KILLER POTENTIAL
Ein hervorragendes Debut, ein kleines Meisterwerk im Gewande eines harten Thrillers
Betrachtet man das Cover und die dort abgedruckten Teaser auf Hannah Deitchs Debutroman KILLER POTENTIAL (Original erschienen 2025; Dt. 2025), erwartet man einen harten, abgefeimten Thriller, etwas Brutales, vielleicht Zynisches, etwas, das an die Filme von Quentin Tarantino angelehnt ist. PULP FICITON (1994) revisited, oder so. Und liest man dann die ersten Seiten des Romans, wird dieser Eindruck zunächst auch bestätigt, gar verstärkt.
Die Ich-Erzählerin Evie Gordon, die zu ihrem wöchentlichen Termin als Tutorin der Tochter der reichen Familie Victor in Beverly Hills eintrifft, findet dort nicht nur die fürchterlich zugerichteten Leichen der Eltern, sondern auch noch eine junge Frau, die unter der Treppe des Hauses gefesselt versteckt wurde. Evie befreit die Frau und überlegt noch, wie sie sich nun verhalten soll, da taucht ihre Nachhilfeschülerin, Serena, auf. Die Situation scheint eindeutig: Evie hat die Familie getötet. Es kommt zu einem Gerangel, bei dem Evie Serena niederschlägt. Dann flieht sie Hals über Kopf aus dem Haus und aus der Stadt. In ihrem Gefolge die namenlose Frau. Und so beginnt eine Odyssee durch die Vereinigten Staaten, ein Road Trip, scheinbar ohne Wiederkehr – und eine wunderbare Liebesgeschichte.
Hannah Deitch ist da ein kleines Meisterwerk gelungen. Sie versteht es einerseits hervorragend, Spannung aufzubauen und ihre Leserschaft mitzunehmen, zugleich entwirft sie mit der Erzählerin und ihrer lange stummen, später eher einsilbigen Begleiterin, einer Frau namens Jae, zwei Protagonistinnen, die sehr, sehr glaubwürdig sind, denen man gerade darum umso lieber folgt. Dies sind eben nicht coole Tarantino-Bitches, die die neue Situation annehmen und das Bestmögliche draus machen, die Waffen schwingen und Leichenberge am Wegesrand hinterlassen. Und es sind auch keine Thelma-und-Louise-Verschnitte, die, je länger sie im gleichnamigen Film unterwegs waren, immer stärker in den Mythos des amerikanischen Outlaws abdriften (was Regisseur Ridley Scott damals sicherlich genau so gewollt hatte), sondern es bleiben zwei authentische Frauenfiguren, die in eine für sie völlig unübersichtliche und unbegreifliche Situation geraten und absolut keine Ahnung haben, wie sie sie meistern sollen. Und die sich immer tiefer verstricken – in eben diese Situation einerseits (und ja, es gibt ein, zwei Situationen, in denen sie sich zur Wehr setzen und merken, wozu sie fähig sind), ineinander andererseits. Und die dabei auch deshalb authentisch wirken, weil ihre Reaktionen auf das, was ihnen widerfährt, authentisch sind. Und das bedeutet: Nicht immer klug, nicht immer überlegt und auch nicht immer sympathisch. Sondern nachvollziehbar in ihrer gelegentlichen Irrationalität, oft getragen von emotionalem Überschuss und Verzweiflung.
Glaubwürdig zu vermitteln, wie diese beiden jungen Frauen, die scheinbar vollkommen unterschiedlich sind, immer mehr über sich selbst und über die jeweils andere lernen, ist Deitchs literarisches Können geschuldet. Und je mehr die beiden lernen, desto unsicherer werden sie, was ihre Situation noch glaubwürdiger macht. Denn sie lernen nicht nur, wie gnadenlos die Umwelt mit Menschen wie ihnen – verurteilt und gejagt – umgeht, wie einsam sie diese Feststellung macht, sondern sie lernen vor allem, dass sie sich nicht einmal auf sich selbst verlassen können, auf die eigene Urteilsgabe, die eigene Intuition. Die Unsicherheit in Bezug auf die eigenen Gefühle und die der anderen, die Erkenntnis, dass man einander vertrauen muss, wenn man überleben will, aber zugleich auch begreift, welche Leben man eigentlich führen möchte, erst recht, wenn dieses gewollte Leben nicht mehr erreichbar scheint – all das verhandelt Deitch unglaublich gekonnt. Nie handeln diese Figuren unglaubwürdig oder übertrieben, die Verbindung zu medialen Vorbildern, die sich hier und da geradezu aufdrängt, stellen sie selber her und reflektieren dabei ununterbrochen die Differenz zwischen sich und eben diesen Vorbildern.
Reflektion ist sowieso eine der großen Stärken dieses Romans und seiner Hauptfigur. Denn so handlungsbasiert das Buch sein mag – in typisch amerikanischer Thriller- und Kriminal-Tradition – so sehr wird Evie Gordon als sehr reflektierter und reflektierender Mensch vorgestellt. Sie begreift ihre Situation und auch, was sie für das weitere Dasein dieser beiden Frauen bedeutet. Zumal für die Öffentlichkeit lange Zeit unklar bleibt, wer sich an Evies Seite auf der Flucht befindet – weshalb sie im Fernsehen und im Internet zum Gesicht des Mordes an den Victors mutiert. Ein Monster, eine eiskalte Killerin, eine bösartige Kreatur, die sich das Vertrauen der Familie erschlichen und sie dann hinterrücks gemeuchelt hat. So wird die gegenwärtige Sensationslust und das mediale Verarbeitungen jedweden sich bietenden Spektakels in KILLER POTENTIAL auf kluge, weil zurückhaltende Weise beschrieben und hinterfragt.
Und ein weiteres Thema verhandelt dieser Roman ebenfalls zurückhaltend und gerade deshalb eindringlich: Den amerikanischen Klassismus. Denn Evie ist zwar ausgesprochen klug, doch entstammt sie keinesfalls der Klasse, in der sie sich an Elite-Colleges bewegen durfte, die sie nur dank diverser Stipendien besuchen konnte. Sie hat mehrere Abschlüsse und wollte eigentlich – auch, weil sie trotz dieser Abschlüsse nicht die Jobs haben konnte, die ihr eigentlich vorschwebten – einen Doktorgrad erwerben; ein weiterer Plan, den sie nach all dem, was ihr widerfährt wohl wird aufgeben müssen. Doch vor allem sieht sie das Leben der Superreichen, denen die Familie Victor zuzurechnen ist, aus der Perspektive eines Angestellten.
Sie unterrichtet Serena Victor, doch erzählt sie auch von vielen anderen Schülerinnen und College-Studenten, denen sie im Laufe der Jahre, die sie in Los Angeles lebt, als Tutorin unter die Arme gegriffen hat. Und immer wieder findet sie sich in der Situation, die Häuser von innen zu sehen, die Touristen bestenfalls auf Führungen durch Hecken oder Gitterstäbe aus der Distanz bewundern und bestaunen dürfen. Evie wird so zur Zeugin eines Lebensstils, den sich auch in einer Stadt wie Los Angeles nur sehr, sehr wenige leisten können. Aber die, die sich ihn leisten, glauben zumeist, er stünde ihnen zu. Das, was Jae Evie dann berichtet, wovon sie erzählt, die Gründe, weshalb sie sich im Haus der Victors befunden hat, scheint dann lediglich die pervertierte Form jener Privilegien zu sein, von denen Männer wie Mr. Victor glauben, dass sie ihnen zustünden. Die Zuträger, Dienstleister, die Angestellten, sie alle führen ein heimliches Leben, ein Leben hinter den Wänden, unsichtbar. Im Haus der Victors wird dies wortwörtlich zur Realität: Denn englischen Herrenhäusern nachempfunden, hat der Architekt einst geheime Gänge hinter den Wänden ins Haus integriert, damit Angestellte sich unsichtbar auf ihren Dienstgängen bewegen können. Nur sind diese Gänge so geheim, dass nur die im Auffinden seltener Dinger und Möglichkeiten erprobte Jae in der Lage gewesen ist, in das Labyrinth vorzudringen. Und so ist den Victors schließlich zum Verhängnis geworden, was ihnen eigentlich in ihrem Wohlbefinden dienen sollte.
Diese Jae ist eine sehr interessante Figur nicht nur für Evie, die einen solchen Menschen – selbstbewusst, manchmal arrogant und dabei sehr, sehr verletzlich – so zuvor noch nie erlebt hat, sondern auch für die Leser*innen. Denn sie ist geheimnisvoll, unzugänglich, vielleicht wirkt sie sogar gefährlich, was Evie eine Zeit lang anziehend findet und die Leser*innen reizvoll. In ihr werden Klassenzugehörigkeit und Neid verdeutlicht, es wird anhand dieser Figur aber ebenso verdeutlicht, was es bedeuten kann, wenn sich Neid verselbstständigt, bzw. wenn das, was vermeintlich wie Neid aussieht, möglicherweise etwas anderes, tiefer liegendes ist, vielleicht auch etwas Abgründigeres, das sich zu verselbstständigen droht und dann zu einer Verwobenheit führt, bei der Täter und Opfer nur noch schwer zu unterscheiden sind – in mancherlei Hinsicht. Deitch gelingt mit dem Labyrinth der geheimen Gänge und was sie bedeuten im Verhältnis der Victors zu dieser geheimnisvollen Frau ein nahezu dialektisches Konstrukt aus konkreter Handlung und theoretischem Unterbau.
Doch gelingt ihr noch etwas ganz anderes, etwas sehr Feines. Denn nach und nach verlieben sich diese beiden Frauen ineinander. Dass das für beide kein großes Ding ist, gleichgeschlechtliche Liebe, dass beide schon derartige Erfahrungen gemacht haben, aber auch durchaus heterosexuelle Beziehungen hatten, zeigt zunächst, wie durchlässig die Geschlechtergrenzen mittlerweile – Gott sei Dank! – geworden sind. Doch vor allem klammern sich hier– metaphorisch gesehen – zwei Ertrinkende aneinander. Und je aussichtsloser, je verzweifelter die Situation wird, in der die beiden sich befinden, desto intensiver wird ihr Drängen zueinander. Und auch dafür findet Deitch eine angemessene, feinfühlige, aber auch zurückhaltende Sprache. Gerade in ihrer Zurückhaltung kann sie momentweise drastisch werden, wenn sie davon erzählt, mit welcher Geilheit Evie und Jae übereinander herfallen, wie sie den Körper der anderen regelrecht in Besitz nehmen. Es ist die gleiche Drastik, mit der Deitch zu Beginn des Romans schildert, was Evie im Haus der Victors vorfindet. Und doch sind dies nur kurze Momente, schockartig, nicht darauf angelegt, die Sensationsgier, die in diesem Roman ja analysiert und kritisiert wird, plötzlich selbst zu bedienen. Sondern vielmehr dazu geeignet, die Leser*innen tatsächlich zu schockieren und in Schrecken, bzw. Verzückung zu versetzen – je nachdem, was Deitch schildert, Gewalt oder die Liebe. Oder, besser, den Sex in seiner reinsten, ehrlichsten und vielleicht schönsten Form.
KILLER POTENTIAL ist also auch, wenn auch auf hintergründige und eher subtile Art und Weise, die Beschreibung der USA, deren Gesellschaft sich immer viel auf seine Ideale, auf den Traum, die Behauptung, hier könne es ein jeder schaffen, eingebildet hat. Eine Gesellschaft, ein Land, welche langsam dabei sind, sich selbst zu verlieren, weil die Mitte verloren geht, die Balance zwischen einem Unten und einem Oben, zwischen den Möglichkeiten und den Bedingungen dieser Möglichkeiten und sich zusehends in Zynismus flüchtet. Es ist der Zynismus reiner Sensationsgier, der den Blick verstellt auf die Wirklichkeit und deren Zumutungen an den einzelnen. Es ist dies – aus der Sicht Evies und damit dieses Romans – ein Land, in dem die meisten am Schaufenster stehen und sich die Nasen plattdrücken, während die anderen hinter den Schaufenstern ihren Reichtum, das Glück, das sie im Leben hatten, explizit und exklusiv (im reinsten Sinne des Wortes) ausstellen und tunlichst darauf bedacht sind, dass niemand ihnen auch nur einen Deut von diesem, dem ihnen vermeintlich zustehenden Glück wegnimmt. Zumeist ist das Schaufenster als Mattscheibe der Fernseher getarnt. Wenn aber diese mediale Barriere fällt und die, die als Bedrohung wahrgenommen werden, in die Häuser kommen und dann das Selbstverständnis in Frage stellen, mit welchem die Begünstigten meinen, ihr Leben führen zu können, dann kann es gefährlich werden. Denn dann verschränken sich die Leben und manchmal verwischen die Grenzen, dialektisch.
Hannah Deitch ist da ein bemerkenswertes Debut gelungen. Ein Thriller, so will es uns das Cover weismachen, eine wilde Jagd durch Amerika. Und doch eben so viel mehr als das. Ein Mehr, das sich vor allem in der Sprache dieser Autorin niederschlägt, ein Mehr, welches die Leser*innen einlädt, sie mitnimmt und kaum mehr loslässt. Im klassischen und im besten Sinne das, was als Pageturner bezeichnet wird. Im klassischen und besten Sinne aber auch das, was große Literatur ausmacht, was sie bewirken kann.