TRAINSPOTTING – NEUE HELDEN/TRAINSPOTTING

Danny Boyle zeigt ein manchmal bitterböses Portrait einer Junkie-Generation

Eine stringente Handlung gibt es nicht. Episodenhaft werden Geschichten aus dem Leben einiger Edinburgher Junkies erzählt. Es sind Mark Renton (Ewan McGregor), Sick Boy (Jonny Lee Miller), Spud (Ewan Bremner) sowie deren Kumpel Tommy (Kevin McKidd) und Begbie (Robert Carlyle). Letztere nehmen kein Heroin, dafür ist Begbie ein berüchtigter Säufer, Kleinkrimineller und Kneipenschläger.

Renton will mit dem Heroin aufhören und lässt den Zuschauer durch seine Erzählung aus dem Off an seinen Vorbereitungen teilhaben. Leider bekommt er Durchfall und scheidet die Opiate, die er sich eingeführt hat, um den Entzugserscheinungen etwas entgegen zu setzen, wieder aus, weshalb er bereit ist, auch extrem eklige Maßnahmen zu ergreifen, um sie sich zurück zu holen.

Während Renton es zunächst schafft, die Drogen abzusetzen – zumindest das Heroin – muß Spud ein Vorstellungsgespräch absolvieren, bei dem er einerseits um keinen Preis den Job bekommen möchte, aber auch nicht unbedingt ans Sozialamt verpfiffen werden soll, weil er offensichtlich alle Versuche, ihn in Lohn und Brot zu bringen, sabotiert.

Renton lernt in einem Club Diane (Kelly MacDonald) kennen, mit der er eine Nacht verbringt, allerdings am nächsten Morgen feststellen muß, daß Gail minderjährig ist und ihn mehr oder weniger in der Hand hat. Die Beziehung steht also auf tönernen Füßen.

Spud erlebt eine fürchterliche Demütigung, als er morgens bei seiner Freundin erwacht und dort leider die Bettwäsche vollgemacht hat.

Renton spielt Tommy einen Streich, als er ein ebenso intimes wie explizites Video, das Tommy und seine Freundin in eindeutigen Stellungen zeigt, vertauscht und so dafür sorgt, daß das Video in allgemeinen Umlauf kommt. Leider trennt sich seine Freundin in der Folge von Tommy, der daraufhin selbst dem Junk verfällt, was ihn später das Leben kosten wird.

Begbie geht derweil seinen natürlichen Bedürfnissen nach – er gibt an, unterhält ganze Kneipen mit seinen teils frei erfundenen Geschichten und zettelt, meist im Suff, Schlägereien an. Zudem gibt er sich als Chef der Kompanie und fordert seine Kumpels mehrfach auf, endlich von den Drogen zu lassen. Denn sowohl Renton, als auch Sick Boy, der ebenfalls auf Entzug gegangen ist, beginnen natürlich erneut mit der Spritzerei.

In den Hochhaussiedlungen von Leith, einem Vorort von Edinburgh, trifft man sich in einer Wohnung, deren Bewohner eine Art Drogensupermarkt betreiben und ihre Räumlichkeiten auch als Drogenhöhle und Konsumraum zur Verfügung stellen. Hier stirbt eines Tages das Kleinkind der Bewohner, weil im Rausch niemand seine Schreie hört. Hier setzt sich Renton aber auch eine Überdosis, die ihn beinah tötet.

Nun setzen seine Eltern alles daran, ihrem Sohn zu helfen. Während des Entzugs wird Renton von fürchterlichen Halluzinationen und Wahnvorstellungen geplagt.

Anschließend geht er nach London, da er ahnt, daß er in seiner gewohnten Umgebung niemals von den Drogen loskommt. Er arbeitet in einer Makleragentur und baut sich ein zwar nicht aufregendes, aber immerhin ruhiges Leben auf.

Eines Tages taucht Begbie auf, der angeblich nach einem Überfall landesweit gesucht wird. Er nutzt Renton nach Strich und Faden aus, was noch dadurch potenziert wird, daß kurz darauf auch Sick Boy in London eintrifft. Gemeinsam behandeln er und Begbie Renton wie ihren Laufburschen, bis der sie schließlich rauswirft und in einer Wohnung unterbringt, die seine Makleragentur nie loswerden konnte.

Schließlich kehren alle drei nach Edinburgh zurück. Hier gelingt es Renton zwar noch eine Weile clean zu bleiben, doch als Begbie, Spud und Sick Boy mit einer Ladung Heroin auftauchen, die sie angeblich einem Dealer abgenommen haben, muß Renton den Stoff probieren. Dadurch hängt er zunächst wieder an der Nadel. Dennoch begleitet er seine Freunde nach London, wo sie einen Abnehmer für das Heroin haben. Der ist ein paar Nummern zu groß für die Edinburgher Junkies und Möchtegern-Dealer. Dennoch machen sie immerhin 16.000 Pfund mit dem Geschäft.

Als Begbie während ihrer kleinen Feier zum Abschluß des Deals in einem Pub erneut seine psychopathischen Züge zeigt und einen anderen Gast übel zusammenschlägt, beschließt Renton, endgültig auszusteigen. Als alle im Hotelzimmer schlafen, entwindet er Begbie die Tasche mit dem Geld, die der wie ein Kuscheltier an sich drückt, und haut ab. In einem zuvor abgesprochenen Schließfach hinterlegt er 4.000 Pfund für den ebenso harmlosen wie gutmütigen Spud, dann macht er sich von dannen.

Als TRAINSPOTTING (1996) seinerzeit in die Kinos kam, war der Film nur kurze Zeit ein Geheimtipp. Schnell avancierte er zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres und gilt mittlerweile nicht nur als Kultfilm, sondern neben Werken wie PULP FICTION (1994) oder MATRIX (1999) als paradigmatisch für die letzte Dekade des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Danny Boyle, ein damals noch recht unbekannter Regisseur aus Schottland, der zwei Jahre zuvor mit der bitterbösen WG-Komödie SHALLOW GRAVE (1994) auf sich aufmerksam gemacht hatte, nahm sich des 1993 erschienenen Debut-Romans von Irvine Welsh an und schuf eine seltsame Mischung aus Groteske, Komödie und letztendlich tieftrauriger Beschreibung des Schicksals einiger Junkies aus dem Edinburgher Stadtteil Leith, bevor dieser hip und gentrifiziert wurde. Irgendwann zum Ausgang der 80er und dem Beginn der 90er Jahre angesiedelt, erzählt TRAINSPOTTING episodenhaft Geschichten aus dem Leben von Mark Renton und seinen Kumpels Spud, Sick Boy und Begbie. Während Renton, Spud und Sick Boy Heroin konsumieren, ist Begbie ein harter Trinker und typischer Kneipenschläger, ein Kleinkrimineller, immer mit großer Schnauze und jeder Menge angeberischer Geschichten in petto.

Obwohl Welsh an der Entwicklung des Films beteiligt war, weicht die Handlung doch massiv von der des Romans ab. Doch ging es Boyle und dem eigentlichen Drehbuchverfasser, John Hodge, sichtlich nicht darum, den Roman werkgetreu zu verfilmen. Vielmehr bemühen sie sich um eine zwar nie geradlinige, jedoch nachvollziehbare Story, die vor allem Rentons Versuchen folgt, aus der Drogensucht auszusteigen. Der erzählt auch den Großteil der Handlung aus dem Off, obwohl der Zuschauer auch Episoden folgt – bspw. eines von seinem Darsteller Ewen Bremner mit unglaublicher Präzision und Witz gespielten Vorstellungsgesprächs von Spud, der den Job auf keinen Fall haben will, aber auch nicht von seinen zukünftigen Nicht-Arbeitgebern beim Sozialamt verpfiffen werden möchte – an denen Renton nicht unmittelbar beteiligt oder gar anwesend ist. Solche Logiklöcher sind den Machern allerdings nachweislich egal. Denn TRAINSPOTTING bedient sich allerlei surrealer Elemente, um die Leidensgeschichte seiner Hauptfiguren zu bebildern und eher einen Geisteszustand zu erfassen, denn eine kohärente Story zu erzählen.

Berühmt ist jene Szene, in der Renton, der zur Abhilfe erster Entzugserscheinungen während seiner Turkey- Phase zwei Opiate rektal eingenommen, dann aber, von fürchterlichen Krämpfen geplagt, selbige auf „Schottlands beschissenster Toilette“ wieder ausgeschieden hat und anschließend in die Kloschüssel abtaucht, um sich die Zäpfchen wiederzuholen. Dabei taucht er in ein schier unermessliches Blau – den Grund einer Lagune oder ähnliches – ab. Welsh behauptete, die Szene aus Wes Cravens Horrorfilm A NIGHTMARE ON ELM STREET (1984) geklaut zu haben, wo die Protagonistin in einer Szene von dem Dämon Freddy Kruger aus der Badewanne in eine Unterwasserwelt gezogen wird, doch erinnert sie mindestens ebenso an eine vergleichbare Beschreibung aus Thomas Pynchons Groß- und Meisterwerk GRAVITY´S RAINBOW (erschienen 1973). Dort wird dem seltsam ungreifbare Protagonisten Tyrone Slothrop eben dieses Schicksal zuteil; in einem grotesken Gemisch aus Halluzinationen und Erinnerungsfetzen, wird Slothrops Abstieg in die Kloake zu einem Trip ins eigene Unterbewußtsein und das kollektive Empfinden des europäischen Kontinents nach dem 2. Weltkrieg. Gleich ob Welsh ähnliches vorschwebte oder der Vergleich zufällig ist, TRAINSPOTTING gönnt sich den Spaß, voller Anspielungen auf etliche Werke der Popgeschichte zu rekurrieren, unter anderem auf das Cover des Beatles-Albums ABBEY ROAD. Boyle und Hodge verorten ihren Film also mitten im Pop, der zum Leitmedium, zum eigentlichen Motor der 90er Jahre wurde. Alles war Pop, alles konnte Pop werden und alles wurde unter den Bedingungen des Pop betrachtet. Die Auswahl der Songs auf dem Soundtrack – allen voran Iggy Pops Lust for Life – trägt das seine dazu bei, diese Verortung zu markieren und zu verstehen.

Dennoch – das muß entgegen der Meinung einiger Kritiker des Films gesagt werden – verherrlicht TRAINSPOTTING den Drogenkonsum keineswegs. Die frühen 90er wurden auch vom sogenannten Heroin-Chic bestimmt, einer Art der Modepräsentation und -fotografie, die extrem dünne, nicht einmal sonderlich hübsche Models wie Kate Moss als potentielle Drogen-Konsumenten ausstellte. Genau darauf zielt Boyles Film nicht ab. Szenen wie die oben beschriebene, die natürlich surreale Elemente bietet, auch Witz, und sich später in jener spiegelt, die Renton während eines Entzugs zeigt, der ihm furchtbare Halluzinationen beschert, dient auch und gerade dazu, das Verhalten von Junkies zu beschreiben, wenn nicht gar zu denunzieren. Die Bereitschaft, nahezu alles zu tun, um an einen Schuß oder irgendein Medikament zu gelangen, das hilft, das eigene Elend zu lindern, wurde selten derart eindringlich – aber eben auch witzig – auf die Leinwand gebracht. Auch die ständige Bereitschaft, selbst angeblich enge Freunde übers Ohr zu hauen, auszunehmen, die Demütigungen, die die Sucht mit sich bringt – Spud, der morgens im Bett einer Freundin aufwacht und feststellen muß, daß er die Bettwäsche vollgeschissen hat – und auch die Charakterveränderungen, beleuchtet der Film durchaus kritisch.

Was er aber eben auch beschreibt, ist eine Haltung. Mark Renton und seine Freunde legen eine wahre Punk-Attitüde an den Tag, die eher auf die frühen 80er verweist. Zu Beginn des Films erklärt uns Renton, wie der durchschnittliche Spießer lebt, mit festem Job, Bausparvertrag und sonntäglichem Familienessen, nur um dann zu behaupten, all das nicht zu brauchen – denn er hätte ja Heroin. Diesen Monolog greift er am Ende des Films, nachdem er seine Freunde um den Ertrag eines Drogendeals, den sie in London durchziehen, erleichtert hat, wieder auf und beschwört nun seine Zukunft, in der er wie „alle“ werden wolle – mit festem Job, Bausparvertrag und sonntäglichem Familienessen. TRAINSPOTTING liefert keine Rechtfertigung für den Heroinkonsum, aber er liefert durchaus eine Erklärung. Und zwar eine nachvollziehbare. Leith, wie es im Film aussieht (und in Glasgow gefilmt wurde), die sozialen Bedingungen zwischen den Docks, Hochhaussiedlungen aus Beton, dreckigen Kneipen und schäbigen Clubs und eine gewisse Ausweglosigkeit das eigene Leben betreffend, die Perspektivlosigkeit dieser Jugendlichen, erklären durchaus den Unwillen, sich unterzuordnen oder den Weg zu gehen, den die eigenen Eltern gegangen sind. So wird die Drogensucht auch zu Widerstand und – man mag es kaum glauben, aber der Ex-Junkie Iggy Pop besingt es ja – zu einem Ausdruck des Hungers nach Leben. Es ist in seiner ganzen Widersprüchlichkeit die Lebenslust, die der Film diesen jungen Menschen eben auch attestiert. Während eines Ausflugs aufs Land, den der (noch) nicht dem Heroin verfallene Tommy organisiert hat, um seinen Freunden einmal etwas anderes zu zeigen, als die immer gleichen Straßen von Leith, artet zu einer Abrechnung mit Schottland, den Schotten und der gesamten sozialen Situation des Landes aus. Hier kann man als Zuschauer spüren, was diese Jugendlichen antreibt, bzw. eben nicht antreibt. Nicht einmal umtreibt. Sie leben in den Bedingungen eines Hier und Jetzt, das sie sich nicht ausgesucht haben und dem sie mit bitterem Zynismus begegnen.

Hinzu kommen recht genaue soziale und auch psychologische Beobachtungen im Film. Boyle erklärte später, er habe Leith und das soziale Umfeld, in dem sein Film spielt, genau studiert. Es gibt Momente im Film – z. B. eine Kneipenschlägerei, die Begbie durch eine Unachtsamkeit auslöst, nur um dann großspurig als Hilfssheriff aufzutreten, der aufklären will, wer hier wen zuerst geschlagen hat, bis alles in eine wüste Massenschlägerei ausartet – die wie Ausschnitte aus einem ganz normalen Abend in einer Edinburgher Vorortkneipe wirken, zugleich aber auch eine sehr genaue Beobachtung sozialer Umstände und einer generellen Gewaltbereitschaft sind.

TRAINSPOTTING ist sogar in solchen Momenten witzig, allerdings ist es ein manchmal grausamer, bitterböser schwarzer Humor, der den Film grundiert. Doch spätestens, wenn in einer der Wohnungen, in denen Renton, Spud, Sick Boy und andere sich treffen, um ungestört dem Rausch zu frönen, ein Baby stirbt, weil niemand – auch die Eltern nicht – auf die Schreie reagiert, ist der Spaß vorbei. Es ist sowohl Hodges Buch, vor allem aber Boyles Regie, zu verdanken, daß der Film immer wieder die Balance hält zwischen seinem bösen Witz (der bereit ist, die Figuren zu desavouieren und zu denunzieren) und dem Wissen um die Tragik dieser Figuren und ihres Lebens. So lacht man auch darüber, wenn Renton, der sich nach London abgesetzt hat, von Begbie und Sick Boy besucht wird und diese sein Appartement nach und nach okkupieren und ihn mehr und mehr wie einen Laufburschen behandeln. Zugleich spürt man aber auch Rentons zunehmende Verzweiflung, erneut in die alten Muster zu verfallen, den Fängen seines vermeintlich abgelegten Lebens nicht entkommen zu können.

Man sollte die Wirkmächtigkeit des Films nicht unterschätzen. Entgegen solchen Werken wie PULP FICTION, die eine grundlegende Ironie behaupteten, eine Uneigentlichkeit, die die Postmoderne auszeichne und alles – Drogen, Gewalt, Sex, Liebe, Freundschaft – als kommensurabel und konsumierbar darstellte, weiß TRAINSPOTTING, daß das, was da geschildert wird, im Kern eben alles andere als lustig ist, sondern einen ernsten, ja todernsten Hintergrund hat. So gesehen entspricht der Film in gewisser Weise anderen europäischen/britischen Sozialdramen, bspw. denen von Ken Loach oder Mike Leigh, bedient sich aber einer radikal anderen Erzählweise und Ästhetik. Verharmlost aber – oder gar glorifiziert – wird hier gar nichts. Nicht einen Moment lang.

Für Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Ewan McGregor wurde TRAINSPOTTING zum Ausgangspunkt internationaler Karrieren. Aber beide waren etwa zwanzig Jahre später bereit, nach Schottland zurück zu kehren und an Teil zwei mitzuarbeiten. T2 TRAINSPOTTING (2017), dessen Titel natürlich eine Anspielung auf James Camerons extrem erfolgreichen Nachfolger zu seinem TERMINATOR (1984) ist, konnte nicht mehr an den Erfolg des ersten Teils anschließen, hatte allerdings auch nichts Relevantes mehr mitzuteilen. Die Zeit war vielleicht über die Grundidee des Films hinweggegangen, es wurden mittlerweile andere Drogen konsumiert, die Musik hatte sich verändert. TRAINSPOTTING bleibt aber ein Relikt und ein Kultfilm, der nicht nur eine Geschichte aus den sozialen Brennpunkten Schottlands erzählt, sondern sehr, sehr viel über die Zeit, in der er entstanden ist. Die 90er.

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