TRUE GRIT (ROMAN)

Charles Portis lieferte die Vorlage zu einem der schönsten Western mit John Wayne und einem erstaunlich klassischen Neo-Western der Gebrüder Coen

Tatsächlich beruhen weitaus mehr Filme auf  literarischen Vorlagen, als man gemeinhin annehmen würde – bis zu 87% behauptet James Monaco in seinem Standardwerk FILM VERSTEHEN[1]. So kommt es, daß eine Menge  Literatur als solche nie zu sonderlicher Bekanntheit kommt, während die Verfilmungen teils sehr berühmt wurden. Der Roman TRUE GRIT steht für genau diesen Fall. Das Buch von Charles Portis dürfte einem kleinen Kreis von Liebhabern bekannt gewesen sein, nachdem es 1968 erstmals in Amerika erschien. Western in schriftlicher Form haben in den USA eine lange Tradition, tatsächlich beruht das Filmgenre des Westerns, das für sich Originalität beansprucht, auf den Pulp-Geschichten, die in Fortsetzungen von den Abenteuern der Sheriffs und Marshals, aber auch den Outlaws des Westens oder von Büffeljägern und Trappern zu berichten wussten. Auch Portis Story erschien zunächst als Fortsetzung in einer Tageszeitung, bevor sie als Film – später auch als Serie – adaptiert und bekannter wurde. So steht seine  Geschichte in einer langen Tradition. Das sie allerdings Berühmtheit erlangte, geschah rasch, denn schon 1969 erschien Henry Hathaways Filmversion mit John Wayne als einäugigem Marshal Rooster Cogburn und wurde nicht nur ein fulminanter Erfolg an den Kinokassen, sondern holte Wayne aus einem bösen Karrieretief und brachte ihm seinen ersten Oscar als bester Hauptdarsteller ein. Zweiundvierzig Jahre später erwählten die Hollywood-Dekonstrukteure und Genreliebhaber Ethan und Joel Coen, gemeinhin als Label „die Coen-Brüder“ bekannt, Portis Vorlage, um ihren eigenen Beitrag zu jenem uramerikanischen Filmgenre zu leisten, das sie bisher weit umgangen hatten, dem Western. Und es entstand eine interessante Variante, eine Neuverfilmung des Buches, kein Remake des Wayne-Klassikers, die sich sehr viel enger an der Vorlage orientiert.

Ganz sicher leben Buch und Film davon, daß es Portis gelingt, eine – einem Western immer gut zu Gesicht stehende – sehr einfache Geschichte zu erzählen, die zudem dem Reisemotiv entspricht, das viele gute Western aufweisen, das zugleich aber auch mit dem Ende der 1960er Jahre gerade erst entstehenden Filmgenre des ‚Road Movies‘ korrelierte. Im Kern hat man es mit einer Rachegeschichte zu tun, die als Grundlage dient, auf der mit manchmal schrägem Strich, in sprachlich schnoddriger Tonlage, ein Bild des Westens um 1880  gezeichnet werden kann, das mit leicht ironischer Brechung durchaus die Rezeption des Westernmotivs durch die diversen Phasen des Hollywoodwestern mit bedenkt und doch durch ein gewisses Maß  an Authentizität in der Darstellung der Bedingungen und der Denkweisen der Protagonisten als realistisch eingestuft werden konnte. Da er seine Hauptdarstellerin ihre Geschichte selber erzählen lässt, wirkt der Bericht umso „echter“.

Die 14jährige Mattie Ross reitet los, um den Mörder ihres Vaters zu stellen und wenn möglich vor einem ehrbaren Gericht abgeurteilt und anschließend hängen zu sehen. Sie stellt den Marshal Cogburn an, der als Mann mit „wahrem Mut“ –  True Grit – gilt. Als ehemaliger Vigilant an der Seite des Partisanenführers William Quantrill ein mit allen guten wie bösen Wassern gewaschener Haudegen, hat die junge Mattie ihn doch erstaunlich gut im Griff. Nie ist er in der Lage, ihrer blitzgescheiten und vor allem blitzschnellen Logik zu folgen. Letztlich gibt er sich immer wieder ihrer Überrumpelungstaktik geschlagen, die Mattie, kommt sie damit einmal nicht mehr weiter, auf alle ihr zur Verfügung stehenden Tricks und Kniffe zurückgreifen lässt, so führt sie ihr Gegenüber wenn nötig aufs Glatteis, sie blufft und wenn es drauf ankommt, lügt sie auch. Und vor allem ist sie mutig. Gemeinsam mit dem Texas Ranger LaBoeuf, der den zu findenden Delinquenten mit einem weiteren Haftbefehl sucht, machen sich Cogburn und seine minderjährige Auftraggeberin ins Indianergebiet auf. Portis  bietet dem Leser ein ewig anhaltendes Gespräch zwischen Cogburn, Mattie und LaBoeuf, gelegentlich angereichert durch die Äußerungen diverser Bürger und Banditen, und macht den Roman so zu einem Dialogroman, weitaus mehr,als daß man als Leser ction oder die Beschreibung von Grausamkeiten erwarten darf. Allerdings gelingt es Portis, die Härte dieses Lebens im Westen, aber auch die Schrecken des Sezessionskrieges einzufangen, wenn Rooster in einem nächtlichen Monolog seine Erlebnisse schildert. Es ist – mehr im Original zu erleben als in der Übersetzung – die Sprache, die hier vieles definiert. Portis versteht es, in einfachen Sprachbildern, oft entgegen der ironischen Setzung, Denkarten und Denkbewegungen zu verdeutlichen. Das gottesfürchtige, einfache, von „gesundem Menschenverstand“ geleitete, oft einfach pragmatische Denken dieser Menschen, die sich mit dem Aufbruch gen Westen auch auf ein Lebensabenteuer einließen, wird verständlich.

Wir lernen Mattie Ross kennen, die als alte Jungfer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mittlerweile Inhaberin einer eigenen Bank, die Geschichte ihres jugendlichen Abenteuers an der Seite des einäugigen Marshals erzählt. Eine konservative Frau, die uns so aus etlichen Rollen in etlichen Western erster, zweiter und dritter Kategorie bekannt ist. Ausgestattet mit eben jenem „gesundem Menschenverstand“, hohem mathematischem Talent und ausreichend Coolness, wächst sie dem Leser ans Herz, geht ihm zugleich mit ihrer Besserwisserei und dem vorlauten Gemüt jedoch auch gehörig auf den Wecker. Dadurch fängt der Leser durchaus an, mit Rooster Cogburn – trotz all seiner bassgrummligen Art, die man zu hören meint, während man seine Dialogzeilen liest, ganz unabhängig von den Darstellern John Wayne und, in der späteren Verfilmung, Jeff Bridges – zu fühlen. Das Raubein ist ständig hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, das lärmende Gör abzustellen und den Resten seiner guten Kinderstube gerecht zu werden, die ihm verbietet, Damen zu schlagen. Zumindest nicht zu  fest.

Das liest sich flott und unterhaltsam, doch es gibt auch einen guten Einblick in einen Teil dessen, was Amerikaner selbst oftmals als die Seele ihres Wesens bezeichnen. Fußend auf dem Mythos des Siedlers, dem Mattie als Figur eindeutig entstammt, erzählt das weiße amerikanische Narrativ vom ewigen Ringen mit der Natur, deren Gewalten, aber ihnen entsprechend auch von den abgründigen Landschaften der menschlichen Seele, die uns ununterbrochen in die Fänge der Verführung bringen. Die uns so selbstsicher erscheinende Mattie Ross tritt uns ja auch als Vertreter genau dieses Glaubens entgegen: Sie ist Presbyterianerin und hegt ein programmatisches Verhältnis zu ihrem Gott. Aber es ist in seinem Namen, in seiner Schuld, daß dieses Teenager-Mädchen die Vergeltung für den Mord an ihrem Vater mit moralischem Furor fordern kann und jeder, der Zeuge dieses Furors wird, ihr sofort recht gibt.

Portis stellt diese Eigenart seiner amerikanischen Mitbürger zwar durchaus als etwas naiv und rückständig dar, doch auch als durchaus liebenswert. So gelingt ihm sowohl eine Hinrichtungsszene zu Beginn der Handlung ausgesprochen plakativ, wie diverse Äußerungen über den Tod, das Sterben, Hinrichtungen und Tötungen von einer gewissen Leichtigkeit, aber auch Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leben (anderer) künden. Portis leistet seinen Beitrag zum Mythos, wenig trägt er zu dessen Dekonstruktion bei, was die Geschichte von der Rache für den gemeinen Mord an Matties Vater 1968 für alte Haudegen wie Henry Hathaway und John Wayne vielleicht so verführerisch erscheinen ließ. Er bietet klassischen Westernstoff, keine Elegie, keinen Abgesang, keine wirkliche Ironisierung, sondern eine reine, ehrliche und sehr, sehr direkte Geschichte.

 

[1] Monaco, James: FILM VERSTEHEN. KUNST, TECHNIK, SPRACHE, GESCHICHTE UND THEORIE DES FILMS UND DER MEDIEN. MIT EINER EINFÜHRUNG IN MULTIMEDIA. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe; Reinbek bei Hamburg, 1995.

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