GETAWAY/THE GETAWAY (ROMAN)

Surreale Gangsterballade vom Großmeister der Düsternis Jim Thompson

Doc (Carter) McCoy ist dem Gefängnis entronnen, indem er dem Vorsitzenden des Begnadigungsausschusses, Benyon, eine hohe Geldsumme versprochen hat. Diese will er durch einen Überall auf die Bank von Beacon City besorgen. Er und seine Frau Carol, die maßgeblich an seiner Freilassung beteiligt war, was er allerdings noch nicht weiß, wollen sich mit dem Rest der Beute nach Kalifornien ab- und dort zur Ruhe setzen. Um den Überfall durchzuziehen, hat sich Doc Unterstützung durch Rudy Torrento, einer berüchtigten Unterweltgröße geholt. Doch Rudy spielt sein eigenes Spiel und so kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Doc und seinem Kompagnon, die letzterer scheinbar nicht  überlebt. Da Carol unterwegs einen fürchterlichen Fehler begeht, müssen Doc und sie  vollkommen neu planen und werden schließlich entdeckt, was ihr Weiterkommen ab nun immer unbequemer werden läßt. Während die beiden, offensichtlich massiv voneinander entfremdet, die weitere Flucht antreten, die zusehends zu einem Parcoursritt quer durch den Westen der U.S.A. ausartet, stellt sich vermehrt die Frage, ob sie überhaupt noch zueinander passen. Unterwegs erweist sich Doc als ganz der Alte: Wenn es sich auf ihre Flucht günstig auswirkt, wird durchaus mal ein Unschuldiger erschossen; so freundlich Doc seinen Mitmenschen auch erscheinen mag, er ist ein knallharter und auch skrupelloser Gangster. Carol hingegen muß sich die Frage gefallen lassen, ob sie, das einst so behütete Kleinstadtküken, der Stolz ihrer Eltern, dieses Leben leben will, oder ob sich ihre Wege von Docs endgültig trennen sollen. Endlich in Kalifornien angekommen, treffen sie nicht nur auf den vermeintlich toten Rudy, sondern in Ma Santis auch auf willkommene Hilfe. Ihre letzte Zuflucht heißt Mexiko…

Jim Thompson – Hohepriester des dunkelsten und zynischsten Weltbildes, das sich denken läßt – versucht sich an einer Romanze mit doppeltem Boden. Vom ersten Moment an macht dieser Roman deutlich, daß er radikal aus dem Milieu der Gangster und ganz schweren Jungs erzählt. Und zugleich werden wir ebenso auf den ersten Seiten bereits informiert, daß dieser Doc McCoy eine große Liebe hat. Und auf den folgenden 200 Seiten geben sich die Eheleute McCoy beide grüblerischen Gedanken hin, was die Qualität und die Haltbarkeit ihrer Ehe angeht. Daß Carol Benyon mehr zu Diensten war, als Doc für nötig hielt, ist das eine, ein Leben, welches nicht nur permanente Gewaltbereitschaft erfordert, sondern auch zu Situationen führen kann, die schier ausweglos erscheinen, das andere. Und so umkreisen sich Doc und Carol ununterbrochen, belauern sich, begehren einander, kommen nie zusammen, weil jedes Mal, wenn sich Intimität einstellen könnte, irgendetwas dazwischenkommt, und fragen sich dennoch, was der andere im Schilde führt. Thompson macht das geschickt, indem er uns am regen Innenleben Carols teilhaben, während er McCoy als genau den erscheinen läßt (auch in der Innensicht), als der er von außen betrachtet wird und worauf sich sein Ruhm stützt: Er ist ein cooler Hund, der nie einen Gedanken mehr an irgendetwas verschwendet als unbedingt nötig und ansonsten mit seinem einnehmenden Charme und seiner Freundlichkeit nahezu jeden für sich zu gewinnen weiß. Und er ist ein Kerl, der die Gewalt nicht unbedingt liebt, doch jederzeit bereit ist, sie anzuwenden, um sich Vorteile zu verschaffen oder aus brenzligen Situationen zu befreien. Ohne daß der Leser dies unbedingt direkt merkt, wechselt Thompson die Erzählperspektiven gerade zwischen Doc und Carol immer wieder und zeigt uns schließlich entscheidende Szenen aus Carols Wahrnehmung. Da sie schließlich den Fehler begeht, das gestohlene Geld aus den Augen zu verlieren und dann auch noch auf den billigen Trick eines Betrügers hereinfällt, ist sie scheinbar verantwortlich für das Mißlingen der Flucht. Doch Thompson nutzt diese Szenen nahezu perfekt, um Carols eher mittelständische Herkunft gegen McCoys Gangstermentalität abzusetzen. Ihre Gedanken und Bedürfnisse sind jedem Reisenden nachempfindlich: Die Tasche zu schwer, die Wartezeit zu lang, die Bahnhofshalle zu unbekannt, als daß die drohenden Gefahren (Betrügereien) erkannt werden könnten. Da die ganze Geschichte während der Depression der 30er Jahre angelegt ist, ist Carols Unverständnis für und Unkenntnis des Bahnhofs durchaus nachvollziehbar und glaubwürdig. Zudem unterstreicht ihre Hilflosigkeit auch noch einmal ihre Herkunft. Sie ist weder das Reisen gewohnt, noch das Leben an der Seite eines Gangsters. Zumal dieser gerade 4 Jahre im Zuchthaus gesessen hat und sie also auch diese Erfahrung – Strohwitwe eines verknackten Gangsters zu sein – erstmals machen musste.

 

Da Jim Thompson oberflächlich eine reine Raub- und Fluchtgeschichte erzählt, deren ersten Zweidrittel innerhalb weniger Stunden spielen, bevor das letzte Drittel die Zeit der Flucht enorm dehnt und auf Wochen ausweitet, bezieht diese Geschichte ihre Spannung weniger aus der der reinen Aktion – die zudem jedes Mal, wenn es brenzlig wird, sowieso zugunsten der McCoys entschieden wird und der Leser dies auch weiß – sondern vielmehr aus dem Spannungsverhältnis dieser Beiden zueinander und darüber hinaus in jenem der beiden zu ihrer Umwelt. Es wurde schon angedeutet, daß man den Roman auch als eine Geschichte lesen kann, die von den Mühen proletarischer Arbeit erzählt und vom Abstand der Arbeiterklasse zum klassischen amerikanischen Mittelstand, dem Carol entstammt. Ob Doc selbst, ob jene, die ihnen unterwegs helfen – hierbei sei v.a. eine Familie sogenannter ‚Okies‘ erwähnt, die die Flüchtigen große Teile der Strecke nach Kalifornien mitnimmt, einfach weil man das so macht unterwegs auf der Landstraße in Zeiten des Elends; ein deutlicher Wink hinüber zum Kollegen John Steinbeck und seiner Familie Joad in THE GRAPES OF WRATH – oder aber Ma Santis (die deutlich der realen Gestalt Ma Bakers nachempfunden ist, einer Figur, die Thompson fasziniert haben muß, taucht sie in Variationen doch in einigen seiner Romane auf) – all diese Kriminellen werden dargestellt als Menschen mit einem Ehrenkodex und klaren Wertvorstellungen. Sie huldigen einem Arbeitsethos, welches ein Proletarier oder Handwerker sein Eigen nennen würde: Arbeit muß getan werden, sie muß gut getan werden (auch ein Banküberfall kann ein Meisterstück sein oder verhunzt werden) und man hilft einander, wenn einer in der Patsche sitzt. Daß sämtliche Nichtgangster dabei  wie Störenfriede wirken, wie Fremdkörper in einer an sich regulierten Welt, unterstreicht diese Haltung des Romans noch.

 

Thompson verstand sich als Kommunist, er war kurzzeitig sogar Mitglied der kommunistischen Partei Amerikas. Zudem hatte er durchaus Erfahrungen mit Kriminalität gemacht, da er während der Prohibition als Alkoholschmuggler gearbeitet hatte. Die Engführung von arbeitender Bevölkerung und Verbreche(r)n ist fast naheliegend bei einem solchen Pessimisten wie Thompson. In einer Gesellschaft, die durch und durch verbrecherisch und korrupt ist, wofür u.a. Benyon steht, ist der Verbrecher letztlich der einzig ehrliche Mensch. Man kann bei einem gebildeten Menschen wie Jim Thompson durchaus davon ausgehen, daß er Brechts Credo, eine Bank zu gründen, sei im Vergleich zu einem Bankraub das ungleich größere Verbrechen, wohl kannte. THE GETAWAY ist in gewisser Weise der in Prosa gefasste Versuch eines Beweises dieser These. Und zugleich vermißt er mit dem gegensätzlichen Paar Doc und Carol den Abstand der Schichten zueinander. Was dem Arbeiter vollkommen normal erscheint – hier wäre es die Anwendung von Gewalt, was Doc keine Probleme bereitet, auch wenn er es nicht gern tut, was ihn von vielen anderen im Universum des Jim Thompson unterscheidet, sie wird schlicht als eine Art Rüstzeug dieser Arbeit dargestellt – wirkt auf den Abkömmling der (behüteten) Mittelklasse nahezu unzumutbar. Ein Thema, daß Thompson im Roman auch auf anderen Ebenen durchspielt, wenn die Arbeit der beiden es eben erforderlich macht, eine Nacht in einer Höhle und schließlich Tage im Inneren eines Misthaufens zu verbringen, was Doc jeweils als gegeben hinnimmt, Carol jedoch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Nebenbei erlaubt sich Thompson mit diesen zusehends unappetitlicheren Fluchtaspekten ganz im Sinne seines oft sardonischen Humors eine kleine Variation auf das Thema „Verbrechen zahlt sich nicht aus“.

 

Doch wäre Jim Thompson nicht Jim Thompson, wenn er es dabei bewenden ließe, denn dann käme bei dem ganzen Unterfangen nichts als Kitsch heraus. Ein Verbrecher bleibt eben doch auch ein Verbrecher. Und das Verbrechen macht eben auch etwas mit dem Verbrecher. Und die Umstände, das Sein, welches ja bekanntlich das Bewußtsein bestimmt, lassen den ehrlichen Arbeiter vielleicht zum Verbrecher werden (wie es an einer Stelle explizit über den gewaltsam verstorbenen Rudy Torrento heißt), erst einmal an dem Ende der Leiter angekommen, macht das Verbrechersein aus diesem eben auch ein Wrack. Sowohl moralisch als auch seelisch. Wenn Thompson sein Verbrecherpaar am Ende des Romans in einer mexikanischen Enklave, einer Art Refugium für amerikanische Gangster, das eher der Hölle auf Erden gleicht, das so verführerische Nichtstun nicht genießen läßt, weil sie nun nicht nur mehr oder weniger freiwillige Gefangene ihres mexikanischen Gastgebers El Rey sind, sondern noch viel mehr die ihres eigenen Mißtrauens allem und jedem, erst recht dem anderen, dem Geliebten gegenüber, dann kann man hier eine treffende Allegorie auf die Umstände finden, die den Menschen zu dem machen, was er ist – wesentlich seines nächsten Wolf. Die ganze eigentliche Handlung dieses eher ungewöhnlichen Romans dieses Autors, ist eine Liebesgeschichte zwischen Zweien, die sich durch die räumliche Trennung entfremdet haben und viel zu spät merken, daß die Art von Liebe, die sie zweifelsohne füreinander empfinden, möglicherweise schlicht nicht reicht, weil sie Menschen sind, die sich so gnadenlos selbst am nächsten stehen, daß daneben für andere kein Platz mehr bleibt. So sehr man diesen beiden die Romantik einer glückenden Liebe wünscht und damit im Ouvre des Autors ein wenig Licht im Dunkel erblicken möchte: In Thompsons Welt wird es immer etwas geben – die Gewalt, die Härte, das Wesen des Menschen – das zwischen der Hoffnung und der Wirklichkeit steht. THE GETAWAY macht da keine Ausnahme, in diesem Werk wird das Grauen nur weitaus vielschichtiger konstruiert, als in anderen Werken. Das macht die Angelegenheit auch noch einmal so kalt. Neben THE KILLER INSIDE ME und dem später entstandenen POP. 1280 ist THE GETAWAY sicher jenes Werk des Autors, das ihn zu mehr als einem Noirschriftsteller macht, nämlich zu einem gnadenlosen Chronisten eines düsteren Amerikas in dunklen Zeiten.

 

Den 1959 erschienenen Roman nutzte Sam Peckinpah 13 Jahre später als Vorlage für seinen erfolgreichsten Film. Es war der erste Roman des Autors Jim Thompson, der überhaupt verfilmt werden sollte. Allerdings mochte Thompson Peckinpahs Adaption nicht. Wo sein Roman als eine Innenschau des Gangstermilieus als Arbeitermilieu daherkam, ließ Peckinpah sein Gangsterpärchen in einer blutigen Romanze jeglicher Sozialkontexte enthoben in ein mythisches Mexiko fliehen. Der Mythos in Thompsons Mexiko ist weitaus surrealer, als der Sehnsuchtsort, den Peckinpah behauptet. Doch wäre dies eher Gegenstand einer Studie zu Literaturverfilmungen, derer Peckinpahs Adaption sicherlich nicht zwingend eine der besseren ist. Dennoch lohnt es, den Film von Zeit zu Zeit zu schauen, auch, wenn es Peckinpah nicht gelingt, Thompsons Vielschichtigkeit adäquat auf die Leinwand zu bringen.

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