DER ANSCHLAG/THE SUM OF ALL FEARS

Jack Ryan rettet die Welt - ein Relaunch der Tom-Clancy-Figur

Eine 1973 während des Jom-Kippur-Krieges verloren gegangene iraelische Atombombe wird durch Zufall gefunden und gelangt in die Hände einer Truppe Neonazis, die sie einsetzen wollen, um Friedens- und Abrüstungsgespräche zwischen den Großmächten Russland und USA zu torpedieren. Während die Falken im Weißen Haus der Meinung sind, man müsse dem neuen russischen Präsidenten Nemerow (Ciarán Hinds) gleich klare Kante zeigen, ist Präsident Fowler (James Cromwell) vorsichtiger und hört auf den Chef der CIA William Cabot (Morgan Freeman). Der wiederum ist beeindruckt von dem jungen Analytiker Jack Ryan (Ben Affleck), der eine Arbeit über Nemerow geschrieben und diesen als eher friedlich gestimmten, gedankenvollen Mann charaktrisiert hatte. Umso erstaunlicher, daß dieser Mann einen verheerenden Giftgasangriff auf Grosny auf seine Kappe nimmt, der offenbar von aufrührerischen Generalen ausgefüht wurde. Die Frage, die sich alle stellen: Hat Nemerow das Militär noch im Griff? Ryan wundert sich, daß offenbar bedeutende russische Atomwissenschaftler verschwunden sind. Er widmet sich dieser Spur. Dabei bekommt er Ärger mit seiner neuen Freundin Cathy Muller (Bridget Moynahan), einer Ärztin, der er schließlich mit Cabots Zustimmung verraten darf, wer er ist und für wen er arbeitet. Muller schenkt ihm zunächst keinen Glauben. In der Ukraine trifft Ryan auf John Clark (Liev Schreiber), einen Agenten vor Ort, mit dem gemeinsam er herausfindet, daß die verschwundenen Wissenschaftler eine dreckige Bombe gebaut haben und diese bereits in den USA angelangt ist, wahrscheinlich in Baltimore, wo sie in einem Footballstadion platziert wurde, in dem auch Präsident Fowler zu Besuch weilt. Der Präsident kann gerettet werden, doch die Bombe explodiert und verwandelt Baltimore in ein Schlachtfeld. Cabot wird schwer verletzt. Ryan, mittlerweile in Baltimore eingetroffen, findet ihn und begleitet ihn in den letzten Minuten, dann nimmt er Cabots Unterlagen und dessen Organizer an sich. Cabot hatte Kontakt zu einem Maulwurf im Kreml, mit dem nun Ryan Kontakt aufnimmt. Die Eskalationsspirale sowohl im Weißen Haus als auch in der russischen Kommandozentrale setzt sich in Bewegung, eine amerikanisches Schiff in der Ostsee wird beschossen, amerikanische Bomber setzen sich gen Russland in Bewegung. Nachdem es Ryan gelungen ist, Cathy in Baltimore zu finden, sich zu überzeugen, daß sie lebt und es ihr soweit gut geht, ist es an ihm und dem geheimnisvollen „Spinncker“, die Präsidenten davon zu überzeugen, daß sie dem  bösen Komplott einer Gruppe nazistischer Weltfeinde aufsitzen, die es auf einen atomaren Schalgabtausch abgesehen haben, der solch ein Chaos hinterließe, daß es ein Leichtes für sie wäre, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Als man 2002 Tom Clancys Thriller THE SUM OF ALL FEARS unter gleichem Namen verfilmte, änderte man dessen Vorgabe unter anderem so ab, daß im Film eine Gruppe von Neonazis die Supermächte der USA und Russlands aufeinander hetzen will, nicht, wie im Buch, eine islamistische Zelle. Es ist eine erstaunliche Abänderung, knapp ein Jahr, nachdem Osama Bin Laden mit seiner Terrortruppe Al Quaida die Türme des World Trade Centers in New York in Schutt und Asche gelegt hatte wobei Tausende Menschen den Tod fanden.

Wie auch schon die früheren Verfilmungen von Jack-Ryan-Romanen Clancys, wurde auch bei diesem der Grundtenor stark abgeändert, obwohl der damals 55jährige Clancy sogar als Produzent geführt wird. Tom Clancy war ein Rechtsausleger, die Jack-Ryan-Figur noch ein vergleichsweise liberaler Geist, der für die Filme noch einmal etwas „gedreht“ wurde. Clancy war ein kalter Krieger durch und durch, Jack Ryan in seiner Filmversion ist ein eher abwägender Mensch, ein Analyst, der gegen den Strom der Washingtoner Bürokratie und Politikeransichten schwimmt. Und genau so ist es auch hier.

Nachdem Alec Baldwin Ryan in John McTiernans THE HUNT FOR RED OCTOBER (1990) erstmals auf die Leinwand brachte, spielte ihn Harrison Ford in den 1990er Jahren zweimal als gesetzten Familienvater, der keine Ambitionen hat, ein Held zu sein und schließlich in allerhand actionreiche Händel verwickelt wird. Vor allem CLEAR AND PRESENT DANGER (1994) war eine nahezu perfekte Mischung aus Politthriller, der sich authentischer Fakten bediente (damals war das Medellin-Kartell des Drogenbosses Pablo Escobar noch in frischer Erinnerung), und einem Actionfilm. Dieser Ryan war ein Mann in den mittleren Jahren, der verheiratet ist, Kinder hat, einen gehobenen Posten in der CIA besetzt und ein an sich sorgenfreies Leben führt. Der Jack Ryan, den Ben Affleck nun, acht Jahre später gibt, ist weitaus jünger, unverheiratet und steht erst am Anfang seiner Karriere. Doch ist er ebenso wenig ambitioniert, wie sein älteres Ich aus den älteren Filmen, was das Heldische angeht. Er sieht sich – und sagt das auch explizit – als Analysten, er ist kein Agent, wie Clark bspw. Wie Fords Ryan, ist auch dieser ein eher skeptischer Mann, der den Falken in Regierung und Militär mit Bedachtsamkeit und Genauigkeit, vor allem aber mit seinem Gespür für die Lage Vernunft entgegenzusetzen sucht. Ein wenig wirkt dies wie der Relaunch einer Figur, die auf der etablierten Ebene nicht mehr entwicklungsfähig gewesen wäre.

Um Ben Affleck und Morgan Freeman als CIA-Chef Cabot herum, hat Regisseur Robinson eine ganze Riege hervorragender Charakterdarsteller versammelt, darunter der immer wunderbare James Cromwell als Präsident Fowler – ausnahmsweise ohne geheime Hintergedanken Es entsteht schnell ein dichtes Geflecht aus Figuren, die die Handlung vorantreiben und Spannung allein dadurch aufbauen, wie sie versuchen, Fowler zu beeinflussen und ihre Sicht der Dinge in den Vordergrund zu stellen. Das Drehbuch von Paul Attanasio und Daniel Pyne bietet spannende und knackige Dialoge, dazu eine Menge politischen Zündstoff und Action. Es ist wohl nicht übertrieben, von einem Schock für das Publikum zu sprechen, wenn mitten im Film, vollkommen unerwartet, die Bombe explodiert, was tricktechnisch bravourös umgesetzt wurde. Diese Katastrophe wirklich geschehen zu lassen und so deutlich zu zeigen, trägt eine Härte in den Film, die man von wenigen Mainstreamthrillern gewohnt ist. Dafür muß man den Machern des Films wirklich Respekt  zollen. Sie beschönigen nichts und eine Bedrohung wird hier auch als solche gezeigt. Die daraufhin einsetzende Eskalationsspirale zwischen Washington und Moskau ist beklemmend inszeniert und wirkt verteufelt realistisch. Man kann sich unangenehm genau vorstellen, daß die Dinge so oder sehr ähnlich abliefen in einem vergleichbaren Fall.

Kritisch am Buch anzumerken gibt es eigentlich nur einige Logiklöcher, die aber derart oberflächlich kaschiert sind, daß selbst die Macher sie dann wohl billigend in Kauf genommen haben. Die Rasanz, mit der die Dinge ab eines gewissen Punkt geschehen, lassen die allergröbsten Dellen auch schnell wieder vergessen. Eher ist es die Tempoverschärfung zum letzten Drittel hin, die etwas unangebracht wirkt. So sehr sich THE SUM OF ALL FEARS Zeit und Raum nimmt, um die Ausgangslage seiner Story, das Personal, die Konfliktlinien auszuarbeiten und darzulegen, so sehr gerät er ins Holpern, wenn die eigentliche Action beginnt. Da sind die Ortswechsel allzu plötzlich, beginnt man doch einmal zu häufig zu hinterfragen, wie unser Held wider Willen denn bitteschön diese Entfernungen zwischen Punkt A und Punkt B zurücklegen kann in einer Stadt, die nach einem Atombombenanschlag ein Katastrophengebiet darstellt? Wenn wir dann aber durch solche Schludrigkeiten bestätigt bekommen, daß Ryans junges Glück überlebt hat, sind wir dann aber doch bereit, es unter „Hollywood“ zu verbuchen. Dennoch verliert der Film seinen Rhythmus, sind die Schritte hin zur Aufklärung irgendwann so schnell vollzogen, daß sich die Spannung verflüchtigt, was schade ist, kann das bis dahin doch alles wirklich überzeugen.

THE SUM OF ALL FEARS ist ein wirklich gelungener Politthriller in den ersten zwei Dritteln, verflacht dann zu einem immer noch im oberen Durchschnitt befindlichen Actionspektakel mit den handelsüblichen Verschwörungstheorien im Gepäck. Das unterhält allemal. Und genau das soll es auch, nicht mehr, nicht weniger.

 

 

 

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