DAS LETZTE KOMMANDO/THE LAST DETAIL

Ein Meisterwerk von Hal Ashby

Die Navykadetten Billy „Bad Ass“ Buddusky (Jack Nicholson) und „Mule“ Mulhall (Otis Young) haben den Auftrag, den Delinquenten Larry Meadows (Randy Quaid) von Norfolk, Virginia in das Militärgefängnis Portsmouth, New Hampshire zu überführen. Meadows wurde bei dem Versuch erwischt, 40 Dollar aus der Poliospendenkasse des Offiziersklubs zu stehlen. Da die Gattin eines hohen Kommandeurs sehr engagiert ist in der Poliostiftung, wurde Larry unverhältnismäßig hoch bestraft. Das fällt den Veteranen Billy und Mulhall sofort auf. Eigentlich hatten die beiden vor, den Mann schnell abzuliefern und sich – sie haben 5 Tage Zeit für die Überführung – dann mit dem Spesengeld eine gute Zeit zu machen. Nun merken sie, daß Larry – der gerade einmal 18 Jahre alt ist und seinem Schicksal vollkommen ergeben wirkt – nichts im Leben erlebt, nichts vom Leben mitbekommen hat. Also beschließen sie, die gute Zeit MIT Larry zu verbringen und ihn erst spät, am 5. Tag, abzuliefern. So driften sie durch die Tage, betrinken sich, liegen Stunden im Hotelzimmer rum, Billy zeigt Larry, den der umtriebige Mann ein wenig unter seine Fittiche meint nehmen zu müssen, wie man sich gegen unverschämte oder gleichgültige Bedienstete durchsetzen muß und alle sinnieren vor sich hin über das Dasein. Dies läßt das Drehbuch sie auf erstaunlich tiefsinnige Art und Weise tun und so lacht man manches Mal auf, wenn man die Antworten der beiden Berufssoldaten auf Larrys Fragen zum Leben im allgemeinen und der Armee/Marine im besonderen mit anhört. Erstaunliche Weisheiten von zwei Männern, die ihr Leben der Navy gewidmet haben, was Billy einmal in einer schönen Beschreibung begründet: Er liebt das Meer – und Nicholson läßt uns in der Art, wie er schaut und sich an einem Pfosten festklammert, während er dies zu seinen Kumpanen sagt, die Faszination ebenso spüren, die vom Meer und der Seefahrerei ausgeht, wie das Schauern vor der Gewalt des Elements. Es treibt Billy zum Wahnsinn, daß Larry Meadows scheinbar alles mit sich machen läßt, keinen Willen und keine Träume hat. Und daß er ihn, den Mann der ihn immerhin ins Gefängnis bringt, nicht hasst. Doch bevor die Aggressionen sich unter den Dreien ausbreiten, sucht sich Billy bei nächstbester Gelegenheit ein paar Infanteristen auf Urlaub, mit denen er eine Schlägerei beginnt. Da Mulhall und Larry ihm zur Seite springen, gehen die drei als Sieger hervor, was sie ein wenig zusammenschweißt. Schließlich, nachdem sie sich per Greyhoundbus, mit Zügen und Bussen über verschiedene Stationen gen Norden vorgearbeitet haben, schlägt Billy vor, Meadows Mutter zu besuchen, die unterwegs an der Route lebt. Doch als sie das Haus erreichen, müde und frierend, ist sie nicht da. Die drei fahren weiter. Billy beschließt, daß Meadows bevor er für acht Jahre in den Bau wandert, wenigstens einmal mit einer Frau zusammen gewesen sein sollte. So landen sie schließlich in einem Bordell. Da sie abgebrannt sind, hängen Billy und Mulhall selber nur rum. Wie zuvor schon, kommt das Gespräch darauf, ob sie Larry einfach laufen lassen sollen. Meadows macht sich Sorgen, daß der Knast für jemanden wie Meadows zu hart sein könne. Als sie anderntags bereits in der Nähe des Gefängnisses sind und nur noch wenig Zeit bleibt, machen sie Rast an einem Parkplatz. Beiden – Billy und Mulhall – ist unwohl. Meadows, der im Rücken seiner Bewacher sitzt, versucht, abzuhauen, wenn auch nur zaghaft. Vor allem Billy sieht das als massiven Mißbrauch seines Vertrauens und schlägt Larry zusammen. Dann liefern ihn die beiden im Gefängnis ab, wo er sich wortlos abführen läßt, ohne zurückzublicken. Mulhall und Billy machen sich auf den Weg zurück.

Hal Ashby war der Hippie und Rebell unter den Regisseuren des New Hollywood Cinema. Am deutlichsten ist das an dem Vorgänger von THE LAST DETAIL (1973) zu erkennen, an HAROLD AND MAUDE (1971), der neben vielem anderen auch eine Feier des Außenseiters, des Freaks ist, den Ashby Freak um seiner selbst willen sein läßt. An der Musikauswahl des späteren COMING HOME (1978) ist es zu merken, aber auch daran, daß er schon in seinem ersten Film THE LANDLORD (1970) eine kritische Haltung zur Rassentrennung, einem der zentralen Themen der Bürgerrechtsbewegung, einnimmt. THE LAST DETAIL, erschienen 1973, kommt zunächst im Gewande einer Marineklamotte daher, mausert sich aber im Grunde vom ersten Moment an zu einer auch durchaus bitteren Realsatire darüber, wie sehr man den eigenen inneren Wertvorstellungen und seinem Pflichtbedürfnis ausgeliefert – oder eben „verpflichtet“ – und wie wenig das Individuum in der Lage ist, wirklich Einfluß auf sein Schicksal zu nehmen. Darüber hinaus ist dies eines der schönsten, weil nüchternsten Roadmovies, die Hollywood in diesem recht jungen Genre je hervor gebracht hat.

Hal Ashby läßt sein Trio in 5 Tagen durch 4 Städte des Nordwestens tingeln, dabei – laut Werbetext des Films – mit 7 Frauen, bei 3 Schlägereien 200 Flaschen Bier konsumieren und man sollte sich vielleicht nicht wundern, daß der Zuschauer zunächst Slapstick, Schoten, möglichst Schlüpfriges erwartet. Eine Klamotte eben. Doch nichts davon kommt so, wie diese Aufzählung vermuten läßt. Ashby verdeutlicht sofort, worum es ihm geht und was zu erwarten ist: Diese Fahrt hat erstens ein Ziel, das ist keine Sauftour einiger Rowdys auf Wochenendausflug, welches zum zweiten für einen von ihnen – den mit Abstand jüngsten – Jahre im Gefängnis bedeuten wird, für nichts. Und das Ganze ist – drittens – ein Exempel, welches jemand, der vollkommen abstrakt bleibt, statuieren wollte. Über diese Männer wird verfügt, worein sie sich fügen. Die Bewacher ebenso, wie der Bewachte. Diese Kerle sind keine Helden und – was wesentlicher ist – keiner von ihnen möchte auch nur im entferntesten einer sein. Bei Meadows erfahren wir ein wenig vom familiären Background, bei Billy zumindest, daß es ihn aus eher romantischen Gründen zur Marine getrieben hat, bei Mulhall, der als Schwarzer aus der Nähe von New Orleans kommt, kann man sich denken, wie sein sozialer Hintergrund aussieht, was ihn also den Weg zur Armee hat finden lassen [1]. Diese Männer sind in gewisser Weise resignative Realisten. Billy ist derjenige, der gegen diese Resignation immer wieder rebelliert, wenn auch auf denkbar opportunistischste Weise, denn wirklich riskieren will auch er möglichst wenig. Billy begehrt auf aus der Position dessen heraus, der die Institution, gegen die es aufzubegehren gälte, repräsentiert, während diese Institution ihm Sicherheit gibt. Eine paradoxe Position. Mulhall – der Billys Ideen zwar amüsiert, doch meist auch genervt zur Kenntnis nimmt – und Billy sind „Lebenslängliche“, sie sind Berufssoldaten, sie kennen die Grenzen ihrer Möglichkeiten, sie wissen sich „irgendwie“ durchzuschlawienern, bzw. auch, wann sie den Mund zu halten haben. In Larry Meadows sehen sie ein ungelebtes Leben, die ungenutzten Möglichkeiten, dem einfach acht Jahre genommen werden, wegen einer Lappalie. Meadows hatte nie eine Chance. Das wäre einmal ein wirklicher Grund, zu rebellieren, sich zu widersetzen. Und Billy und „Mule“ kommen sehr nah an den Punkt heran, an dem sie soweit wären, zu rebellieren. Meadows‘ Ausreißversuch bringt den Ablauf durcheinander und enthebt die beiden damit einer Entscheidung, was denen wahrscheinlich auch gelegen kommt. Sie fangen Meadows ein und Billy schlägt ihn zusammen, während Mulhall sich müht, den Wüterich zu beruhigen. Ob aus Enttäuschung, wie bei Billy, oder einem Unwohlsein dem eigenen Leben gegenüber, in dem Moment, wo Larry seine erste echte eigene Entscheidung trifft, sorgen gerade Billy und auch Mulhall dafür, daß die gültige Ordnung wieder hergestellt wird. Sie lassen sich die Realität nicht von Larry diktieren.

Diese „realistischen“ Männer bewegen sich durch eine extrem realistische Welt, in der das Amerika der Backstreets gezeigt wird – billige Absteigen, die Greyhoundstationen, das Gewusel auf Bahnhöfen, die sidewalks, Waschsalons, die Burgerbuden. Es ist ein schäbiges Amerika, abgerissen und heruntergekommen. Die Menschen, denen sie hier begegnen, scheinen ebenfalls resigniert zu haben in einer zusehends erodierenden Gesellschaft. Die deutet Ashby allerdings eher an, er läßt Kameramann Michael Chapmans Bilder für sich selber sprechen. Der Film ist offensichtlich ‚on location‘ gedreht, lebt von der Unmittelbarkeit der Schauplätze, atmet nahezu das Authentische, könnte als die Dokumentation einer alternativen Reiseroute auf den Spuren der sozialen Wirklichkeit durch Teile der USA begriffen werden. So erleben wir den Trip dieser Typen mit, ohne daß diese Anschauung von allzu viel Handlung beeinträchtigt würde. Und das funktioniert bei Hal Ashby, wie bei kaum einem anderen amerikanischen Filmemacher. Neben dem brillanten Michael Chapman (TAXI DRIVER/1975, RAGING BULL/1980, THE LOST BOYS/1987) an der Kamera stehen Ashby dabei mit allen seinen Schauspielern echte Könner zur Verfügung. Es gelingt ihnen, diese Typen äußerst glaubwürdig rüberzubringen, was viel zu der Authentizität des Films beiträgt. Jack Nicholson sollte vielleicht gesondert erwähnt werden, ist dies doch eine der besten Leistungen seiner Laufbahn; er hat gerade in früheren Jahren seiner Karriere viele seiner besten Darstellungen gezeigt, was ganz sicher auch an der Auswahl der Rollen lag. Dieser Jack Nicholson war durchaus am Leben „ganz gewöhnlicher Menschen“ interessiert und wusste diese neurotischen Männer, die er hier, mehrmals bei Bob Rafelson (FIVE EASY PIECES – 1973) oder auch schon in EASY RIDER (1969) spielte, mit einer Aura des Realen und eben einer der Unsicherheit auszustatten, was sie glaubwürdig, menschlich und wahrhaftig erscheinen läßt. Wie er diesen „Bad Ass“ mit Leben erfüllt, wie er ihm eine Quierligkeit verleiht, die den kleinen Mann komplett erfasst und von Kopf bis Fuß unter Spannung gesetzt zu haben scheint, wie er aber auch dessen Unsicherheit mit Blicken verdeutlicht, die im Gesamtgefüge der Einzelbilder nebensächlich sind und dennoch diesen Charakter mit einer Beiläufigkeit stark prägen, definieren und verdeutlichen, das zeigt schon, wie er damals in den Ruf eines außerordentlichen Schauspielers kam.

So entstand mit THE LAST DETAIL einer der Schlüsselfilme des New Hollywood, ein Roadmovie, das wie eine Momentaufnahme aus der Wirklichkeit eines Landes im Wandel wirkt, dabei aber auch mit manchmal grimmigem Humor, meist aber einem ruhigen Blick auf dieses Land, diese Protagonisten, diese Gesellschaft zwischen neonbeleuchteten Straßenzeilen und nächtlichen Hotelzimmern, zischenden Heizkörper und dem schmutzigen Schnee an den Straßenrändern, auf eine unbestimmte Art und Weise zu unterhalten weiß. Hal Ashby war der Hippie unter den Regisseuren des New Hollywood, wirklich weh tun wollte er keinem. Gewiß nicht seinen Figuren. Er hatte einen klaren Blick für die Möglichkeiten des Menschen – auf deren Pracht ebenso, wie auf die Fallhöhe des möglichen, wahrscheinlichen Scheiterns. Er verschloß nie die Augen vor der Wahrheit, davor, was in den meisten Fällen wirklich geschah, eben vor dem Scheitern. So sind seine Filme auch immer Vermessungen der Differenz zwischen dem, was gerade diese Generation zu diesem Zeitpunkt der Geschichte wollte und was sie verwirklichen konnte. Ashby vermisst die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit. Und die Größe und Tiefe dieser Kluft, die sich manchmal nur in der Dauer eines Blickes bemisst, ist zumeist erschreckend. Deshalb sind selbst Ashbys Komödien doch verkappte Dramen.

 

[1] Man kann an dieser Stelle wohl einmal erwähnen, daß auch die Filme und die Macher des New Hollywood – so gut sie es auch meinen mögen – oft, um Schwarze darzustellen, auch auf stereotype soziale Klischees zurückgriffen; es ist eben nicht nur Zufall, daß wir von den drei Männern im Film über Mulhall im Grunde am wenigstens erfahren, er in der Charakterisierung am – man möge es mir verzeihen – „blassesten“ bleibt.

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