AMERICAN WAR

Omar El Akkad bietet eine wahrlich verstörende Dystopie eines neuerlich im Bürgerkrieg versinkenden Amerikas

Hass gebiert Hass, Gewalt gebiert Gewalt. Ein endloser, ewiger Kreislauf. Und eine Binsenweisheit, wenn man so will. Allerdings eine, an die man sich immer wieder erinnern sollte, eine, an die Literatur, Film, das Theater, die Künste generell immer wieder erinnern sollten.

Als Omar El Akkads Roman AMERICAN WAR 2017 erschien, wirkte er wie das Buch zur Stunde – aktuell, prophetisch und voller düsterer Prognosen für die Zukunft eines Landes, das sich mit der Wahl von Donald Trump endgültig in zwei nahezu verfeindeter Lager gespalten zu haben schien. Nun, fast zwei Jahre später und um einiges an Erfahrungen mit diesem Präsidenten, aber auch mit weiteren Massakern, Gewalt und Drohungen von einander verhassten Gruppen und unversöhnlichen Streitereien reicher, scheint es von seiner Aktualität nichts verloren zu haben.

Der in Ägypten geborene und in Kanada aufgewachsene Autor El Akkad, der heute in den USA lebt und als Journalist einige Kriegsgebiete besucht hat, aber ebenso die Schauplätze dessen, was viele längst als „unerklärten Bürgerkrieg“ innerhalb der USA bezeichnen, hat mit AMERICAN WAR sein Romandebut vorgelegt und entwirft darin ein fürchterliches, leider aber auch realistisches, nur  allzu denkbares Zukunftsszenario davon, wohin die Vereinigten Staaten von Amerika in den kommenden Jahrzehnten driften könnten. Aus der Rückschau von Benjamin Chestnut, der als alter Mann vom Beginn des 22. Jahrhunderts auf die Ereignisse des späten 21. Jahrhunderts zurückblickt, wird die Familiengeschichte der Chestnuts, vor allem die von Sarat Chestnut, erzählt, eingebettet in die dramatischen Jahre des zweiten amerikanischen Bürgerkriegs.

Der Klimawandel hat zur Mitte des 21. Jahrhunderts seinen Tribut gefordert, weite Teile der Welt, also auch der USA, liegen unter Wasser, Städte wie Savannah oder New Orleans sind versunken, sind nur noch vage Erinnerungen, fast Legenden. Die Hauptstadt der einstmals Vereinigten Staaten wurde nach Columbus, Ohio, verlegt, da auch Washington D.C. längst den Wassermassen anheim gefallen ist. Der Südwesten der USA ist nach ausdauernden Kämpfen mit Mexiko ein Protektorat des Nachbarn. Der Süden, zersplittert in einige Kernstaaten und einen Gürtel von Mischstaaten, hat in Folge der technischen Wandlungen – es gibt kaum mehr Benzinautos oder atombetriebene Energie, Solarzellen und alternativer Brennstoff haben längst herkömmliche Quellen ersetzt – und den damit einhergehenden Wandlungen der amerikanischen Lebensart, erneut seine Unabhängigkeit erklärt und es herrscht ein schließlich zwanzig Jahre währender Bürgerkrieg zwischen dem Norden, den Blauen, und dem Süden, den Roten. Als dieser im Jahr 2095 zu einem halbwegs friedlichen Ende zu kommen scheint, wird während der Wiedervereinigungsfeiern ein fürchterlicher Virus freigesetzt, der die USA auf weitere 10 Jahre nahezu unbewohnbar macht.

Die Chestnuts, die außerhalb der eigentlichen Südstaaten in den ehemaligen Sumpfgebieten von Louisiana leben und hier ein mageres Auskommen haben, werden nach dem gewaltsamen Tod des Vaters Benjamin, nach welchem der Ich-Erzähler benannt wurde, der allerdings aus der Kernerzählung nahezu herausfällt, da sie lange vor seiner Geburt statt gefunden hat und die er nur aus Aufzeichnungen seiner Tante Sarat kennt, in ein Flüchtlingslager im Norden des Staates vertrieben. Dieses Camp Patience wird für sie auf Jahre hinaus eine neue Heimstatt und hier trifft die ernsthafte Sarat auf Mr. Gaines, einen Nordstaatler, der sich der Sache des Südens verschrieben hat und als Werber fungiert. Er wirbt junge Männer und Frauen an, die dem Elend des Camps entkommen wollen und nötigenfalls bereit sind, ihr Leben zu opfern, um dem Norden Schaden zuzufügen. Gaines lehrt Sarat alles mögliche Nützliche, vor allem die Geschichte des Landes, Geographie und politische Lehren, vor allem aber lehrt er sie den Hass, den es braucht, um gegen das eigene Volk Krieg zu führen. Als Camp Patience einer Vergeltungsmaßnahme zum Opfer fällt und nahezu alle Insassen durch Einheiten des Nordens massakriert werden, wird aus Sarat, die sich und ihre Schwester Dana in Sicherheit bringen konnte, eine unversöhnliche Kriegerin des Südens. Zumindest nehmen das die Menschen des Südens an, für die sie aufgrund ihrer waghalsigen Aktionen zu einer Heldin mutiert. Sarat selbst wird aber vor allem von Rachsucht und Hass getrieben. Erst nach Jahrzehnten des Kampfes – der Krieg neigt sich seinem Ende entgegen – und langen Jahren in der Gefangenschaft des Nordens, wo sie Folter und Demütigungen zu erleiden hatte, findet sie etwas Ruhe im Haus ihres wie durch ein Wunder dem Massaker entkommenen Bruders. Doch auch dieser Frieden soll – oder kann? – nicht von Dauer sein, solange es noch immer einen letzten Funken Hass gibt. Und so macht Sarat sich auf, ihre letzten Dinge zu regeln.

Mit erzählerischem Tempo, Spannung und eindringlichen Bildern zeichnet El Akkad das Bild eines zerrütteten Landes, das nicht mehr zu sich findet, keine Einheit mehr herstellen kann. Zur historischen Einordnung schiebt er zwischen einzelnen Kapiteln fiktive Dokumente ein, die von den politischen Entwicklungen während des Bürgerkriegs erzählen und die erstaunliche Parallelen aufweisen zu den Entwicklungen sowohl des ersten, also historisch verbürgten amerikanischen Bürgerkriegs 1861 bis 1865, als auch deutliche Hin- und Verweise auf die aktuelle politische Lage im Land. Stilistisch an Walker Percy, Stephen King und den frühen Robert Stone angelehnt, mit Einsprengseln von Mark Twain, Edgar Allan Poe und anderen Klassikern des amerikanischen Literatur-Kanons, gelingt El Akkad zunächst einmal ein bedrückendes und dennoch spannend, also unterhaltsam, zu lesendes Buch, das souverän sein historisches Panorama ausbreitet. Nur selten mag man ihm in seiner Analyse nicht ganz folgen, denkt hin und wieder, daß die Entwicklungen vielleicht doch etwas anders hätten verlaufen könnten, vor allem was die angedeuteten Verhältnisse in Europa und im Nahen Osten betrifft. Doch das Psychogramm einer Gesellschaft unter Hochspannung, gewaltaffin und alttestamentarisch unversöhnlich, gelingt ihm außerordentlich gut. Auch seine gelegentlichen popkulturellen Verweise – so lässt er den Bus, in dem die Chestnuts aus ihrer Heimat fliehen, von einem Wagen überholen, der eindeutig auf den Protagonisten eines anderen apokalyptischen Szenarios hinweist: Snake Plissken, den von Kurt Russell in John Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK (1981) gegebenen Outlaw – sind stimmig, da sie ein Land symbolisieren, in dem Fakten und Fiktion lange schon ineinander fließen. Komplizierter, ambivalenter und uneindeutiger allerdings ist die Binnengeschichte um die Familie Chestnut selbst.

In Ermangelung auch nur eines einzigen Protagonisten aus dem Norden, hat man es mit einem verzerrten, dysfunktionalen, geradezu bizarr ver-rückten Familienepos aus dem Süden zu tun, wie es derer etliche gibt. Seien es die Werke von William Faulkner, sei es Margaret Mitchells GONE WITH THE WIND, seien es die schwülen Dramen eines Tennessee Williams oder aber die Romane von Julian Greene oder eben Walker Percy – der Süden als Ort, als Lebensweise, als Zustand, ja als Geisteshaltung, ist oft und eindringlich beschrieben und besungen worden. Ganz generell gelingen El Akkad hervorragende Beschreibungen des Lebens im Süden nach der Klimakatastrophe und mitten in einem an die ökonomische Substanz gehenden Krieg. Viele seiner Ideen sind nachvollziehbar und evozieren doch Bilder der Apokalypse. Die „Vögel“, die unkontrolliert tödliche Last abwerfen, sind solch ein Einfall: Drohnen, die, seit die Rebellen das Kontrollzentrum im Westen zerstört haben, ohne Steuerung von außen durch den Himmel kreisen und unvermittelt und unberechenbar ihre Bombenfracht mal hier, mal dort niedergehen lassen. Ebenso eindringlich werden dem Leser all die Verbrechen und Mißhandlungen beschrieben, denen die Chestnuts – stellvertretend für den „geschundenen Süden“ – ausgesetzt sind. Auch das Leben im Flüchtlingslager beschreibt El Akkad realistisch  und nachvollziehbar, was nicht zuletzt seinen Erfahrungen und Beobachtungen als Journalist geschuldet sein dürfte. Mangel an Mitmenschlichkeit, Zynismus, Hass und Elend machen Menschen selten zu Edlen, eher fördern sie Mißtrauen und Mißgunst. Auch das wird in El Akkads Erzählung greifbar. Problematisch ist eher, daß in all dem selten bis nie ein Gegengewicht zu all dem Hass, den eine Figur wie Gaines, der dennoch altväterlich bis charmant geschildert wird, schürt, geboten wird. So bleibt dem Leser nicht viel anderes übrig, als sich mit Sarat zu identifizieren. Erst spät taucht eine Krankenschwester auf, die zumindest gedanklich den Krieg verachtet, ihn für fürchterlich und zerstörerisch hält und doch in den Auseinandersetzungen mit der älteren Sarat, die in ihrem Zorn fast wie eine Heilige wirkt, keinen Stich hat.

So bleibt die Geschichte auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, will man El Akkad nicht unterstellen, daß seine Sympathien offen auf der Seite des Südens und dessen Vorurteilen, Anfeindungen und seinem Hass liegen. Allerdings werden einige der Taten, die Sarat begeht, am Ende des Buches vom Ich-Erzähler zumindest in Frage gestellt. So bleibt bei aller kunstvollen Konstruktion, all den glaubwürdigen und lebensnahen Figuren doch ein Nachgeschmack, der nicht weichen will. Sicher, was El Akkad beschreibt, ist das Grauen eines im Bürgerkrieg befindlichen Landes, wie es sie auch heute einige gibt. Doch zugleich ist es eben Science-Fiction und steht als solche zwar durchaus in der dystopischen Tradition dieser Gattung, aber oft ist es eben auch spannende Unterhaltung, die ihr – vermeintliches – Ziel ein wenig aus den Augen verliert. Doch sollte AMERICAN WAR uns allen so oder so eine Warnung sein: Was so alltäglich und vertraut erscheint, kann sich jederzeit und mit nur kurzem Vorlauf für immer wandeln, schlimmstenfalls in die Hölle auf Erden. Der Mensch sollte schleunigst beginnen, sich und seine Motive zu hinterfragen, will er die sowieso in Aussicht stehende Katastrophe nicht noch forcieren.

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