DER MÖRDER IN MIR/THE KILLER INSIDE ME (ROMAN)

Jim Thompson nimmt seine Leser mit in sein persönliches Herz der Finsternis

Lou Ford erzählt dem geneigten Leser, wie er sich als Deputy in einer westtexanischen Kleinstadt zu Beginn der 50er Jahre verdingt, wie er die Prostituierte Joyce der Stadt verweisen soll, doch stattdessen eine Affäre mit ihr eingeht, ist sie doch bereit, seine sadistischen Neigungen im Liebesspiel zu ertragen. Doch leider ist der Sohn des örtlichen Baumoguls, Elmer Conway, ebenfalls in eine Liaison mit der Dame verstrickt. Lou tötet beide. Elmer, um sich an Conway dafür zu rächen, daß dieser seinen Bruder Mike entweder hat töten lassen, oder aber bei einem Unfall keine ausreichende Hilfe gewährt hat; Joyce, um sich zu decken und das ganze wie einen Liebesmord aussehen zu lassen. Der Doppelmord an Joyce und Elmer zieht jedoch einen Rattenschwanz an Verdächtigungen hinter sich her, so daß Lou sich im Laufe der Handlung nicht nur dazu gezwungen sieht, seinen besten (einzigen?) Freund zu töten, sondern auch seinen Ziehvater, Sheriff Bob Maples, so zu enttäuschen, daß dieser sich das Leben nimmt und schließlich muß Lou sogar seine Verlobte Amy Stanton opfern, um einem Erpresser das Handwerk zu legen. Doch es hilft alles nicht, die Schlinge zieht sich immer enger um ihn und es scheint, daß es (diesmal?) kein Entrinnen für den Psychopathen Lou Ford gibt.

Thompsons frühes Meisterwerk, entstanden bereits 1952, zeigt erstmals die Klasse, die dieser Autor haben konnte. Dieser Lou Ford diagnostiziert sich selbst dementia praecox, also eine Schizophrenie, weist jedoch alle Merkmale eines sadistischen Psychopathen auf. Allein lebend in einem riesigen Haus, das seinem Vater – dem örtlichen Arzt in Central City – gehörte, kommt er mit scheinbar jedem gut aus, ist beliebt, wird als „guter Junge“ wahrgenommen, verbandelt sich mit einer der führenden Töchter der Stadt und lebt ein weithin anerkanntes Leben. Seine Begegnung mit der in der Einöde lebenden Joyce Lakeland gibt ihm erstmals nach langer Zeit die Gelegenheit, die Neigungen, um die er genau weiß, auszuleben. Als Jugendlicher hatte er sie bereits einmal ausgelebt, sein älterer Bruder Mike, der später auf Conways Bau einen Job und den Tod fand, nahm damals die Schuld auf sich. Und schon der Vater dieser Jungs scheint die gleichen Neigungen gehabt zu haben und versuchte mittels einer selbstdurchgeführten Vasektomie zumindest zu verhindern, daß sich das Elend weiter vererbt.

Solche Details erzählt Thompson jedoch nebenbei, wir müssen uns das ganze Bild nach und nach selbst zusammensetzen. Und bleiben dennoch ebenso hilf-, wie ratlos zurück. Will der Autor uns einen psychisch Zerstörten vorführen? Will er uns mit der ganzen Härte und Kälte im Innern eines Psychpathen konfrontieren? Sicher. Darum ist es Thompson immer zu tun und das macht – neben anderem – einen Kern seines Schreibens aus: Die Innenansicht der Täter schildern, die sich laut des Klappentextes „zu ihren Taten eine ganze Philosophie erfinden, eine Theologie des Mordens und die Moral dazu“. Doch nie vergisst Thompson die Gesellschaft, die diese Täter umgibt. Nie vergisst er, daß diese Typen entweder Produkte einer Umgebung sind (wie in dem noch besseren ZWÖLFHUNDERTACHTZIG SCHWARZE SEELEN von 1964) oder aber einer Umgebung entstammen/sich eine Umgebung suchen, die es ihnen ermöglicht, ihre Neigungen auszuleben. Vielleicht, weil sie zeitweilig nützliche Idioten sind, vielleicht, weil diese Gesellschaften, wie Thompson sie schildert, völlig verkommen sind. Wie nebenbei werden wir hier Zeugen davon, wie Politik und Polizei nach den Wünschen eines einzigen Mannes funktionieren – des Mörtelundsandmoguls Conway – der sich wie der lokale König aufspielen kann, der bestimmen kann, wer wie lange zu leben hat; wir werden Zeugen, daß in einer bigotten Gesellschaft wie der hier ausgestellten es wichtiger ist, wie man über Damen redet, als die Frage, ob man diese Damen auch getötet hat; wir erfahren, daß es eine feine Trennlinie gibt zwischen akzeptierter Gewalt und nicht mehr tolerierbarer Gewalt, allerdings lernen wir auch, daß diese Linie keine starre ist, sondern eine durchaus flexible. Die Kurse dafür, was tolerierbar ist, was nicht, scheinen täglich zu steigen oder zu fallen.

Jim Thompson zeigt die amerikanische Gesellschaft der biederen 50er Jahre als rückständig, verlogen und doppelmoralisch, er stellt ihr ein miserables Zeugnis aus und nutzt diesen Lou Ford als eine Art Katalysator, durch den der ganze Dreck nicht nur gefiltert sondern auch verdeutlicht wird. Er verdeutlicht allerdings auch sehr eindringlich, wie kalt es in Herz und Seele eines Mörders sein kann. Lou Ford nimmt unter den Monstern aus der Feder dieses Autors eine Sondestellung ein, weil er so offensichtlich determiniert ist. Er kann nicht anders und erst auf den letzten Metern seines Weges empfindet er scheinbar MItleid mit all jenen, die „sich soviel gewünscht und so wenig bekommen haben“, um sich schließlich in die Reihen dieser einzugliedern: „Die es so gut meinten und für die es so schlecht ausgegangen ist. Mir, Joyce Lakeland[…]der kleinen Amy Stanton. Uns allen.“ Doch sehen wir: Das MItleid gilt eigentlich auch hier ihm selbst, er sieht sich als einen derjenigen, die vom Leben schrecklich benachteiligt wurden. Was definitiv – gemessen an den Maßstäben dieses Kaffs irgendwo im staubigen Texas – nicht stimmt. Auch darin bleibt Lou Ford der typische Psychopath. Ihm wurde mies mitgespielt, was er anderen antat, waren im Grunde immer nur Folgen dessen, was ihm angetan wurde usw.

Die meisten Figuren Thompsons haben das entweder nicht nötig, weil sie zu ihren Taten stehen, sie sind also Mörder und Untäter aus freiem Willen (was ganz sicher für Nick Corey aus ZWÖLFHUNDERTACHTZIG SCHWARZE SEELEN, dessen Selbstportrait eher dem des Teufels entspricht, als dem eines Psychopathen) oder aber sie haben eine Grund für ihren Hass auf die Gesellschaft, wie Clinton Brown, der NOTHING MAN (1954), u.a. Ford ist in diesem Kanon der Killer, Mörder, Sadisten und Exzentriker insofern eine Ausnahme, da er nicht anders kann, als er tut. Wohl ist es ihm gelungen, seine Neigungen eine Weile zu unterdrücken, doch teilt er uns mehrmals mit, daß es früher oder später gekommen wäre, wie es nun gekommen ist. Geschickt verzweigt und verwebt Thompson also verschiedene Handlungsmotive – Rache für den toten Bruder/das Ausleben sadistischer Neigungen – eines Einzelnen mit denen anderer – Prostitution/Erpressung/Heirat – und denen der Gesellschaft – Bigotterie und Doppelmoral/Hierarchien und Macht/Einflußsphären – und läßt das Ganze wie eine Lokomotive außer Kontrolle auf ein sich von allem Anfang an abzeichnendes Unglück zulaufen, in die Katastrophe rasen. Alles in diesem Werk wirkt vorherbestimmt, determiniert, unausweichlich. Der Kommunist Thompson erklärt eine Gesellschaft für gescheitert, die sich ihrer ureigenen demokratischen Werte entledigt, wenn sie sich in die Hände der Reichen gibt, wenn sie bereit ist, Unrecht an Unterdrückten und Schwachen zuzulassen und sich nicht kümmert.

Lou Ford wirkt in dieser Gesellschaft wie ein Bastardkind für das sich alle schämen, über das man nicht spricht, daß jedoch das folgerichtige Ergebnis ist, wenn sich alle verhalten, wie sie es tun. Zwar kann er sich uns scheinbar ganz genau erklären, zugleich bleibt Lou Ford auch jene Figur in Thompsons Universum, die uns am wenigsten zu sagen, kaum Eigenes vorzuweisen hat. Dieser Typ steht wie eine Art Zeichen in der flachen texanischen Landschaft und verweist auf die ganze Verkommenheit dieser Gesellschaft und darauf, wie wenig wir wirklich von unseren Nachbarn wissen, wie wenig wir uns wirklich für die Belange unseres Nächsten interessieren. Er ist ein einsames Zeichen, eine Warnung, daß, wer einmal die rote Linie überquert hat, nicht ohne Weiteres wieder zurück kann. Davor seien all die anständigen – oder die toten – Bürger.

THE KILLER INSIDE ME ist eines der düstersten Bücher zur amerikanischen Gesellschaft, das sich denken läßt. Wie immer, wenn man Jim Thompson liest, merkt man, wie deutlich er wurde, was er sich herausgenommen hat in einer Zeit, in der weniges offen ausgesprochen werden durfte, in der ein Geist herrschte, der eine Atmosphäre der Angst schürte. Thompson schrieb auch dagegen an. Zweifelsohne. Kaum einer seiner schreibenden Kollegen wagte es zu jener Zeit, so offen über Sex und Gewalt oder gar sexuelle Gewalt zu schreiben, wenige waren dabei so gnadenlos und konsequent. Es ist immer ein Wagnis, Thompson zu lesen, wird man doch mit einigen der unangenehmsten Figuren der jüngeren amerikanischen Literatur konfrontiert. Doch es lohnt sich (fast) immer, dieses Wagnis einzugehen. Hier ganz sicher. Ganz, ganz sicher…

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