WERWOLF VON TARKER MILLS/SILVER BULLET

Die prototypische Verfilmung eiens Stephen-King-Stoffes aus den 80ern

Tarker Mills ist ein verschlafenes Nest in Maine. Die Menschen hier kennen und schätzen sich. Samstags gibt es Barbecue, sonntags geht man in die Kirche und ansonsten trifft man sich abends auf einen Drink im Pub.

Hier lebt auch Marty Croslaw (Corey Haim), ein querschnittsgelähmter Junge, mit seiner Familie. Er kabbelt sich gern mit seiner Schwester Jane (Megan Follows), die es hasst, auf ihren jüngeren Bruder aufpassen zu müssen. Martys Onkel Red (Gary Busey), ein Trinker, der in der Familie nicht sonderlich gut gelitten ist, bastelt für Marty einen besonders schnittigen Rollstuhl, der den Jungen benzinbetrieben über die Straßen der Stadt bringt und den er Silver Bullet nennt.

In einem Sommer beginnt urplötzlich eine Mordserie die Stadt zu erschüttern. Offenbar immer um den Vollmond herum, erwischt es unterschiedslos Frauen, Kinder oder Männer. Sheriff Haller (Terry O´Quinn) ist ratlos.

Als es Martys Freund Brady (Joe Wright) erwischt und sein Vater kaum mehr in seinem Schmerz und Zorn zu bändigen ist, beschließen einige Bürger der Stadt unter der Anleitung von Andy Fairton (Bill Smitrovich), auf eigene Faust nach dem Mörder zu suchen, Weder der Sheriff noch Reverend Lowe (Everett McGill) können sie davon abhalten.

Doch der Ausflug in die Wälder rund um die Stadt endet gleich für vier aus dem Mob tödlich. Darunter ist auch der Besitzer des örtlichen Pubs, der mit einem Baseballschläger bewaffnet unterwegs war.

Während Marty, der von einer Schulfreundin auf seltsame Geräusche aufmerksam gemacht wird, die sie nachts gehört haben will, schoin früh beginnt, einen Werwolf – also etwas Übernatürliches – hinter den Morden zu vermuten, wird Reverend Lowe nachts von fürchterlichen Albträumen heimgesucht, in denen sich seine gesamte Gemeinde in Wölfe verwandelt.

Die Stadt wirkt wie gelähmt. Eine Ausgangssperre wird erlassen und das jährlich Anfang Oktober stattfindende Feuerwerk abgesagt. Gerade darauf hatte Marty sich sehr gefreut. So schenkt ihm Onkel Red, als er Marty dessen neuen, verbesserten Rollstuhl übergibt, gleich auch noch einige Raketen und Feuerwerkskörper, damit der Junge nachts sein eigenes Spektakel abfackeln kann.

Marty fährt auf eine Brücke in den Wäldern und lässt einige der Raketen steigen, bemerkt aber bald, daß er nicht alleine ist. Mit einem tiefen Grollen zeigt sich ihm der Werwolf und greift ihn an. Marty gelingt es, dem Ungeheuer eine Rakte direkt ins Auge zu schießen, dann kann er fliehen.

Anderntags erzählt er Jane und Onkel Red von seinem Erlebnis. Red glaubt ihm nicht, Jane kennt die Hirngespinste ihres Bruders, zeigt sich seiner Geschichte gegenüber jedoch aufgeschlossener. Sie will nachmittags eine Leergutsammlung durchführen, die einem guten Zweck dienen soll. Bei ihrem Rundgang durch die Stadt achtet sie darauf, ob es irgendwen gibt, dem plötzlich ein Auge fehlt.

Schließlich bringt sie ihre Dosen und Flaschen zu Reverend Lowe, der das Leergut sammelt. Der zeigt sich verhalten und bittet sie, alles in der Garage zu verstauen. Als Jane die Garage betritt und von einer Ratte überrascht wird, fällt sie in einen Dosenhaufen, aus dem der Baseballschläger des Bar-Besitzers hervorragt. Während sie ihren Fund noch begutachtet, steht plötzlich Reverend Lowe hinter ihr – mit einer Augenklappe. Jane gelingt es gerade noch, zu entkommen. Der Reverend ruft ihr hinterher, sie solle Marty grüßen.

Um den Reverend von weiteren Schandtaten abzuhalten, will Marty ihn erpressen. Er solle sich selbst umbringen, anstatt friedliche Menschen zu töten, schreibt er ihm in einem zusammengeklebten Drohbrief.

Der Reverend ahnt bald, wer ihm die Briefe schreibt. Eines nachmittags entdeckt er Marty am Zaun des Baseballfeldes, wo dessen Freunde spielen. Marty will nachhause fahren, der Reverend verfolgt ihn. Es kommt zu einer Jagd Auto gegen Rollstuhl, bei der sich Marty schließlich auf einer überdachten brücke Zuflucht sucht. Der Reverend nähert sich ihm und macht ganz klar, daß er der Werwolf ist. Er wolle das nicht, aber umbringen könne er sich auch nicht, da dies sein christlicher Glaube nicht zulässt. Er will Marty etwas antun, als ein Farmer auftaucht und die Szene stört. Der Reverend flieht, Marty ist für den Moment gerettet.

Erneut vertrauen sich Marty und Jane Onkel Red an, der nach wie vor nichts von Werwölfen hören will und die Idee mit den Drohbriefen für eine sehr schlechte hält. Erst als er die Spuren der Verfolgungsjagd an Martys Rollstuhl sieht, beginnt er, die Geschichte zumindest im Ansatz zu glauben. Erst recht, da Jane darauf beharrt, den Baseballschläger des Wirts in der Garage des Reverends gefunden zu haben.

So geht Red schließlich zu Sheriff Haller und erzählt ihm die Geschichte, allerdings lässt er den übernatürlichen Aspekt lieber weg, bzw. deutet diesen lediglich an. Haller hält das ganze für Fantasterei, dennoch geht er abends nach Dienstschluß beim Reverend vorbei und will diesen zur Rede stellen. Als er ihn nicht antrifft, untersucht er die Garage und entdeckt am Wagen des Geistlichen Lackspuren von Martys Rollstuhl. Als Haller den Rest der Garage untersuchen will, steht plötzlich Reverend Lowe vor ihm. Haller will ihn verhaften, als der Reverend sich langsam in einen Werwolf verwandelt. Dann erschlägt das Untier den Sheriff mit den Resten des Baseballschlägers, den schon Jane hier gefunden hatte.

Marty und Jane bitten Red erneut, ihnen zu helfen. Marty fürchtet um sein Leben, sobald es erneut Vollmond wird. Red ist bereit, die Bitte der Kinder zu erfüllen, aus ihren Halsketten eine silberne Kugel gießen zu lassen.

Red denkt sich einen Trick aus, um Martys Eltern für ein Wochenende aus der Stadt zu bekommen. SO kann er offiziell auf die Kinder aufpassen. Und sehen, ob etwas passiert. Er glaubt aber weiterhin nicht an einen Werwolf.

Mitten in der Nacht – Marty, Jane und Red sind allesamt vor dem Fernseher eingeschlafen – dringt der Werwolf ins Haus ein. Red liefert sich eine wüste Prügelei mit dem Monstrum, während Marty verzweifelt versucht, die silberne Kugel, die beim ersten Angriff des Tiers aus Reds Hand geflogen ist, wieder in die Pistole zu stecken. Schließlich gelingt es ihm und er erschießt den Werwolf, der sich im Sterben zurück in Reverend Lowe verwandelt. Nun muß auch Red einsehen, daß Marty mit seiner Geschichte recht hatte.

 

Der schlechte Ruf, der den Verfilmungen der Werke von Stephen King vorauseilt, ist vor allem auf jene Adaptionen zurückzuführen, die in den 80er Jahren, teils in den frühen 90ern entstanden sind. Daniel Attias´ SILVER BULLET (1985) könnte man getrost als Prototypen dieser so gern verfemten Filme betrachten. Und das, obwohl der Meister selbst das Drehbuch verfasst hatte.

Ursprünglich war CYCLE OF THE WEREWOLF als Kalendergeschichte konzipiert, unterstützt durch Zeichnungen von Bernie Wrightson. Diese verarbeitete King dann zu einem Originaldrehbuch. Gerade im frühen Stadium seiner Karriere konnte man bei King den Eindruck gewinnen, er handelte nahezu systematisch die Stationen des Horror- und Science-Fiction-Genres in Film und Literatur ab. Vampire in SALEM´S LOT (Buch 1975/Serie 1979), das Geisterhaus in SHINING (Buch 1977/Film 1980), immer wieder Telekinese (CARRIE, 1974/76; FIRESTARTER, 1980/84), Monster (CUJO, 1981/83) oder Zombies (CREEPSHOW, 1982 – hier schrieb King das Originaldrehbuch). SILVER BULLET, der Titel lässt es erahnen, beschäftigt sich mit dem Werwolf-Motiv.

Die Story hat wenig Wendungen, dafür aber eine Menge Action. Der eigentliche Kniff besteht darin, daß sich schließlich der lokale Geistliche, Reverend Lowe, als Werwolf entpuppt, der nach und nach die Einwohner der Kleinstadt Tarker Mills dezimiert. King-typisch ist es ein Kind, bzw. ein Jugendlicher, Marty, der der Sache nachgeht und den übernatürlichen Aspekt als erster begreift. Natürlich glaubt ihm niemand. Und natürlich ist der Junge, der in einem Rollstuhl sitzt, ein Außenseiter, der sich meist mit seiner Schwester Jane kabbelt. Die wird im Film mit einem Voice-Over als Ich-Erzählerin eingeführt, obwohl sich die Handlung in großen Teilen auf Marty fokussiert. Ebenfalls typisch für King ist, seine Geschichte in einer amerikanischen Kleinstadt anzulegen, was ihm (und hier dem Film) die Möglichkeit bietet, eine Menge Americana einzubauen.

Mit dem Abstand von 30, 40 Jahren merkt man bei erneuter Betrachtung vieler dieser Filme, daß sie als Horrorfilme meist nicht funktionieren, daß sie dafür aber herrliche Fundgruben des Americana sind. Am stärksten sind sie nämlich genau in der Darstellung dieser Kleinstadtkultur und derer besonderen Merkmalen. So auch hier. Der Gottesdienst am Sonntag, das Diner, der Pub, wo sich die Stadtbevölkerung trifft, die Wagen, das Feuerwerk, das Barbecue am Samstagnachmittag etc. – all das sind auch in SILVER BULLET wesentliche Bestandteile. Allerdings hatte man all das in anderen King-Verfilmungen auch schon besser gesehen. Und vielleicht taugt SILVER BULLET gerade deshalb so gut als Anschauungsmaterial, weil hier so prototypisch vorgeführt wird, wie man es eben nicht machen sollte.

Als Horrorfilm funktioniert der Film nahezu überhaupt nicht. Viel zu früh wird uns das Monster präsentiert, das wenig überzeugend ist. Auch die Verwandlungen hat man in Filmen wie THE HOWLING (1981) oder AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON (1981) weitaus besser und packender gesehen. Die Schockeffekte sind zwar blutig, mit gelegentlichem Splatter-Faktor, aber zu offensichtlich so angelegt, den Zuschauer zu ekeln. Wirkliche Spannung kommt nicht einmal in den Szenen auf, in denen die Helden direkt vom Werwolf bedroht werden und das Ganze wirkt so oder so wie eine reine Aneinanderreihung von Episoden, ohne wirklichen Zusammenhang. Zudem machen nahezu alle Protagonisten die auch sonst in Horrorfilmen so typischen Fehler, die jeder Logik spotten. So fährt Marty bspw. – trotz der allgemein bekannten Gefährdung – nachts allein in den Wald, um ein Feuerwerk abzufackeln. Es sind genau dies die Fehler, die Wes Craven mit SCREAM (1996) so genüsslich aufs Korn nahm und persiflierte. Ein Film wie SILVER BULLET kommt aber ohne solche Logikfehler gar nicht aus, weil er seine Figuren sonst nie in die dramaturgisch richtige Position verfrachten könnte.

Leider funktioniert aber auch das Americana hier nur bedingt. Das mag daran liegen, daß Vieles zu klischeehaft ist – leider auch nahezu alle Figuren, obwohl sie vergleichsweise gut gespielt sind – , anderes nicht wirklich ausgespielt wird. Am besten funktioniert die Story, wie allerdings häufig bei King, dort, wo es um ganz alltägliche Dinge geht. So bastelt Onkel Red, den Gary Busey, sonst Bösewicht von Dienst, ausnahmsweise mal als Sympath spielen darf, Marty einen benzinbetriebenen Rollstuhl, den titelgebenden Silver Bullet, was natürlich in Anbetracht der Story doppeldeutig zu verstehen ist. Denn silberne Kugeln sind ja bekanntlich das wirksamste Mittel gegen Werwölfe – und so ist es schließlich auch hier. Martys Ausfahrten mit seinem neuen Gefährt sind nachvollziehbare Momente der Freiheit für einen Jungen, der ansonsten von den Dingen ausgeschlossen ist, die Jungs in seinem Alter so tun. Baseballl spielen, beispielsweise.

Leider fällt dem Drehbuchautoren Stephen King zu all dem aber nicht wirklich etwas Originelles ein. Anders als dem Schriftsteller Stephen King, der eine seiner Stärken darin besitzt, brillante Dialoge zu schreiben, hat der Drehbuchautor keine wirklichen Ideen, wenn sich zum Beispiel Marty und seine Schwester bemühen, Onkel Red davon zu überzeugen, daß man es mit etwas Übernatürlichen zu tun hat. Gerade vom coolen Onkel Red hätte man sich da etwas mehr Fantasie erwartet. So aber haben wir es mit einem Nullachtfünfzehn-Dialog zu tun, bei dem Onkelchen den Kindern verklickert, sie hätten schlecht geträumt u.ä. Typisches Horrorfilm-Gelaber von der Stange.

Interessant ist, daß King schon in solch einer frühen Phase seiner Karriere von Lynchmobs und der Staatsmacht entgleitender Gewalt erzählt. Was in späteren Werken virulent wurde, ist hier noch eher ein Anlass, gleich vier Morde des Werwolfs vergleichsweise witzelnd darzustellen, wenn er den Mob, der sich im Pub gebildet hat und gegen die Anordnung des Sheriffs auf eigene Faust loszieht, um den Mörder zu fassen, als einen Haufen von Feiglingen und Dilettanten darstellt, der Mann für Mann dezimiert wird. Nach dieser Erfahrung spielt dieser Aspekt in der Handlung aber keine Rolle mehr. Das ist ein weiteres Problem des Films: Zu viele Stränge und angedeutete Entwicklungen werden einfach fallengelassen. Zu viele Figuren bleiben blass oder sind derart unsympathisch, daß uns ihr Schicksal eh egal ist.

So ist und bleibt SILVER BULLET ein Beispiel dafür, wie einzelne gelungene Szenen und viel Leerlauf nie zusammenkommen und aus der Summe der Einzelteile nie etwas Ganzes entsteht. Eine Geisterbahn, die dem Zuschauer geboten wird, ohne wirklich je überzeugen zu können. Daß es sowohl Buch als auch Regie durchaus besser könnten, beweist dann solch ein Moment wie jener, in der Martys Schwester in der Garage des Reverends ihr für einen guten Zweck gesammeltes Leergut deponieren will und dabei Beweise findet, daß es sich bei dem Mann Gottes um das Monster handelt. Ohne viel Gerede, ohne Gewalt oder übertriebene Effekte, findet der Film hier einmal zu sich selbst. Kamera und vor allem die Lichtgestaltung lassen einen Moment wirklicher Spannung entstehen, der beunruhigt und uns um das Leben des Mädchens bangen lassen. Doch leider ist das letztlich viel zu wenig für einen gelungenen Horrorfilm.

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