KING SORROW I/KING SORROW
Joe Hill breitet mit langem Atem ein Panoptikum des Schreckens vor seinen Leser*innen aus
Wenn man nicht wüsste, dass Joe Hill der Sohn des Schriftstellerehepaars Tabitha und Stephen King ist, würde man wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dem Autor um einen Epigonen des „King of Horror“ mit hohem Nachahmungswert handelt. Da man aber ja nun weiß, wer Joe Hill ist, muss man dem Filius attestieren, dass er das väterliche Erbe doch gelungen fortführt. Denn wie der Alte, so hat auch der Sohnemann den langen Atem und ein Gespür für ausgreifende Erzählungen und gelungene Charaktere. Anders als dem Alten gelingt es dem Sohn allerdings, seine Plots stringenter zu führen und weniger ausufern zu lassen, er verliert sich nicht in etlichen Nebenhandlungen und führt auch nicht einen Haufen Nebenfiguren ein, deren dramaturgischer Sinn sich dann selten bis gar nicht erschließt. So ähnelt sein Stil also eher dem jüngeren Stephen King, als dem gegenwärtigen, der sich auf seine alten Tage den ein oder anderen Schnörkel erlaubt.
KING SORROW I (KING SORROW, Original erschienen 2025, Dt. 2025 in der Übersetzung von Stefanie Adam und Kristof Kurz) ist das perfekte Beispiel für eine solche Betrachtungsweise. Der in Deutschland vom Heyne Verlag aus „satztechnischen“ (oder doch eher monetären?) Gründen in zwei Bände unterteilte Roman bietet eine epische Erzählung, relativ gut ausgearbeitete Charaktere, die auch Entwicklungen durchlaufen, er bietet Spannung, eine Prise Humor und es ist wenig absehbar, wohin das Ganze schließlich führen wird, was die Leser*innen natürlich bei der Stange hält. Der Autor hat ein Händchen für Cliffhanger.
Im Zentrum der Handlung steht eine Freundesgruppe, die – natürlich im Sinne der Wokeness aus unterschiedlichen Ethnien und Klassen zusammengesetzt – eher durch Zufall zusammenfindet und, da einer der ihren in Schwierigkeiten gerät, mit einem alten Buch den Teufel heraufbeschwört. Oder, besser, einen Teufel. Oder einen Dämon. Allerdings in Gestalt eines Drachen. Wobei der „Drache“ – man denke nur an Vlad Dracul in der rumänischen Volkssage – ja auch immer ein Synonym für den Leibhaftigen gewesen ist. Wie auch immer. King Sorrow, so der spaßige Name des höllischen Kumpans, der sowohl über einen gewissen Charme, als auch über einen, nennen wir es einmal sardonischen, Humor verfügt, hilft, er fordert aber auch – und zwar jedes Jahr zu Ostern ein menschliches Opfer. Und so geraten Arthur, Gwen, Allie, Colin und die Zwillinge Donavan (genannt „Van“) und Donna im Laufe der Jahre in arge Gewissensnöte, geben sich aber die größte Mühe, immer die „richtigen“ Opfer – also möglichst böse Buben, verwerfliche Gestalten, würdelose Widerlinge – auszuwählen und der Vernichtung anheimzugeben. Das klappt leidlich gut, bis King Sorrow sich entschließt, die Spielregeln ein wenig zu ändern. So wird ein gutes Drittel des Romans – also des ersten Teils dieses alles in allem über 1200 Seiten umfassenden Romans – zu einer spannungsgeladenen Mission für die mittlerweile liierten aber noch nicht verheirateten Van und Allie, um eine Passagiermaschine über dem Atlantik davor zu bewahren, King Sorrow in die Hände – oder in die Klauen oder ins Maul oder was auch immer – zu fallen, da sich das aktuell ausgesuchte Opfer in das Flugzeug gerettet hat.
Hill breitet seine Geschichte schon in diesem Band über einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren aus, beginnend im Jahr 1989. Das gibt ihm, der 1972 geboren wurde, die Möglichkeit, in Erinnerungen an die späten 80er Jahre zu schwelgen, aber auch, ein wenig die damaligen Nöte und gesellschaftlichen Verwerfungen zu schildern. Colin – mit Abstand der reichste unter den Freunden – lebt bei seinem Onkel Llewellyn, der seinerseits nicht nur schwul ist, sondern auch am damals grassierenden und fast immer tödlich verlaufenden AIDS-Virus erkrankt ist. Hill versteht es, das Siechtum des Mannes recht eindrücklich zu beschreiben, auch, welche Ängste und vor allem, welche Vorurteile damit verbunden waren, mit dem HIV infiziert zu sein. Ebenso gelingen ihm – da wieder seinem Vater nicht unähnlich – auch gute, authentisch wirkende Betrachtungen einer amerikanischen Wirklichkeit, die noch weit davon entfernt war, differenziert oder tatsächlich woke zu sein. Sein Blick auf die Klassenunterschiede ist scharf; Rassismus spielt ebenfalls eine, wenn auch untergeordnete, Rolle. So gesehen ist die von ihm zusammengestellte Truppe – Arthur ist schwarz, Gwen eindeutig der Arbeiterklasse zugehörig, Allie sexuell indifferent usw. – eher ein utopisches Versprechen, ein Vorgriff auf die 90er Jahre und das kommende Jahrtausend, das weitaus pluralistischer gerade mit Fragen geschlechtlicher Identität umgehen sollte, bis hin zu den heutigen Verwerfungen durch jene, die sich durch zu viel „Wokeismus“ eingeengt und bedrängt und sogar bedroht fühlen. Man wird sehen, ob Hill diese Entwicklungen im zweiten Band aufgreift. Auch der allgegenwärtige Drogenmissbrauch unter den Freunden, ebenso der immer gegenwärtige Alkohol und die daraus entstehenden Süchte und inneren Verwerfungen treffen einen zeitgeistigen Punkt vor allem der 90er Jahre. Hill nutzt seine Protagonisten geschickt, um bestimmte spezifische Veränderungen zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den Generationen aufzugreifen und zu beschreiben.
Was Hill dann ebenfalls recht gut gelingt, ist das Spiel mit den Erwartungen des Lesers, der natürlich um die Geschehnisse der Jahre 2001 ff. weiß, bspw. um 9/11. Hill spielt mehrfach darauf an, er baut aber auch den ersten Anschlag auf das World Trade Center von 1993 in die Handlung ein, ebenso das schreckliche Attentat auf das FBI-Gebäude in Oklahoma City 1995. Allerdings – und da könnte Kritik ansetzen – neigt er dazu, all diese Vorkommnisse in einer großen Verschwörungserzählung zu vermischen. Zumindest deutet es sich an. So wird überhaupt recht viel geraunt in diesem Roman, was natürlich dem Genre – irgendwo zwischen Horror und Fantasy, die Trennlinie ist da eh nicht immer ganz scharf – geschuldet sein mag. Immer gefährlich, sowas zu tun, denn damit schafft man natürlich auch Entschuldigungen für jene, die tatsächlich verantwortlich waren. Und doch deutet er damit natürlich eine weitere Ebene seiner Narration an, die wiederum Spannung verspricht. Das kann er, da hat er beim Herrn Papa offensichtlich einiges abgeschaut.
So muss man diesem ersten Band eine gute Konstruktion attestieren. Der Wechsel zwischen konkreten Szenen und dem Überspringen weiter Zeiträume, dann wieder der Engführung über Hunderte von Seiten in dem Flugzeug und schließlich, zum Ende hin, der erneute Sprung über Jahre, was Hill die Möglichkeit bietet, seine Charaktere in verschiedenen Entwicklungsstadien zu schildern, funktioniert sowohl im Tempo, als auch rhythmisch recht gut. Und sogar die Konzentration auf verschiedene Charaktere – auf den ersten 200 Seiten stehen Arthur und Gwen im Mittelpunkt, die beiden verbindet eine sanfte Liebesgeschichte, die durch King Sorrow eine bittere Wendung erfährt; später dann stehen Allie und Van im Zentrum der Handlung – geht auf. Die letzten Seiten deuten dann die Wendung hin zu einem waschechten Paranoia-Thriller an, denn nach den Ereignissen über dem Atlantik entwickeln auch staatliche Behörden Interesse an dem seltsamen Wesen, das da angeblich das Flugzeug in Zehntausend Meter Höhe attackiert haben soll. Man darf also gespannt sein…
Wer sich für Comics interessiert, dem wird auffallen, dass sowohl eines der wesentlichen Settings der ersten 200, 300 Seiten – Llewellyn lebt gemeinsam mit Colin auf einem riesigen Anwesen in einem gotisch anmutenden Haus, in dem die Freunde sich immer wieder einfinden, feiern, Drogen nehmen und in einer recht eindrücklich beschriebenen Szene jugendlicher Experimentierlust schließlich den Drachen beschwören –, als auch die Freundesgruppe an die von Hill konzipierte und geschriebene, von Gabriel Rodriguez mit entwickelte und gezeichnete Comic-Reihe LOCKE & KEY (2008-2013) erinnern. Da hat der Meister wohl ein wenig bei sich selbst abgekupfert. Oder aber – und da schließt sich der Kreis wieder – er greift, wie sein Vater, schlussendlich immer mal wieder auf ähnliche, ihm vertraute Motive zurück.
Wie dem auch sei, KING SORROW I überzeugt, packt, entfesselt einen gewissen Sog, ist vielschichtig und bietet einen schönen Rückblick auf eine Zeit, die so lange her scheint und doch eben erst vergangen ist. Man darf – im Deutschen – auf Teil II gespannt sein.