THE WOMAN

Jack Ketchum und Lucky McKee liefern ein wahres Schauerstück über die heile und heilige Familie

Chris Cleek (Sean Bridgers) ist ein liebender Familienvater, der allerdings genaue Vorstellungen davon hegt, wer daheim das Sagen hat – nämlich er. Eines Tages entdeckt der Anwalt bei einem Jagdausflug in den Wäldern Neuenglands eine offenbar vollkommen verwahrloste Frau (Pollyanna McIntosh), die er einfängt und im heimischen Keller ankettet. Er will sie mit Hilfe seiner Frau Belle (Angela Bettis) und der Kinder Peggy (Laura Ashley Carter), Brian (Zach Rand) und Darlin´ (Shyla Molhusen) erziehen, will sie gesellschaftsfähig machen, ihr Manieren beibringen. Es sei ein Familienprojekt.

Allerdings muß Chris bei einer frühen Gelegenheit lernen, daß die Frau durchaus wehrhaft ist. Sie beißt ihm bei seinem Versuch, sie zu zwingen, den Mund aufzumachen, ein Fingerglied ab.

Belle, die ihrem Mann in seltsamer Unterwürfigkeit ergeben ist, macht die Schrulle ihres Gatten mit. Tochter Peggy, ein früher fröhliches Mädchen, das sich zusehends zurückzieht, immer weitere Kleidung trägt und sich generell vom Sportunterricht abmeldet, ist zunächst die einzige, die dem Vater – bspw. während des Versuchs, die Frau mit einem Kärcher zu reinigen – in den Arm fällt und erkennt, welche Gewalt ihr angetan wird. Möglicherweise ist sie neben Belle aber auch die einzige, die wirklich weiß, wozu der Vater fähig ist.

Belle hingegen ist ihrem Mann gegenüber wie gelähmt. So ist sie diejenige, der auffällt, daß die Frau eines der Halteseile fast aus der Verankerung gerissen hat. Doch anstatt auf die flehentlichen Blicke der Fremden zu reagieren und nichts zu sagen, teilt sie ihre Beobachtung ihrem Mann mit.

In der Schule fällt Peggys Verhalten der Lehrerin Ms. Raton (Carlee Baker) auf. Sie versucht mehrfach, Kontakt zu dem Teenager herzustellen, was aber nicht gelingt, da Peggy zurückhaltend bleibt. Chris holt seine Tochter gelegentlich von der Schule ab und hier ist nicht nur die Zurückhaltung, sondern auch die Angst, die das Mädchen gegenüber dem Vater empfindet, zu spüren.

Brian hingegen, den der Vater zu Höchstleistungen in jedweder Hinsicht anspornt, setzt sich im Notfall auch mit unlauteren Mitteln durch und rächt sich an einer Mitschülerin, die ihn bei einem Wettbewerb besiegt, indem er ihr ein gebrauchtes Kaugummi in die Haarbürste schmiert. Daheim wird er Zeuge, wie der Vater sich heimlich an der Frau im Keller vergeht.

Die Nachbarn ahnen nichts von dem, was sich hinter der gutbürgerlichen Fassade der Familie Cleek abspielt. Doch fällt gelegentlich auf, daß Belle eher zurückhaltend bleibt, was Einladungen angeht, auch Chris´ Freundlichkeit wird immer mal wieder von leichtem Jähzorn durchbrochen. So gibt er seiner Frau kommentarlos eine Ohrfeige, als sie die Gefangennahme der Frau in Frage stellt.

Brian, durch das Vorbild des Vaters animiert, foltert die Frau im Keller mit einer Kneifzange und reißt ihr dabei eine Brustwarze ab. Peggy hört die fürchterlichen Schreie der Frau und hält Brian davon ab, noch weiter zu gehen. Sie deckt die Frau zu und erklärt beschwörend, daß das alles falsch sei, was hier passiere.

Als Chris an diesem Tag heimkommt, findet er den Familienrat am Tisch vereint. Belle und Peggy haben Brian mit seinen Taten konfrontiert, allerdings hat Peggy der Mutter offenbar eine abgeschwächte Version dessen erzählt, was sie gesehen hat, denn Belle geht davon aus, daß Brian die Frau betatscht und sich dabei selbst befriedigt habe.

Chris kann dabei nichts finden. Jungs, so sein Credo, seien eben so. Diesmal ist Belle bereit, sich zu wehren. Sie erklärt, sie und die Mädchen gingen, sie wäre fertig mit Chris und auch mit ihrem Sohn, der schon würde, wie sein Vater. Chris könne ihr, Belle, nichts mehr antun, er habe keine Verfügungsgewalt mehr über sie. Daraufhin schlägt Chris sie extrem brutal zusammen und brüllt sie an, daß man das ja wohl sähe, wie viel Gewalt er noch über sie habe.

Mitten in diesen Familienkonflikt hinein klopft es an der Tür. Ms. Raton hat sich entschlossen, mit den Cleeks über Peggy  zu reden. Die öffnet die Tür, während Vater und Sohn die bewußtlose und offenbar schwer verletzte Mutter vom Küchenboden aufheben und auf einen Stuhl setzen. Peggy versucht, die Lehrerin abzuwimmeln, doch dann tritt Chris hinzu und bittet sie herein. Er gibt sich wenig Mühe, seine Frau zu verdecken. Ms. Raton versucht vorsichtig über Peggys offensichtliche Schwangerschaft zu reden, was bei Chris allerdings nur eine scheinbar schon lange  aufgestaute Wut ausbrechen lässt. Ob sie Brian oder ihn verdächtigen wolle, Tochter oder Schwester geschwängert zu haben?, brüllt er sie an – und spricht damit aus, was niemand gesagt, was aber latent in der Luft gelegen hat.

Ms. Raton will sich verabschieden, als sie Belle bewußtlos am Küchentisch sitzen sieht und begreift, daß sie es hier offfensichtlich mit einer höchst dysfunktionalen Familie zu tun hat. Doch Chris schlägt sie nieder. Dann zerrt er sie an einem Seil hängend zum Hundezwinger, der über dem Keller, wo die fremde Frau gefangen gehalten wird, in einer alten Scheune  steht. Abwechselnd müssen die Kinder die Hunde füttern, doch seltsamerweise müssen sie auch immer einen weiteren Napf vor die im Zwinger befindliche Hütte stellen.

Ms. Raton versucht, sich zu wehren und Peggy eilt ihr zur Hilfe, woraufhin Chris seine Tochter ebenfalls schlägt und beginnt, sie aufs Übelste als Schlampe und Hure zu beschimpfen. Dann werfen er und Brian die Lehrerin in den Zwinger, wo die Hunde außer sich sind, aber nicht an ihre Beute kommen, da sie mit Seilen angebunden wurden.

Nun kommt ein offensichtlich ohne Augen geborenes Wesen, die dritte Tochter der Cleeks, genannt Socket, aus der Hütte und fällt Ms. Raton an. Sie verbeißt sich in die Frau und reißt ihr riesige Fleischstücke aus dem Körper. Ms. Raton versucht, sich in eine Ecke des Zwingers zurückzuziehen, doch ist sie bereits zu schwach, um sich zu wehren, und schließlich reißen sich auch die Hunde los und gemeinsam mit dem blinden Wesen zerfleischen sie Ms. Raton.

Derweil ist Peggy in den Keller geeilt und hat die Frau befreit. Die greift vor der Scheune mit dem Zwinger zunächst die erwachte und hinzu geeilte Belle an und wirft diese zu Boden, bevor sie sich in deren Gesicht verbeißt und es größtenteils auffrisst. Dann nimmt sie eine Sichel und geht in die Scheune, wo sie Chris und Brian dabei antrifft, das zu kommentieren, was von Ms. Raton übrig geblieben ist. Die  Frau tötet zunächst Brian mit mehreren Schlägen mit der scharfen Klinge und schneidet ihn dabei nahezu in zwei Hälften, bevor sie Chris angreift und ihm das Gedärm und schließlich das Herz aus dem Körper reißt und es vor seinen sterbenden Augen frisst.

Peggy rennt ins Haus, um Darlin´ zu holen und zu fliehen. Doch die Frau, in Begleitung von Socket, nähert sich ihnen. Sie greift die Mädchen nicht an, doch fordert sie Darlin´ auf, mit ihr zu kommen. Zu dritt geht die Gruppe auf den Wald zu, die Frau blickt sich nach Peggy um. Peggy verharrt noch einen Moment reglos, dann folgt sie ihren Schwestern und der Fremden.

Wenn ein Buch oder ein Film mit dem Namen „Jack Ketchum“ getagged ist, sollte der geneigte Konsument mittlerweile wissen, was ihn erwartet. So viel ist sicher: Schön wird’s nicht. Für das Sequel zu OFFSPRING (2009), der Verfilmung von Ketchums zweitem Kannibalenroman[1], schrieben er und Regisseur Lucky McKee parallel das Buch. So kann man bei THE WOMAN (2011) getrost davon sprechen, es mit einem Originalstoff zu tun zu haben. Anders als in den Vorgängern OFF SEASON (1979/1999) und eben OFFSPRING (1991), die vor Gewalt und teils delirierend kranker Detailgenauigkeit bei der Beschreibung von Kannibalismus, Folter und Mord nur so strotzen, halten sich die beiden in THE WOMAN zurück. So gerät denn auch die Verfilmung weitaus gemäßigter als der Vorläufer, hat es allerdings ebenfalls in sich.

Gewarnt sei, wer den Vorgänger vor allem aufgrund der Splatter-Szenen mochte, die gibt es in THE WOMAN zwar auch, doch wird die graphische Gewalt weit weniger ausgespielt, als es bei OFFSPRING  der Fall war. THE WOMAN setzt eher auf psychologischen Horror, deutet lange an, was schließlich offensichtlich wird, und spielt mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten des Psychoterrors. Man hätte auch ganz auf den Handlungsstrang um die verwahrloste Frau, die Chris Cleek in seinem Keller gefangen hält, verzichten können, um einen eindrucksvollen Film über häusliche Gewalt, Misogynie und pubertäre Angst in unterschiedlichen Facetten zu gestalten. Mit Sean Bridgers´ Chris verfügt der Film über ein so eindrucksvolles Monster in Männergestalt, daß dagegen alles, was später im Film kommt, eher Zugaben sind.

Dieser Kerl, von Bridgers perfekt gespielt, ist ein immer freundlicher, jovialer Mann mittleren Alters, Anwalt, allseits beliebt in der Kleinstadt, in der er lebt und praktiziert. Er ist ein scheinbar liebevoller Patriarch, was zunächst nur dadurch auffällt, daß er selten selber etwas tut, allerdings den Sohnemann und die Töchter sowie seine Frau gern durch die Gegend scheucht, dies zu holen und jenes zu tun. Er behält dafür den Überblick. Da er sich als Ernährer der Familie betrachtet, meint er, daheim einen freundlichen Diktator geben zu dürfen. Eine Ohrfeige, die er der Gattin verpasst, als diese leisen Einspruch gegen die Gefangennahme eines offenbar vollkommen verwahrlosten Wesens erhebt, das in der Einsamkeit der Wälder Neuenglands sein Auskommen findet, deutet erstmals wirklich darauf hin, daß Chris Cleek tief in sich möglicherweise Seiten verbirgt, die weniger schön und alles andere als liebevoll oder freundlich sind.

Die Parallelhandlung um Peggy, die älteste Tochter der Cleeks, die zusehends verstummt und in der Schule durch neuerdings weite Kleidung und zunehmende Apathie auffällt, da sie schwanger ist, birgt dann den ersten echten, realen Horror, da wir recht früh ahnen – Lauren Ashley Carters Darstellung des verängstigten Mädchens macht es in ihrer Brillanz möglich – was da unter der Oberfläche dieser scheinbar so netten Familie an Abgründen schlummern mag. Wie tief diese Abgründe allerdings reichen, wird dem Zuschauer erst im äußerst blutigen und sehr expliziten Finale klar, wenn wir erfahren, was sich in der Hundehütte hinter dem Zwinger verbirgt, wie sehr Chris Frauen verachtet und wie weit er meint, gehen zu können. Peggys Lehrerin Miss Raton, die es auf sich nimmt, zu den Cleeks zu fahren, da sie sich um das Mädchen Sorgen macht, fällt die undankbare Aufgabe zu, dem Zuschauer Cleeks ganze Bösartigkeit vor Augen zu führen. Doch bis dahin steigert McKee die Spannung geschickt und inszeniert einen eher hintergründigen Thriller, der das Grauen nach und nach, eher spürbar, denn explizit im Bild, preisgibt.

McKee und Ketchum machen sich einen Heidenspaß daraus, die amerikanische Mittelstandsfamilie als Hort des Bösen vorzuführen. Was da, nach außen hin, bei Grillpartys, im Supermarkt, mit Freunden der Familie so bescheiden und freundlich wirkt, ist eben nur die Fassade des tiefsten Grauens. Nicht die Außenseiter sind es, die uns bedrohen, sondern der schlimmste Horror, das schlimmste Monstrum, wohnt immer schon mitten unter uns. Diese Lektion haben die Macher von THE WOMAN perfekt vom großen Meister des (post)modernen Horrors, Stephen King, gelernt. Zwar ist das, was die Frau aus dem Keller schließlich mit Chris, dem Sohn der Familie, Brian, und auch Mutter Belle veranstaltet, ebenfalls nicht sonderlich schön, doch darf man die Sache zumindest im Falle der Männer als gerechte Strafe betrachten. Brian nämlich ist längst schon vom frauenverachtenden Virus des Vaters befallen und lässt es sich nicht nehmen, die Frau im Keller, während sie gefesselt ist, heimlich zu foltern. Und auch die Behandlung von Miss Raton beobachtet er mit großer Genugtuung und Schadenfreude. In der Schule,, so wissen wir, kann er es sich nicht nehmen lassen, den gegen ein Mädchen verlorenen Korbwerfwettbewerb mit einem Basketball dadurch zu rächen, daß er ein benutztes Kaugummi in ihre Haarbürste schmiert. Dieser kleine Racker, vielleicht 12, 13 Jahre alt, hat von seinem Vater schon längst die Lektion gelernt, daß Frauen grundlegend weniger wert seien als Männer, daß man sie gebrauchen darf und soll und vor allem, daß sie sich dem Manne immer und in allen Lebenslagen zu unterwerfen hätten. So findet Chris nichts am Verhalten seines Sohnemanns auszusetzen, als er heimkommt und Peggy und seine Frau mit Brian am Tisch findet, wo Brian Stellung zu seinen Vergehen an der Frau im Keller nehmen soll. Die Anklage, Brian habe die Frau im Keller betatscht, findet Chris eigentlich ganz spaßig und entschuldigt sie damit, Jungs seien nun mal so. Männer ja auch, wie wir wissen, die wir, wie Brian, Zeuge davon geworden sind, wie Chris sich an der wehrlosen Fremden vergeht. Als Belle nun doch einmal Widerworte erhebt, schlägt Chris sie brutal zusammen.

Dünn ist der Firnis der Zivilisation – diese Lektion mussten wir lernen. Sei es durch die Geschichte, sei es durch die Lektüre von Büchern wie DER HERR DER FLIEGEN. Und einmal mehr belegt THE WOMAN, daß hinter den besonders zivilisierten Häuserfronten meist gar keine zivilisierten Menschen zuhause sind. Umso größer die Ironie, daß Chris der Familie seine Gefangene mit der selbstgestellten Aufgabe präsentiert, diese zu „erziehen“, ihr „Manieren“ beizubringen und sie so „gesellschaftsfähig“ zu machen. Deren Reaktion, nachdem Peggy sie befreit hat, als Vater und Bruder zusehen, wie Peggys Lehrerin von dem Wesen aus dem Hundezwinger und den Bluthunden selbst in Stücke gerissen wird, mag also Rache sein, doch es ist auch die ehrliche Reaktion eines Wesens, daß in der Natur lebt und sich seiner Feinde entledigt. Daß die Frau Mutter Belle ebenfalls tötet, mag deren Weigerung geschuldet sein, ihr zu helfen, als sie dies hätte tun können, doch ebenso mag die Frau, geschwächt nach Tagen der Fesselung an einen Balken, Hunger haben und spüren, daß das Muttertier dieser Familie bereits tödlich verletzt und damit ein schwaches Wild ist. Aus OFFSPRING weiß der Betrachter, daß die Frau als letzte Überlebende einer Familie von Kannibalen entstammt, ihr somit kaum ein Vorwurf zu machen ist, da sie rein ihren Trieben folgt. So lässt sie sowohl Peggy, deren Schwangerschaft sie vor allen anderen erkannt hat, und auch die kleine Schwester Darlin´ Cleek am Leben. Mehr noch, sie fordert sie auf, mit ihr in die Wälder zu kommen. Und so ist das verstörendste Bild des ganzen Films vielleicht jene Schlußeinstellung, in der die Frau, das Wesen aus dem Zwinger und Darlin´ langsam gen Wald ziehen und Peggy sich nach kurzem Zögern anschließt. Was sollte sie auch noch halten in einer Welt, die ihr offenbar nur Schmerzen bereitet, in der sie kaum Freude und Freunde gefunden und die sich so oder so als Hort des Bösen erwiesen hat?

Unterlegt mit einem grandiosen Soundtrack von Sean Spillane, dessen melancholische Rock- und Folksongs dem Film einen durch und durch traurigen Ton zugrunde legen, mit einer hervorragenden Kameraführung durch Alex Vendler und einem durchaus suggestiven Schnitt und einer ebensolchen Montage durch Zach Passero, ist Lucky McKee ein ebenso eindringlicher wie einfühlsamer Schocker gelungen, dessen psychologische Beobachtungen genau sind. Man folgt der Passion der Frau aus dem Wald mit der gleichen atemlosen Spannung, wie man der Passion der weiblichen Mitglieder der Familie Cleek folgt. Und so hintergründig humorig diese Dekonstruktion des amerikanischen Familienidylls auch sein mag, es bleibt doch eine tiefe Trauer um das, was Menschen einander immer wieder anzutun bereit sind.

 

[1] Es wird hier auf die vertrackte Veröffentlichungsgeschichte der Bücher und ihrer Verfilmungen verzichtet, wer Spaß daran hat, möge sich die Chronologie per Wikipedia zusammensuche. Es ist ein recht hübsches Puzzle…

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