LIZA OF LAMBETH

Bestechende Milieustudie, genaue psychologische Schilderung - all seine Stärken liegen bereits in Somerset Maughams Erstling

William Somerset Maugham wird gemeinhin als der meistgelesene englische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts bezeichnet, eine Auszeichnung, bei deren Vergabe man wahrscheinlich ausgesprochen vorsichtig sein sollte. Doch auch ein solcher Erfolgsautor hat irgendwann einmal irgendwo angefangen. Für Maugham war dieser Anfang das vorliegende Buch: LIZA OF LAMBETH. Erstmals 1897 erschienen, zeugt es durchaus von der brillanten Beobachtungsgabe und den Fähigkeiten der psychologisch genauen Menschenzeichnung des angehenden Autors.

 

Lambeth – ein Arbeiter- und Kleinbürgerviertel gleich südlich der Themse, dem Regierungsviertel Westminster gegenüber gelegen – kannte Somerset Maugham deshalb aus eigener Anschauung, weil er dort während seines Medizinstudiums tätig gewesen war. So gelangen ihm – darin seinem nur vier Jahre jüngeren deutschen Schriftstellerkollegen Alfred Döblin nicht unähnlich – Einblicke in ein ihm ansonsten eher fremdes Milieu. Selbst Sohn eines recht angesehenen Anwalts, kann er auf den knapp 200 Seiten seines Erstlings auch nicht ganz verbergen, wie fremd ihm die sind, die er beschreibt. Sprachlich gibt er das auch unumwunden zu, wenn er den Leser anfangs mehrmals wissen läßt, daß er die Derbheit der gesprochenen Sprache auf den Straßen, in den Pubs und den Stuben von Lambeth nicht direkt wiedergeben könne und darum bittet, man solle sich doch das Seine dazu denken. Doch auch in Handlungsführung und der Personenzeichnung merkt man dem während der Niederschrift seines Werkes maximal Dreiundzwanzigjährigen die erhebliche Distanz zu seinem Sujet an. Vielleicht sind deshalb umso treffendere Beschreibungen des alltäglichen Lebens in einem Londoner Arbeiterviertel dabei herum gekommen.

 

Es wäre falsch, von einer echten Romanhandlung zu sprechen, trotz eines Handlungsfadens, der sich inhaltlich durchaus an den Dramen seiner Zeit orientiert – junges, kokettes Mädchen, allseits beliebt, verliebt sich in älteren, verheirateten Mann, stirbt daraufhin zunächst den sozialen, dann den physischen Tod. Doch weder gibt sich Maugham sonderlich Mühe, das Drama auch dramatisch zu gestalten, noch zurrt er die Handlung so zusammen, daß sich eine Engführung ergäbe. Er stellt sein Personal – Liza und ihre Mutter; Lizas beste Freundin Sally; Tom, der in Liza verliebt ist; schließlich Jim, ein älterer, in Erscheinung und Wesen mächtig wirkender älterer Arbeiter, der sich in Liza verliebt und dem sie verfällt; daneben einige nur kurz aber dafür in wichtigen Momenten auftretende Figuren, wie Harry, Sallys Bräutigam oder Jims Frau – in banal anmutenden Situationen des alltäglichen Lebens vor. Nach der Arbeit tritt man vors Haus und unterhält sich, man geht in die Kneipe oder ins Theater, wenn ein ansprechendes Stück gegeben wird. Am Wochenende geht man zum Tanz oder nimmt tagsüber an einer vom lokalen Pub organisierten Landpartie mit Picknick teil. Der Umgang miteinander ist manchmal derb, oft frivol, verhältnismäßig offen werden intime Anspielungen gemacht und werden Liebesbekundungen eingefordert. Frauen und Männer funktionieren zwar in recht deutlich strukturierten Rollenbildern, doch zugleich begegnen sie sich auf Augenhöhe.

 

Dennoch – und gerade in diesen Zwischenbereichen zeigt sich Maughams besonderes Talent – kann man bedrohliche Untertöne in entscheidenden Momenten herauslesen. Ob Liza sich Jim wirklich überzeugt hingibt, zumindest bei ersten Mal, oder ob sie sich einem ihr überlegen erscheinenden Willen und einer ihr gewiß überlegenen Physis beugt. Zwang schwingt hier mit und Maugham läßt die Möglichkeiten zu, was die folgenden Ereignisse durchaus auf unterschiedliche Art und Weise interpretierbar macht. Maugham blickt auf eine Schicht, die nicht die seine ist – und diese Differenz und sie zu betonen spielen für das Verständnis des englischen Systems Ausgangs des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle – , wie ein Forscher auf eine ihm fremde Art, die er im Dschungel entdeckt. Unsicher, ob das, was er vorfindet moralisch zu bewerten ist, bleibt er rein deskriptiv und enthält sich jeglichen Urteils über das Verhalten, welches er beobachtet. Und doch richtet Maugham als auktorialer Erzähler mit der Konstruktion der diese Aneinanderreihung einzelner Alltagsszenen zusammenhaltenden Klammer, welche die Narration darstellt. Liza, die Herrin von Lambeth, wie der Originaltitel LIZA OF LAMBETH ironisierend andeutet, – eine manchmal grausame Königin, denkt man an ihren Umgang mit dem unglücklichen Tom, eine skrupellos die eigenen Bedürfnisse durchsetzende Egozentrikerin, denkt man daran, daß von Jim Frau und Kinder abhängig sind – findet ihr Urteil in ihrem Schicksal, das sie den Ausgang des Buches nicht überleben läßt. Zerschunden durch eine Schlägerei mit Jims Frau, verliert Liza das Kind, mit dem sie von Jim schwanger geht, voller Schuldgefühle, moralisch, also seelisch, gebrochen verliert sie ihren Lebenswillen und damit den Kampf gegen das Fieber. Maugham beschreibt aber auch diese Szene am Schluß seines Romans mit fast medizinisch distanziertem Blick. Er beobachtet – auch hier sezierend schauender Wissenschaftler menschlicher Verhaltensweisen – wie Unwissen, mangelnde Bildung und eine gewisse, durchaus den als erbärmlich geschilderten Umständen geschuldete Abstumpfung schlußendlich tödlich sein können: Lizas Mutter, während der Lektüre als ewig sich beschwerende alte Furie in Erscheinung getreten, findet schließlich Zugang zu ihrer Tochter als diese schwach darniederliegt – und kann ihr unter dem Einfluß von Mengen von Gin erstmals versöhnliche Worte sagen. Eine scheinbar versöhnliche Geste, die Lizas Sterben allerdings durch den Alkoholgenuß entscheidend beschleunigt. Ihre Mutter erkennt in einem als gemeinsames Glück empfundenen Moment den Zustand ihrer Tochter nicht, was die Geschichte umso tragischer erscheinen läßt.

 

Der junge Autor, der mit diesem seinem Erstling bereits Erfolg hatte, weist hier schon all die Merkmale großer Könnerschaft auf, die das spätere Werk dann so außergewöhnlich machen sollten. Ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche ebenso, wie der scharfe Blick einer genauen Milieustudie, die distanzierte aber exakte Beschreibung gesellschaftlicher Dynamiken und ihrer Auswirkung auf den einzelnen sowie die feinsinnige Schilderung psychologischer Zusammenhänge – all das deutet sich zumindest schon an, wo es noch nicht voll ausgebildet ist. Somerset Maughams für den heutigen Leser manchmal behäbig anmutender Stil, stellt einen perfekten Übergang des „vollendeten“ Romans des 19. Jahrhunderts zum modernen, subjektiven, formal offenen Text des 20. Jahrhunderts dar. Nun hat man es sicher noch nicht mit einem der großen Texte des Autors zu tun, doch ist dies mehr als eine Stilübung oder lediglich ein erster Versuch auf schriftstellerischem Boden. Dies ist ein durchaus gelungener Erstling, der uns Heutigen viel über ein fernes London einer  anderen Gesellschaft zu erzählen weiß. Allein dafür lohnt die Lektüre.

 

 

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