A WOMAN UNDER THE INFLUENCE

John Cassavetes Meisterwerk aus dem Jahr 1974 beeindruckt noch immer

Das Ehepaar Mable (Gena Rowlands) und Nick (Peter Falk) Longhetti führt eine komplizierte aber an sich nicht unglückliche Ehe. Mabel benimmt sich manchmal auffällig, doch nie ist sie unangenehm oder gar aggressiv. Nick, ein Bauarbeiter, hat ihr ein Wochenende versprochen, das sie nur zu zweit verbringen, dazu hat Mabel die drei Kinder zu ihrer Mutter geschickt. Nick sagt ab, ein Wasserrohrbruch macht ihm den Feierabend zunichte. Mable geht aus und betrinkt sich und nimmt einen fremden Mann mit in die Wohnung. Dieser ist am folgenden Tag noch da, doch bleibt im Unklaren, ob und was zwischen den beiden passiert ist. Nick taucht mit seiner gesamten Kollegenmannschaft daheim auf, Mabel macht für alle Essen und setzt sich dann mit an den Tisch. Sie benimmt sich auch hier auffällig, was die Männer eine Zeit lang mitmachen, bis sie ihnen unangenehm wird. Nick brüllt sie an, sich „auf ihren Arsch zu setzen“. Zunehmend wirkt sie angeschlagener, schließlich – sie will für ihre Kinder eine Party geben, einige Nachbarskinder kommen hinzu – gibt es einen Eklat, als der Nachbar selbst dazustößt und Mabels Verhalten anstößig findet. Zwischen Nick und dem Fremden kommt es zu Handgreiflichkeiten. Auch auf der Arbeit wird Nick nun immer öfter auf Mabels Verhalten angesprochen, wobei er immer wieder beteuert, sie sei nicht verrückt, sie sei nur etwas ungewöhnlich. Doch nach der mißglückten Party läßt Nick einen befreundeten Arzt kommen, der Mabel schließlich einweist. Sechs Monate ist sie in einer psychiatrischen Klinik. In dieser Zeit bemüht Nick sich, den Kindern ein guter Vater zu sein, muß aber feststellen, daß Kinderbetreuung, Haushaltsführung und ein Job doch sehr viel sind. Er merkt, daß Mabel ein enormes Pensum geleistet hat, ihre eigenen Bedürfnisse dabei jedoch kaum jemals beachtet oder gar befriedigt wurden. Als sie nachhause kommt, hat Nick eine Party mit fast 60 Gästen organisiert, doch sowohl die Frau eines Kollegen als auch seine Mutter, die maßgeblich beteiligt war, Mabel in die Klinik einweisen zu lassen, sorgen dafür, daß alle gehen, bevor Mabel eintrifft. Schließlich kommt sie, von ihrer eigenen Mutter gebracht und findet nur noch die Familie vor. Es kommt erneut zu einer für Mabel aber auch die anderen schrecklichen Situation, in der niemand – auch Mabels Vater nicht, den sie eindringlich bittet „für sie aufzustehen“ – ihr zur Hilfe kommt. Als alle gegangen sind, bricht zwischen Nick und Mabel ein fürchterlicher Streit aus, Nick zeigt, daß er weder verstanden hat, worum es bei ihrer Erkrankung geht, noch, ob er in der Lage ist, ihr gerecht zu werden. Die Kinder stellen sich auf Mabels Seite, wodurch Nick droht, sie alle umzubringen. Mabel versucht, sich zu töten, Nick kann sie davon abhalten, schlägt sie jedoch. Schließlich beruhigen sich alle, die Kinder gehen zu Bett und die Eheleute sind allein. „Liebst Du mich?“ fragt Mabel. Dies war zuvor nie eine wirkliche Frage, Liebe war das eine Gefühl, auf das sich beide Partner immer hatten verlassen können. Doch diesmal zögert Nick, lange, dann sagt er, daß es eine gute Idee sei, den Tisch abzuräumen.

Vielen gilt John Cassavetes als Urvater des amerikanischen Independentkinos. Mit einer starken New Yorker Basis, einer Stock Company – also einer Riege von Mitarbeitern und Schauspielern, die er immer wieder einsetzte – und einem Themenkomplex, der um die Probleme, Nöte und Sorgen „normaler“ Menschen in der Moderne kreiste, stand er früh für ein Kino, wie es in Europa seit dem Krieg Regisseure wie bspw. Ingmar Bergman produzierte. Cassavetes hatte Zeit seiner Karriere immer wieder Schwierigkeiten, seine Filme zu finanzieren oder in den Verleih zu bringen. Wenig unterhaltsam, zu problembeladen – so könnte man die Vorbehalte gegen seine Art des Kinos kurz zusammenfassen.

Auch A WOMAN UNDER THE INFLUENCE, mit Peter Falk und Gena Rowlands in den führenden Rollen, war ein gewagtes Spiel für den Regisseur. Ein Ehedrama, ein Emanzipationsdrama und ein Psychodrama ungeahnter Intensität erwarten den Zuschauer. Und es stimmt – unterhaltsam ist das nicht. Aber wie sagte Cassavetes einmal: „Ich mag es, Filme zu drehen, aus denen die Menschen schreiend herauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche.“ Der Regisseur als Künstler: Ein Maßstab, der sich in Amerika erst seit Mitte der 50er Jahre durchzusetzen begann.

Vor aller Interpretation oder Analyse des Films, sollte immer der Hinweis stehen, daß hier zwei unfassbar gute Schauspieler den gesamten Film hindurch eine Tour de Force liefern, die einige der Szenen unerträglich machen. Gena Rowlands, die für ihre Darstellung sowohl eine Oscar-Nominierung als auch einen Golden Globe erhielt, aber auch Peter Falk, der den meisten hierzulande als ‚Inspektor Columbo‘ bekannt sein dürfte, liefern jeweils eine der wahrscheinlich besten Leistungen ihrer Karrieren ab. Doch ist es vor allem Gena Rowlands, die das Drama so glaubwürdig macht.

Diese Mabel ist eine Hausfrau und Mutter, die – nicht unähnlich den Hausfrauen und Müttern in Merilyn Frenchs THE WOMEN von 1977 – sich selbst nahezu vergisst in all den Alltäglichkeiten. Die psychischen Auffälligkeiten – sie redet zeitweilig scheinbar unverständlich daher, hat Manierismen mit den Händen, verfällt auch schon mal in reine Lautmalerei, wenn die Sprache nicht mehr dazu auszureichen scheint, das auszudrücken, was sie beschäftigt, bedrückt oder auch freut – kann man als eben das lesen: Auffälligkeiten. Doch so einfach macht es Cassavetes weder sich noch – und erst recht nicht – seinen Zuschauern und Zuschauerinnen. Hier ist die Unterscheidung einmal von höchster Wichtigkeit. Vielen Frauen dürfte das, was er da 1974 servierte, bekannt vorgekommen sein. Denn im Leben von Mabel bestimmen alle möglichen Leute, nur nicht sie selbst. Vielleicht ist sie eine gestörte Person, aber vielleicht ist ihr Verhalten auch schlichtweg eine Reaktion auf eine Umwelt, die ihr sowieso nicht bereit ist, zuzuhören. Wenn Nick seine Kollegen mitbringt, die Kinder fordern, Nicks Mutter angepasstes Verhalten wünscht oder eine harmlose Party, bei der die Kinder sich ausziehen (wobei Cassavetes Bilder findet, die heute wahrscheinlich verboten würden, weil politisch nicht korrekt), als anstößig wahrgenommen wird, stehen immerzu die Bedürfnisse anderer Leute im Vordergrund. Niemand kümmert sich darum, was Mabel eigentlich will.

Wie gesagt – das dürfte vielen Zuschauerinnen bekannt vorgekommen sein. Für viele Zuschauer wird einiges davon neu gewesen, anderes unter „weibliche Hysterie“ abgebucht worden sein. Doch mitanzusehen, wie hier nach und nach deutlich wird, warum und wieso diese Frau so leidet und sich daraus resultierend so benimmt, wird für Männer, die wirklich bereit sind, dem zu folgen, schmerzhaft sein. Zu oft und zu viel des eigenen Verhaltens wird da gnadenlos offen gelegt.

Dabei muß fest gehalten werden, daß Mabel niemals jemanden mit ihrem Verhalten schädigt. Eigentlich will sie es nur allen recht machen, bzw. sie will es schön machen/haben. Sie ist sowohl dem Leben, als auch den Menschen in ihrer Umgebung, in ihrem Leben, zugewandt. Die Art der Schönheit, die sie darstellt und ausdrückt, nimmt jedoch niemand wahr. So wird Nick lange Zeit als ein Ehemann gezeichnet, der zumindest zu ihr hält, doch gerade die verstörenden Szenen in Mabels Abwesenheit, wenn Nick und ein Freund versuchen, etwas mit den Kindern zu unternehmen, sein Gebrüll, Mabel solle endlich „sie selber sein“, und zwar „sofort“ oder seine aggressiven Aufforderungen an alle während des Zusammenseins am Ende des Films, sie hätten jetzt „normale Kommunikation“ zu führen, zeigen ihn als einen mindestens so „verrückten“ Menschen, wie Mabel es offensichtlicher zu sein scheint. Und mehr und mehr entpuppt sich gerade in dieser quälend langen Szene, daß hier sowieso jede dieser Figuren letztendlich nur an sich selbst denkt. Die Eltern können der Tochter nicht zur Seite stehen (und Mabel bittet ihren Vater eindringlich, für sie „aufzustehen“!, was er damit quittiert, daß er – aufsteht; einer der Momente des Films, da man schreiend wegrennen möchte), die Mutter (Nicks Mutter) dem Sohn nicht beispringen, niemand wird den drei Kindern des Ehepaars gerecht. Die Umgebung dieser Familie ist eine komplett dysfunktionale. Indem Cassavetes Mabel schon ab der ersten Szene als „auffällig“ darstellt, wird uns als Zuschauern diese „Verrücktheit“ der Umgebung erst nach und nach ersichtlich. Dies ist einer der besten Schachzüge des Regisseurs.

Der ganze Film besteht aus vielleicht 10, 12 Szenen, welche jedoch teils über zwanzig, dreißig Minuten ausgespielt werden. Ein klares, fertiges Drehbuch gab es nicht, einige der Dialoge sind improvisiert, was man merkt. Aber nicht im Negativen. Die Länge und die Uneindeutigkeit der Szenen machen umso deutlicher, was hier passiert: Wie ein Mensch langsam zerbricht und alle anderen so tun wollen, als nähmen sie es nicht wahr und sich dann, als Ignorieren nicht mehr hilft, angegriffen fühlen. Ein für die 70er typischer Befund wird hier also ebenfalls durchgespielt: Wer ist verrückt? Der scheinbar klinisch Kranke? Oder doch eher die Gesellschaft, die ihn umgibt?

Ein Emanzipationsdrama wird dieser Film dadurch, daß er die Frage nach dem Politischen und dem Privaten sehr ernst nimmt. Die oben schon erwähnte Merilyn French spielte in ihrem drei Jahre später erschienenen Buch exakt dieselben Fragen durch anhand eines anderen und meist auch gesünderen Personals. Doch auch bei ihr kommt der Fall vor, daß eine Frau sich sozusagen zurückzieht in den Wahn, weil sie weder mit Argumenten, noch mit Gewalt (in jenem Fall) weiterkommt, bzw. ihre Situation verbessern kann. An diesen Typus erinnert Mabel ein wenig. Und auch ein weiteres „Manifest“ des Feminismus in seiner Hochphase der 70er Jahre korrespondiert mit dem Film: Patricia Highsmith´ EDITH`S DIARY. Deren Protagonistin leert den Becher des Wahns dann allerdings bis zur bitteren Neige. Cassavetes ist nicht an dramatischer Steigerung und Spannungsaufbau interessiert, er will die Entwicklung – und auch mögliche Lösungen sowie ein mögliches Scheitern dieser Lösungen – beobachten, analysieren und darstellen. Er will den Zuschauer hineinziehen in das Drama dieser Frau, die Verheerungen, die die Umstände ihrer Psyche und Seele zugefügt haben, zeigen, fast spürbar machen. Mit der Intensität von Gena Rowlands Spiel ist das auch wirklich möglich. Wer den Film „durchsteht“, hat eine wahre Tortur seelischen Leidens hinter sich. Anstrengend wie ein experimentelles Theaterstück, aufreibend wie ein nervenzerfetzender Psychothriller – und doch der „ganz normale Wahnsinn“ des Alltags etlicher Menschen, Frauen wie Männer.

Man kann dem Film natürlich vorwerfen, daß es wenig Sinn macht, wenn ein Mann sich des Themas Emanzipation/Feminismus annimmt. Doch John Cassavetes war dann vielleicht doch Künstler und Intellektueller genug, um zumindest einen ausgewogenen Film zu machen. Und dank seiner damaligen Frau Gena Rowlands hat er eine Hauptdarstellerin, die zum einen sicherlich ihren Teil zum Thema beizutragen hatte, zum anderen jedoch mit ihrer brillanten Darstellung zu verdeutlichen weiß, worum es eigentlich geht. Und wer weiß? Vielleicht ging es Cassavetes ja gar nicht unbedingt darum, Frauen ein feministisches Stück Film zu schenken, sondern seinen Geschlechtsgenossen die Augen zu öffnen? Vielleicht richtet sich A WOMAN UNDER THE INFLUENCE ja überhaupt nicht an Frauen, vielleicht adressiert er die Männer…

So oder so: Es bleibt große, unabhängige und – ja, auch das! – schwer zugängliche Kunst. Und es lohnt sich. Minute für Minute, Einstellung für Einstellung, Dialogzeile für Dialogzeile.

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