ARMAGEDDON ROCK

Lang vor GAME OF THRONES: George R. R. Martin macht eine Bestandsaufnahme dessen, was von 68 übrig geblieben ist...

Jugendbewegungen sind ein relativ neues Phänomen. Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Einige wollen natürlich schon in Goethes WERTHER (erschienen 1774) einen frühen Vorläufer erkennen, andere erklären zumindest Wedekinds FRÜHLINGS ERWACHEN (erschienen 1891) zum kulturellen Ursprung adoleszenter Aufmüpfigkeit. Soziologen und Historiker verweisen gern auf die Jugendbewegten der 1910er und 1920er Jahre. Doch ist man ehrlich, muß man gestehen, daß das, was heute unter „Jugendbewegung“ oder „Jugendkultur“ oder „Subkultur“ subsumiert wird, im Grunde erst nach dem zweiten Weltkrieg mit Elvis Presley und dem Rock´n´Roll als Massenphänomen aufkam, seine Blütezeit dann in den späten 50ern, mit den Beatniks und dem Be-Bop-Jazz und dann dem Aufkommen der Beatles und des sogenannten Rock in den 60er Jahren erlebte. In den späten 60ern explodierte die Jugendbewegung schlichtweg, da sie in der Rockmusik ein einheitliches Sprachrohr gefunden hatte und zugleich ernsthafte Bestrebungen unternahm, die Gesellschaft zu ändern. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Protest gegen den Vietnamkrieg, der weltweit zunahm, die Studentenbewegung von 1968ff – wahrscheinlich verdichtete sich das, was man eine Jugendbewegung nennen kann, nie davor und danach nie wieder derart, wie in jenen Jahren. Danach kam Punk und dann zersplitterte die Jugendbewegung in etliche Subkulturen, es kamen andere Musikstile auf und Verschiedenes existierte mal friedlich, mal weniger friedlich, nebeneinander her.

Daß die Generation, die um 1968 etwa ihr zwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte, damit also voll im Saft stand, ein Bewußtsein für die Gesellschaft und deren Verwerfungen etabliert hatte, in der Musik zwischen den Rolling Stones, den Doors, Velvet Underground und den Westcoast-Psychedelia-Bands wie Jefferson Airplane oder den Grateful Dead ihre Heroen und mit der Musik ein Ausdrucksmittel gefunden hatte, eine Generation, die sich ernsthaft aufmachte, etwas zu verändern, sich auf esoterische Weisheiten und sozialistische Manifeste stützte, um ein System zu stürzen, das sie als korrupt und nicht reformierbar erlebte, und ein neues, auf Liebe und Solidarität grundierendes System errichten wollte, daß diese Generation, die heute so hingebungsvoll gehasst wird, sich irgendwann an den Gestaden der zerborstenen Träume wiederfand und fragen musste, was eigentlich geblieben war von all den Hoffnungen, Idealen und Plänen, die nach und nach im Nebel immer neuer Drogen verblasst waren, liegt förmlich auf der Hand. Nie schien die Möglichkeit wirklicher Revolution und echter Veränderung näher, nie schien der Traum leichter zu verwirklichen, da es damals eine wirkliche, fast einheitliche Jugendbewegung gab und nicht zig verschiedene, mit sehr verschiedenen Lebenseinstellungen, Ansichten und Werten.

Genau an diesem Punkt des Zweifels und der Rückschau befindet sich der Musikjournalist und Schriftsteller Sandy Blair zu Beginn von George R.R. Martins Roman ARMAGEDDON ROCK (erschienen 1983). Er ist einer jener, die es geschafft haben aus den revolutionären Tagen der späten 60er und frühen 70er in ein Leben abseits des Mainstreams zu gleiten. Er, ein steter Begleiter des Rockbusiness, seiner Protagonisten, der Bands und Promoter und Mitbegründer einer im Roman wesentlichen Fachzeitschrift namens Hedgehog, lebt mittlerweile ein solides Leben irgendwo in New York City, hat seine diversen Schrottkarren gegen einen modernen Wagen eingetauscht und führt eine Beziehung zu einer Immobilienmaklerin, die zwar nicht gerade von tiefer Liebe, aber einer gewissen Geborgenheit zeugt.

Bis eines Tages die Kunde von einer Wiedervereinigung der sagenhaften Rockband Nazgûl die Runde macht. Noch erschütternder ist jedoch, daß deren früherer Promoter in seinem Haus tot aufgefunden wurde – er wurde geradezu hingerichtet, man hat ihm das Herz herausgerissen und die Leiche lag auf einem Plakat des letzten Konzerts der Nazgûl, einem legendären Auftritt in der West Mesa im Jahr 1971, der damit endete, daß der Leadsänger auf offener Bühne von einem unbekannten Scharfschützen niedergestreckt wurde. Blair, dessen neuer Roman nicht richtig vorankommen will und dessen Beziehung immer mehr Risse aufweist, lässt sich von seinem ehemaligen Freund und jetzigen Herausgeber des Hedgehog beauftragen, der Sache nachzugehen. Und so macht sich Sandy auf einen Trip in die Vergangenheit, ins Herz der Finsternis jener Generation, die oben beschrieben wurde, und nähert sich damit auch immer mehr dem Geheimnis um die Nazgûl und eine vermeintliche Re-Union der Band.

Nicht von ungefähr hat der Autor die Band nach jenen Wesen benannt, die in J. R.R. Tolkiens DER HERR DER RINGE (erschienen 1954/55) Wanderer zwischen den Welten von Gut und Böse sind, einst Menschen, nun Ringgeister, die dem einen Ring verfallen sind und von Sauron dem Mächtigen, dem Herrn der Finsternis, ausgeschickt werden, ihn zu suchen. Tolkien war neben Lewis Carroll, der die Abenteuer von ALICE IM WUNDERLAND (erschienen 1865) erfand, und J.M. Barrie, dem Autor von PETER PAN (als Bühnenstück 1904 erschienen), dem Jungen, der nie erwachsen wird, einer der Helden der Hippies der 60er Jahre. So verweist Martin auf die popkulturellen Items jener Jahre, greift aber auch das Grundgerüst oder Grundmotiv von Tolkien auf und lässt seinen Sandy Blair in einen epochalen Kampf zwischen Gut und Böse stolpern, der allerdings weitaus psychologischer behandelt wird, als Tolkien es je war.

Da man George R.R. Martin heutzutage vor allem als Autor der Vorlage zur immens erfolgreichen TV-Serie GAME OF THRONES kennt, wird sich der Heyne-Verlag, der den Roman 2016 neu auflegte, gedacht haben, es sei am besten, ihn als Fantasy-Spektakel zu bewerben. Davon sollten sich Anhänger des Mittelalter-Epos auf keinen Fall blenden lassen, denn wenn überhaupt, sind die Anteile an Fantasy im Roman eher marginal. Sandy Blair fährt auf den ersten 350 Seiten durch das Amerika der späten 70er Jahre und besucht ehemalige Freunde aus der Bewegung. Die abgehalfterte Maggie, Bambi, die mittlerweile in einer Kommune ihr Glück gefunden zu haben scheint, den zum Werbefachmann mutierten Lark, der jetzt nicht mehr so genannt werden will, schließlich Froggy, der sein Dasein als Dozent an diversen Universitäten fristet, typischer akademischer Mittelbau, und langsam zum Zyniker mutiert. Zwischendurch trifft er die verbliebenen Mitglieder der Nazgûl und so hat Martin die Gelegenheit, anhand all dieser Stationen zu rekapitulieren, wie aus einer starken Gemeinschaft ein Potpourri Vereinzelter geworden ist, die alle irgendwie versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, größtenteils aber die alten Träume und Ideale im alltäglichen Daseinskampf verloren haben. Es ist eine Bestandsaufnahme, die im Roman vor allem in langen und oft gewitzt geschriebenen Dialogpassagen abgehandelt wird.

Spannung erzeugt Martin, indem er den Mord am früheren Promoter immer wieder ins Bewußtsein des Lesers treten lässt und dem Roman damit ein klein wenig Kriminalliteratur einschreibt, was aber im Verlauf nicht wirklich eine Rolle spielt. Wesentlicher ist da schon die Figur des Edan Morse, eines Mannes, der die Nazgûl wieder auferstehen lassen will und sich dafür eines schmächtigen Kerlchens bemächtigt hat, der den Leadsänger ersetzen soll. Morse scheint – Achtung: Fantasy! – über gewisse merkwürdige Fähigkeiten zu verfügen, die vor allem durch steten Blutfluß aus seinem Körper befeuert werden. So schickt er Blair schon lange, bevor dieser sich des Mannes ernsthaft annimmt, teuflische Träume, in denen vor allem der Parteitag der Demokraten 1968 in Chicago – ein für die amerikanische Bewegung ebenso einschneidendes Ereignis, wie es Woodstock, Altamont und der Mord an vier Studenten an der Kent State University in Ohio waren – immer wieder eine Rolle spielt. Hier, so scheinen ihm seine Träume – oder Halluzinationen, wie man will – zu suggerieren, ist etwas gekippt, hier wurde aus Spaß Ernst, hier zeigte die Staatsmacht ohne Skrupel ihr „faschistisches“ Antlitz. Hier trafen – aus der Sicht der Studenten und der Hippies – Gut und Böse aufeinander.

Morse – und neben ihm seine Mitstreiterin Ananda, in die Blair sich natürlich verliebt und die ihn auch erhört und in ihr Bett einlässt, wie eigentlich alle Frauen in diesem Roman offenbar nur darauf warten, endlich wieder mit Sandy Blair intim werden zu dürfen – will den Geist von 68 wieder heraufbeschwören, er will mit Hilfe der Nazgûl zu einem Ende bringen, was damals begonnen wurde. Aufstand! Revolution! Systemwechsel! Und da die Nazgûl, zumindest im Roman, die wichtigste, bedeutendste und revolutionärste Rock-Band von allen waren, soll in einem ungeheuerlichen Crescendo wieder auferstehen, was 1971 in der West Mesa starb. Nur – und das muß vor allem der Zweifler Sandy begreifen, nach und nach – ist eben alles mit allem verbunden, entsteht aus Gutem auch Schlechtes, ist dort, wo Gott wohnt, so man denn an ihn glaubt, auch der Teufel nicht weit. Und Blair bekommt es mehr und mehr mit der Angst zu tun, je näher die Tour, die er als PR-Fachmann begleiten darf, sich der West Mesa und einer Rekonstruktion der damaligen Ereignisse nähert. Und je deutlicher wird, daß Morse da womöglich wirklich geheime Kräfte entfesselt haben könnte, umso deutlicher wird aber auch, daß der Schrecken, das Apokalyptische, eben auch in denen wohnt, denen es vorgeblich um Liebe, Frieden und Solidarität zu tun ist. Martin arbeitet das schon gelungen heraus, wie in jener Bewegung der 60er auch das Überbordende, die Gewalt und der Schrecken schon angelegt waren, schlummerten.

Nun gibt es, nahezu 40 Jahre nach Erstveröffentlichung von Martins Roman, natürlich ganz andere Kult-Bücher mit weitaus moderneren (oder postmoderneren) Themen. All die Revolutionen – Computer, Internet, Cyberpunk, Techno – , die in der Zwischenzeit um sich gegriffen und die globalen Gesellschaften wirklich umgekrempelt haben, lagen noch in der Zukunft, als er sein Epos schrieb. Man darf das auf dem Klappentext abgedruckte Stephen-King-Zitat, es handle sich hier um das beste Buch über amerikanische Popkultur, welches er je gelesen habe, zwar durchaus ernst nehmen, doch sollte man sich vergegenwärtigen, daß King eben genau jener Generation entstammt. Und für die ist es geschrieben. Martin erfreut seine Leser mit jeder Menge Insider-Wissen und -witzen, obwohl das Buch im Grundton eher melancholisch, auch ein wenig  nostalgisch ist, in den Dialogen baut er gern und häufig Textzeilen aus Songs – von Simon and Garfunkel bis zu den Dead, also ein sehr weites Spektrum – ein, die kennt, wer sich dieser Zeit und ihrer Musik verbunden fühlt.

Es war ein Aufbruch, die Musik war, wie so vieles, neu. Man kann das – trotz der Reproduzierbarkeit dieser Musik als Konserve – immer noch hören. Wenn Hendrix seine Fender Stratocaster quält, wenn die Airplane zu einem jazzigen Ausflug aus den Songstrukturen oder die Dead zu einer 40minütigen Exkursion ins Land des Jams abheben, dann kann man spüren, wie dieses Gefühl gewesen sein muß. Elektrisch, laut, Töne und Geräusche, die es so noch nie gegeben hatte – in dieser Musik kommt der Aufbruch, den diese Generation wagte, voll zum Ausdruck. Und für diejenigen, die das miterlebt haben, wurde ARMAGEDDON ROCK geschrieben. Ganz sicher auch – Martin, Jahrgang 1948 und damit selbst ein Vertreter der 68er – als Rückversicherung und Selbstbefragung. So wird Spaß an diesem Roman haben, wer noch ein wenig des alten Geistes in sich trägt oder wer sich – weil er ältere Geschwister hatte, die zur richtigen zeit die richtigen Platten gespielt haben – ein wenig von der Liebe zu dieser Musik und ihrer ungebändigten und unbändigen Kraft bewahrt hat. Andererseits sollte auch klar sein: Wer sich in der modernen Popmusik zuhause fühlt, dem Techno verfallen ist oder 68 sowieso für den Grund allen Übels dieser Welt und ihrer verfallenen Werte hält, wird hier wenig finden, das ihn packt. Nein, dies ist ein Buch von einem Fan (man beachte den vorangestellten Text sehr genau!) für Fans. Aber auch von einem kritischen Geist für kritische Geister. Vielleicht findet sich ja noch etwas von der alten Kraft…

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