CITY IN RUINS

Der abschließende Teil der Danny-Ryan-Trilogie - und Don Winslows Vermächtnis

Mit dem Abschlussband seiner Danny-Ryan-Trilogie, so kündigte Don Winslow seinen Leser*innen an, werde er sich von der Schriftstellerei verabschieden und sich zukünftig ganz dem Kampf gegen Donald Trump, den 45. Und 47. Präsidenten der USA, und dessen in seinen Augen autokratisches und autoritäres Herrschaftssystem zu widmen. Bisher, muss man leider konstatieren, hat er sich an diesen Plan gehalten. Es hat keine weiteren Veröffentlichungen gegeben und es sind auch keine mehr angekündigt. Immerhin ist ihm mit CITY IN RUINS (Original 2024, Dt. 2024) ein würdiger Abschluss nicht nur der Trilogie um den irisch-stämmigen Gangster aus Rhode Island geglückt, sondern auch ein würdiger Abschluss seiner Karriere als Schriftsteller. So diese denn wirklich beendet sein sollte…

Danny Ryan hat es in den zwei Vorgängerbänden vom Mitläufer einer irischen Gang, dessen herausgehobene Stellung lediglich seiner jugendlichen Freundschaft mit dem Sohn vom Boss zu verdanken gewesen ist, zum Chef dessen gebracht, was von der Gang nach einigen überaus brutalen Bandenkriegen übriggeblieben ist. Er und seine Leute sind, nachdem sie einen Millionencoup mit den Drogen anderer Banden gelandet haben, an die Westküste geflohen, wo Danny – dessen erste Frau und Mutter seines Sohns Ian an Krebs gestorben ist – sich in einen Hollywood-Star verliebt und sogar Geld in einen großen Film investiert hat, der ziemlich genau seine Geschichte erzählte. Nachdem einige seiner Leute hier über die Stränge geschlagen haben und eine der Bedingungen der Bosse, denen Danny etwas schuldete, darauf hinauslief, dass er die Beziehung umgehend beendet, was zum Selbstmord seiner verlassenen Freundin führte, lebt er nun mit seinem Sohn und seiner Mutter in Las Vegas. Madeleine hatte ihn als Kleinkind verlassen und sich später wieder in sein Leben gedrängt, allerdings mit etlichen Beziehungen sowohl in die Geschäftswelt, als auch ins politische Washington ausgestattet, was ihrem Sohn, ob er wollte oder nicht, einige Male zugutekam. Und doch ist ihr Verhältnis nicht unbelastet.

Soweit die Voraussetzung für den abschließenden Teil der Geschichte um Danny Ryan. Der ist bemüht, sich zu legalisieren und will mit der Gesellschaft, bei der er offiziell nur stiller Teilhaber ist und die Casinos und Hotels am Strip in der Glücksspielstadt Nummer eins weltweit betreibt, expandieren. Dabei kommt er anderen Unternehmern in die Quere und immer wieder kommt ihm seine Vergangenheit in die Quere. Denn es gibt sowohl beim FBI als auch in der Justiz einige Beamte und Staatsanwälte, besser: Beamtinnen und Staatsanwältinnen, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben. Und so entspinnt sich ein Drama nahezu antiken Ausmaßes, denn drunter macht es Winslow nun einmal nicht. Und er tut gut daran. Denn die damit gegebene Fallhöhe verleiht dem ganzen Unternehmen eine gewisse Wucht. Sicher – es mutet immer ein wenig eigentümlich, gar trivial an, wenn Autoren von Unterhaltungs-, Kriminal- oder Spionageliteratur ihre Werke mit Zitaten und Mottos der großen Klassiker von der Antike bis Shakespeare versehen und sie damit scheinbar aufwerten und in eine Liga zu hieven versuchen, die dann vielleicht doch eine Nummer zu groß ist. Andererseits sind es gerade die Kriminal- und Spionageliteratur, die uns oftmals mehr über unsere Wirklichkeit zu vermitteln verstehen, als die klügsten Sachbücher. Weil es gerade in diesen Genres häufig gelingt, die Wirklichkeit en miniature einzufangen und wie unter einem Brennglas gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen zu reflektieren oder zu kommentieren.

War der Referenzrahmen des ersten Bandes noch Homers ILIAS, da der Auslöser für alles Übel, den Krieg und die Vernichtung kleiner Imperien unter den Banden an der Nordostküste der Vereinigten Staaten zumindest vordergründig eine Frau war, so griff Winslow schon für den letzten Abschnitt des ersten Bandes und für den zweiten Teil auf Vergils AENEIS zurück. So, wie Aeneas einst aus dem brennenden und dem Untergang geweihten Troja floh, so muss Danny einmal mehr fliehen. Wie er aus Hollywood fliehen musste, so wird er auch aus Las Vegas fliehen müssen. Und so sehr er uns sein Unternehmen dazu beigetragen haben mögen, das (post)moderne Las Vegas auf eine neue Stufe seines Daseins gehoben zu haben, er, Danny Ryan, Gründer (eines Mythos, den alle amerikanische Gangster früher oder später darstellen), wird den Lohn seiner Arbeit kaum mehr erleben, mehr noch, er wird sich selbst opfern müssen, um die seinen zu retten. An dieses Motto hält Winslow sich auch im dritten Band, bis auf einen kurzen Abstecher zu Aischylos und dessen EUMENIDEN, dem dritten Teil seiner ORESTIE.

…du kennst das Recht, du kennst es gut. Nun lerne auch Barmherzigkeit zu üben

So zitiert Winslow aus dem antiken Text. Und damit ist in gewissem Sinne der ganze Band umfasst. Denn Danny Ryan möchte nichts lieber, als dem Leben aus Angst, Kampf, Mord und Vergeltung entrinnen. Er möchte vergeben, sich und anderen. Er hat gute Ideen, er hat seine Hotels in Las Vegas zu Vorzeigemodellen gemacht, dank Madeleines Verbindungen gelingt es ihm sogar mächtige Verbündete und Geldgeber an seine Seite zu ziehen. Das Leben könnte ruhig und gut sein. Nur will die Vergangenheit eben nicht vergehen. Das weiß man ja. Und so sympathisch Winslow seinen Helden auch zeichnet – was durchaus kritikwürdig sein mag, dazu später – er kann dem, was er getan hat, nicht entkommen. Nicht der Gewalt, nicht dem Mord, nicht der Vergeltung.

Die ersten beiden Teile der Trilogie waren äußerst geschickt gesponnene postmoderne Verweismaschinen. Echtes Pastiche, Collagen, Zitatsammlungen. Sie speisten sich aus Dutzenden medialer – literarischer wie cineastischer – Vorbilder, verarbeitete diese oft subtil und kommentierte damit ein ganzes Genre. Dabei gelang es Winslow aber auch, eine Gesellschaft zu skizzieren – und zu kommentieren – die sich ein wenig zwischen Fakten und Fiktionen verloren hatte und die nicht zuletzt deshalb einem Scharlatan auf den Leim gehen konnte, der gar keinen Hehl daraus machte, Lügen und Wahrheit derart zu vermischen, dass etwas ganz Eigenes, noch nicht benennbares dabei entstand. Eine Art „Trump-Wahrheit“ oder „Trump-Realität“, der sich etliche seiner Anhänger nur zu gern anheimgaben. Winslow bietet also nicht nur eine Hommage an ein originär amerikanisches Sujet, sondern er dekonstruiert es auch, indem er – vor allem Band zwei CITY OF DREAMS, welcher in Hollywood spielt, sticht hier hervor – die Auswirkungen auf die Realität sehr deutlich herausstellt.

Der dritte Band nun scheint in vielerlei Hinsicht der realistischste Teil der Reihe zu sein. Er spielt in Las Vegas, dem Un-Ort, dem Nullpunkt der Postmoderne, jenem Utopia, das die Grundbedeutung des Begriffs als „Nicht-Ort“ sehr, sehr ernst nimmt. Wo Paris wirklicher ist als das Paris in Frankreich, wo die Pyramiden, die doch einmal in der Wüste bei Gizeh standen, neu errichtet reeller wirken, hier in der Wüste von Nevada, als sie es je in ihrem Jahrtausende alten Zustand in Ägypten sein könnten. Hier nun durchdringt Winslow, wenn auch populär und sicherlich auch oberflächlich, die ganz profane Wirklichkeit der Ökonomie. Der Wirtschaftswelt als einem Bandenkrieg ebenbürtig, nur eben mit anderen Mitteln, denen des Geldes, der Finanzkraft, der Weitsicht und besseren Anlageberatern ausgefochten. Wir werden mit Business-Plänen konfrontiert und mit Finanzierungsmodellen, es wird abgewogen, ob wenige sehr gut betuchte Gäste mehr einbringen als die breite Masse, die allerdings pro Kopf nur ein paar Dollar mitbringt, uns werden Geschäftsmodelle und deren knallharte Durchsetzung exemplifiziert, wir lernen, wie sich die gute Idee nicht immer, aber am Ende dann eben doch durchsetzt, und wird geschildert, wie Danny, der offiziell nur eine subalterne Stellung im Konzern einnimmt, jedes Zimmer kontrolliert, schaut, ob die Bäder sauber genug sind, wie er die Croupiers für die Spieltische höchstselbst einstellt und feuert und sogar den Köchen in den Restaurantküchen – selbstredend alles nur allerbeste Qualität, was hier geboten wird – über die Schulter schaut und hier und da Tipps gibt. Legal Geld zu erwirtschaften ist ein knallhartes Geschäft und harte, sehr harte Arbeit, gar keine Frage. Danny ist bereit, sie auf allen Ebenen zu erledigen.

Sicher, auch für diesen Teil der Story gibt es Vorbilder, wer dächte nicht mindestens an Martin Scorseses CASINO (1995), eines seiner letzten wirklich großen Meisterwerke; doch in der Idee, sich zu legalisieren, indem man in Las Vegas investiert, greift Winslow auch auf einen der Gangsterfilme schlechthin zurück – Francis Ford Coppolas THE GODFATHER: PART II (1974), in welchem Michael Corleone genau diese Idee hat und mit Hilfe des jüdischen Gangsters Hyman Roth verwirklichen will. Der allerdings hintergeht ihn. Winslow findet einen eigenen Dreh: Auch Danny greift – dank der Kontakte seiner Mutter – auf einen jüdischen Geschäftsmann und Investor zurück, doch ist es nicht Abe Stern, der Danny Ryan verrät, vielmehr ist es Danny, dem es nicht gelingt, ein wesentliches Versprechen zu halten, dass er dem alten Mann gegeben hat. Danny wird, wenn auch ungewollt, zum Verräter.

Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Tragische Ereignisse, dramatische Wendungen, der Ehrgeiz einzelner, die Unbedachtheit anderer, die Lust an Gewalt und überall Rache- und Vergeltungsphantasien führen all die Einzelteile dieses Romans langsam zusammen, bis sie, Jahrzehnte später, in ein neues Imperium münden, geführt von Danny Ryans Sohn Ian. Winslow zeigt hier noch einmal seine ganze Könnerschaft, wenn er zusammenbringt, was über Hunderte von Seiten scheinbar nicht viel miteinander zu tun hat. Man muss allerdings ein gutes Gedächtnis für Namen und die jeweiligen Teile der Story mitbringen, die mit ihnen verbunden sind. Und man darf sich nicht allzu sehr an Heldenmythen stören. Und zwar relativ ungebrochenen Heldenmythen. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb Winslow immer wieder auf antike Stoffe rekurriert. So brüchig deren Wahrheiten auch sein mögen, so sehr sie vom menschlichen Fehlen berichten, sie bedienen sich eben auch immer wieder des Helden. Der ist tragisch, doch zumeist ungebrochen.

Auch Danny Ryan ist ein solcher Held. Er leidet unter dem, was er getan hat, doch kommt er bei all seinen Selbstbefragungen immer wieder zu dem Schluss, dass er getan hat, was er tun musste, um die seinen zu schützen. Das macht aus ihm einen einsamen und damit im Kontext der Tragödie doch auch edlen Mann. Er will für seine Untaten Buße tun, aber nach seinen Regeln, nicht nach denen der Gesellschaft, der Justiz und den Behörden. Winslow hatte mit der Trilogie um die Drogenkartelle den amerikanischen Drogenbekämpfern des DEA und anderer Rechtsorganisationen ein Denkmal gesetzt, hier nun gibt er sich ganz und gar dem Mythos des Gangstertums als – darin auch wieder Coppola verbunden – Motor einer Gesellschaft und ihrer (wirtschaftlichen) Kraft hin. Wie außer ihm vielleicht nur Dennis Lehane, gelingt es Winslow, solche Geschichten in ihrer ganzen Ambivalenz dann doch auch als eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Und dabei eben auch aufzuzeigen, dass die amerikanische Gesellschaft als Ganze immer auch auf der Basis des Verbrechens gegründet hat. Von allem Anfang an. Genau davon berichtet die Danny-Ryan-Trilogie. Und sie tut es auf ganz besonders hintergründige, manchmal perfide Art und Weise, weil Winslow enorm viel Aspekte der US-Gesellschaft in seine Saga integriert.

Bleibt also zu hoffen, dass der Albtraum einer MAGA-bewegten Administration einmal vorübergeht und der Autor vielleicht doch noch mal an den Schreibtisch zurückkehrt und sich aufrafft, seinem Werk noch das eine oder andere hinzuzufügen.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.