DER GHOSTWRITER/THE GHOST WRITER

Frühe Schritte und erste Bilanz einer schriftstellerischen Karriere

Philip Roth war bereits ein ebenso anerkannter wie umstrittener Autor, als er mit THE GHOST WRITER den ersten Band seiner ersten ‚Zuckerman-Trilogie‘ vorlegte, die jenen Schriftsteller als Figur etablierte, den Roth in MY LIFE AS A MAN als sein Alter Ego bereits eingeführt hatte. Hier begegnet er uns als junger Mensch, der ein Stipendium errungen hat und seine Zeit in der Einsamkeit von Upstate New York auch dazu nutzt, den hier an einer Universität lehrenden Autoren E.I. Lonoff zu besuchen, den er verehrt. Der Schriftsteller, ein Pedant, der weltabgewandt und streng gemeinsam mit seiner Frau Hope lebt und sich selbst bescheinigt, „keine Phantasie“ zu haben und deshalb lediglich „Wörter umzukrempeln“, lädt Zuckerman in sein Haus ein und die beiden unterhalten sich lange über die Schriftstellerei, darüber, wie sie Texte entstehen lassen und über die Werke anderer Autoren – teils Klassiker, teils die ihnen bekannter Kollegen. Dieser erste und längste Abschnitt des alles in allem kurzen Bandes, wird mehrfach unterbrochen von langen Passagen der Erinnerung Zuckermans an seine Kindheit/Jugend in New Jersey, an Begegnungen mit anderen Schriftstellern, an seine Zeit an der Universität. Zuckerman wird Amys ansichtig, einer jungen Frau, die bei den Lonoffs lebt, des Maestros Manuskripte ordnet und, wie Zuckerman des Nächtens erlauscht, zumindest immer wieder eindeutige Angebote an Lonoff ergehen läßt, die dieser wohl aber abzulehnen scheint. Der in dieser Nacht sich abspielende zweite Abschnitt – Zuckerman darf/muß ob eines sich anbahnenden Schneesturms in Lonoffs Haus übernachten – läßt uns ebenso an Zuckermans Träumereien hinsichtlich der jungen Frau, die ihn elektrisiert zu haben scheint, teilhaben, als auch an seinen Erinnerungen daran, wie er als Jude in seiner Gemeinde mit seinen ersten Geschichten aufgenommen wurde, wie sein Vater versuchte, ihm zu verdeutlichen, daß er nicht einfach Familienmitglieder bloßstellen könne und daß wenn er über geldgierige Juden schriebe, dies genau jene Vorurteile füttere, mit denen Juden seit jeher zu kämpfen haben. Zuckerman, der nicht schlafen kann, regt ihn die Anwesenheit im Arbeitszimmer seines verehrten Idols doch viel zu sehr auf, imaginiert Amys Geschichte als die der anonym in Amerika untergetauchten Anne Frank, die die Todeslager überlebt hat und nun, damit der „Mythos“ ihres Tagebuchs nicht gebrochen wird, auch „tot“ bleiben muß. Im letzten Abschnitt – es ist der nächste Morgen – werden wir mit Zuckerman gemeinsam Zeugen, wie Hope Lonoff ihren Mann verläßt, nachdem sie ihm und Amy eine Szene gemacht hat, und dieser – ihr Drama nicht ernst nehmend – beschwichtigt und dann im Schnee losstapft, sie zu suchen. Nathan Zuckerman hingegen fährt zurück in jene Kolonie, in der er seine Zeit als Stipendient verbringt und wo er zu einem weltbekannten Autoren heranreifen wird.

Nur knapp 240 Seiten stark, führt THE GHOSTWRITER die Figur Nathan Zuckerman als Hauptprotagonisten brillant ein. Wir lernen jene wesentlichen Dinge und Hintergründe über ihn, die so wichtig sein werden, wenn wir ihm ab 1997 in der ‚Amerikanischen Trilogie‘ – AMERICAN PASTORAL (1997); I MARRIED A COMMUNIST (1998); THE HUMAN STAIN (2000) – als Rahmenerzähler wieder begegnen. Die Herkunft aus New Jersey als Sohn jüdischer Ostküsteneltern, der Rückhalt in jenen von Merkantilismus ebenso wie von einem zwar nicht stark ausgeprägten, nach dem Krieg jedoch erneut erwachenden Judentum geprägten Gemeinden, die der unteren amerikanischen Mittelklasse entsprechen. Die Verwurzelung in der amerikanischen Kultur – im Sport, in der Unterhaltungsindustrie, in der amerikanischen Literatur – führt für die Juden seiner Generation immer wieder zu innerer Zerrissenheit und auch zu Verwerfungen mit der Familie. Es ist gerade in diesem Band ganz wesentlicher Bestandteil der eher schmalen Handlung, wie Nathan Zuckerman sich sowohl mit seinem Erbe als jüdischer Autor im Spannungsfeld zwischen Moderne und einer Tradition, der er sich kaum mehr verbunden fühlt, auseinandersetzen, als auch der Tatsache jener Schrecknisse stellen muß, die in jenen Jahren – die Handlung spielt 1956 – gerade durch die Veröffentlichung des Tagesbuches von Anne Frank in den USA noch einmal ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit drang.

Natürlich haben wir es im Grunde mit einer ersten Bilanz des Schriftstellers Philip Roth zu tun, der zehn Jahre zuvor, 1969, mit PORTNOYS COMPLAINT seinen endgültigen Durchbruch geschafft hatte. Allerdings war er auch angefeindet worden, galt das Buch doch als reine Pornographie. Sexualität blieb in Roths Werk ein wesentlicher Fixpunkt. Allerdings nutzt er sie als Blaupause seines eigentlichen Themas – auch als Jude – , wie man sich selbst reflektiert und in wie fern man in der Lage ist, die eigene Identität, durchaus vor dem Hintergrund der eigene Herkunft und Traditionen, zu gestalten, zu bilden. Kann sich das Individuum frei machen von den scheinbar so übermächtig drückenden Gewichten der Geschichte, der Traditionen? Befreien aus dem Griff der Tabus? Die obszön anmutende nächtliche Phantasie einer überlebenden Anne Frank, die, ergriffen von der eigenen Größe und Wichtigkeit im Tode, beschließt, nicht mehr sie selbst sein zu können, um den Wert dessen, was sie da einst nur für sich geschrieben hat, zu schützen, trifft den Leser gleich in mehrfacher Hinsicht auf bedrückende Art und Weise. Da ist ebenso die Wut des jungen jüdischen Schriftsellers zu spüren, der sich von den Gräueln, die seinen Leuten in Europa widerfahren waren, nicht freimachen kann, zugleich aber auch begreift, warum man sich nicht davon befreien darf; nimmt man diesen Abschnitt des Buches zu jener Erinnerung im Kapitel ‚Nathan Dädalus‘ hinzu, in welcher Zuckerman die Auseinandersetzung mit dem Vater um den Inhalt seiner ersten „großen“ Erzählung schildert, begreift man allerdings auch, wie die Shoah und was ihr vorausging, zwangsläufig zum Fixpunkt für ältere Juden werden musste. Auch für die, die weder in Gefahr gewesen waren, noch nahe Anverwandte verloren hatten, waren die Familien doch schon lange in Amerika. Deren Ängste vor Stigmatisierung, Ausgrenzung, Ressentiment und Verfolgung aus eigenem Erleben kontrastieren massiv mit der Ungeduld der Jüngeren, die, sicher aufgewachsen und sich geschützt fühlend in einem prosperierenden Amerika, nicht verstehen wollen (oder können?), warum sie nicht kritisch mit der eigenen Familie, der Tradition umgehen sollten? Und in der Verbindung dieser beiden Elemente des Buches – die Auseinandersetzung mit dem Vater und die Imagination um eine überlebende Anne Frank – kann man sogar das Echo der Schuldgefühle der Überlebenden vernehmen, erst recht aber jener Juden, die niemals in Gefahr gewesen waren. Diese Engführung ist ein brillanter Zug in diesem Text.

Doch muß man die ganze Anne-Frank-Imagination natürlich auch schlicht als einen galligen Kommentar auf den Blick der Nichtjuden auf Juden anerkennen: Eine tote Jüdin vermag die Herzen der Menschen natürlich noch weitaus besser zu berühren, als eine wieder lebendige Jüdin, oder, bitterer – als JEDE lebendige Jüdin. Das in New York aufgeführte Theaterstück nach dem Tagebuch der Anne Frank war ein jahrelanger Erfolg und so sehr er das Leiden auch in den Fokus gerückt haben mag – es stellt natürlich auch eine massive Beleidigung dar, das Leid von sechs Millionen Menschen in diesem Schicksal einer Pubertierenden zusammen zu fassen, das schlicht nicht exemplarisch war. 1956 war das Jahr der Uraufführung und wenn Nathan Zuckerman und Lonoff aufeinander treffen, dann ist es zwangsläufig, daß diese beiden jüdischen amerikanischen Schriftsteller über den Erfolg der Aufführung sprechen. Wenn der angehende Superstar der amerikanischen Literatur dann eine überlebende, doch sich versteckende Anne Frank imaginiert, dann bekommt der Titel „Ghostwriter“ natürlich einen ganz anderen und eigenen Beiklang.

Philip Roth legt mit THE GHOST WRITER eine Zwischenbilanz vor, er resümiert die bisherigen Erfolge, legt Rechenschaft vor sich selbst ab und ordnet sein schriftstellerisches Schaffen und auch sein zukünftiges Potential in der Figur Nathan Zuckerman, seinem Alter Ego, das von nun an in vielen seiner Werke das Sprachrohr seines Autoren sein wird. Die ganze Tragweite dieser äußerst postmodernen Konstruktion einer schriftstellerischen Doppelidentität wird der geneigte Leser erst in der späteren, zweiten Zuckerman-Trilogie erfassen können, im Folgeband ZUCKERMAN UNBOUND (1982) wird die Konsolidierung zunächst vorangetrieben, indem sich der Neumillionär nach seinem Erfolg mit Ruhm, Erfolg und Reichtum beschäftigen muß, bevor ihn das Leben lehrt, daß es keinen Standpunkt „außerhalb“ gibt. Wenn im GHOST WRITER die literarische Konsolidierung stattfindet, dann ist es in ZUCKERMAN UNBOUND die menschliche Konsolidierung. Philip Roth hat in diesen Werken auch seine Stimme neu justiert, hat sie auf die mittleren Jahre seines Schaffens ausgerichtet, sich ihrer ebenso versichert, wie seiner literarischen Möglichkeiten. Dies ist ein brillanter Text.

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