ES/IT

Eine wider Erwarten kongeniale Verfilmung von Stephen Kings Meisterstück

An einem regnerischen Tag im Herbst 1988 geht Georgie Denbrough (Jackson Robert Scott) mit einem von seinem Bruder Bill (Jaeden Lieberher) gebastelten Papp-Boot vor die Tür und spielt im Rinnstein. Als sein Boot in einem Gulli verschwindet und er es sucht, starrt ihn aus der Kanalisation ein Clown an. Pennywise (Bill Skarsgård), wie er sich nennt, hat das Boot in seinen Händen, die Klauen gleichen, und verführerisch fordert er Georgie auf, zu ihm hinabzusteigen, hier unten flögen „sie“ alle. Als Georgie schließlich nach seinem Boot greift, reißt der Clown ihm einen Arm aus und zieht den Körper des sterbenden Jungen zu sich in den Untergrund der Kleinstadt Derry, Maine.

Ein Jahr später: Weitere Kinder sind verschwunden, aber der unter einem schlimmen Stottern leidende Bill und seine Freunde – der frühpubertär sexbesessene und dauerquatschende Richie (Finn Wolfhardt), Eddie (Jack Dylan Grazer), ein schwächlicher Junge, voller hypochondrischer Ängste und vollkommen unter der Fuchtel einer überbehütenden Mutter, und der eher ruhige Stanley (Wyatt Olef), dem seine Bar Mitzwa bevorsteht – glauben nicht recht, daß diese alle tot sind. Bill vor allem will nicht akzeptieren, daß Georgie fort und er womöglich für dessen Tod verantwortlich ist. Da die Sommerferien bevorstehen, eine lange Strecke von drei Monaten ohne Schule und voller Abenteuer, hat Bill beschlossen, das Abwassersystem von Derry unter die Lupe zu nehmen, wurde Georgie seiner Meinung nach doch von einer Welle in die Kanalisation gespült und habe sich dort verirrt.

Da Bill und die andern sich selber als „Verlierer“ wahrnehmen, was sie durch ihre Schulkameraden auch immer wieder gespiegelt bekommen, nimmt es nicht Wunder, daß sie auch Opfer der Bande um den verrückten Henry Bowers (Nicholas Hamilton) werden. Diese älteren Jungs sind bösartig und vertreiben sich ihre Zeit damit, Schwächere und Jüngere zu drangsalieren. So werden auch der schwarze Junge Mike (Chosen Jacobs), der für seinen Onkel in dessen Schlachterei arbeitet, wie der „neue“ in der Klasse, Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Opfer der Gang. Die einzige, die weder Angst vor Henry hat, noch Berührungsängste gegenüber den „Verlierern“, ist Beverly Marsh (Sophia Lillis), die ihrerseits als Schlampe betrachtet und von ihrem Vater körperlich belästigt und bedrängt wir. Sie schließt nach und nach Freundschaft mit den Jungs des „Verliererclubs“.

Sowohl Mike als auch Ben schließen sich dem „Klub“ an, als sie von Henry und dessen Freunden verfolgt werden. Bei einer dieser Verfolgungsjagden beobachtet einer von Henrys Freunden, wie die „Verlierer“ in einem Zugang zur Kanalisation verschwinden. Er folgt ihnen, verläuft sich und wird so ein weiteres Opfer für Pennywise´ scharfe Zähne und Klauen und ein weiteres Gesicht auf einem der unzähligen Vermisstenbilder, die Derrys Telegraphenmasten zieren.

Die Clique hat sich nun gefunden und neben ihrem Interesse an den unheimlichen Geschehnissen in ihrer Heimatstadt, gehen die Freunde natürlich auch jenen Beschäftigungen nach, die 13-, 14jährige im Sommer eben umtreibt: Schwimmen im See, mit den Fahrrädern die Straßen unsicher machen, Mutproben bestehen und das einzige Mädchen der Gruppe heimlich anschmachten. Denn sowohl Ben als auch Bill verlieben sich in Beverly.

Dem neu zugezogenen Ben, der sich für Geschichte interessiert, ist aufgefallen, daß es in Derry in regelmäßigen Abständen entweder zu Katatrophen mit einer hohen Anzahl vor allem toter Kinder, oder aber immer wieder zu verstärkten Intervallen von Vermisstenanzeigen gekommen ist. Es ist ihm sogar gelungen, eine Zeitspanne von ca. 27 Jahren zu ermitteln, die zwischen dem Auftreten der Ereignisse liegt. Nun sind die Freunde erst recht sicher, es mit etwas Bösem zu tun zu haben, das sich unter der Kleinstadt eingenistet hat. Zumal ein jeder zugeben muß, Pennywise bereits begegnet zu sein. Ben findet schließlich heraus, daß ein altes, verlassenes Haus offenbar das Epizentrum dessen ist, was man ES` Einflußbereich nennen könnte. Hier, in einem Brunnen im Keller, liegt der Einstieg in jene Unterwelt, die das Reich des Bösen ist.

In der Gruppe kommt es zu verschiedenen Spannungen, die einerseits damit zu tun haben, daß die Jungs Angst haben und sich dem Grauen, von dem sie wissen, nicht stellen wollen; zum andern aber sind es die Eltern, die die Clique auseinander zu treiben versuchen. Beverlys Vater mag nicht, wie seine von ihm begehrte Tochter sich – gestärkt durch den Umgang mit den von ihr nie als solche wahrgenommenen „Verlierer“ – ihm zu widersetzen beginnt, ebenso hasst Eddies Mutter dessen Freunde, da sie ihren Einfluß auf den Jungen, den sie mit ihren Ängsten infiziert hat, zu verlieren droht. Bill wird von seinen Eltern längst als an die Trauer um den Bruder verlorener Sohn betrachtet und Stanley, ein Skeptiker vor dem Herrn, muß sich sowieso auf die bevorstehende Bar Mitzwa konzentrieren. So geht die Gruppe zunächst im Streit auseinander.

Die Lage in Derry scheint sich etwas  beruhigt zu haben, als etwa einen Monat, nachdem die Haupthandlung eingesetzt hat, Beverly verschwindet. Bill ruft die Freunde zusammen, er nähme das nicht hin und er würde sich Pennywise nun entgegenstellen. Nach und nach schließen sich seine Freunde an, die dafür ein jeder gegen ihr Elternhaus oder ihre jeweilige Bezugsperson aufbegehren müssen. Doch selbst Eddie gelingt es, sich seiner Mutter zu entziehen. ES allerdings hat sich Henry Bowers´ bedient, um erst dessen Vater, den Polizeichef, zu ermorden und den willenlosen Jungen nun hinter seinen Feinden herzuschicken.

Und so beginnen die Freunde – gefolgt von ihrem Erzfeind Henry Bowers – mit dem Abstieg in Derrys Unterwelt, wo sie Pennywise stellen, Beverly befreien und begreifen werden, was es mit den Dutzenden, ja Hunderten toter Kinder in Derry auf sich hat. Und Bill wird begreifen müssen, daß sich seine Hoffnung, Georgie lebend wiederzusehen, zerschlagen hat.

Ein Monat ist vergangen, seit es den Freunden gelungen ist, ES zu besiegen. Sie sitzen zusammen und Beverly erzählt, sie habe geträumt, man träfe sich in den erwachsenen Ichs der Freunde wieder, weil sich erneut etwas Böses in Derry ausbreite. Sie begehen einen Blutschwur, sich wieder zu treffen, sobald ES sein Haupt erneut erhebe.

Doch nun ist der Sommer vorbei und die Gruppe trennt sich…

Liest man die Kritiken, die Andrés Muschiettis Neuverfilmung von Stephen Kings Meisterwerk IT (2017) eingeheimst hat, stimmt man den meist positiven Beurteilungen durchaus zu, wundert sich aber doch ein wenig, wie häufig konstatiert wird, man habe es hier eher mit einer Coming-of-Age-Geschichte denn mit einem reinen Werk des Horrorfachs zu tun. Haben diese Kritiker das Buch jemals gelesen? IT/ES war immer genau das: Eine Coming-of-Age-Story – XXL, wenn man so will. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden unter verschärften Bedingungen, vielleicht.

Kings weit über Eintausend Seiten starker Bestseller war eine Sensation, als er erschien und beeinflusste eine ganze Generation wesentlich in ihrem Leseverhalten – und ihrer Vorstellung vom „Bösen“. Die zentrale Figur, der Clown Pennywise, brachte eine ganze Branche in Verruf und etliche Jungs wollten zwar nicht sein, wie die männlichen Helden der Geschichte, die sich immerhin selbst als Verlierer identifizieren, aber sie wollten sich in ein Mädchen wie Beverly verlieben. Und natürlich identifizierte man sich eben doch mit den vermeintlichen Verlierern, die letztlich die Welt (in Form der Stadt Derry) retten und darüber nicht einmal reden dürfen, wohl wissend, daß ES zurückkommen und sie erneut herausfordern wird. King hatte diese an sich schlichte Geschichte von der Freundesgruppe, die sich fast schicksalhaft findet und sich einem namenlosen Grauen entgegenstellen muß, das sich ihnen in den unterschiedlichsten Formen und Figuren präsentiert – meist aber eben in der von Pennywise – in ein ganzes Panorama typischer Topoi der amerikanischen Kleinstadt, des Kleinstadtlebens und der amerikanischen Art, in einer Kleinstadt aufzuwachsen, verpackt: Das Fahrrad, als frühes (amerikanisches) Symbol adoleszenter Freiheit (und Bewegung), der Job als Zeitungsausträger, der das erste eigene Geld einträgt, der lange  schulfreie Sommer, in dem Jungs im Alter der Protagonisten ihre ersten Abenteuer erleben und die Loslösung vom Elternhaus beginnt, die Bande älterer Schulkameraden, die einen piesacken, und die Faszination an allem Sexuellen, das zugleich aber noch als schmutzig und irgendwie ekelerregend wahrgenommen wird. Da King diese fast klischeehaften Erlebnisse der Jugend in den Mühen der mittleren Jahre, wenn die eigenen Kinder da sind, die ersten Ehen geschieden wurden und die midlife crisis langsam in die Seelen der Menschen kriecht, spiegeln wollte, da er zudem eine besondere Vorliebe für jene Jahre der eigenen Adoleszenz, die 1950er und frühen 60er Jahre hegt, die er, wie viele seiner Generation, als nahezu magisch, weil unschuldig, verherrlicht, verpackte er seine Story aber auch in ein für einen definitiv der Unterhaltung verpflichteten Roman dieses Genres und dieses Umfangs schon gewagt zu nennendes Konstrukt aus Zeitsprüngen und Verwicklungen der zeitlichen Ebenen, die die Lektüre durchaus anspruchsvoll gestalten, vor allem aber eine ungeheure Spannung erzeugen.

Muschietti und sein Drehbuchteam waren durch die vom Meister zwar anerkannte, von vielen Fans aber eher als mau betrachteten TV-Verfilmung von 1990 gewarnt, wie man dem Roman besser nicht zu Leibe rückt. Es gelingt ihnen aber, die Geschichte zu straffen und so zu modifizieren, daß Geist und Gehalt der Vorlage klar erhalten bleiben, dennoch aber ein stringenter, mit 135 Minuten vielleicht etwas zu langer Film entsteht, der packt und eine nahezu perfekte Balance zwischen eben der Coming-of-Age-Geschichte und den Horrorelementen hält. Die stärkste, ja entscheidende Veränderung nimmt das Script an den Zeitebenen vor. Spielte in Kings Vorlage die Ebene der Jugendlichen in den eben beschworenen späten 50ern, kamen die Freunde als Erwachsene in einem Derry Mitte der 80er zusammen. Im Film sind die 80er nun die Ebene der Jugendlichen. Die zweite Modifikation, und dies war für viele Fans der Vorlage wohl die eigentliche Enttäuschung des Films, ist ebenfalls einschneidend: Die Zeitebenen sind, zumindest in diesem ersten Teil der Verfilmung, nicht ineinander verschränkt. IT in dieser Form und Fassung, beschränkt sich auf die Vorkommnisse in der Kindheit der Figuren. Der für 2019 angekündigte zweite Teil wird also etwa in unserer Gegenwart spielen. 27 Jahre vergehen jeweils, bis ES wieder krege wird, soweit die Freunde es ihren Recherchen entnehmen können. Allerdings hat Muschietti angekündigt, daß Teil II (oder CHAPTER II, folgt man der Angabe am Ende des Films) anders aufgebaut sei und es wohl häufigere Rückblicke in weitere Jugenderlebnisse der Protagonisten zu sehen geben wird, um die Entwicklung der Figuren nachvollziehbar zu machen. Man darf gespannt sein.

King ist es immer gelungen, in ein äußerst realistisches Setting – er wird nicht zu Unrecht oft als Vertreter des sogenannten Americana bezeichnet – das Grauen einbrechen zu lassen. Dabei ist ihm ein fiktionalisierter Staat Maine mit der imaginären Kleinstadt Derry, der im Laufe von Kings Laufbahn etliche unheimliche Geschehnisse wiederfahren sind, ein Schauplatz, den er perfekt nach seinen Bedürfnissen modellieren kann. Typische Kleinstadt einerseits, düsterer Ort, an dem hinter der All-american-Oberfläche immer eine zweite, tiefere Wahrheit lauert, in der aus den metaphorischen Monstern unter dem Bett, wo aus dem „schwarzen Mann“ im Schrank plötzlich eine ganz reale, konkrete Bedrohung werden kann. Die amerikanische Provinz als Hort des Bösen – diese Lesart bietet King eben auch immer an. Da korrespondiert er mit seinem neuenglischen Autorenkollegen H.P. Lovecraft, dem Maine ebenfalls zu einer Pforte wurde, durch die allerlei Geschleim und Gekröse – mal aus den Wieten des Alls, mal aus den Untiefen der Geschichte und Evolution, manchmal aus dem Fundus dessen, was wir „böse“ nennen wollen – in die Welt zu dringen beabsichtigte. King hat in diesem Maine die mythischen Figuren seines Genres abgearbeitet – Vampire, Werwölfe, Wiedergänger – aber ES in Gestalt von Pennywise darf man getrost als seine bedrückendste und perfideste Schöpfung betrachten. Ein hoher Anspruch für eine Verfilmung, aber die darstellerischen Fähigkeiten eines Bill Skarsgård und jede Menge wirklich auffallend gut eingesetzter CGI-Effekte lassen da ein Wesen erstehen, das unter den Leinwandungeheuern der jüngeren Vergangenheit mehr als bestehen kann.

Doch noch überzeugender als Pennywise, sind die eigentlichen Hauptfiguren des Films: Dem Drehbuch gelingt es, den schnoddrigen Ton, der unter den Freunden herrscht, adäquat auf die späten 80er zu übertragen, ohne sich dabei einem jugendlichen Publikum anzubiedern. So sehr das Script straffen und Teile der Charakterisierungen komprimieren musste, der Transfer der Figuren aus der Vorlage auf die Leinwand funktioniert. Das liegt allerdings nicht nur am Script, sondern auch und vor allem an den Darstellern. Alle jugendlichen Schauspieler überzeugen nahezu perfekt in ihren Rollen. Von Jeaden Lieberher als stotternder Bill Denbrough, über Jeremy Ray Taylor als übergewichtiger Ben Hanscom, bis zu Sophia Lillis als schlecht beleumundeter Beverly Marsh – und alle weiteren Darsteller der Freunde und auch die ihrer Widersacher – überzeugt ein jeder in seiner Rolle. Das ist deshalb so wichtig, weil King es eben nicht nur gelingt, fürchterliche Bedrohungsszenarien zu entwerfen, sondern manchmal nahezu perfekte Erzählungen um jugendliche Außenseiter oder einsame, verängstigte Kinder zu spinnen. Als habe er, der ehemalige Lehrer, eine Art natürliches Gespür für deren Bedürfnisse, für ihre Ängste und Nöte. So begann es in seinem ersten Roman CARRIE (1974) und so zog es sich bis in seine frühe Spätphase durch sein Werk. In der Kurzgeschichte FALL FROM INNOCENCE: THE BODY aus der Sammlung DIFFERENT SEASONS[1]  brachte King sein Coming-of-age-Konzept ebenso exemplarisch wie definitorisch auf einen Nenner. Rob Reiner generierte daraus sein kongeniales Meisterwerk STAND BY ME (1986). Und auch ES zeichnete sich eben immer dadurch aus, die oben beschriebene Coming-of-age-Geschichte und die Freundschaft unter den Freunden, die sich selber als „Verlierer“ sehen, so überzeugend zu präsentieren, daß der Einbruch des Bösen immer auch als Allegorie auf die Schrecknisse sowohl der Kindheit und ihrer irrationalen Ängste, als auch der Pubertät mit ihren zusehends realeren Bedrohungen und Sorgen zu lesen war. Diese Ebene ist für das Funktionieren der gesamten Story, ja des Gerüsts, das den Roman trägt, mindestens so wesentlich, wie die Erscheinung des Clowns Pennywise. Und Muschietti ist es auch hier gelungen – im Grunde sein eigentliches Verdienst – diese Ebene brillant umzusetzen. Und man mag den Kritikern zustimmen, die ihm unterstellen, in der Inszenierung der Freunde und ihrer Beziehungen untereinander ganz bewusst Bezug auf Reiners Film zu nehmen. Im Falle von Finn Wolfhard, der Richie Tozier sein Gesicht leiht, ist die phänotypische Ähnlichkeit mit Corey Feldman, der im älteren Film Teddy Duchamp spielte, nicht zu übersehen. Und so wirkt IT manchmal wie die dunkle Seite des älteren Films.

Diese Verweise sind allerdings nicht die einzigen, die Muschietti seinem Film einschreibt. Denn vergessen sei eben auch nicht, daß Stephen King in seiner Früh- wie in der mittleren Phase seines Schaffens auch ein wahres Faible für Elemente dessen hatte, was man gemeinhin Splatter nennt. Und auch die Erotik kam bei ihm nicht zu kurz. Ob in THE SHINING (1977) oder CUJO (1981), ob in PET SEMATARY (1983) oder eben IT (1986) – immer spielten teils genußvoll ausformulierte Gewaltphantasien eine Rolle und häufig gab es auch explizite Sexszenen. Mit beidem korrespondierte King wiederum mit den Entwicklungen des Horrorfilms seiner Zeit, der seit den 70er Jahren ebenfalls deutlich blutiger, expliziter und vor allem exploitativ wurde und zugleich meist eher verklemmt daherkommende Sexszenen zum Usus erhob.

Was aber sprachlich bei aller Deutlichkeit immer noch der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, wird auf der Leinwand sehr, sehr konkret und eindeutig. Das verbannte Splatterfime fast grundsätzlich in die Schmuddelecken der Videotheken, erst im Laufe der 90er Jahre wurden Splatterelemente mit dem Mainstream kompatibel. Auch die allermeisten Verfilmungen von Kings Werken leiden unter der Diskrepanz des schriftstellerisch  Darstellbaren und dem, was auf der Leinwand möglich war. Muschietti verfährt auch hier nicht unähnlich wie er es in der Frage der Darstellung der Clique um Bill, Ben und Beverly tat und korrespondiert mit Vorbildern, gelegentlich zitiert er auch direkt. So gibt es definitiv einen Bonus dafür, daß es Muschietti gelungen ist, in einer einzigen Szene sowohl Stanley Kubricks King-Verfilmung THE SHINING (1980), wie auch dem von King immer mal wieder seinen Favoriten zugeordneten Klassiker EVIL DEAD (1981) zu huldigen. Aber auch THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) und THE EXORCIST (1973) wird die Ehre erwiesen.

Der Härte des Buches begegnet Muschietti durchaus adäquat, dabei aber auch – das sei jenen zugerufen, die auf wirklich harte Kost setzen – einem teuren Mainstreamprodukt entsprechend, das natürlich ein Erfolg werden und Gewinn abwerfen muß. Gerade der Auftakt, der jedem Leser des Buches wohl noch in Erinnerung sein dürfte, wird im Film fast sklavisch an Kings Vorlage entlang inszeniert und trifft den Zuschauer ins Mark, setzt einen Grundton des Films, der auch in den oft hellen, sonnendurchfluteten Bildern, die dennoch häufig wie ausgewaschen und verbleicht wirken, wahrnehmbar ist. Doch im Laufe des Films konfrontiert Muschietti sein Publikum mit durchaus verstörenden Bildern, ohne dabei dessen Mägen allzu sehr zu strapazieren. Eher sind es Bilder der Überwältigung, die oft wirken, als würden wir in Gemälde eines Hieronymus Bosch oder eines H.R. Giger hineingezogen. Und das Wechselspiel zwischen den alltäglichen, oft bedrohlichen Situationen, denen die Teenager in Derry ausgesetzt sind und die oft von den eigenen Eltern ausgehen, schafft eine Atmosphäre ständig erhöhter Aufmerksamkeit, meint man doch, irgendwo in den Totalen immer eine Gefahr wahrzunehmen. Und dann sind es ganz andere, als erwartet, die zunächst Gefahrenquellen sind.

IT in der Fassung von 2017 ist eine der ganz wenigen wirklich gelungenen Stephen-King-Verfilmungen. Man kann sie ja schon fast als Subgenre auffassen, jene Gruppe mittlerweile unüberschaubarer Anzahl, die die Werke des Meisters verhunzt und versaut haben. Unter den Dutzenden mehr oder weniger billiger Produktionen stechen wirklich nur einige wenige hervor und selbst die sind meist umstritten und haben selten cineastischen Wert. Nun aber wird ausgerechnet dieses Werk adäquat als das umgesetzt, was es im Kern ist: Ein  Entwicklungsroman. Und das bekommt ihm sehr gut. Das bekommt ihm aber auch deshalb gut, weil – wie in den besseren Literaturverfilmungen – Buch und Regie beweisen, den Geist  der Vorlage so genau verstanden zu haben, daß sie ihn für ihre Zwecke modifizieren und modellieren können. Selbst die größten Brüche mit dem Roman nimmt man ihnen nicht krumm, weil man spürt, daß diese Bilder stimmig sind, daß sie denen entgegenkommen, die man selbst einst imaginierte, irgendwie scheint es Muschietti gar gelungen, eine Kollektivphantasie von Derry heraufzubeschwören. Das ist ein nicht zu unterschätzender Verdienst. So verlässt man das Kino mit einem sehr guten Gefühl, gegruselt und doch in vermeintlicher Sicherheit gewogen, hat die Stadt Derry doch 27 Jahre Zeit, sich von ihrem Schrecken zu erholen – und wir, anderthalb Jahre, uns auf die Fortführung dieser so heiß geliebten Geschichte zu freuen. Man ist mehr als gespannt auf CHAPTER TWO.

 

[1] King, Stephen: FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND TOD. München, 1984. Hier: DIE LEICHE.

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