließenden Selbstmord der Frau verantwortlich zeichnet, die Price einst liebte. Tepepa nimmt Price als Geisel. Nun will Tepepa in einem Brief an den Präsidenten die Gründe darlegen, die ihn und die seinen erneut auf die Barrikaden treiben. Madero schickt eine Einladung, die Tepepa annimmt, er und seine Leute machen sich auf, den Präsidenten zu besuchen. Dieser jedoch ist längst in den Händen der konterrevolutionären Armee, die unter der Führung solcher Männer wie Oberst Cascorro steht. Es kommt zu undurchsichtigen Schießereien zwischen Tepepas Leuten, die von dem jungen Paquito (Luciano Casamonica) mit Waffen versorgt wurden, die dieser mit dem Blutgeld zahlte, daß sein Vater für den Verrat an Tepepa nahm, und Angehörigen der Armee. Oberst Cascorro wird dabei festgesetzt und schließlich in einem Getümmel erschossen, nicht, ohne zuvor Tepepa schwer verwundet zu haben. Dr. Price ist aufgefordert, den Revolutionär zu retten, entfernt zunächst auch die Kugel, tötet Tepepa dann aber doch so, daß es aussieht, als sei dieser seiner Schußverletzung erlegen. Nur Paquito kennt die Wahrheit und tötet deshalb Price. Als eine Art neuer, jüngerer Tepepa reitet nun Paquito an der Spitze der Revolution.

Wer den klassischen amerikanischen Western mag, kann den zynischen, oft comichaften und überbrutalen Western italienischer Prägung meist wenig abgewinnen. Sie verhalten sich zu den Klassikern wie ein Bastardkind an Weihnachten zur engeren Familie: ungewollt, abgelehnt, manchmal bestaunt, manchmal fasziniert bestaunt. Sie machen es einem natürlich oft auch leicht: Schlechte Schauspieler in oft unergründlich kompliziert erzählten Handlungen, die – wie der Rezensent erst kürzlich in einem der unzähligen DJANGO-Nachfolger (zu deutsch: DJANGO SPRICHT KEIN VATERUNSER) einmal mehr feststellen durfte – dem geneigten und immer noch wachen Zuschauer eine endlose Abfolge genau jener Stunts vorführen, die man ansonsten bei den Karl-May-Festspielen des Nachmittags geboten bekommt. Daß man das dann natürlich nicht wirklich ernst nimmt, verwundert nicht. Anders bei einigen der besseren Vertretern der Gattung. Und der vorliegenden Titel – TEPEPA (zuvor auch in stark gekürzten Fassungen DURCH DIE HÖLLE COMPANEROS oder DER ELIMINATOR) – gehört zweifellos dazu.

Was man dem italienischen Western zugute halten muß, ist, daß er – ganz auf der Höhe seiner Zeit, also in den linksbewegten 60er und den immer noch linksbewegten, aber zynischen 70er Jahren – explizit politisch wurde, v.a. all jene Bestandteile des Western ernst nahm, die im klassischen amerikanischen Western eher vorsichtig behandelt oder nur zart angedeutet wurden – die antikapitalistischen Impulse z.B. Dazu ging er nach Süden, schaute sich jenseits der Grenze zu Mexico um, das eine Revolution zu bieten hatte, in der ein wirklich und nachweisbar unterdrücktes Volk sich in einer (anders als die in sibirischer Kälte schlotternden Bolschewiki der russischen Revolution) nett anzusehenden Umgebung gegen einen Feudalherrscher und seine Kaste der Besitzenden auflehnte, gewann und dann verraten wurde, was der Sache natürlich den entscheidenden Dreh ins Romantische gab. Und dann war das ganze auch noch sozialistisch, ohne den strengen Regeln der reinen Parteilehre zu unterliegen, was natürlich für den amerikanischen Absatzmarkt nicht unwesentlich ist. Die Italowestern gerade aus der Periode 1966 bis 1970/71 sind stark geprägt von diesen politischen Implikationen.

In der ungekürzten Fassung kann man langen Gesprächen lauschen, die sowohl Tepepa und Dr. Price miteinander führen, als auch solchen zwischen Oberst Cascorro und Tepepa, bzw. Price, in denen es sich immer wieder um das Für und Wider der Revolution und darum dreht, ob und wie man die herrschenden Verhältnisse verändern kann. Ungewöhnlich für einen Western generell sind diese dialogischen Exkurse in die Seminare der linken Politologiestudenten jener Zeit (1968/69 entstand der Film und wurde uraufgeführt), ihre Genauigkeit in den revolutionären Verhältnisse und Bedingungen machen sie glaubwürdig. Doch die Glaubwürdigkeit des Films besteht darin, daß er die Revolution vom Stadnpunkt 1968/69 aus nicht mehr unvoreingenommen betrachten kann, dies auch nicht tut und dadurch eine weitaus klarere Aussage zu Revolutionen aller Art trifft, als die meisten anderen Filme, die sich dem Thema widmen.

Wer in den späten 60er Jahren ernsthaft an Revolution dachte, der hätte eigentlich auch das Scheitern selbiger in den meisten Fällen zur Kenntnis nehmen müssen. Regisseur Giulio Petroni, der als Kommunist am italienischen Partisanenkampf gegen die Faschisten und die Nazis teilgenommen hatte, nimmt seine linken Anliegen äußerst ernst, doch verzichtet er darauf, in schwarz-weißen Bildern von edlen Helden und üblen Schurken zu erzählen. Tepepa wird als ein Held der Revolution gemalt, der sicher einst aus hehren Motiven seinen Kampf aufnahm, doch sehen wir – gerade in jenen Szenen, die den Brief Tepepas und die Augenzeugenberichte seines Handelns, den Cascorro Price vorliest, bebildern – daß Tepepa letztlich einer jener Männer ist, denen die Macht schließlich zu Kopfe steigt und die aus ihrer neuen Position heraus Unheil und Gewalt verbreiten. Tepepa behauptet, möglicherweise nicht der Mann gewesen zu sein, der Price‘ Geliebte damals vergewaltigte, doch die Bilder, die der Film dem Zuschauer anbietet, zeigen nur ihn. Und darüber hinaus belegen sie auch ein fürchterliches Massaker, daß Tepepas Leute offenbar an den Besitzern und Bewohnern einer Hazienda verübt haben. Auch der im Film gegenwärtige Tepepa wird nicht als einwandfrei geschildert – seine Methoden sind roh und nicht wesentlich anders, als jene, die Cascorro und seine Leute anwenden. Paquitos Vater, der keine Hände mehr hat, wird von Tepepa erst als Bote für äußerst gefährliche Missionen mißbraucht, schließlich einfach von hinten erschossen, als Tepepa merkt, daß der Alte ihn wohl verraten hat. Daß der junge Paquito diese „Hinrichtung“ einfach hinnimmt und schließlich auch verdeutlicht, daß er mit Tepepas Verhalten einverstanden ist, indem er das Geld seines Vaters einsetzt, um Waffen für Tepepas Männer zu kaufen, verstört im Kontext des Films, verdeutlicht jedoch auch die Ambivalenz der Situation und derer, die in ihr gefangen sind.

Die Revolution frisst ihre Kinder – auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen.

Im Grunde ist das Ganze eine herkömmliche Rachegeschichte, was sich in Price´ Motivation manifestiert. Die Wendung, die Petroni dem ganzen gibt, ist denn auch sowohl historisch genau analysiert, als auch schlichtweg barer Zynismus: Tepepa fällt im Kampf, Price könnte ihn retten, tut dies nicht (verübt also seine – in diesem Kontext, nach allem, was wir gesehen haben, kleinliche – Rache), wird seinerseits dafür von Paquito getötet, der dadurch wiederum den Status des Rächers des Helden bekommt und somit an die Spitze der Revolutionäre rückt. Interessant in diesem Zusammenhang sind zwei Kleinigkeiten: Erstens die Haltung, in der der tote Tepepa aus der Hütte getragen wird, in der er starb: Es ist die Haltung des Gekreuzigten, was dem Topos des Revolutionärs als Erlöser, welchen der Italowestern häufig nutzt, einlöst, und zu dem ihn Price dann erst (unwillentlich?) gemacht hätte, zweitens die Antwort Paquitos auf die Frage, warum er Price getötet habe: Der, so Pquioto, habe Mexico nicht geliebt. Am Anfang des Films gibt es eine Szene, in der der zu diesem Zeitpunkt noch namenlose Paquito Price genau dies fragt: Lieben Sie Mexiko? Und Price lächelt verächtlich und schüttelt den Kopf. So wird Paquitos Tat also zu guter Letzt in einen größeren Zusammenhang gestellt, wenn man ihn anschließend an der Spitze einer Horde Revolutionäre reiten sieht und dieses Bild mit dem Antlitz des lachenden Tepepa überblendet wird. Nicht nur wird hier geklärt, daß Paquito Tepepa den Mord an seinem Vater nicht verübelt (im Gegenteil, dies legt nahe, daß Paquito das „Opfer“, das der Mord an seinem Vater auf diese Weise darstellt, gerechtfertigt und sogar notwendig war), nein, hier wird auch suggeriert, daß all diese Männer als einzelne vollkommen uninteressant und unwichtig sind, wichtig ist lediglich die Sache – Mexiko!

Und damit nimmt Petroni nicht nur die Revolution sehr ernst, sondern in diesen Schlußbildern, die an sogenannte „dialektische“ Einstellungen in Sergej M. Eisensteins Revolutionsfilmen der frühen Sowjetzeit erinnern, beruft sich Petroni auch auf ein großes Erbe. Tepepa ist unter den Italowestern sicherlich einer der besten, unter den Revolutionswestern sicherlich mit Leones GIÙ LA TESTA (TODESMELODIE – 1971), den er offensichtlich maßgeblich beeinflußt hat, der beste. Lohnt sich alle Male.Immer wieder.

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