MOONFLEET

Ein Abenteuerroman wie er sich gehört...

John Meade Falkner, der in seinem Leben lediglich zwei Romane und eine Kurzgeschichtensammlung, allerdings eine Reihe nicht-fiktionaler Texte geschrieben, bzw. veröffentlicht hat, war ein Zeitgenosse sowohl von Thomas Hardy, mit dessen Stil der seinige gern verglichen wird, als auch von Robert Louis Stevenson, von dem Meade sich für seinen bekanntesten, hier vorliegenden Roman MOONFLEET (Original erschienen 1898; Dt. hier in der Übersetzung von Michael Kleeberg, 2016/2025) das Handlungsgerüst geliehen haben dürfte. Meade erzählt eine ebenso typische wie hanebüchene Abenteuergeschichte, zugleich aber auch eine frühe Coming-of-Age-Story und, wenn man so will, auch eine Éducation senitmentale.

Angesiedelt im ländlichen Dorset, an der englischen Südküste, folgen die Leser*innen dem jungen John Trenchard, der bei seiner Tante lebt, sich aber vor allem gern bei Ratsey herumtreibt, dem Küster der Kirche. Durch verschlungene Zufälle wird John das Mündel des lokalen Wirts Elzevir, der den Jungen unter seine Fittiche nimmt – was auch bedeutet, ihn zu einem der „Ablander“ zu machen, einem Schmuggler. Die beiden müssen fliehen, als sie des Mordes am Friedensrichter Maskew verdächtigt werden, der seinerseits für den Tod von Elzevirs Sohn verantwortlich gewesen ist. John gelangt in den Besitz eines geheimnisvollen Pergaments, welches Hinweise auf den Schatz des Colonel Mohunes gibt. Er und Elzevir suchen und finden den Schatz – ein riesiger Diamant, versteckt in einem Brunnen -, den sie in Holland zu verkaufen suchen. Doch werden sie übers Ohr gehauen und fälschlicherweise des Diebstahls angeklagt. Für zehn Jahre wandern sie in die Zwangsarbeit, sollen dann nach Java in die Strafkolonien verbracht werden, doch ein Sturm treibt das Schiff an die englische Küste und so kehrt zumindest John in sein Heimatdorf zurück, wo ihn nicht nur die Liebe einer jungen Dame erwartet, die tatsächlich all die Jahre auf ihn gewartet hat, sondern auch eine große Überraschung…

Meade lässt nichts aus – ein Schatz; gruslige Geräusche in der Kirche; ein unheimliches Herrenhaus; eine junge Dame, die ausgerechnet die Tochter des durch ein Unglück zu Tode gekommenen Friedensrichters ist, dennoch jenen Jungen und Mann liebt, der für den Tod des Vaters verantwortlich sein soll; leider auch einen verschlagenen Juden und damit den Beweis des für seine Zeit so typischen Antisemitismus´; Stürme und Untergänge; Blut und Gewalt. MOONFLEET strotzt nur so von all dem, was einen Abenteuerroman ausmacht und dennoch packt das Buch, obwohl heutige Leser*innen nahezu jede Wendung der Handlung voraussehen können.

Es liegt vor allem an der Atmosphäre, die dem Autor zu kreieren auf außergewöhnliche Art und Weise gelingt. Es sind die Landschaftsbeschreibungen ebenso wie die der stürmischen Nächte auf See, die Momente voller Spannung, wenn John sich in einen Brunnen abseilen muss, um den Schatz zu bergen, aber auch die Schilderungen der Fronarbeit in der holländischen Strafkolonie, welche die Leser*innen packen. Gerade Letztere schildert Meade sehr anschaulich und gibt ein recht realistisches Bild davon, wie im 18. Jahrhundert mit Menschen der unteren Klassen umgegangen wurde. Auch den Vergleich mit Hardy, der ein wahrer Meister der Landschaftsbeschreibung gewesen ist, braucht Meade nicht zu scheuen, wenn er auch nicht ganz an das Vorbild heranreichen mag.

Hardy und Stevenson waren nun wahrliche Meister ihres Fachs und so wäre es unfair, Meade an ihnen zu messen. So gelingen ihm nicht solch tiefgreifende Charaktere, wie es Stevenson vergönnt gewesen ist. Dennoch nehmen diese Figuren – der Ich-Erzähler John, sein Beschützer Elzevir, Master Ratsey, der Pfarrer Mr. Glennie, auch Grace, die etwas blass bleibt – die Leser*innen für sich ein. Sie mögen nicht so ambivalent und vielschichtig sein, wie jene in den Werken der Vorbilder, doch verfügen sie über genügend Charakter, damit mit ihnen fühlt. Und Maskew ist ein wahrlich widerlicher Antagonist, der Elzevir ohne Not dessen Lebensgrundlage – das Wirtshaus namens Why Not? – zu entreißen droht. Hinzu kommt seine Verantwortung für den Tod des Sohns des Wirts, wodurch wir natürlich gänzlich auf der Seite von Elzevir und John sind. Und selbstredend wollte Elzevir, auch wenn er anderes behauptet haben mag, niemals den Tod des Friedensrichters, der dann tatsächlich durch eine verirrte Kugel eines seiner eigenen Wachsoldaten dahingerafft wird.

Die einzige wirkliche Entwicklung durchläuft der Ich-Erzähler John Trenchard, der vom Jungen mit Flausen im Kopf zum Mann heranreift. Grace, der er seine Liebe schon versichert, bevor er dann aus Moonfleet fliehen muss, warnt ihn, dass der Diamant verflucht sei und seinem Besitzer nur Unglück brächte – was dann ja auch eintritt. Meade berichtet recht organisch von einer ganzen Reihe von Zufällen, die dann die Entwicklungen zeitigen, die die Handlung nimmt. Dass das Sträflingsschiff, mit dem Elzevir und John nach Java verbracht werden sollen, ausgerechnet an ihrer Heimatküste strandet, ist dann den Gepflogenheiten eines solchen Romans geschuldet und damit nachzusehen.

Ebenso ist es der Brief, der John nach all den Jahren erwartet und in welchem der jüdische Händler, der ihn und Elzevir, der bei dem Bemühen, sich und John in der stürmischen See an Land zu bringen ein Leben verloren hat, einst übers Ohr gehauen hatte, seine Schuld eingesteht und John ein immenses Vermögen vermacht, welches dieser – er hat seine Lektionen gelernt – einsetzt, um Armenhäuser zu errichten und der Kirche neue Bänke und Fenster zu spendieren. Es sind Wendungen wie diese, die den Märchencharakter der Geschichte betonen. Doch kann Meade so natürlich indirekt etwas über das Klassensystem und mehr noch über Armut in England erzählen. Dass diese Männer sich als Schmuggler betätigen, wird nirgends im Roman – außer von Maskew, der sie unbedingt überführen will – moralisch verurteilt. Im Gegenteil: In einer Gesellschaft, in der das Land einigen wenigen gehört und ehrliche Arbeit – die Männer in Moonfleet sind vor allem Fischer – kaum den Lebensunterhalt zu sichern vermag, ist es nur recht und billig, sich mit Schmuggel und dem Sichern und Plündern gestrandeter Schiffe über Wasser zu halten.

MOONFLEET ist eine nette kleine Lektüre für Nebenbei, die aber trotz ihrer Durchschaubarkeit und der teils durchaus im Märchenhaften verankerten Handlung ein vielleicht nicht ganz ungenaues Bild dieser englischen Gesellschaft Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts zeichnet. Meade weiß zugleich zu unterhalten und seine Botschaft an die Leser*innen zu vermitteln. Damit steht er in einer großen Tradition angelsächsischer Literatur. Vielleicht nicht in der ersten Reihe, aber ganz sicherlich auch nicht im Schatten der Giganten.

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