TREFFER

Dominik Graf schuf mit seinem Jugendfilm ein Gesellschaftsportrait und eine verdichtete Atmosphäre der manchmal bleiernen 80er Jahre

Albi (Maximilian Wigger), Tayfun (Tayfun Bademsoy) und Franz (Dietmar Bär) sind dicke Freunde. Sie haben sich verschuldet, um drei Motorräder kaufen zu können, was ihnen insofern schwere Sorgen macht, als daß sie alle nicht über die Mittel verfügen, die Raten regelmäßig zu bedienen.

Albi und Tayfun arbeiten bei dem alten Bichler (Fritz Bachschmidt) in dessen Kfz-Werkstatt. Es gelingt ihnen, auch Franz im Betrieb unterzubringen. Er gibt ab nun das „Mädchen für alles“, macht die Buchhaltung, hält Bichler das Büro in Ordnung und verdingt sich nebenbei als Gebrauchtwagenhändler, wobei er sich als Verkaufsgenie entpuppt.

An ihren freien Tagen sind die drei gemeinsam mit Tayfuns Freundin Mira (Beate Fink) auf Rallyes unterwegs, wo ihr Freund Leone (Guido Gagliardi) regelmäßig auf den vorderen Plätzen landet. Bei einen dieser Ausflüge fällt Albi die blonde Conny (Barbara Rudnik) auf. Bald lernt er sie näher kennen und die beiden verlieben sich ineinander.

Durch die Arbeit haben es vor allem Albi und Tayfun immer wieder mit Alf (Rainer Grenkowitz) und dessen Clique zu tun. Alf ist eigentlich Zulieferer für Ersatzteile, schielt aber auf den Betrieb von Bichler. Dazu macht er sich dicke mit Bichlers Sohn (Dietmar Bär). Zwischen Albi und Tayfun und Alfs Leuten herrscht Eiseskälte.

Abends treffen sich die Freunde in einer Kneipe, wo die ganze alte Clique zusammenkommt. Mira kellnert und ist sauer auf Tayfun, weil der mal wieder mit einer anderen im Bett war. Dummerweise mit Chris´ (Heinrich Schafmeister) Frau (Verena Sutcliff), was der nicht gern auf sich sitzen lässt. Als er von den Zahlungsschwierigkeiten der drei Kumpels erfährt, macht er ihnen ein unmoralisches Angebot hinsichtlich eines Entschuldungskredits, auf den die drei eingehen.

Eines Morgens findet Franz den alten Bichler im Büro, offenbar hatte der alte Mann einen Herzinfarkt. Sein Sohn setzt Alf als Vertreter in der Werkstatt ein und der macht sofort klar, wie der Laden ab nun läuft. Als Bichler stirbt, soll Alf den Laden komplett übernehmen. Umgehend entlässt er die drei Freunde, woraufhin es zu einer üblen Schlägerei zwischen ihnen und Alf und seinen Männern kommt.

Albi, Tayfun und Franz müssen nun jede Gelegenheit wahrnehmen, irgendwie Geld zu machen. Sie arrangieren Unfälle, wozu sie sich Connys roten Flitzer ausleihen, sie lassen sich für 50 Mark auf Trinkspiele ein, fahren Wettrennen gegen Porsche und versuchen auch sonst, alles, um ihre Raten bedienen zu können.

Aber auch privat läuft es nicht wirklich gut. Auf einem Ausflug mit den Mädels, merken Tayfun und Albi, wie sehr Franz darunter leidet, daß die alte Verbundenheit nicht mehr da ist, in einem Moment echter Trauer teilt er den andern mit, daß sie vor zwei Jahren noch mit fünfzehn Mann campiert hätten. Albi schlägt – sozusagen als Freundschaftsschmiermittel – vor, einen nahegelegenen Felsbrocken zu erklimmen, was die drei dann, nicht mehr ganz nüchtern, auch bewerkstelligen.

Zurück im Camp, wo Conny sich bitter bei Mira über die Art der drei beschwert, gibt es den erwartbaren Ärger zwischen Albi und Conny.

Leone hat Albi und Tayfun eine Bleibe für ganz kleines Geld angeboten, wo schließlich auch Franz einzieht. Hier konfrontiert Chris die drei Freunde mit der Tatsache, daß ihre Motorräder bald ihm gehörten. Er macht Tayfun und dessen Fehltritt mit seiner Frau verantwortlich.

Abends in der Kneipe treffen sich alle, erneut versuchen die Freunde, mit Spielchen Geld zu verdienen. Da kommt Mira reingerannt und schreit, Alf und seine Jungs seien dabei, die Motorräder abzuflämmen. Vor der Kneipe kommt es zu einer erneuten und diesmal wirklich üblen Schlägerei mit den Widersachern. In letzter Sekunde gelingt es zu verhindern, daß die Maschinen in Flammen aufgehen.

Einige Zeit später will Albi noch einmal versuchen, mit einem fingierten Unfall die Raten aufzutreiben. Mira ist strickt dagegen, doch die drei Freunde sind entschlossen, ihre Maschinen zu behalten. Doch es kommt anders als gedacht. Albi verliert die Kontrolle über den Wagen, der aus einer Kurve in ein Waldstück getragen wird. Albi und Tayfun klettern aus dem Wrack, nur Franz bleibt auf dem Rücksitz, unbeweglich. Als Tayfun ihn aus dem Wagen zieht, ist schnell klar, daß Franz tot ist.

Abends kommt Albi zu Conny, die ihn eigentlich abserviert hatte. Sie versucht, ihn irgendwie zu trösten, doch Albi gibt sich die Schuld an Franz´ Tod. Er zieht seine Lederjacke an und sagt zu Conny, er käme wieder. Dann fährt er in die Dämmerung, die Lovin´ Spoonful singen Darling Be Home Soon.

 

Ein regnerischer Morgen im April 1984. Es ist kühl, in einer halben Stunde wird die Schulglocke zur ersten Stunde rufen. Die Schüler eines Düsseldorfer Gymnasiums treffen sich, wie jeden Morgen, vor einem Kiosk nah der Haltestelle, an der alle eintreffen, die nicht mit dem Rad kommen oder von den Eltern gebracht werden (ja, das gab es auch damals schon). Normalerweise werden hier montags die Abenteuer des Wochenendes durchgekaut, an allen anderen Wochentagen die wichtigsten Informationen des noch jungen Tages ausgetauscht. Doch heute gibt es nur ein Gesprächsthema, nur einen Gegenstand, den alle besprechen: TREFFER (1984), ein Film, der am Abend zuvor im Fernsehen ausgestrahlt wurde und den nahezu jeder gesehen zu haben scheint. Und der alle, wirklich und ausnahmslos alle, die ihn gesehen haben, begeistert, mitgerissen, vollkommen eingenommen hat. Gleich rülpst der erste und wer nicht schnell genug den Daumen an der Stirn hat, bekommt irgendeine flache Hand auf eben jene Stirn geklatscht – u.a. hat der Film von Dominik Graf dieses „Gesellschaftsspiel“, eher ein Saufspiel, für die kommenden Jahre etabliert.

So war das, damals. Ein Fernsehereignis, das wirklich bindend war, das jeder gesehen, an dem jeder teilgenommen hatte und das dadurch etwas Tiefgreifendes zu fassen und auszudrücken vermochte. Einen Nerv traf. Und das Besondere an diesem Morgen: Das hier war kein verordnetes TV-Ereignis, wie es einige Jahre zuvor jene Serie gewesen ist, die dann das letzte Tor zu einer echten Vergangenheitsbewältigung werden konnte – die Rede ist von HOLOCAUST (1978; in Deutschland 1979 ausgestrahlt) – , dies hier war nicht einmal ein geplanter Geheimtipp, nein, dies hier war ein TV-Ereignis, das sich, auf leisen Sohlen daherkommend, explizit an junge Menschen richtete. Kein verschwurbelter Problemfilm, wie sie der mittlerweile nicht mehr ganz so junge „neue deutsche Film“ immer mehr hervorbrachte. Dominik Graf, der hier eine seiner ersten eigenen Regiearbeiten vorlegte, zeigte ein ungeheures Gespür für ein bestimmtes Milieu, für eine bestimmte Haltung zum Leben, eine melancholische Basis, die typisch für die 80er Jahre gewesen ist. Wie kaum ein deutscher Filmemacher neben Wim Wenders war Graf immer in der Lage, ein gewisses Flair zu kreieren, eine Atmosphäre zu erschaffen, die mit amerikanischem Genre-Kino ebenso mithalten konnte, wie auch mit den Errungenschaften des damals jüngeren amerikanischen Kinos, dem ‚New Hollywood Cinema‘, dem TREFFER sehr viel verdankt.

Graf nutzt ein sehr realistisches Setting für seine Story um drei junge Männer, die vor allem für ihre Motorräder leben, für deren Erwerb sie viel zu hohe Kredite aufgenommen haben. Sie arbeiten gemeinsam in einer Kfz-Werkstatt mit angeschlossenem Gebrauchtwagenverkauf, nutzen nebenher aber jede Gelegenheit – ob legal oder illegal – um einen Hunderter hier oder da zu machen. Ob die Handlung nun in den Büroräumen der Firma, in der Werkstatt, in der Kneipe oder in den eher beengten, bzw. eher ungemütlichen Behausungen der drei spielt – so offensichtlich hat selten jemand on location gedreht, wie Graf und sein Kameramann Helge Weindler. Dadurch entsteht die überzeugende Atmosphäre eines bundesdeutschen Alltags jener Jahre. Eher grau, eher verregnet, irgendwie ein wenig verschlafen – angesiedelt ist die Geschichte im Südwesten – im Klein-klein verloren, ohne echte, tiefere Erzählung. Dem entsprechend ist Grafs Umsetzung eines Drehbuchs von Christoph Fromm auch episodisch angelegt, eher an seinen Figuren als an einer spannenden oder sich dramaturgischen Konventionen unterwerfenden Geschichte.

So folgt der Film also den Freunden Albi, Tayfun und Franz durch eben jenen grauen Alltag, wir erleben ihre kleinen und großen Niederlagen und Triumphe, sehen das manchmal triste Familienleben hinter der coolen Fassade, die sie sich zu geben suchen mit Lederjacken und den Maschinen. Wir erleben aber auch drei Freunde – eingebunden in eine lose Clique, die sich abends in der Stammkneipe trifft – die zusammenhalten, ein gutes Gespür für die Stärken und Schwächen der anderen haben und zueinanderstehen, auch wenn´s duster wird. Wozu natürlich auch gehört, daß man sich im Notfall mit der anderen, unsympathischen Clique prügelt und den Rest des Films die Schrammen wie Trophäen trägt. So erzählt der Film auch eine klassische Coming-of-Age-Story. Denn spätestens, wenn Albi die aufregende Conny kennenlernt, passiert, was in solchen Momenten immer geschieht, gleichsam passieren muß: Es treibt die Freunde auseinander. Und da Tayfun, der einen Schlag bei den Frauen hat, was die Freunde später in Schwierigkeiten bringt, Albis Verliebtheit nicht sonderlich stört, leidet Franz umso mehr. Er ist derjenige, der sich aufgehoben fühlte in der Gruppe, die sie einmal waren. „Vor zwei Jahren hätten wir hier mit fünfzehn Mann gestanden…“ erinnert er seine Kumpels bei einem Zelt-Ausflug ins Grüne.

Graf und Drehbuchautor Fromm beweisen in vielerlei Hinsicht also einen Blick und ein Gespür für die Zeit, in der ihre Geschichte spielt, für die Figuren, von denen sie erzählen, für das, was Freundschaft genannt wird und doch so undurchdringlich kompliziert ist – und vor allem begreifen sie, was Atmosphäre für einen Film bedeutet, immer. Denn, angefangen bei dem Song der Lovin´ SpoonfulDarling Be Home Soon“, bis hin zum bitteren Ende, das auch das Ende einer Freundschaft und eines Lebensabschnitts bedeutet, ist TREFFER durchzogen, grundiert von einer tiefen, fast resignativen Melancholie. Fromm und Graf erzählen eben auch von der Vergeblichkeit. Die Liebe, die Freundschaft, das Leben selbst – all dies scheint in seiner Vergänglichkeit, vor allem unter Berücksichtigung des Film-Endes, nahezu vollkommen vergeblich zu sein. Auch das Episodenhafte unterstützt diese Sicht der Dinge, denn das Leben, wie TREFFER es zeigt, ist eben eine Aneinanderreihung von Alltagssituationen, die in Verbindung aber kein Ganzes ergeben. Zwar ergibt sich das eine aus dem andern, doch scheint es keinen wirklichen inneren Zusammenhang zu geben, keine kohärente Erzählung. Der einzelne ist geworfen in eine Welt, die er nicht kennt und die ihn ununterbrochen mit Aufgaben malträtiert, die er kaum bewältigen kann – oder will. Um dem Gefühl der Vergeblichkeit irgendetwas entgegenzusetzen, braucht es Freunde, ein Motorrad, einen Kasten Bier – kleine Freuden in einem Meer aus Grau.

Graf bietet einer Riege von jungen und nicht mehr ganz so jungen Schauspielern die Möglichkeit, sich ihre Sporen zu verdienen. Es tritt ein sehr junger Dietmar Bär auf, ein Tayfun Bademsoy, ein junger Heinrich Schafmeister, Udo Wachtveitl ist kurz zu sehen und Dieter Pfaff gibt den cholerischen Sohnemann des Kfz-Meisters, der nach dem Tod des Alten die Firma in die Hände eines erklärten Feindes unserer drei Freunde übergibt. Einzig Barbara Rudnik war bereits ein Star des deutschen Films, als sie die Rolle der Conny in Grafs Fernsehfilm annahm. Ein Fernsehfilm übrigens, der im Jahr 1984 auch in die Kinos, zumindest in einige wenige ausgewählte Kinos kam. Das Spiel all dieser Darsteller ist authentisch, es gibt Szenen, in denen man den Eindruck gewinnt, es seien einfach abgefilmte Beschäftigungen in den Drehpausen gewesen. TREFFER erhält so – und erinnert auch darin in gewisser Weise an das ‚New Hollywood Cinema‘ – in manchen Szenen und Abschnitten den Charakter eines Dokumentarfilms.

Dabei erzählt Graf aber eine hochemotionale Geschichte, die in einem fast coolen, nicht sonderlich emotionalen Gewand daherkommt. Man mag diese drei Typen, man konnte sich 1984 gut mit ihnen identifizieren, auch wenn sie im Schnitt zehn Jahre älter waren als man selbst. Sie stellen nichts Besonderes dar, wollen das auch gar nicht. Sie wollen irgendwie ihren Schnitt machen, in einer Umwelt, die sie als dröge und abgehalftert wahrnehmen, die aber, auch das drückt der Film deutlich aus, nun einmal ihre Welt, ihr Milieu, ihr Kiez, letztlich ihre Heimat ist. Sie wollen nicht weg, sie träumen nicht von der großen Freiheit, zumindest nicht explizit. Implizit ist es natürlich genau diese Sehnsucht, die sie so nach den Motorrädern gieren lässt, daß sie dafür echte (finanzielle) Risiken einzugehen bereit sind.

1984 war auch Jugendlichen bewußt, daß sich am Urgrund dieser Sehnsucht ein Film wie EASY RIDER (1969) fand, der in den beiden Harley Davidson, die die Hauptfiguren fuhren, den Aufbruch einer ganzen Generation zu symbolisieren verstand. Albi, Tayfun und Franz sind aber keine Romantiker, zumindest nicht, solange sie nüchtern sind. Sie sind auch keine Rebellen, auch wenn sie sich mit ihren Lederjacken vielleicht ein rebellisches Image geben. Ihre Wünsche sind eigentlich bescheiden, sie sind es zufrieden, in einem Betonsilo zu hausen, sie gehen ihren Jobs nach, suchen ihr kleines Glück – wobei Franz hier fast ein wenig rückständig charakterisiert wird, was Bär fantastisch auszudrücken versteht in Franz´ Großspurigkeit, die seine Verletzlichkeit laut übertüncht. Wobei Franz ein sehr gewitzter Kerl ist, auf bodenständige, etwas freche Art charmant, sprachgewandt und schlagfertig. Bär hat die besten Zeilen, die lockersten Sprüche und einige der herrlichsten Szenen – u.a. einen Autoverkauf, bei dem er die potentielle Käuferin dadurch beeindruckt, daß er mit sieben verschiedenen Zigarettenpäckchen in seinem Mantel jeden Geschmack zu befriedigen versteht. Leider fallen Albi und Tayfun ein wenig gegen diese Figur ab, sind klischeebeladener.

Dominik Graf hat mit TREFFER einen der raren deutschen Jugendfilme gedreht, die auf authentische Art und Weise ein Stück Lebenswirklichkeit junger Leute einfangen. Der die Atmosphäre versteht und wiedergibt, sich in die Gefühlswelten dieser Kerle einfühlt und, ohne zu urteilen, ein zeitgenössisches Bild wiedergeben kann.

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