DIE LACHENDEN UNGEHEUER/THE LAUGHING MONSTERS

Afrika - einmal mehr Projektionsfläche weißer, männlicher Abenteuerlust und Freiheitsphantasien...

Denis Johnson führt seine Leser in seinem neuesten Roman THE LAUGHING MONSTERS (dt.: DIE LACHENDEN UNGEHEUER) ins tiefste Afrika, in den Kongo, dorthin, wo einer der Zentraltexte des 20. Jahrhunderts das HERZ DER FINSTERNIS verortete – in Gestalt eines verrückt gewordenen, dem Größenwahn verfallenen Kolonialbeamten namens Kurtz. Um die Fallhöhe gleich zu negieren: Unter der Latte, die ein Werk wie Conrads legt, marschiert Johnson problemlos drunter weg.

Johnson berichtet von dem Weißen Roland Nair, der für die NATO arbeitet, eine Frau hat namens Tina, die in Amsterdam lebt und der Roland regelmäßig mailt, während er seinen alten Kumpel Michael trifft, der ihn nach Freetown in Sierra Leone eingeladen hat. Roland und Michael haben Jahre zuvor offenbar ein großes Vermögen in Liberia gemacht – „Diamanten“, so raunt uns der Roman an einer Stelle zu und wer ein wenig über den Diamantenabbau und –handel in den schwarzafrikanischen Ländern Bescheid weiß, der weiß, daß diese Andeutung genügt, damit der Leser versteht, daß wir es nicht gerade mit netten Leuten zu tun haben. Nun aber geht es um ganz anderes. Michael neigt dazu, niemandem zuviel seiner Pläne zu verraten, und so kommt der Icherzähler Roland erst nach und nach dahinter, daß er, der keineswegs so unbescholten gen Afrika gereist ist, wie er es seinem Freund darstellt, sondern vielmehr selber einen Auftrag hat, diesen zu überwachen, nicht nur als Trauzeuge in Michaels Heiratspläne eingebunden werden soll, sondern zugleich ein Deal mit Uranium läuft, bzw. ein gefälschter Deal mit falschem Uranium, daß Michael und seinem Kumpel Reichtum verschaffen soll. Und zu allem Überfluß hat Roland einen eigenen Deal laufen, den er auf eigene Kosten betreibt und ihn aus all seinen beruflichen und privaten Fesseln befreien soll. Doch Michaels Braut, Davidia St. Claire, macht Roland einen Strich durch die Rechnung, denn er verliebt sich Hals über Kopf in die Dame. Gemeinsam treten diese drei vollkommen unterschiedlichen Menschen eine beschwerliche Reise zu den „lachenden Ungeheuern“, einer Bergkette im Grenzland des Kongo zu Uganda an, wo Michael seine Leute, seinen Stamm vermutet, bei dem er seine Hochzeit zu feiern gedenkt.

In einem zusehends unübersichtlicheren Gemisch aus Agentenstory, einem Freundschaftsdrama und einer verhinderten Liebesgeschichte vor dem geographischen Hintergrund eines geschundenen Kontinents strikt Johnson seine Geschichte und weiß – Meister der er ist – vor allem da zu punkten, wo er nichts schreibt: In den Zwischenräumen, in den Zwischenzeilen, da, wo nicht erklärt und ausgesprochen wird, sondern alles Geheimnis, Andeutung und Raunen bleibt. Dadurch entsteht eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die den Leser ebenso anstößt als auch fasziniert und anzieht. Wir folgen dieser Erzählung, die wenig Action bietet, dafür durchaus ihre komischen Momente hat, doch so recht glauben wollen wir nicht, was wir da lesen. Daß da einfach so ein den amerikanischen Streitkräften zugeteilter Agent – oder Killer? Oder doch ein reiner Hasardeur? – wie Michael Adriko sich von der Truppe absentiert, beginnt, höchstgefährliche Geschäfte einzufädeln, die vor allem auf eines hinauslaufen: Betrug, und zugleich seine Hochzeit irgendwo im Dschungel plant; daß Roland im Laufe seiner Beobachtungen nicht nur Agenten der USA, sondern auch gleich des Mossad und diverser anderer Geheimdienste ausmacht; daß Davidia St. Claire nicht nur eine in der geschilderten Umgebung völlig deplatziert wirkt, sondern sich auch noch als Tochter eines hochrangigen U.S:-Militärs entpuppt – all das wirkt zunächst vollkommen unglaubwürdig. Es ist Johnsons Kunst, Setting und Grundatmosphäre seiner Story so aufzubauen und dem Leser zu präsentieren, daß darin nicht nur „Afrika“ zur Chiffre und zum Klischee des „dunklen, geheimnisvollen Kontinents“ wird, sondern daß wir irgendwann in all dem Wahnsinn, den er uns manchmal als Gruselmär, dann als Farce präsentiert, zu begreifen beginnen, daß die Glaubwürdigkeit des Ganzen gar keine Rolle spielt – wir haben es mit Geheimdiensten zu tun und nichts ist einer geheimen Operation zuträglicher, als daß sie für unglaubwürdig und damit undurchführbar gehalten wird.

Johnson lässt seinen Icherzähler genau soviel berichten, daß der Leser bei der Stange bleibt, wissen will, wie sich die einzelnen Stränge auflösen, wie sich diese ganze seltsame Chose um Michael, Davidia und Roland entwickelt, doch er lässt auch eben so viel weg, daß der Leser sich nie sicher sein kann, ob das, womit er es zu tun hat, Lüge, strategische Unwahrheit oder schlicht die grausige Wahrheit in ihrer ganzen Unglaublichkeit ist. Jeder der hier beschriebenen hat gleich mehrere Eisen in diversen Feuern und obwohl sich Michael und Roland mehrfach – sich alter gemeinsamer Abenteuer erinnernd – ihre lang anhaltenden Freundschaft versichern, kann es durchaus sein, daß sie einander eiskalt über die erstbeste Klinge springen lassen, die sich bietet und die Aussicht auf bessere Geschäfte, höheren Gewinn verspricht. Und vor allem Liebe, denn wie Roland seinem alten Freund im Finale deutlich macht: Zwar würde er ihn niemals verraten, aber für eine Frau jederzeit hinterrücks ermorden. So speist sich der Roman aus dem Spannungsverhältnis dieser beiden ungleichen Männer, die dem Leser beide, also auch der Icherzähler, seltsam fremd und unnahbar bleiben. Auch kann Johnson dem Leser sicher einen Eindruck, weniger eine Erklärung, aber eben einen erfahrbaren Eindruck davon vermitteln, wie undurchschaubar die Ränke der internationalen Dienste sind, auch, wie fremd die afrikanischen Kulturen für den Westler anmuten, wird in Johnsons Text mehr als deutlich und macht wesentlich aus, was an diesem Text positiv zu verbuchen ist.

Warum bleibt dann ein gewisses Unbehagen? Das liegt sicherlich zunächst an einem technischen Problem der Konstruktion: Dadurch, daß Roland Nair uns als Icherzähler entgegen tritt, wir uns also entweder in seinem Kopf befinden oder aber in einer intimen Gesprächssituation, die zudem NACH den berichteten Ereignissen stattfindet, da der Bericht in der Vergangenheitsform erzählt wird, müsste er uns eigentlich auch nichts vorenthalten. Für die dramatische Konstruktion des Romans ist es aber dringend erforderlich, daß wir gewisse Informationen entweder erst spät (oder: später) im Roman erfahren, andere sogar gar nicht. Nur so ist das Wechselspiel aus Verrat und Komplizenschaft zwischen den alten Freunden aufrecht zu erhalten. Wüsste der Zuschauer alles über einen der Protagonisten, entstünde ein völlig anderer Roman. Johnson nämlich kommt es durchaus auf das Bewahren von Geheimnissen an. Der Konstruktion des Textes wäre ein auktorialer Erzähler förderlicher gewesen. Vielleicht sogar eine Erzählung im Präsens. Dafür hätte Johnson sich als Erzähler aber beider Männer – mindestens – gleichberechtigt bemächtigen müssen. Daß er die Perspektive des weißen Mannes einnimmt, der in die Heimat, den Raum des andern eindringt, ist im Grunde die fairste Perspektive, die ein weißer Schriftsteller, der sich dieser Thematik nähern will – anders nähern will, als all seine Vorgänger in den trivial- wie hochliterarischen Zirkeln – einnehmen kann. Denn wie wollte sich ein privilegierter Weißer in die Gefühls- und Erfahrungswelt eines Schwarzafrikaners einfühlen und -denken?

Soweit gut gedacht – und doch ist schon im Gedankengang  selbst eine Falle angelegt, in die Johnson tappt. Denn er schreibt Michael Adriko mit seiner Entscheidung genau den Ort zu, den weiße Autoren schwarzen Männern immer schon zugewiesen haben: Es ist ein Ort des Draußen. Der Exklusion. Wir verstehen diese Männer, diese Menschen nicht, so die kulturelle Narration. Sie sind uns angeblich maximal fremd. Wir haben – angefangen von Cooper über Twain bis Faulkner – den fürchterlichen Fehler begangen, uns in sie hineindenken zu wollen und haben dabei etwas geschaffen, das wir selber nicht recht verstehen: Den kulturell determinierten Afrikaner (oder Afroamerikaner), der uns verschlossen begegnet und den wir nicht durchschauen können. Dafür müssen wir ihn fürchten. Wir haben ihn als Projektionsfläche benutzt, um all unsere Ängste zu exportieren – Versagensängste, die Unsicherheit über unser eigenes Handeln und Schaffen, auch unser Männerbild, unsere Männlichkeit haben wir an diesen Fremden gemessen und dann für zu leicht befunden…für all das hassen wir sie, die schwarzen Männer. Das ist unsere Schuld und das ist unsere Scham. So die Narration.

Natürlich ist es bitter nötig, diese Narration aufzubrechen und entweder zu dekonstruieren, zu destruieren oder mindestens als Klischee zu entlarven. Und Johnson will sie auch durchbrechen, aber er weiß keine dafür adäquate Geschichte zu erzählen. Er will einen Agentenroman schreiben und nutzt Afrika als Kulisse, weil es natürlich sowohl im Bezug zur Wirklichkeit hohes Potential besitzt, zugleich aber perfekt als Metapher und Allegorie funktioniert. Nicht zuletzt, weil wir bereits über eine komplette, homogene und hermetische Narration zu Afrika verfügen. Es ist natürlich ein imperiales, ein koloniales Narrativ. Und es ist ein komplett fiktionales Narrativ zwischen Trommeln und Feuern in der Nacht, David Livingston, Tarzan, geheimnisvollen Ritualen, schilderschwingende Hutu, Dschungeln, Löwen, Orang-Utans, bunter Vögel  und jeder Menge Gebrüll, Gekreisch, Gewumms und Gesumms. Ein herrliches Sammelsurium von Versatzstücken aus Legenden, Erzählungen, Überlieferungen, ein kleines bisschen Wissenschaft und jeder Menge Gerücht.

Johnson erliegt schließlich der Versuchung, einen postmodern gebrochenen Abenteuerroman zu schreiben. Und auf einmal leben all die Klischees, die es eigentlich zu unterlaufen gilt – und die Johnson in Hinblick auf einen Spionageroman auch wirklich unterläuft, wenn auch oftmals an filmischen Vorbildern wie SYRIANA (2005) oder BLOOD DIAMOND (2006) orientiert – , wieder auf. Afrika wird wieder zu einer Art Spielplatz für entweder echte Kerle oder „Verrückte“, die das langweilige Alltagsleben mit alltäglichen Jobs (hier immerhin Jobs im Regierungsbusiness), alltäglichen Beziehungen und alltäglichen Freundschaften nicht mehr ertragen können. Es sind dann eben genau solche Dialoge wie der oben erwähnte über Verrat und Liebesmord, die Johnsons Anliegen verwässern.

Am Ende bleibt der Leser mit einem seltsamen Hybrid zurück: Eine kritische Auseinandersetzung mit einer politischen Wirklichkeit, die immer mehr im Geheimen und von Geheimen definiert und entwickelt wird; eine Ménage a trois, die ein Freundschaftsdrama verschleiert, bedenkt man, daß Davidia die blasseste Figur des Ensembles ist – auch das Eindenken in eine weibliche Figur fällt den meisten männlichen Autoren schwer; schließlich ein Afrikabild, das sich modern gibt, postmodern angerichtet ist  und letztlich vormoderne Denkweisen nutzt. Und zwar nicht postmodern verzerrt oder ironisch gebrochen, sondern – Johnsons Text ist für eine surreale Farce nicht abgedreht genug – als Schmier- und Fördermittel für seine Story. Der Verdienst von Conrads Text war es unter anderem, überhaupt zu einem Bewußtsein beizutragen, daß „Kolonialismus“ und „Rassismus“ und „Imperialismus“ als Zustand und Bedingung der Lebenswirklichkeit anderer Menschen wahrzunehmen begann. Ganz gewiß ist es auch literarisch gesehen ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, der literarischen Moderne. So, wie er Afrika als Projektionsfläche begreift, wie er die Ich-Erzählung als Möglichkeit innerer Befreiung – auch erzählerische Befreiung – begreift, wie er versucht, sich mit Mitteln der Lyrik als gleichzeitig, mit sich selbst deckungsgleich und doch seltsam uneins zu präsentieren, das sind hingegen schon durchaus der Postmoderne zuzurechnende Mittel.

Umso bestürzender, daß sein Epigone Denis Johnson diese Mittel nicht nur nicht nutzen zu wollen und ihre Erkenntnisse zu ignorieren scheint, sondern sogar auf ein Bild des „schwarzen Kontinents“ zurückgreift, das seltsam viktorianisch anmutet, angereichert durch moderne Bilder eines längst der Apokalypse überantworteten Kontinents. Ein Abenteuerspielplatz für Glücksritter. Will man sehr wohlwollend sein, fasst man dies als zynischen Kommentar auf eine Wirklichkeit auf, die langsam verrottet wie ein Haufen fauler Mangoven am Straßenrand in der Hitze der Sonne Sierra Leones. Ist man weniger wohlwollend, hat man es mit einem weiteren ausbeuterischen Roman zu tun, der sich für „Afrika“ kein bisschen interessiert.

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