DAS IST BEI UNS NICHT MÖGLICH/IT CAN`T HAPPEN HERE

Bereits 1935 fragte sich Sinclair Lewis: Ist das überall möglich? Und wenn, was hat man wissen können?

Freunde und Kenner der Vereinigten Staaten von Amerika haben seit Beginn des 20. Jahrhunderts gern und viel darüber disputiert, ob dieses Land – geboren als demokratischer Traum eines weißen Europas, aufgebaut in großem Unrecht und unter der versuchten Vernichtung zweier Rassen – je den Weg der altehrwürdigen Länder Europas in die Totalitarismen von links oder von rechts driften würde. Ist die amerikanische Gesellschaft anfällig für faschistische Strukturen? Die Angst vor einem kommunistischen Umsturz ließ Männer wie Edgar G. Hoover – dekadenlang der Chef des FBI – schlaflose Nächte erleben und zu äußerst fragwürdigen Methoden greifen, die in den 40er und 50er Jahren zur Herrschaft des Senators Joe McCarthy führten, in eine prae-faschistische Ära, in der Denunziation, Gesinnungs- und Sippenhaft plötzlich salonfähig wurden. Daß die USA möglicherweise immer eine prae-faschistische Gesellschaft waren, sind und sein werden, dieses Urteil stellten ihr viele Intellektuelle aus. Die Angst vor der linken, der kommunistischen Infiltration förderte zusehends faschistische Verhaltensweisen und -muster zu Tage.

Auch amerikanische Romanciers haben sich seit den 30er Jahren mit dieser politischen Möglichkeit beschäftigt. Bis heute kann man Werke finden – sei es jene von Robert Penn Warren, Robert Stone oder Philip Roth – die damit spielen. Eines, wenn nicht das erste dieser Werke, war Sinclair Lewis´ 1935 erschienener Roman IT CAN`T HAPPEN HERE, wie Warrens ALL THE KING`S MEN von 1946 entstanden unter dem Eindruck des Aufstiegs und Falles und der Machenschaften des Gouverneurs von Louisiana, Huey Long, der ein radikaler Populist war und für einige wenige Jahre eine Quasi-Diktatur in dem Südstaat errichten konnte, bevor er am 10. September 1935 Opfer eines Attentats in Baton Rouge wurde. Lewis spielt exemplarisch durch, wie es in den USA zu einer Machtergreifung durch einen unabhängigen, allerdings sich der demokratischen Partei anbiedernden Populisten kommt und welche Maßnahmen er ergreift, um seine Macht zu sichern und zu konsolidieren, zeigt dabei die Entwicklungen auf, die meist aus den (falschen) Versprechungen und offenen Lügen dieser Leute hervorgehen und erzählt ebenso exemplarisch vom Widerstand gegen ein solches Regime.

Der populistische Menschenfänger „Buzz“ Windrip kommt mit Hilfe seines ihm ergebenen Helfers Lee Saranson als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an die Macht. Er hat seinen Wählern die vollmundigsten Versprechungen gemacht: Arbeit, eine sofortige Auszahlung von fünftausend Dollar an jede Familie im Land, ein Zurückdrängen ausländischer Investitionen, Kontrolle über die Finanzmärkte und damit (indirekt) eine Feindschaft gegenüber jüdischen Mitbürgern, eine neue Segregation Farbiger und den Ausschluß schwarzer Menschen von Ämtern und unterschiedlichen Karrieren. Allerdings lässt er wenig Zweifel an seinen durchaus mit demokratischen und rechtsstaatlichen Vorstellungen nicht zu vereinbarenden Absichten. Kaum im Amt, greift Windrip die unabhängige Justiz an, beschränkt die Meinungsfreiheit, lässt Arbeitslager errichten, in denen die Arbeitslosen, die er größtenteils mit seinen ersten Maßnahmen selber ins Elend getrieben hat, zusammengezogen und für Hungerlöhne ausgenutzt werden und lässt seine Privatarmee, die sogenannten ‚Minute Men‘, recht schnell Konzentrationslager errichten, die dem Regime Mißliebige beheimaten sollen. Jene Wegbegleiter – vor allem enge politische Freunde und Verbündete und die Vertreter der verschiedenen Kirchen – die er zwingend für seinen Aufstieg brauchte, die ihm aber ob ihrer möglichen Unabhängigkeit nun auch gefährlich werden könnten, läßt Windrip schnell verschwinden, inhaftieren, heimlich erschießen, teils öffentlich hinrichten, immer unter abenteuerlich an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen und Vorwürfen. Und natürlich greift er die Presse an und schränkt deren Freiheit massiv ein, bis zur völligen Gleichschaltung. Dieser Schritt betrifft ganz besonders Doremus Jessup, Herausgeber einer kleinen, nicht ganz unbedeutenden Provinzpostille, der als liberaler Konservativer, vielleicht auch konservativer Liberaler, vage Roosevelts genereller Politik zuneigt, auch, wenn seine präferierten Kandidaten andere wären. Allerdings skizziert Lewis ihn als glühenden Verehrer des ‚New Deal‘.

Es ist die Sicht dieses Mannes und seiner Familie, aus der die Ereignisse und Entwicklungen geschildert werden. Das Aufbegehren, die langsam sich einschleichende Angst, auch die Arroganz und Ignoranz des sich intellektuell überlegen Fühlenden – geschickt verflicht Lewis politische, gesellschaftliche und psychologische Auswirkungen und lässt den Leser durchaus frösteln, gelingt es ihm doch, diesen mit jenem Stil, der der Weltliteratur einst BABBITT und ELMER GANTRY schenkte, durchaus lange in Sicherheit zu wähnen um ihn dann umso heftiger zu schockieren. Mit manchmal leicht flirrender Ironie, gelegentlich durchaus dick aufgetragenem Sarkasmus, kann man während der Lektüre durchaus lang der Meinung sein, es mit einem Lehrstück zu tun zu haben, das letztlich begreift, die Wirklichkeit nicht abbilden zu können und sich also mit als Farce begnügt. Dafür spricht – und das ist vielleicht die eine große Schwäche des Buches – , daß es Lewis sich nie angelegentlich sein lässt, dem Leser die technischen Details dieser „Machtergreifung“ näher zu erläutern. Wie die stümperhafte Amtsführung des aktuellen Präsidenten Trump beweist, ist es eben nicht gar so leicht, die amerikanischen ‚checks and balances‘ – ein wesentlicher Teil der demokratischen Kontrolle des Landes – auszuhebeln oder zu umgehen. Auch nicht per Dekret etc. Doch im letzten Drittel zieht Lewis die dramaturgischen Schrauben dann merklich an, erzeugt enorme Spannung und Emphase mit den Schicksalen der von ihm beschriebenen Menschen. Lewis schreckt aber auch vor Grausamkeiten und der Beschreibung von Gräueltaten nicht zurück und wirft damit einen ernsthaften und vor allem ehrlichen Blick auf Willkür und Gewalt, die alle autoritären Regime zwangsläufig mit sich bringen. Es gelingen ihm an einigen Stellen Szenarien solch fürchterlicher Eindringlichkeit, wie es wahrhaft nur wenigen Literaten gelungen ist, die nicht selber Opfer von Folter und Qual geworden sind und sich auf die Kraft ihrer Imagination verlassen mussten.

Als europäischer Rezipient, der mit einem breiten Strom von Literatur aufwuchs und vertraut ist, die sich mit der deutschen und der europäischen Geschichte auseinandersetzt, als Erbe einer Geschichte, die enorme Verantwortung mit sich bringt und auch als Bewohner eines Landes, daß zwar einerseits demokratisch gefestigt, andererseits aber doch immer wieder den Lockungen des Totalitären, den vermeintlich einfachen Lösungen zu erliegen scheint, als Leser und Teilnehmer eines schon lange, mittlerweile nahezu 50 Jahre andauernden Diskurses aus Erfahrungsberichten und Augenzeugenbeschreibungen dessen, was auf den Straßen Deutschlands nach dem Januar 1933, auf den Schlachtfeldern Europas ab 1939 und natürlich in den Lagern der Nazis schon ab den frühen Jahren und sich dann zu einem Vernichtungsfuror steigernd in den gesamten zwölf Jahren, die das 3. Reich schließlich dauern sollte, geschah, steht man einer fiktionalen Beschreibung einer solchen Entwicklung grundlegend skeptisch gegenüber und meint es im Zweifelsfall besser zu wissen, als der Autor es wissen konnte, in seiner Zeit. Welch vermessener Standpunkt. Sinclair Lewis, verheiratet mit der Journalistin Dorothy Thompson, die lange in Deutschland gelebt hatte und die Entwicklung des Landes genau beobachtete, kannte Europa, gerade auch Deutschland, und hatte als Reisender selber Erfahrungen mit den europäischen Totalitarismen gemacht. So ist es vor allem die beklemmende Atmosphäre, die im Hause Jessup  Einzug hält, die die Menschen umfängt und sie nach und nach zu lähmen scheint, die Lewis brillant zu erspüren und vermitteln vermag. Das Gefühl lähmender Angst, die Aussichtslosigkeit und die immer drohende Willkür nach der Verkehrung der herrschenden Verhältnisse kann man ununterbrochen nachempfinden.

Uns Heutige lässt natürlich  das erste Drittel des Romans – eben wegen des Aufstiegs eines Mannes wie Trump – erschauern. Unheimlich, wie exakt Lewis zu antizipieren vermag, was es braucht und welcher Typus es ist, der sich in den USA auf einen solchen Weg macht. Es ist alles da: Mit Windrip ein Typ, der sich dem vermeintlich „kleinen Mann“ als seinesgleichen anbiedern kann, dabei aber eine maximale Distanz zu eben diesen „kleinen Leuten“ einnimmt; die rüde Sprache, die Lügen und Halbwahrheiten, die leeren und bei genauerem Hinsehen so offensichtlich falschen Versprechungen; mit Lee Saranson sogar ein Kerl wie Steve Bannon, jener gern als der Leibhaftige selbst gezeichnete Einflüsterer, den Trump nach den rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville zu feuern sich bemüßigt sah; auch die latente Gewalt, mit der Trump auf seinen Wahlkampfveranstaltungen regelmäßig flirtete, versteht Sinclair Lewis und weiß sie in sein Szenario einzubauen. Natürlich verdichtet sich  dies alles zu einer beunruhigenden Dystopie und zu einer Warnung an seine Zeitgenossen, daß auch sie nicht vor den Einflüsterungen der falschen Propheten gefeit seien. Desweiteren zeigt er deutlich auf, daß sich solche Entwicklungen – scheinbar kontrollierbare Kräfte – oftmals Dynamiken entwickeln, die keineswegs mehr zu beherrschen, nicht einmal mehr  einzudämmen sind. Aber wenn es soweit ist, ist die Katastrophe meist schon eingetreten.

Daß Lewis als Vorbild dafür die europäischen faschistischen Bewegungen hernimmt, liegt auf der Hand. Es entspricht seinem literarischen Genie, ein originär wirkendes amerikanisches Szenario zu entwerfen, das aber dennoch realistisch überzeugt. Und natürlich ist es sein Gespür für Figuren und Spannungsaufbau und die dramaturgische Finesse, die den Leser auf den gut 430 Seiten fesseln und den psychologisch ausgefeilten Figuren und ihren Entwicklungen folgen lassen will. Lewis erlaubt sich durchaus seine Späßchen, wenn er mit Doremus als einen durchaus arrogant und snobistisch erscheinenden Mann entwickelt, der in einer ganzen Reihe von dialektischen Verhältnissen steht und bestehen muß: Da ergibt sich eines mit seiner Frau Emma und seiner Geliebten, sie zugleich Emmas Freundin ist, ein weiteres mit seinen Kindern, die männlicherseits dem Regime zuneigen, weiblicherseits selbiges ablehnen, ein weiteres zwischen ihm, einem befreundeten Kommunisten und diversen, Theorien und Thesen darreichenden Herren in Klubs und Zirkeln, woraus sich ein Kosmos politischer Ideologien und Theorien ergibt, in welchem Doremus (und somit Lewis) den eigenen Standpunkt nicht nur zunächst finden und verdeutlichen kann, sondern auch verlieren und neu definieren muß. Schließlich und endlich verstrickt Lewis seinen Helden in ein wahres Herr-Knecht-Verhältnis mit seinem früheren Hausfaktotum Shad Ledue, dem gegenüber Doremus sich in einer Art Pygmalion-Rolle begreift, will er in diesem doch aus einer Kreatur einen Menschen formen, einen Bürger mit Manieren, Bildung und Art und merkt nicht, daß dies kein liberaler Dienst an der Allgemeinheit, sondern lediglich ein höchst privater Scherz auf Kosten eines in jeder Hinsicht vom Schicksal Gebeutelten ist. Es wird sich bitter rächen, wenn sich die Bedingungen ändern, unter denen man „Herr“ und „Knecht“ begreift und darstellt. Lewis gelingt in der zugegeben manchmal holzschnittartigen Darstellung gerade dieses Verhältnisses ein erstaunlich  genaues Psychogramm dessen, was den faschistoiden Charakter ausmacht, aber auch, was ihn verführerisch und – literarisch – anziehend macht.

IT CAN`T HAPPEN HERE ist ein aufrüttelndes Werk und zugleich beängstigend in seiner immerhin 82 Jahre zurückliegenden Veröffentlichung, bedenkt man, wie genau Sinclair Lewis dem Leser die gesellschaftliche Entwicklung vor Augen führt, die heute teilweise zu beobachten ist. Vor allem aber ist es ein durchaus immer noch  bedenkenswerter Beitrag zu der Frage, ob eine der ältesten Demokratien der Neuzeit vor diktatorischen Anwandlungen gefeit ist. Und es ist ein spannendes Buch, ein Politthriller würde man heute sagen. So lohnt die Lektüre auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Eine große Wiederentdeckung, passend zu den aktuellen Zeitläuften.

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