OFFENE RECHNUNG/SANS COMPTER

Der "neue Djian" bietet schließlich genau das, was man in einem "neuen Djian" sucht

Nanu, denkt das geneigte Publikum auf den ersten 120 Seiten des jüngst auf Deutsch erschienen Romans OFFENE RECHNUNG (SANS COMPTER, Original erschienen 2023; Dt. in der Übersetzung von Norma Cassau 2026) des französischen Kult-Autors Philippe Djian. Nanu, ein Djian-Roman, der einen echten, nachvollziehbaren, spannenden und voranschreitenden Plot bietet? Eine Story? Eine richtige, echte, sich entwickelnde Geschichte? Man staunt. Und ist nach den bereits erwähnten etwa 120 Seiten fast schon erleichtert, dass sich dies in etwa so entwickelt, wie man das von einem seiner Lieblingsautoren der letzten gut 40 Jahre erwartet hätte. Denn Djian hält das nicht durch, greift schließlich auf eben jene Mittel zurück, für die man ihn liebt oder eben auch nicht und setzt auf genau das, was er einst als das A und O seines Schreibens bezeichnete: Stil. Stil und Atmosphäre. Und so hat man am Ende dieser gerade einmal 250 Seiten genau das in der Hand, was man wollte: Einen astreinen Philippe-Djian-Roman. Nicht seinen besten, sicherlich aber auch nicht seinen schwächsten.

Ich-Erzähler Nathan muss damit leben, seinen Job als Journalist los zu sein, nachdem sein Chef ihn aus der Redaktion jener Zeitung geworfen hat, die Nathans Schwiegermutter Gaby – eine anerkannte, von ihm zutiefst verehrte Lyrikerin – gehört. Zumindest gehört sie ihr, seit sie Witwe ist, seit ihr Mann Roland unter eher dubiosen Umständen umgekommen ist. Dummerweise steht die Zeitung unter enormen finanziellen Druck, will der Senator Brunevigne, Kopf einer Investorengruppe, Gaby doch ein hochwertiges Grundstück abkaufen, um dort einen Freizeitpark zu errichten und treibt dazu die Preise für Papier in die Höhe. Ein Vorhaben, das weder Gaby, noch Nathan und auch die meisten Bewohner des Städtchens sonderlich goutieren. Dass Nathans Frau Sylvia nun ausgerechnet in den Kreisen der Brunevignes verkehrt – um die Ehe von Nathan und Sylvia ist es seit einer misslungenen Vasektomie, die den Gatten sein Erektionsvermögen und damit seinen männlichen Stolz gekostet hat, nicht allzu gut bestellt, man geht seiner eigenen Wege – trägt nicht unbedingt zur Entspannung der Lage bei. Und dass Nathan ausgerechnet durch einen Hund, den er nie wollte, den Sylvia ins Haus gebracht hat und der als Zuchttier für den Hund von Brunevignes Gattin Barbara gebraucht wird, nun ebenfalls näher mit der Familie verbandelt ist, schürt Probleme an allerlei Fronten. Gut, dass er und Gaby sich gut verstehen.

Lange entwickelt dies sich in die Richtung eines lokalen Polit-Thrillers, man fiebert tatsächlich um die Entwicklung der Zeitung, vor allem, nachdem deren Chefredakteur einen Unfall hatte und Nathan von Gaby mehr oder weniger diktatorisch als dessen Nachfolger eingesetzt wird. Der verschlungene Plot um die Verbindungen Sylvias und schließlich auch Nathans mit den Brunevignes, mit deren Hausdame Nicole, die ihrerseits als Story in der Zeitung auftaucht, nachdem sie tagelang verwirrt durch die die Stadt umgebenden Wälder geirrt war, und auch um Entwicklungen hinsichtlich des Grundstück-Kaufs und der Zeitung, entwickelt tatsächlich deinen Sog, entwickelt herkömmliche Spannung. Aber Djian wäre nicht Djian, wenn es ihm letztlich nicht um etwas ganz anderes ginge, denn eine spannende Geschichte zu erzählen.

Atmosphärisch ist es der auslaufende Winter, der die Grundtemperatur der Geschichte bestimmt. Es ist bitterkalt, dem Chefredakteur der Zeitung wird die Glätte auf den Stufen vor der Redaktion zum Verhängnis, Nathans nächtliche Streifzüge durch die Stadt sind Kältepartien, bei denen ihm ein seltsames Wesen, von ihm nur „die Kreatur“ genannt, begegnet, dessen Funktion im Roman sich eigentlich nie erschließt, außer dass wir annehmen müssen, dass Nathan tatsächlich enormen Stress ausgesetzt ist und ob dessen mittlerweile schon unter Halluzinationen leidet. Halluzinationen, zu denen der sich hinziehende Winter sicher sein Übriges beiträgt. Prompt steigt denn auch Nathans Stimmung und steigen auch die Chancen, dass alles sich zum Guten wendet, als der Frühling sein mildes Haupt aus seiner Höhle streckt.

Stilistisch geht es Djian aber einmal mehr darum, in der Sprache diesen schwer erklärbaren, nicht immer eindeutig zu beschreibenden Gefühlen nachzuspüren, die das Zwischenmenschliche ausmachen, es bestimmen. Zumal das zwischen den Geschlechtern. Sylvia bspw. bleibt eine ausgesprochen blasse Figur und man ist geneigt, Djians nur schwach ausgeprägte Fähigkeit überzeugende Frauenfiguren zu entwerfen dafür verantwortlich zu machen. Dann aber denkt man an einen Roman wie „OH…“ (2012/14) und erinnert sich, dass dieses Klischee über den Autor spätestens seitdem nicht mehr stimmt. Darüber hinaus muss man aber vor allem konstatieren, dass Gaby gegenüber der ihrer Tochter eine ausgesprochen starke und gut ausgearbeitete Frauenfigur in diesem Roman ist.

Also scheint der Autor anderes zu bezwecken, wenn er nicht nur die Gattin, sondern auch die ganze Ehe von Nathan und Sylvia erstaunlich blass wirken lässt. Nathan, der seit dem Eingriff nicht mehr schlafen kann, findet Lust daran, seine Frau, die er zu lieben nach wie vor behauptet, schlafend zu beobachten. Gleiches tut er aber auch mit Gaby. Nathan kapriziert sich also auf ein Dasein als Voyeur und Spanner, wenn es schon im Bett nicht mehr so funktioniert, wie er das gern hätte. Im Laufe des Romans bekommen die Leser*innen aber immer stärker den Eindruck, dass es so oder so eigentlich Gaby ist, auf die sich Nathans ganzes libidinöses Rest-Wollen ausrichtet. Nicht zuletzt, weil er sie als Intellektuelle, als Dichterin verehrt – wodurch Djian der Kraft der Poesie, gar der ihr innewohnenden Erotik, der Erotik der Sprache, ein Denkmal setzt.

Das angesprochene erotische Rest-Wollen Nathans wird nicht zuletzt auch dadurch wieder angefacht, dass neben Gaby auch Nicole und Barbara Brunevigne offenbar erotisches Interesse an Nathan entwickelt haben. Und schwupps – spätestens jetzt ist man wieder in einem Djian-Roman, wie man ihn kennt…und letztlich auch will. Denn immer wieder konstruiert er mit viel Lust am Skandal und immer mit Humor Situationen, in denen sich erschöpfte Männer kaum mehr all der Frauen erwehren können, die es auf sie abgesehen haben. Und natürlich empfinden diese Typen, die nicht immer sympathisch sind und die man nicht immer mögen muss und oft auch nicht mögen soll, eine Art heilige Pflicht, dem Verlangen all dieser wundervollen Frauen nachzukommen. So auch Nathan, der sowohl seine Frau oral befriedigt, Gleiches Gaby angedeihen lässt und sogar mit Barbara ein erotisches Stelldichein hinbekommt. Nur Nicole, die zusehends psychisch zerrüttet, nachdem Barbara sie entlassen hat, sie, die seit ihrer Kindheit im Haus der Brunevignes gearbeitet hatte, nur Nicole wird von Nathan verschmäht. Dafür ist sie das einzige weibliche Wesen (außer Gaby), dem der Erzähler so etwas wie echte emotionale Wärme angedeihen lässt.

Wie es für Djian typisch ist, flicht er in die eigentliche Handlung – die sich schließlich entwickelt, wie man es von ihm gewohnt ist, nämlich gar nicht, in antiklimaktischen Zyklen gegen jede Spannungsentwicklung erzählt wird und schließlich versickert – diese und jene Nebenhandlung ein; u.a. ein äußerst aggressiver verprellter Ex-Liebhaber von Gaby, der ihre Lesungen zu stören beginnt, von Nathan verprügelt wird und glücklicherweise Selbstmord begeht, bevor seine Anwesenheit im Buch noch zu tatsächlichen Problemen führen könnte. Und wie es ebenfalls für Djian üblich ist, wird das alles mit einem hintergründigen, manchmal tiefschwarzen Humor und einem wahrlich bösen Blick auf die Welt der Schönen, Reichen und vor allem Einflussreichen erzählt. Waren seine frühen Figuren klar der Unterschicht zugehörig, Außenseiter und Aussteiger, was vor allem für Zorg galt, seinen Helden der Trilogie BETTY BLUE – 37,2 GRAD AM MORGEN (1985/86), VERRATEN UND VERKAUFT (1986/88) und RÜCKGRAT (1988/91), so war Djian ehrlich genug zu sich und seinen Leser*innen, mit zunehmendem Erfolg auch von erfolgreichen, meist in kreativen Berufen tätigen Menschen zu berichten. Allerdings scheint ihm die Szene, die damit einhergeht, scheint ihm das Milieu nie wirklich behagt zu haben. Denn nahezu immer werden diese Menschen mit einer Boshaftigkeit bloßgestellt, die es in sich hat. Je schmaler seine Bücher wurden, je schwer zugänglicher seine Geschichten, je redundanter sein Stil, desto ekliger die Figuren. Da muss man schon zugeben, dass das Personal in OFFENE RECHNUNG, gemessen an den letzten Romanen, durchaus sympathischer ist und tatsächlich auch menschlicher.

Was bleibt nach der – recht schnellen – Lektüre? Ein Autor auf der Schlussgeraden seines Schaffens wird kaum mehr neue Anhänger finden, er schreibt meist für die Gemeinde. Für jene, die bereit sind, weiter zu folgen. Also bekommt man, gehört man zu dieser Gemeinde-  vielleicht einfach deshalb, weil diese Literatur einen begleitet, seit man mit Zorg und Betty einst ins südliche Frankreich gezogen ist, weil sie ein Lebensgefühl (mit)definiert hat, das für eine bestimmte Generation prägend war – bekommt man also genau das, was man erwartet und will. Man liest den „neuen Djian“ eher nebenbei, freut sich, dass er noch da ist und legt den Band dann beiseite, um sich wieder den wesentlichen Dingen des Lebens zu widmen. Und manchmal muss es ja auch gar nicht mehr sein.

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