OURS. DIE STADT/OURS
Ein Mammutwerk, dessen Ambitionen ihm gelegentlich ins Gehege kommen
Phillip B. Williams schreibt im Nachwort zu seinem Großwerk OURS. DIE STADT (OURS, original erschienen 2024; Dt.2024), er habe eine „zeitgenössische Mythologie des Schwarzseins in den Vereinigten Staaten von Amerika“ (S.698) schreiben wollen. Und einmal davon abgesehen, dass sich lange darüber streiten ließe, was ein Mythos, was eine Mythologie im engeren Sinne eigentlich ist, muss man klar sagen, dass es ihm auf seine höchst eigene, zutiefst poetische, manchmal lyrische Art und Weise gelungen ist. Lyrisch auch deshalb, weil Williams von Haus aus Lyriker, ein Poet ist. Sein Umgang mit Sprache ist der eines Lyrikers – und oft genug mutet dieser Roman tatsächlich an wie ein endloses Langgedicht, bei dem die Sprache, ihr Klang wesentlicher erscheinen, denn das, was sie ausdrückt. Doch dazu später.
OURS ist ein Roman ohne Zentrum, wenn man einmal von der titelgebenden Stadt absieht, die aber über die gesamte Lesedauer von nahezu 700 Seiten schwer fassbar bleibt. Was nicht von ungefähr kommt, ist dieser Ort doch mit einem Zauber belegt. Nur diejenigen können ihn finden oder gar betreten, die von der Gründerin – der Zauberin Saint – dazu die Erlaubnis erhalten. Ansonsten bleiben die Stadtgrenzen Schwarzen wie Weißen verborgen. Irgendwo hinter der Grenze zwischen Louisiana und Arkansas gelegen, bietet sie im späten 18. und dem frühen 19. Jahrhundert entlaufenen Sklaven und den wenigen Schwarzen, die in Freiheit leben durften, Schutz.
Hier leben neben der bereits erwähnten Saint, ihrem „Begleiter“, einem zombiehaften Wesen namens Sebsatian, den Zwillingen Naima und Selah – erstere eine Freundin des Todes, des Schmerzes, des Unheils, zweitere eine Schwester des Lebens, des Heilens und der Gesundheit – auch Aba, ein alter Freund und Widersacher von Saint, Mr. Und Mrs. Wife, Franklin und Thylis, Justice und Luther-Philip und viele, viele, die im Roman namenlos bleiben. Eines Tages kommen Frances, ein Wesen, mal Mann, mal Frau, und deren Schützling Joy nach Ours. Frances verfügt über mindestens so mächtige Zauber- und Hexenkräfte wie Saint. So kommt es zwischen den beiden Frauen zu einem den gesamten Roman bestimmenden Zweikampf, der sowohl Liebe als auch Hass umfasst und sie letztlich zu der Erkenntnis führt, einander zu spiegeln, wenn nicht gar jeweils Teil der anderen zu sein. Mehr noch: Durch Frances gewinnt Saint, die seit Jahrhunderten durch den Süden der heutigen USA streift, schwarze Menschen von den Plantagen befreit und jene Männer und Frauen, die sich anmaßten, das Recht auf Besitz anderer Menschen zu haben, auf grausige Weisen bestraft und tötet, ihr Gedächtnis zurück. So wird aus der mythischen Saint wieder eine Frau, die leidet, an der puren Erinnerung leidet, seit sie ihrer afrikanischen Heimat entrissen und auf einem Schiff über den Ozean gebracht wurde.
Eine der gängigsten Definitionen des Mythos ist sein Daseinszweck, die Geschichte so zu erzählen, dass sie erträglich wird. Im Mythos lassen sich jene Teile der eigenen Vergangenheit – kollektiv wie individuell – verbergen, die zu schmerzlich sind, weil sie von der eigenen Schuld künden. So betrachtet ist der Mythos, wie Roland Barthes es einst definierte, immer reaktionär, immer revisionistisch, immer rechts, weil er apologetisch wirkt. Ein Grund, weshalb zeitgenössische, völkisch denkende Politiker der Rechten heute so gern davon reden, die Welt müsse wieder „verzaubert“ werden, sie brauche wieder mehr „Mythen“, weniger Erinnerungskultur. Doch das nur nebenbei. Obwohl gerade ein Roman wie dieser beweist, wie wesentlich die Erinnerung ist, das Nicht-Vergessen dessen, was eine Nation eigentlich in ihren Grundfesten ausmacht und erschüttern muss.
So ist in Bezug auf Phillips´ Roman natürlich ein anderer, wenn auch verwandter Zweck wesentlich: Wenn dir deine Geschichte geraubt wurde, ja, wenn dir sogar der Name geraubt wurde – ein im Roman wesentlicher Aspekt, der gerade in dem Ehepaar Mr. & Mrs. Wife gespiegelt wird, die sich, wie so viele hier, an ihre „echten“ Namen nicht erinnern können (wodurch das Konzept des „echten“ Namens als Identitätsstifter natürlich grundsätzlich in Frage gestellt wird), und sich ihre Namen selbst gegeben haben, Namen, die durchaus mit Bedeutung aufgeladen sind, denn „miss wife“ bedeutet vor allem: Ich vermisse meine Frau, die bei einer Auktion verkauft wurde -, von deiner Geschichte, den Traditionen, denen du entstammst und deinen Ahnen ganz zu schweigen, wenn deine ganze Herkunft also im Dunkeln liegt, dann bleibt dir nur der Mythos, um dir eine Geschichte zu erzählen, um ein Narrativ zu errichten, welches es dir erlaubt, zu existieren. In Würde zu existieren. Und in Freiheit, den der Verlust der eigenen Identität als Geschichtsverlust macht dich natürlich auch frei, dich neu zu erfinden. Doch beweist Williams´ Roman eben auch, dass diese Art der Freiheit immer unendlich schmerzhaft ist.
Auf der Basis des Mythischen kann Phillips natürlich auch alles geschehen lassen, gleich ob rational oder psychologisch begründbar, oder aber magisch und fantasievoll. So ist dieser Roman seltsam enthoben aus Zeit und Raum, erinnert oft an den magischen Realismus des lateinamerikanischen Romans bspw. einer Gioconda Belli oder an ein ähnlich verästeltes und labyrinthisches Werk wie TERRA NOSTRA (1975) von Carlos Fuentes. Williams gesteht seinen Figuren – den wesentlichen Figuren – die bereits erwähnten magischen Fähigkeiten zu, womit sie die Pein des historisch verbürgten Schmerzes überwinden können, stellvertretend für die Millionen Namenlosen der Historie, denen diese Möglichkeit verwehrt blieb. Und so kann er Zeit und Raum aufheben, kann seinen Roman immer dort verorten wo ein Roman zuhause ist: Zwischen den Deckeln eines Buchs.
Selah, die in die Köpfe anderer Wesen gleiten und die Welt aus deren Augen betrachten kann, wird spät eine Zeitreise antreten und „sehen“, was aus den Nachfahren wurde, die von Naima abstammen, da sie selbst keine Kinder gehabt haben wird. Und Saint wird bald im Roman ihr Zeitgefühl verlieren und feststellen müssen, dass ein Ort, der unsichtbar ist, der also a priori „aus der Zeit gefallen ist“, da er weder mit der Außenwelt kommuniziert (obwohl mit Delacroix ein Nachbarort existiert, in dem, es wird nie näher erläutert weshalb das möglich ist, viele aus Ours arbeiten) noch die Außenwelt einlässt, das Weltgeschehen verpasst. Die Befreiung der Sklaven durch den Sieg der Union im amerikanischen Bürgerkrieg – hier ein Randereignis, das nicht weiter ins Gewicht fällt. Und warum auch? Diese Menschen, die der Roman beschreibt, sind frei. Es wurde weiter oben bereits beschrieben. Sie sind frei – von allem Anfang an.
Und so wird das Konzept „Freiheit“ zum zweiten großen Thema dieses Buchs. Denn was macht uns frei? Und wie gehen wir mit Freiheit um? Und macht uns Freiheit nicht auch sehr einsam? Phillips scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang Fragen nach Geschlechtsidentität, nach Homosexualität, nach toxischer Männlichkeit und den Folgen, die sie zeitigt, sehr moderne Fragen also, einzuflechten und zu behandeln. Fragen, die sich 1831, 1853 oder 1873, um nur einige der im Roman genannten Jahreszahlen zu erwähnen, sicherlich nicht in dem Maße gestellt haben, wie es im Jahr 2019, 2021 oder 2026 der Fall ist. Und doch Fragen, die zu stellen vielleicht auch im 19. Jahrhundert vielleicht nicht falsch gewesen wäre, weil in ihrer Beantwortung ein anderer geschichtlicher Verlauf denkbar gewesen sein könnte.
Sicher, ein bisschen aufgesetzt mag das wirken, hat man doch momentan den Eindruck, sämtliche Autor*innen, die auf sich halten, bauen genau diese Fragen in ihre Werke ein; andererseits wird Phillips lang an seinem Werk gearbeitet haben und also zu einer Zeit mit diesen Fragen und Themen beschäftigt gewesen sein, als diese noch nicht gar so im Fokus der öffentlichen und allgemeinen Aufmerksamkeit standen. Sei´s drum. Im Rahmen des Konzepts des Romans geht es auf. Denn Zeit und Raum enthoben, können natürlich innerhalb der mythischen Zeitlichkeit alle Fragen behandelt werden, die man sich nur vorstellen kann. Und es beweist eben auch, dass die Fragen immer schon da waren, vielleicht nur nie so deutlich formuliert wurden, wie heutzutage.
Was auffällt – und damit ist man bei Phillips stilistischem Zugriff auf seine Geschichte – ist die Deutlichkeit, mit der der Autor sich weigert, Identifikationsfiguren anzubieten. Leser*innen müssen sich damit abfinden, dass sie in eine Welt eintauchen, in der sie vielen nicht unbedingt sympathischen Figuren begegnen, aber ganz sicher keiner Heldin und keinem Helden. Diese Rolle verweigert der Roman seinen Figuren und diese Figuren verweigern dem Roman die Möglichkeiten, die eine Heldengeschichte böte. Diese Figuren fordern vom Roman unbedingte treue gegenüber einem Konzept der Ambivalenz ein.
Saint ist rachsüchtig. Sie will Rache nicht nur für das ihr angetane Unrecht, sie will Rache an einer Welt, deren Versprechungen nie einhaltbar waren. Liebe zum Beispiel. Sie will Rache für die Wirklichkeit der Geschichte selbst und sie will Rache dafür, dass sie sich nicht erinnern kann, wie sie auch Rache will dafür, dass sie sich erinnern kann. Und sie nimmt Rache, und diese ist, wie weiter oben schon beschrieben, oft grausig. Und lustvoll. Auch das gehört zur Wahrheit dieser Figur: Der Schmerz, den sie anderen verursacht, verursacht ihr Lust, zumindest Befriedigung. Doch auch andere Figuren hier – Frances, Justice, Aba, die Zwillinge – sind insofern fein entworfen, da sie zwar alle funktional konzipiert sind, doch immer vielschichtig. Sie alle sind Opfer von Gewalt und das hat sie gelehrt, selbst gewalttätig zu sein. Gegen andere und gegen sich selbst. Gegen ihre Freunde wie gegen ihre Feinde. In Justice, ein „sprechender Name“, wie so viele hier, wütet der Zorn, unbändig, brutal, verzehrend. Luther-Philip liebt die Liebe und verpasst dabei die Wahrheit, dass die Liebe an Menschen gebunden ist, nicht um ihrer selbst willen existieren kann. So könnte nun all diese Figuren durchgehen, die hier im engeren Sinne eine Rolle spielen, sie alle werden vielschichtig und widersprüchlich entworfen und geschildert. Sie alle sind aber auch widersetzlich, widerborstig und widerständig gegen die Erwartungen sowohl des Lesers, als auch aller anderen Figuren und wahrscheinlich auch die des Autors.
Es gibt keine Hauptfigur im klassischen Sinne, da der Autor – darin ganz postmodern – immer wieder abschweift; mitten in eine Handlung, wenn man es denn so nennen will, werden Anekdoten zu den gerade handelnden Figuren eingeworfen. Oft schweift Williams für Dutzende Seiten von dem ab, was im klassischen Sinne als Handlung bezeichnet würde, um vermeintlichen Nebensächlichkeiten nachzuspüren, in die Vergangenheit oder Zukunft einzelner Protagonisten einzutauchen. Und was man gemeinhin Plot nennt, was also von Dramatik und Wendepunkten, vom An- und Abschwellen, vom Verdichten und Verzerren des Situativen lebt, das wird hier einfach nicht bedient. Alles bleibt anekdotisch, reduziert auf den reinen Gehalt dessen, was erzählt werden muss. Darin erinnert OURS ein wenig an heilige Schriften. Eben an jene Schriften, die uns in allen Religionen vom Mythos, von Mythen erzählen.
Hier wird aber – anders, als es rechtspopulistische Politiker vielleicht meinen – eben nichts durch den Mythos beschönigt, im Gegenteil, der Mythos erlaubt Grausamkeit, wo man vielleicht lieber ein geschichtsklitterndes Narrativ vorfinden würde. Der Mythos erlaubt auch und gerade, Geschichte umzuschreiben – und genau dieses Nutzens bedient sich Williams, indem er von schwarzen Menschen berichtet, die nicht einfach nur sich ermächtigen, sondern die durch ihre Fähigkeiten, magische Fähigkeiten, ermächtigt sind. Und die diese Fähigkeiten nutzen, um in die Geschichte einzugreifen. Und genau dadurch, dass Williams dies so erzählt, wie er es erzählt, wird er Teil genau dieses Handelns, dieser Ermächtigung. Schreibt sein Schreiben dem mythischen Schreiben aller Zeiten ein. Wobei die Religion hier zugleich wesentlich und unwesentlich ist, wie so vieles hier ambivalent bleibt. Der christliche Glaube spielt eine Rolle, zugleich wird er – so entstand einst der Voodoo-Mythos der Karibik – mit Ritualen und Versatzstücken der alten afrikanischen Religionen vermischt und durchsetzt, wird verwässert und entkräftet und zugleich mit schwarzer Magie, mit – vermeintlich – Bösem aufgeladen. Was daraus entsteht, ist unheimlich, ist oft bedrückend und bedrohlich, ist schwer zugänglich und verweigert sich der schnellen Interpretation. Verweigert sich auch der schnellen Lektüre.
Williams bedient sich zudem – womit man an den Beginn dieses Texts zurückkehrt – einer Sprache, die es den Leser*innen nicht einfach macht und offenkundig auch nicht einfach machen will. Sie ist ebenso originell wie verwirrend, denn selten musste man einzelne Sätze so häufig lesen, wieder und wieder, um ihren tieferen Gehalt zu erfassen. Selten gab ein Autor seinen Sätzen so seltsame, oft schöne, fast immer vollkommen unerwartete Wendungen. Immer wieder nehmen diese oft sehr langen Sätze Abzweigungen, die dem herkömmlichen Leseverhalten, den Leseerwartungen diametral entgegenstehen, sie unterlaufen, gar dekonstruieren. Und häufig wirkt es dann so, als sei es die Sprache selbst, die im Mittelpunkt dieses Werks stünde. Ihre Wirkmacht, ihre pure Schönheit und Verführungsgabe, ihr Nutzen ebenso, wie die Ästhetik, die ihr innewohnt. Sie ist es, die Welten erschafft. Da ist und bleibt Phillip B. Williams eben der Poet, als der er auf der literarischen Szene Amerikas aufgetaucht und groß geworden ist.
Doch liegt darin auch der Kritikpunkt, den man gegen OURS vorbringen kann, vielleicht vorbringen muss: Diese Sprache, so wunderbar sie anmutet, schiebt sich auch immer wieder zwischen die Rezipient*innen und den Inhalt, die Handlung, die Geschichte, das, was hier verhandelt werden soll. Es bleibt seltsam veräußerlicht, es berührt nicht wirklich, man wird emotional nicht mitgenommen, wie es immer so schön heißt. Trotz der Vielschichtigkeit der Figuren und ihrer inneren Widersprüche. Das Geflecht aus Gedanken, aus Ideen, aus teils angerissenen, teils ausgereiften, komplexen Konzepten, aus Figuren und Funktionen, Anekdoten und Geschichtsentwurf, Theorie und konkretem Erzählen – in etlichen Szenen wird Williams äußerst konkret – ist derart vielschichtig, weist so viele Ebenen auf, führt in immer weitere labyrinthische Windungen, dass man sich bei der Lektüre irgendwann verliert. Und damit verliert das Werk seine Dringlichkeit. Was schade ist.
Dennoch: OURS ist unter den großen Romanen der jüngeren Vergangenheit sicher einer der wesentlichen, schon deshalb, weil er seine Themen wie Emanzipation und Freiheit so ernst nimmt, dass er sie hinterfragt und es sich damit nicht einfach macht; sich nicht und auch seinen Leser*innen nicht. Es ist ein Roman (wenn es denn einer ist), der herausfordert, der nachhallt, der sich immer wieder in die eigene Gedankenwelt drängt und dort verweilt. Und es ist ein Roman, dessen Sprache ein Eigenleben entfaltet, das lange, lange nachhallt. Und auf dieser Ebene ist es nicht weniger als Magie, die Phillip B. Williams entfaltet.