TONSPUREN/THE STREET SWEEPER

Vorsichtige Fiktionalisierung

Es ist klar, es wird immer deutlicher: Die Generation jener, die es erlebt haben, stirbt aus, die Generation, die weitererzählen will, weiter erzählen muß und dazu zwangsläufig auf Fiktionen zurückgreifen wird, tritt an. Also wird eines der entscheidenden Themen, die Publikationen wie Perlmans Buch immer begleiten werden, immer die Frage sein: Geht das?, darf man das?, kann am es SO machen?

Deshalb hier eine Antwort des Rezensenten vorneweg: Ja,man kann es so machen. Vielleicht MUSS man es so amchen. Elliot Perlman ist ein großer Roman geglückt, weil es ihm einerseits gelingt, seinem Thema – der Erinnerung und wie sie sich manifestiert, präsentiert und schließlich auch transformiert – gerecht zu werden, andererseits sowohl die Shoah zu thematisieren, als auch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein Denkmal zu setzen; zudem vermag er, zweien der schlimmsten Menschheitsverbrechen – eben der Shoah und der Sklaverei – zu gedenken, sie zu beschreiben, sie sogar in Bezug zueinander zu setzen und dennoch NICHT gegeneinander auszuspielen oder das eine mit dem anderen zu relativieren. Mehr noch: Es gelingt ihm – und dazu kann es nur die Fiktion geben – literarisch eine Aussöhnung und einen Hoffnungsschimmer in die Welt zu setzen.

Wenn ein Roman all dies leistet, muß man wohl von einem wahrlich „großen Buch“ sprechen.

Erzählt wird die mehrfach ineinander verschlungene Geschichte von Lamont Williams und Adam Zignelik. Der Afroamerikaner Lamont ist nach Jahren im Gefängnis unbedingt auf seinen Job in einem Krankenhaus angewiesen, u.a. um seine Tochter wiederzufinden; er begegnet in jenem Krankenhaus dem sterbenden Henry Mandelbrot, einem Überlebenden der Sonderkommandos in Auschwitz, der Lamont seine Geschichte zu erzählen beginnt, weil sie „erinnert werden muß, nichts darf vergessen werden“. Adam wiederum verliert gerade seinen Job als Dozent an der Columbia University, da er jahrelang keine Forschungsergebnisse vorgelegt hat. Er ist Historiker, der zu Beginn seiner Karriere ein Standardwerk über die Bürgerrechtsbewegung verfasst hat, in der sein Vater, ein jüdischer Anwalt, sehr engagiert gewesen ist. Sein einst bester Freund Charles, ein Afroamerikaner, ist Fachbereichsleiter für Geschichte und somit nicht ganz unbeteiligt an Adams beruflichen Problemen, dessen Vater wiederum – ebenfalls ein alter Haudegen aus der Zeit der frühen Bürgerrechtsbewegung – bittet Adam, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob Einheiten eines „schwarzen“ Panzerbataillons an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt gewesen sein könnten. Adam macht sich auf, und je weiter er vorstößt, desto mehr Material findet er – allerdings zu ganz anderen Themen: Der Chicagoer Psychologieprofessor Henry Border war direkt nach dem Ende des Krieges nach Deutschland gereist, um dort mit sogenannten DP’s – Displaced Persons – zu reden, offiziell wollte er gewisse Sprachveränderungen bei Flüchtlingen untersuchen. Inoffiziell, und das findet Adam anhand von Borders hinterlassenen Tonbandaufnahemn schnell heraus, sprach der Professor offenbar ausschließlich mit Überlebenden der Konzentrationslager…

Und so öffnet sich nach und nach ein weites Panorama von miteinander verwobenen Geschichten vollkommen unterschiedlicher Menschen über Zeiten und Kontinente hinweg, breitet sich ein Geflecht aus, welches dem Leser beweist, daß man miteinander zu tun haben kann, obwohl man in den eigenen, ganz alltäglichen Kleinigkeiten gefangen scheint. Perlman nutzt dafür eine scheinbar oberflächlich dem Geschehen entäußerte Gegenwartsebene, in der Adam sich von seiner Freundin trennt, der er meint kein guter Lebensgefährte sein zu können, die Frau seines Freundes wiederum ist die Cousine von Lamont, beider Großmutter hat diese Kids einst in den 50er und 60er Jahren aufgezogen. Nach und nach vermischen sich die Erinnerungen an die Vernichtungslager und jene an die Tage des Kampfes um ein menschenwürdiges Dasein in den USA, welche immer befeuert waren von den Erinnerungen daran, wie schwarze Menschen einst schlicht aus ihrer Heimat entrissen, über Ozeane verschleppt und in die Sklaverei gebracht wurden.

Perlman macht es sich und dem Leser nicht einfach. Er bietet eine Geschichte über die Geschehnisse in den Lagern an, er wagt es sogar, aus den Lagern zu berichten. Sein „Kunstgriff“ dabei ist, Menschen, die es erleben mussten erzählen zu lassen und somit genau das zu reflektieren, was für uns, die später Geborenen, die einzige Möglichkeit des Verständnisses bleibt: zuzuhören, zu lesen und sich immer wieder diesen Erinnerungen zu stellen. Wir erleben also, wie Geschichte vermittelt wird – als Erzählung („Oral History“ ist eines der Schlagworte, die auch im Text selbst häufig fallen), aber auch als Geschichte im Sinne von spannend weitergegebenen Geschichten. Und – natürlich – als Wissenschaft, die dennoch oft genug vor dem Gegenstand ihrer Untersuchung ebenso versagt, wie sie auch verzweifelt, weil sie das, was es zu berichten und zu überliefern gilt, schlicht nicht festhalten, nicht fassen kann in den Parametern ihrer Klassifikationen und Kategorien. Und weil die Sprache manchmal einfach versagt vor dem, was zu sagen wohl schlicht nicht mehr möglich ist. So erhält man Einblick in die Arbeit des Historikers, nimmt nahezu an einer historischen Recherche teil und muß trotzdem die Berichte ertragen, die ein Mann wie Mandelbrot zu erzählen hat. Die einfach nur der Erinnerung eines alten, sterbenden Mannes entspringen, die emotional sind und sich gerade in ihrer Emotionalität rigoros einschreiben in die Erinnerung eines jungen Mannes wie Lamont. Und diese Erinnerungen des alten, sterbenden Mannes sind schrecklich.

Hier nutzt Perlman intensiv Gideon Greifs „Wir weinten tränenlos. Augenzeugenberichte des jüdischen >Sonderkommandos< in Auschwitz“ „Wir weinten tränenlos…“. Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz, doch seinem Nachwort ist zu entnehmen, daß er auch eigene Interviews zum Thema geführt hat. Außerdem ist die Geschichte Borders wahr. David P. Boder war es, der die Befragungen 1946 durchführte und darüber berichtete. So verweben sich in Elliot Perlmans Text Wahrheit und Fiktion zu einer Textur des „so könnte es gewesen sein“, ohne je zu leugnen, fiktional zu sein (was der Autor nachgerade brilliant anhand der Privat- und Alltagsgeschichten seiner Protagonisten verdeutlichen kann, die eben „nur“ banal sind im Angesicht der Geschichte und dennoch ebenso von Schuld und Sühne erzählen, von selbstbegangenem Unrecht und der Möglichkeit, wieder gut zu machen, was man verbockt hat – alles eben ein paar Nummern kleiner, deshalb jedoch nicht weniger wichtig für den einzelnen). Das ist ausgesprochen wichtig für diesen Text. Seine Fiktionalität erlaubt es dem Juden Perlman, einen Zirkelschlag zu den Afroamerikanern zu machen, der ihr Schicksal, ihr Leiden nicht unterschlägt, indem er sehr genau beobachtet und beobachtend erklärt, wie es der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe eines Landes nach wie vor verweigert werden kann, gleichberechtigt am Leben des Landes teilzunehmen, wie es auch Angehörige des im Holocaust so gnadenlos verfolgten Volkes nicht zwangsläufig gelingen muß, sich von Vorurteilen zu befreien und wie jene Afroamerikaner, die es „geschafft haben“, sich ewig dankbar vorkommen müssen.

Dieser Zirkelschlag ist allerdings in einem politischen Sinne ausgesprochen wichtig für die amerikanische Gegenwart: Es gibt eine starke Abneigung zwischen den jüdischen und den afroamerikanischen US-Bürgern (was nicht immer so war, auch das zeigt das Buch sehr eindringlich) und dieser Text kann also auch als eine Art Angebot gelesen werden. Ein Friedensangebot, ja, aber auch als eine Handreichung, den einmal begonnenen GEMEINSAMEN Kampf wieder aufzunehmen. Dazu bietet Perlman am Ende des Buches eine Art Happy-End an, das vollkommen unwirklich anmutet (und das in seiner Unwirklichkeit auch genauso im Text selber dargestellt, behandelt und reflektiert wird), einmal mehr die Fiktionalität des gesamten Textes ausstellt und thematisiert, dabei jedoch den Sinn fiktionalen Erzählens hervorhebt und verdeutlicht und so immanent eine Antwort auf die am Anfang dieser Rezension gestellten Fragen liefert.

Das alles ist weder besonders leicht zu lesen, es ist nicht erbaulich und an manchen Stellen tut es einfach unendlich weh. Man kann dem Roman Vieles vorwerfen: Er ist thesenhaft, überkonstruiert, sein Personal möglicherweise zu eindimensional – alles wahr, alles richtig. Doch muß man beim Lesen sehr genau im Auge behalten, worum es hier geht! Der gesamte Text scheint sowohl mit Claude Lanzmanns „Shoah“ zu korrespondieren, als auch mit Richard Powers Roman „Der Klang der Zeit“. Man kann grundsätzlich diese Art „theoretischer“ Literatur ablehnen und sich ihr verweigern, dann sollte man Perlmans Text gar nicht erst zur Hand nehmen; man kann aber auch der Meinung sein, daß diese Art der fiktionalisierten Geschichtsvermittlung so – und NUR so, auf DIESE Art und Weise – möglich und möglicherweise sogar nötig ist, dann hat man es hier mit einem der herausragenden Werke dieser Art zu tun. Claude Lanzmann war angesichts des Films „Schindlers Liste“ der Meinung, Auschwitz, das Lager, sei nicht abbildbar. Der Rezensent pflichtet dem bei. Doch wir werden uns damit abfinden müssen, daß zusehends fiktional vom Holocaust erzählt werden wird. Dabei wird, was damals geschah, zwangsläufig verzerrt und falsch dargestellt werden und es wird oft – wie in Boynes „Der Junge im gestreiften Pyjama“ – schlicht zur Hintergrundkulisse dienen müssen für zynische Schnulzen. Umso wichtiger, daß einige sich daran machen, das Material, das zur Verfügung steht und uns sehr genauen Einblick gibt, wieder und wieder zu sichten und so zu be- und verarbeiten, daß daraus zwar fiktionale Geschichten entstehen, diese jedoch vermitteln, was passiert ist, damit wir einer der zentralen Aufforderungen des Buches gerecht werden können:

„Sag allen, was hier passiert ist!“

One thought on “TONSPUREN/THE STREET SWEEPER

  1. Robin sagt:

    Klasse Sache. Erster Kommentar.

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