DIE JAHRE/LES ANNÉES

Ein kleines Meisterwerk der Erinnerung

Man kann dieses wunderbare Buch auf zwei Ebenen lesen (de facto kann man es auf unzähligen Ebenen lesen, doch soll sich diese Rezension auf zwei dabei hervorstechende kaprizieren): Als eine Beschreibung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dabei die Spuren der Veränderung nachvollziehend, die Entwicklungen und verschiedenen Zeitalter, die zwischen den letzten Kriegsjahren und dem Beginn des 21. Jahrhunderts ihren Abschluß fanden und neu begannen. Man kann es aber auch – und das wäre die etwas tiefere Lesart – als ein Werk der „Autofiktion“ lesen, kann das sprachliche Kunstwerk bewundern, das Annie Ernaux geschaffen hat, indem sie sich, als Mensch, als Frau, in die Geschichte des 20. Jahrhunderts einschreibt und in einer Doppelbewegung das 20. Jahrhundert ihrer Geschichte einschreibt.

DIE JAHRE (LES ANNÉES; im Original erschienen 2008) führt den Leser anhand von Fotografien, Super-8-Aufnahmen und den daran anknüpfenden, oft assoziativen Erinnerungen der Autorin durch eine sehr französische Geschichte der Jahre 1940 bis ca. 2005. Die Autorin, die sich in ihrem Text wohl zu erkennen gibt, zugleich aber das „Ich“ als Subjekt der Erzählung verweigert, stattdessen von „sie“ und „ihr“ spricht, wenn sie die junge und zunehmend älter werdende Frau meint, von der sie erzählt und die hier erzählt, aber auch von „wir“ und „uns“, wenn sie diese Frau einer größeren Gruppe, einer Kohorte oder gar Generation einschreibt, ist ein Werk außergewöhnlicher Kraft und sprachlicher Genauigkeit gelungen. Ernaux schreibt sich auch insoweit dem Text ein, indem sie über genau diese Form reflektiert, von ihrem Vorhaben erzählt, ein Buch zu schreiben – eben jenes, das der Leser in der Hand hält – und dabei über Form, Stil und inhaltliche Annäherung räsoniert.

Geboren in einer Kleinstadt in Nordfrankreich, aus einer Arbeiterfamilie stammend, was gerade die frühen Jahre ihres Leben prägt, da sie immer wieder auf die Klassenschranken stößt, die in den späten 40er und frühen 50er Jahren noch deutlich Bestand hatten, entwickelt die namenlose Erzählerin sich durch die Bildungsmöglichkeiten, die ihrer Generation zur Verfügung standen, zu einer „typischen“ Vertreterin dieser Generation. Sie besucht ein Lycée, was einem deutschen Gymnasium entspricht, studiert und wird Lehrerin. Als junges Mädchen spürt sie die Entfremdung zu ihren Eltern, die in den Erzählungen und Riten der Älteren verharren, die bei den sonntäglichen Essen vom Krieg und der Vorkriegszeit erzählen, die alten Lieder singen und wenig Verständnis für jugendliche Selbstbeschau, die Attraktion von Gedichten oder Literatur und das erwachende Interesse an Politik und Gesellschaftsreformen zeigen. Wir gleiten mit der Erzählerin durch die Jahre. Persönliches und Privates vermischt sich mit Gesellschaftlichem und Politischem, mit Zeitereignissen, dem Indochina- und Algerienkrieg, den Aufbrüchen der 60er Jahre, dem Mai 68 und den Differenzierungen der 70er, wir streifen die feministischen gesellschaftlichen Ansätze und werden über die Wahl von 1981 unterrichtet, die Mitterand an die Macht brachte und für Viele dieser Generation eine Befreiung, ein Sieg der Vernunft war und als solcher gefeiert wurde. Ebenso werden wir Zeugen, wie die Kraft für politische Kämpfe nachlässt, die eigene Familie wichtiger wird, die eigenen Kinder heranwachsen, das eigene Altern andere Reflektionen und ein anderes Denken prägt.

Es ist Ernaux´ außergewöhnlicher Verdienst, daß es ihr gelingt, das eine im andern aufgehen zu lassen. Sie war links, wie man damals nahezu zwangsläufig links sein musste, als junger Mensch, las Sartre und die aufkommenden neuen Philosophen und Theoretiker der 60er Jahre – Roland Barthes, Michel Foucault, Pierre Bourdieu– , sie sah die entscheidenden Filme, war aber nie im Zentrum der Entwicklungen und Ereignisse ihrer Generation. Sie musste schnell studieren, da die Eltern ein langes Studium nicht finanzieren konnten und die Stipendien nicht ewig reichten. Sie tritt Mitte der 60er in den Schuldienst ein und erlebt für Zeithistoriker Wesentliches eher am Rande – so spielt der Mai 68 zwar eine große Rolle in ihren Reflektionen, nimmt aber in der Erzählung und dem gelebten Leben eine eher randständige Rolle ein, gleiches gilt für andere Ereignisse ähnlicher Natur – weil ihr persönliches Leben von ganz profanen und alltäglichen Dingen bestimmt wird und sie damals, Mitte/Ende der 60er, in der Provinz lebt, nicht in Paris. Genau diese Position macht ihre Erzählung auch „typisch“, denn das Gros der Menschen, der Franzosen, war im Mai 68 natürlich nicht an der Sorbonne, diskutierte nicht mit den Professoren oder streikte. Und war dennoch von den Ereignissen in Paris berührt und letztlich auch betroffen.

Ernaux erzählt lange in einem fast neutralen Stil, kaum bewertet sie, sie kommentiert zwar, ihre Kommentare beschäftigen sich allerdings lange ehr mit Fragen des Erinnerns, damit, wie der einzelne, als Subjekt, eine „objektive“ Wirklichkeit wahrnimmt, wie er in eine zeithistorische Entwicklung eingeschlossen und wie er durch Zeithistorie geprägt wird. Und doch entsteht auch durch diese Sachlichkeit ein spürbares Gefühl für die Veränderungen, dafür, wie der Nachkriegsoptimismus zu einer fast eingeforderten Haltung wird. Erst spät bekommen ihre Kommentare wertenden Charakter, gelegentlich glimmt ein Zorn auf, sogar ein gewisser Zynismus hinsichtlich der politischen Entwicklungen der 90er Jahre und hinsichtlich der eigenen Erschlaffung, der zunehmenden Unfähigkeit,  sich empören zu können, sich aufraffen zu können, mit dem alten Elan an den Kämpfen und Diskussionen teilzunehmen, die offenbar auch nicht mehr mit dem Elan der 60er und 70er Jahre geführt werden.

Ernaux stellt dabei Geschichtliches ganz selbstverständlich neben die eigenen Erlebnisse, neben Auszüge von populären Liedern, Film- und Buchtiteln, die, teils längst vergessen, in ihrer Zeit große Wirkmacht hatten, neben Werbeslogans und die Beobachtung der immer stärker ausufernden Konsumwelt. Gelegentlich bekommt der Leser den Eindruck, daß es vor allem Konsum und Sexualität sind, die Ernaux besonders beschäftigt haben, man muß sich also auch immer wieder vor Augen führen, was es bedeutete, in den 50ern mit einer immer komplexeren Warenwelt konfrontiert zu sein und zugleich in einer vom Katholizismus geprägten Umwelt aufzuwachsen, in der jedwede voreheliche Sexualität nach wie vor unterdrückt wurde und viele Mädchen und junge Frauen die Erfahrung machen mussten, heimliche, hoch riskante Abtreibungen auf den Küchentischen sogenannter „Engelmacherinnen“ zu erleben. Das Leben der Provinz, in dem die Tour de France eines der großen jährlichen Ereignisse ist. Die Spannung zwischen Moderne und Tradition, zwischen Zentrum und Provinz, zwischen einem scheinbar ewigen Gestern und einem Morgen, das im Heute immer schon anwesend ist, trägt das Buch, seine Erzählung, ist prägend für diese(s) Leben.

So entsteht ein Sitten- und Gesellschaftspanorama, das eine Zeit noch einmal auferstehen lässt, die doch so weit weg und abgeschlossen scheint. Der Aufbruch der Nachkriegsgesellschaft spiegelt sich aber eben auch in den manchmal wenig aufregenden und ganz unaufgeregt erzählten Begebenheiten eines persönlichen Schicksals. Die neue Stelle nahe an Paris, der Umzug, die Geburt der Kinder, die Trennung vom Ehemann, der jugendliche Liebhaber. Ernaux beschreibt ein „ganz normales Leben“. Allerdings ist einiges im Kontext des Lebens der Autorin wirklich fiktional. Denn die Schriftstellerin Annie Ernaux existiert als öffentliche Person immerhin seit 1974, als sie ihr erstes Buch veröffentlichte, während die Autorin „Annie Ernaux“ in DIE JAHRE zwar lange mit dem Buch, das hier vorliegt, „schwanger geht“, es aber dauert, bis sie sich dazu durchringen kann, es auch wirklich zu schreiben. Die Annie Ernaux, die hier erzählt, ist vor allem Lehrerin, wenn dieser berufliche Alltag auch keine allzu große Rolle im Text spielt. Und sie ist eine Beobachterin des alltäglichen Lebens, wie auch eine sehr genaue Beobachterin ihrer selbst. Die Autorin „Annie Ernaux“ hingegen findet im Text nicht statt, sie kommt nicht vor, sie wird aus dieser Erzählung ausgeschlossen, marginalisiert, weg-fiktionalisiert

Die Annie Ernaux, die sich selbst als Person sehr genau beobachtet, entfremdet sich von und für sich, indem sie das „Ich“ ausspart und eben von „ihr“ schreibt. Von den Mädchen und Frauen, die sie auf Fotos betrachtet und die immer sie sind, in einer jeweiligen „Zeit, in der man nie wieder sein wird“, wie es im letzten Satz des Buches heißt. Eine Zeit, die für Annie Ernaux, die Schriftstellerin, eine zu errettende ist. Man kann diese Distanz zu sich selbst kritisieren (und es gab immer wieder Kritik an dieser Form, die als weibliche Selbst-Objektivierung aufgefasst wurde, worüber zu streiten wäre), doch folgt man jenem Absatz, in dem Ernaux darüber nachdenkt, wie sie „Annie Ernaux“ in den Text einschreiben soll – natürlich auch geschult an den strukturalistischen und poststrukturalistischen Thesen, Theorien und Texten der 70er und 80er Jahre – erklärt dies schon, warum sie sich für die gewählte Form entschieden hat.

So bieten DIE JAHRE sowohl eine fast nostalgische Sicht auf dieses halbe Jahrhundert, das in so vielfältiger Hinsicht so prägend gewesen ist (und dessen libertäre und liberale Errungenschaften heute so viele zurückdrängen wollen, um wohin zurück zu kehren? Auf die Tische der „Engelmacherinnen“?), eine Erinnerung, die jene, die in jener Zeit gelebt haben oder aber jene, die in sie hineingeboren wurden und für die sie eine Kindheit waren, einfach als solche lesen können; zugleich bietet dieser Text (ein Roman im engeren Sinne ist dies sicherlich nicht) aber auch eine sprachlich, semantisch und philosophisch geprägte, praktisch angewandte Annäherung an das Land der Erinnerung, seine Funktionsweise und vor allem an die Frage, wie man die Erinnerung in linearen, sprachlichen Mustern und Schemata einfangen, sie hineinpressen und widergeben kann. Wie man sie formt, ohne dabei subjektiv auszuwählen und zugleich akzeptiert, daß es nicht möglich ist, nicht subjektiv auszuwählen, den eigenen Stempel auf einen Text zu setzen, die eigene Markierung als Subjekt einem Text einzuschreiben. Beide Ebenen sind gleichermaßen vorhanden, beide werden bedient und beide durchdringen einander, natürlich.

Die „Ethnologin ihrer selbst“, wie Ernaux sich in Interviews gelegentlich beschreibt, hat ein kleines Meisterwerk geschaffen, das dazu einlädt, wieder und wieder gelesen zu werden, um die Zwiebel, die das Leben, ein jedes Leben ist, zu häuten und immer tiefer einzudringen in eine Welt und eine Zeit, die doch verloren scheinen.

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