1977/NINETEEN SEVENTY-SEVEN

Band zwei des 'Red-Riding'-Quntetts führt den Leser tief in die Abgründe von Mord, Verderbnis und Wahnsinn

1977 (NINETEEN SEVENTY-SEVEN; erschienen 2000, Dt. 2005) ist der zweite Band von David Peace´ Red-Riding-Quartett, jener Serie, die locker um die Morde des sogenannten ‚Yorkshire-Ripper‘ Peter William Sutcliffe angeordnet sind. Nominell Kriminalliteratur, bietet Peace ein nahezu apokalyptisch anmutendes Gesellschaftsbild Englands in den 70er und frühen 80er Jahren. Sein Sujet ist aber weder ein Serien-Killer-Roman, wie es sie mittlerweile in Legion gibt, noch ist dies ein Kriminalroman, der sich sonderlich mit der Ermittlungsarbeit der Polizei beschäftigt, obwohl diese gerade in diesem Band durchaus eine Rolle spielt, sondern es ist dem Autor eher darum zu tun, gezielt Einblicke in die Seelen der Verdammten zu bieten – verdammter Männer – und durch ihre Augen eine Gesellschaft zu analysieren, der alles Menschliche abhandengekommen zu sein scheint.

Yorkshire ist ein klassisch armer Landstrich im Norden Englands. Hier gab es früher viel Landwirtschaft, von der Industrialisierung jener Regionen zwischen Manchester und Liverpool blieb es zwar nicht gänzlich unberührt – Leeds, jene Stadt in der der Hauptteil der Handlung in Peace´ Romanen spielt, ist durchaus als Industriestadt zu betrachten – , blieb aber immer ärmlich und gesellschaftliche, sowie kulturelle Provinz. Und die Provinz gebiert Monster, könnte man meinen. Denn hier, im Norden, glaubt man sich weit weg von London und der Zentralregierung und meint, die Dinge nach eigenem Gusto regeln zu können. In solch einem Klima scheinen Korruption, Gewalt und Rechtlosigkeit wie selbstverständlich zu gedeihen. Und es scheint so, als nähmen die Bürger dieser Region diese Entwicklungen wie selbstverständlich hin. So bekommt der Leser schnell den Eindruck, daß die ungeheuerlichsten Entwicklungen, die er mehr erahnt, als sie zu verstehen, völlig natürlich sind.

Die Handlung dieses Bandes umfasst einige Tage im Mai und Juni 1977. Berichtet wird dem Leser diesmal aus der subjektiven Perspektive gleich zweier Protagonisten, die man bereits aus dem ersten Teil des Quartetts, 1974 (NINETEEN SEVENTY-FOUR/1999; Dt. 2000), kennt. Da ist zum einen der Polizist Robert ‚Bob‘ Fraser, für den die Entwicklung im Roman zum Martyrium wird, ein Mann, der selbst schon viel zu tief in Schuld und Verderbnis verstrickt ist, als daß es noch Rettung oder gar Erlösung für ihn geben könnte. Zum andern berichtet uns der Reporter Jack Whitehead von den Ereignissen. Er spielte schon im ersten Band – anders als Fraser – eine wesentliche Rolle, war er doch für den dort erzählenden „Gerichtsreporter für Nordengland“ Eddie Dunford eine Art Nemesis. Nun lernen wir Whitehead besser kennen und begreifen, daß sich hinter dem daueralkoholisierten Zyniker ein Mensch verbirgt, der ebenfalls ein gerüttelt´ Maß an Schuld mit sich trägt. In gewissem Sinne sind Fraser und Whitehead hier sogar Antipoden, denn wo der Reporter zur Feder greift und diese zur Waffe erklärt – allerdings eine stumpfe Waffe im Kontext dessen, was in diesen Büchern geschieht – ist Fraser, ursprünglich von der Gewalt seiner Kollegen gegenüber Schuldigen und Unschuldigen angewidert, zusehends bereit, selbst jedwede Art von Gewalt – physischer wie psychischer Natur – anzuwenden, um den Dingen auf den Grund zu gehen und zu schützen, was er für schützenswert hält.

Es gehört zu Peace´ schriftstellerischen Strategie, diesen Menschen eine Geschichte zu geben, die wir nie wirklich gänzlich verstehen oder begreifen können. In den drei Jahren, die seit dem ersten Band vergangen sind, ist einiges passiert, über manches ist Gras gewachsen und anderes wurde einfach umgedeutet. Fraser führt Ermittlungen in einer Serie von Überfällen auf Postbüros, denen Peace zwischenzeitlich aber die gleiche Aufmerksamkeit schenkt, wie den Ripper-Morden, wodurch der Leser verunsichert wird, wo der Schwerpunkt des Romans eigentlich liegt. Man darf davon ausgehen, daß genau dies so gewollt ist. Whitehead seinerseits verlor seine ehemalige Gattin in einem von einem ominösen Reverend durchgeführten Exorzismus´. Aus dem Massaker, daß der Reporter Eddie Dunford am Ende des ersten Teils aus Wut, Frustration, Verzweiflung und der Erkenntnis beging, daß einige im Norden machen, was sie wollen und nichts – keine polizeiliche Ermittlung, keine journalistische Recherche, nicht einmal die berechtigte Wut der Bürger – sie wird stoppen können, ist schließlich ein Bandenüberfall geworden, den aufzuklären eine Sondereinheit der Manchester Police unter der Leitung eines Peter Hunter die Aufgabe hatte. Fraser, im ersten Band nur mit einem Kurzauftritt, der dem Leser die Illusion vermitteln könnte, daß dieser junge Polizist vielleicht zu jenen gehört, die sich noch ein wenig Mitmenschlichkeit, etwas Gutes und Idealistisches bewahrt haben, hat selbst jedoch zu viel zu verbergen, hat zu viel Dreck am Stecken und ist zu tief mit jenen verbandelt, die Opfer des Rippers werden – Prostituierten – als daß er noch eine „objektive“ Sicht auf das Geschehen haben könnte. Wie Whitehead hat auch Fraser eine Menge persönliche Gründe, den Ripper zu finden, zugleich aber auch eine Menge Gründe, dafür zu sorgen, daß nicht alles ans Licht kommt, was der Ermittlung dienen könnte.

Korruption, Polizeigewalt und -willkür, emotionale Verstrickungen und alte Geheimnisse, führen diese beiden Männer auf den knapp 400 Seiten in ihr persönliches Purgatorium, in die Höllenkreise derer, die nicht mehr in der Lage sind, das Eigene vom Außen zu trennen und beginnen, Fehler – teils tödliche Fehler – zu begehen. Zugleich treten aber auch eine Menge Fakten zutage, werden Zusammenhänge zumindest erkennbar, die im ersten Teil noch konfus und undurchschaubar wirkten, so daß dem Leser immer deutlicher wird, wie weit verbreitet die Korruption ist, wie viele in den Behörden und den Ämtern, in der Polizei und der Wirtschaft daran gelegen ist, die Ripper-Morde zu nutzen, um eigene Vergehen, eigene Schuld, vor allem eigene Machenschaften zu kaschieren. Und zu kaschieren gibt es hier wahrlich eine Menge. Der Baulöwe Dawson, offenbar mit einigen leitenden Polizeibeamten um Bill Mullroy – der zugleich Frasers Schwiegervater ist – , Richard Angus, Maurice Jobson u.a. in nicht ganz legale Geschäfte verwickelt, gehört ebenso zu denen, denen die Ermittlungen in den Ripper-Morden gefährlich werden könnten, wie auch die genannten Polizisten selbst sowie einzelne Politiker und Stadtabgeordnete von Leeds. Und dann gibt es da den Stricher AF, einen jungen Mann, den jeder zu kennen scheint, der jeden zu kennen scheint, der viel weiß und nichts preisgibt und der dennoch eine Mission zu erfüllen scheint, die wir nicht durchschauen. Auch im ersten Band trat er schon auf und gab raunende Hinweise, die nirgendwo hinführten. Nur von Eddie Dunford, von dem wir wissen, was er getan hat, ist keine Rede mehr. Auch nicht von seinem Freund und Kollegen Barry Gannon, der Eddie im ersten Teil von Verschwörungen und Geheimgesellschaften erzählt hat und in einem Autounfall, an den niemand zu glauben scheint, umgekommen ist. Diese sind nicht einmal mehr Gespenster, sie sind vergessen, getilgt, und ihre Abwesenheit ist im engsten Sinne des Wortes un-heimlich.

David Peace führt den Leser in Band zwei seiner Reihe tief in die Abgründe von Schuld und Sünde. Und ganz bewußt sollte man diese religiös konnotierten Begriffe stehen lassen. Denn es sind wahrlich Taten und Begebenheiten, die nur noch mit Begriffen dieser Größenordnung zu fassen sind. Und was in Teil eins noch durch den Blick des Außenseiters wie ein Sündenpfuhl provinzieller Natur erschien, zwar verabscheuenswürdig und auch durchaus „böse“, wird nun, da zwei Protagonisten berichten, die mitten im Herzen der Finsternis agieren, zum Muster einer völlig verrotteten Gesellschaft. Dementsprechend ist es schon eher Wahnsinn, der hier um sich greift, der vor allem von Jack Whitehead Besitz ergreift, der trotz all seines Zynismus´ eben auch ein menschliches Wesen voller Gewissensbisse und Selbstvorwürfen ist, ein Mensch, der sich bemüht – aber eben auch nur bemüht – , die eigene Schuld anderen gegenüber dadurch abzutragen, indem er der Schuld anderer auf die Spur zu kommen sucht. Und wie es Eddie oder Barry Gannon erfahren mussten, wird auch Whitehead erfahren, daß man in diesem toxischen Gemisch aus Verschwörung, Mord, Prostitution, Pornographie, Geschäftsinteressen und reiner sadistischer Freude an der Qual anderer nicht allzu tief graben muß, um auf sich aufmerksam zu machen. Und den Preis der Neugier zu zahlen hat.

So reiht man sich ein in die Riege der Engel, der gefallenen Engel, der Verdammten. Das religiöse Moment ist deshalb so tragend, weil es auf ganz naive Weise der letzte Halt ist, einer Gesellschaft ebenso, wie des Individuums. Wir sind nie während der Morde an den Prostituierten anwesend, was dieses sinnlose Sterben umso einsamer und verlassener und auch sinnloser macht. Nicht einmal uns, das abstrakte Signifikat, wenn man so will, lässt der Autor dabei sein. Weder er, noch der Leser, kein Gott ist anwesend um das Leiden zumindest zur Kenntnis zu nehmen. Diese Frauen starben in existenzieller Einsamkeit, aus der sie auch die Sprache des Romans nicht mehr herausreißt. Dabei ist es die Verderbnis, die den Killer antrieb, die Sünde, die er in den Prostituierten zu erkennen glaubt, die ihn zu seinen Taten verleitete, wie er später angab, als er nicht mehr aufhören konnte zu reden. Die Verstümmelungen, die Schläge mit dem Hammer auf Köpfe, die Wunden, die Schnitte, der Dreck der Nebenstraßen, in dem die Toten liegen, die Brachgrundstücke und die Garagen, in denen diese Frauen ihr Ende fanden – das alles bleibt uns nicht verborgen. All das zerrt Peace ins grelle Licht der Aufmerksamkeit und der vermeintlichen Aufklärung. Diese Opfer aber liegen manchmal tagelang auf Industriebrachen und rotten vor sich hin, einige der Kinder, die im ersten Band verschwanden oder deren Verschwinden erwähnt wurde, sind nie wieder aufgetaucht. Auch sie sind die absolut Abwesenden. Die Mädchen „die nie mehr heimgekommen sind.“ Das ist wesentlich, auch wenn es in der Spät- oder Postmoderne so gar nicht angelegentlich wirkt, auf einen Gott zu rekurrieren. Nur – was bleibt uns in jenen Momenten, in denen wir nichts und niemanden mehr haben, auf den wir uns stützen könnten? Was bleibt einer Gesellschaft, der jede Sinnhaftigkeit abhandengekommen zu sein scheint? Die Hysterie des Skandals? Das Aufgeilen an den grausigen Details? Peace führt den Leser auch in diese Hinsicht auf Glatteis, spielt mit Lektüreerwartungen und unterläuft sie. Und hinter all dem lauert eine tiefe, tiefe Trauer, eine endlose, niemals mehr lösbare Trauer. Um uns?

Was stilistisch in den zwei noch folgenden Bänden immer virulenter wird, greift auch hier bereits: Peace beginnt, rhapsodisch zu werden, der Stil korrespondiert mit dem eben beschriebenen Wahnsinn im Angesicht dieser Gewalt, der Kälte und der Ignoranz gegenüber dem Leiden anderer, den auch die Protagonisten nur noch in den dichotomen Begriffen von „gut“ und „böse“ zu erfassen in der Lage sind. Die Sätze werden immer undurchdringlicher, auch wenn 1977 noch lange Erzählpassagen aufweist, die die Folgebände immer mehr aufgeben, zurückdrängen werden. Eingerückte Wiederholungen, die die Gedankengänge und Handlungen der Erzähler zerschneiden, unterbrechen und zerfleddern, fragmentierte Sätze, Dialogzeilen, die scheinbar ins Nichts führen, wieder Andeutungen, wieder offene Enden, wieder lose Fetzen. Immer garniert mit der durchaus realistischen Schilderung eines Landes am Abgrund, in sozialer Schieflage, voller Vergessener und Verlorener. Auftreten ein seltsamer Geistlicher, die uns aus Band eins bekannten Polizisten, die mindestens so viel Spaß an der Gewalt haben wie der nicht zu fassende Ripper, der aber damit beginnt, die Ermittler mit Briefen zu verhöhnen – Briefen an die lokale Presse, die aber auch von anderen stammen könnten,  Trittbrettfahrern, Menschen, die Spaß am Spiel mit Wahrheit und Fiktion haben. Nur wie soll man ermitteln, wenn die Ermittler selbst heillos in einem Geflecht aus Wahrheit und Fiktion verstrickt sind? Das Serielle der Wiederholungen wird somit zu einem Kennzeichen der Serialität der Morde, deren Ergebnisse uns Peace eben – siehe oben – nicht erspart. Und zu alldem kommt der Zynismus der Polizei, die Häme, die Verachtung für Opfer und ihre Angehörige, die als lästig empfunden werden. Auch das: Routine. Das Leid der Zurückgebliebenen, der Schmerz der Eltern um ihre verschwundenen Kinder – Routine. Serialität.

Manchmal kann man die Stimmen von Bob Fraser und Jack Whitehead kaum mehr auseinanderhalten. Das mutet zunächst wie eine literarische Schwachstelle an, zeigt aber Methode. Wie in späteren Bänden auch, scheinen diese Männer durch ähnliche Träume und Wahrnehmungen miteinander verbunden zu sein und beide scheinen dem Irrationalen gegenüber offen. Von etwas Übernatürlichem zu sprechen, würde zu weit führen. Doch irrational ist hier Vieles und irrational sind irgendwann auch die Handlungen, die diese beiden Männer begehen. Bis sie – jeder für sich – in letzten, verzweifelten Taten nach Erlösung haschen. Erlösung, die es nicht geben kann, nie geben wird.

1977 ist gnadenlos und der vielleicht düsterste Teil des Quartetts. Peace geht weit, sehr weit, um seine Leser in den Wahnsinn mitzunehmen, der seine Protagonisten befällt. Diese sind Heimgesuchte. Vor allem Jack Whitehead. Die Gespenster einer nicht vergehenden Vergangenheit holen ihn wieder und wieder ein und er ahnt längst, daß diese in unmittelbarem Zusammenhang mit Verbrechen stehen könnten, fürchterlichen Verbrechen, die in den Jahren 1969, 1972 und 1974 an einigen Kindern begangen wurden und die auf unheimliche Art und Weise in Zusammenhang mit den Ripper-Morden zu stehen scheinen. Wir können das nicht alles verstehen, wir werden es nicht alles verstehen. Doch was wir verstehen, ist, daß wir es mit Menschen zu tun haben – egal, auf welcher Seite des Gesetzes -, die längst alle Hoffnung und allen Glauben haben fahren lassen. Und denen genau deshalb nur noch der Glaube bleibt. Peace schreibt seiner Reihe dieses verstörende religiöse Moment ein, weil dies hier die Hölle ist. Wenn man schon nicht an einen Gott glauben mag, dann wird man hier nicht umhinkommen, zumindest an den Teufel und seine Legionen zu glauben. Und dann spielt sich das Ganze in einer Umgebung ab, die die Apokalypse, das Jüngste Gericht, Armageddon bereits hinter sich zu haben scheint – und nicht auserwählt wurde, zu Gottes Rechter Platz zu nehmen. In diesem Yorkshire herrscht das Recht des Stärkeren und Schwache werden getötet, versklavt, gedemütigt und gefoltert. 666.

Purgatorium.

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